Margrit Schriber «Eva im Gewächshaus» – ein Geschenk zu 10 Jahre literaturblatt.ch

Liebe Margrit, Dir vielen Dank für das Geschenk einer Geschichte.

Wir sind in der Welt herum gereist, immer auf der Suche nach dem Besseren und Interessanteren. Unser Freund ist nie verreist. Sein Paradies fand in einem Gewächshaus Platz. Wir haben Hans in einem Kochkurs kennen gelernt. Er war unter uns allen der geselligste. Den Abschluss der Kochabende feierten wir bei ihm. Er wohnte allein. Sein Holzchalet glich einer Tourismuswerbung für die Schweiz. Weithin leuchtete ein Rosa-Geranienband über die Breite der dunkelbraunen Fassade. Vom üppigen Blust eines Junggesellen waren wir erschlagen. Im Garten gab es ein Hühnerhaus. Der farbenprächtige Hahn stelzte mit seinen federfüssigen Zwerghühnern durch den Hof. In einem Teich schwammen zwei Schwarzschwäne. Ruckhaft glitten sie übers Wasser und stocherten mit dem roten Schnabel auf dem Grund. Und am andern Ende des Gartens zog ein Pfau seine breitgefächerten Federaugen über den Rasen.

Alle Kochkursteilnehmer besassen einen Gewürztopf, einen Gemüsestreifen oder einen bepflanzten Balkon. Keiner aber hielt sich dazu eine Menagerie. Die seltenen Tiere dienten hans nicht zur Zucht oder Versorgung. Sie waren nur zur Verschönerung da, als Ergänzung der Blumen, Kübelpflanzen, Steinfiguren und der Tischgarnitur mit Volants an den Kissen.
Er brauche Schönheit, wie Luft zu Atmen, gestand Hans.
Wir nickten einander zu, Hans ist ein Ästet. Als Personalchef füllte er eine Vollzeitstelle. Trotz des Einkaufs und den Vorbereitungen unseres Treffens, war sein Rasen gemäht, die Kanten waren geschnipselt und die Fugen der Steinplatten gejätet.
Wie schaffst du das alles? Er tat als wische er eine Mücke weg.
Beeindruckt von seinem grünen Daumen, liessen wir uns Tipps zur Pflege der eigenen serbelnden Pflänzchen geben. Er bückte sich nach einem verdorrten Blatt, reckte sich zur Zitrone am Baum, wirbelte mit Geschirr über dem Tisch und rannte mit dem Tablett zur Küche zurück. Sein Monogramm war in die Gläser geätzt. Er gestand, dass er neben dem Kochen auch Kurse zum Glasgravieren, Porzellanmalen und Rosenschneiden mache. Lächelnd drehte er den funkelnden Wein im erhobenem Kelch, als gedenke er zur Krönung seiner Perfektionierung sich nun eine Eva zu erschaffen.
Wir liessen den Tausendsassa hochleben. Prost auf dein Paradies!

Im Winter zierten Girlanden aus Tannzweigen und Lichterketten das Balkongeländer an der Fassade. Das Holzhaus leuchtete in die Nacht hinaus. Wir sahen es von weitem. Und fragten uns, ob eine Eva uns dort erwarte. Das Hühnervolk mit den gefiederten Pluderhosen war schon ins eigene Haus gesperrt. Der Schein ihrer Heizung rieselte durch die Holzritzen. Das Wohnzimmer erstrahlte im Lichterglanz. Grössere Fenster mit Stickgardinen erweiterten den Raum. Und es gab jetzt ein Klavier. Hans konnte nicht spielen, aber er öffnete den Deckel für etwaige Klavierspieler unter den Kochkursfreunden. Aber keiner verstand sich aufs Musizieren.
Wir sogen den Duft seiner Blumen ein. Auch auf der Rundtreppe zum Schlafzimmer standen Vasen. Hans zeigte uns seine neue Dreieckswanne. Sie war noch nicht angeschlossen. Wir gaben zu, dass im Rosa des Porzellans die Haut einer Schaumgekrönten gut zur Geltung käme. Ahnten, dass er Hans die heimliche Affäre verheirateter Damen ist. Nannten ihn ‘Lüstling’. und hoben scherzend den Finger.

Das Dekor des Esstischs überstieg unser Vorstellungsvermögen. Doch dieser war nur für die Mitglieder des Kochkurses gedeckt.
Wir stiessen die Gläser zusammen. Was nicht ist, kann noch werden, zum Wohl!
Hans rannte, bediente, deckte ab, trat mit dem Fuss die Tür auf und balancierte neue Platten durchs herabhängende Glitzerdekor. Er erwähnt eine seltene Blume mit dem Namen ‘Udumbra’ oder ‘die glückverheissende Blume vom Himmel’. Sie blüht einmal in tausend Jahren. Es ist sein innigster Wunsch, sie einmal zu sehen.
Wir assen, sangen, tanzten. Und beim Abschied lagen wir einander in den Armen.
Die Grosszügigkeit von unserem Freund beschämte uns. Wir wollten die seligen Abende mit Gegeneinladungen aufwiegen. Aber Hans wünschte dies nicht. Es gehe nicht. Er sei zu sehr in Anspruch genommen. Von den Tieren, vom Garten, vom Haushalt und Beruf. Wolle sich auch noch eine Katze zulegen, die benötige einen Kratzbaum mit Minihaus. Er müsse die Palme umtopfen. Und überhaupt. Kommt zu mir!

Seine Kübelpalme wurde zu gross, um sie im Haus zu überwintern. Er wollte sich ein Gewächshaus zulegen. Es musste gross genug sein, damit er es an die Rückseite seines Chalets bauen konnte. Er würde aus seinem Schlafzimmer auf den Balkon treten, in der Krone seiner Palme stehen und über seine Schöpfung schauen. Wie Gott.
Es dauerte Monate, bis Hans das passende Gewächshaus fand, die Baubewilligung bekam und die Wasserrohre verlegt waren. Er benötigte Sprühnebel und Heizung für sein mediterranes Klima. Sein ganzes Salär floss in die exotische Bepflanzung. Das Anschliessen seiner Dreieckswanne musste warten.
Bei unserem Besuch legte Feuchtigkeit und Blütenduft eine Hülle um uns. Man wähnte sich auf einem andern Kontinent. Die Rokokogruppe aus Porzellan war neu. Das Klavier sei aus einer guten Werkstätte, versicherte Hans. Es habe einen vollen Klan. Allerdings wurde noch nie darauf gespielt.
Deine Eva wird das Piano beherrschen, versicherten wir. Hans nickte. Natürlich, dieses Piano wartet auf sie!
Das Wohnzimmertür führte beinah schwellenlos in den gläsernen Anbau. Die eiserne Tischgruppe hatte dort nun ihren festen Standplatz. Seine Katze war keine Besuche gewohnt. Als unsere Rasselbande das Gewächshaus betrat, flüchtete sie auf den Zitronenbaum. Für den Rest des Abends liess sie ihre Beine vom Ast hängen, beobachtete unseren Tisch und zuckte mit der weissen Schwanzspitze. Hans rannte umher. Wie immer. Der perfekte Koch, Dekorateur, Disc-Jockey und Gastgeber. Aber er rannte mit kürzeren Schritten, so dass sein aufgeschrecktes Hühnervolk ihn überholte und in die andere Ecke des Hofs flüchten konnte. Er vermochte die Pluderhosenbeinchen nur mit Mühe in ihr Haus zu treiben. Doch es musste sein. Ein Marder schlich sich nachts ins Gehege.

Wir schlemmerten nun auch im Winter unter einer Palme und atmeten die würzige Feuchtigkeit der Ferne. Sein Recorder imitierte die Schreie von Affen und buntgefiederten Vögeln. Man wähnte sich im Urwald. Wir liessen uns fürstlich bewirten, lehnten unsere Köpfe aneinander, trommelten auf unseren Mund und erwarteten als Antwort die seltsamen Laute eines im Gebüsch lauernden, hungrigen Tiers. Hans trippelte unverdrossen vom Tisch in die Küche und ins Gewächshaus zurück. Von uns erhob sich niemand aus dem gerüschten Sitz. Wir hatten keine Lust, das Paradies von unserem Tausendsassa zu erkunden. Die Finsternis hinter den gezackten Blättern hatte etwas Unheimliches. Wir sahen uns immer wieder um, redeten von Schlangen und fürchteten ihr Herankriechen.
Wo war Eva?
Wir wagten nicht, Hans danach zu fragen.

Plötzlich war sie da!
Aus einer Rippe geschnitten, wie in der Bibel. Kaum zu glauben. Wir waren in der Nähe des Chalets, hatten eine Pflanze dabei, die rasch in die Erde musste. Und wollten Hans damit überraschen. Als wir ins Gewächshaus stolperte, kauerte eine nackte Frau im Moospolster, halb in einen Pelz gehüllt. Ein blasses, ätherisches Wesen mit dünnen Beinen und dem Flaum von einem Kückchen auf dem Kopf. Es ordnete den Pelz um die Schenkel, sah uns mit erstaunten Wasseraugen an. Und im Hintergrund verstreute der Recorder Urwaldlaute.
Hans hat uns seine Eva vorgestellt. Was sie macht. Woher sie kommt. Warum sie im Moos kauert. Er redete, als sollten wir das Geschilderte als ein Bild der Vollendung von seinem Paradies im Kopf bewahren. Wir spürten die Bedeutung dieses Augenblicks, denn er wog jedes Wort, als sei es Teil seines Testaments. Und die Pausen füllten die Affen mit ihrem Gekreisch.
Seine Stelle habe er aufgegeben. Wir starrten ihn ungläubig an. Er machte eine wolkige Handbewegung. Fluff! hauchte er. Er mache jetzt Steuererklärungen für Privatpersonen. Wir begriffen, dass Hans Zeit für seine Eva braucht.

Sie betrachtete unsere, ihr zum Gruss hingestreckte Hand, als sei ihr diese Geste ein Rätsel. Sass einfach im Moos, legte den Kopf etwas zur Seite und blinzelte ins Licht. Ihre Oberlippe überlappte die Unterlippe. Dies gab ihrem Mund etwas Schnabelartiges. Uns erschien sie wie ein exotischer Vogel, der sich im Gewächshaus von unserem Freund mit einigen Flügelschlägen niedergelassen hatte.
In Wahrheit arbeitete die Frau in einem Stadtbüro. Fuhr morgens um acht Uhr im Lift zum verglasten Himmel, piepste ins Telefon, protokollierte, übermittelte, gewährte oder untersagte. Und abends sank sie im Lift ins Erdgeschoss.
In Wahrheit war ihr Chef auch ihr Liebhaber.
Und Hans? Sie wirkte weder unentschlossen. Noch sicher. Wir erfuhren, dass sie die gleichen Pelze trägt, wie die Frau des Chefs. Sie ass am Familientisch. Verbrachte die Freizeit und Ferien mit dem Paar. Man flog Business-Class. Buchte wenn immer möglich einen Dreierplatz. Die Gattin sass am Fenster, die Geliebte am Gang, der Gottgegebene thronte in der Mitte. Ein eingeschliffenes Muster. Ein Gesetz.
Der Verehrer auf dem Land war neu. Diese Anbetung, diese heimlichen Urwald-Trips, die Verlockung zu Ausflüchten, alles so aufregend und belebend. Bis anhin war ihr Himmel hinter Glas und dieses hinderte sie am Auffalten der Flügel.

Wir haben Hans nur noch selten getroffen. Er rannte durchs Einkaufszenter, packte Esswaren und einen Sack Grillkohle in den Drahtkarren. Ich bin in Eile, rief er von Ferne. Und verschwand. Durchs geriffelte Glas des Gewächshauses waren am Wochenende bewegte Schatten zu erkennen. Wir ahnten, dass Hans dort ein Feuer entfacht, um sein Paradiesvögelchen zu wärmen. Es war zart wie ein Traum. Flüchtig wie ein schöner Schein.
Hans hoffte wohl, dieses Wesen würde in der Wärme seines Gewächshauses den Pelz des Chefs abstrampeln. Unser Freund war ein glühender Tierschützer und Gegner von Pelzfarmen. Dass der durchdringende Pfauenschrei seine Liebste erzittern liess, nahm er hin. Er dachte, sie gewöhnt sich daran. Dass sie sich nicht mit seiner sanften Katze anfreunden wollte, war ihm unverständlich. Sie verabscheute Haustiere, mochte hingegen Lämmer und Chinchillas, wegen der molligen Pelze. Dies brachte ihn auf. Sie hob ihre Brauen und behauptete, in diesem Punkt ganz auf der Linie ihres Chefs zu sein.

Natürlich versuchte Hans mit ihr zu reden. Doch sie verfiel in Schweigen. Und schlimmer: Sie stürzte aus dem Gewächshaus. Und reiste zurück in die Stadt.
Er muss verzweifelt gewesen sein.
Um aus einem Garten ein Paradies zu schaffen, hat er viele Kurse absolviert, sein ganzes Salär in seltenen Pflanzen und edlen Tieren angelegt. Und nun, da endlich eine Eva zwischen den Blumen und Tieren wandelt, zeigen sich Schwierigkeiten. Sie ist eigen. Hat ein Vorleben. Teilt die Linie ihres Chefs, sein Bett, seinen Luxus und die Kompetenzen seines hohen Amts.
Dies verunsicherte Hans. Wir versuchten ihn abzulenken. Schlugen eine Bergwanderung vor, den Besuch einer Ausstellung, eine Einladung zum Essen. Aber wann immer wir ihm begegneten, trat er von einem aufs andere Bein. Hatte keinen Hunger, keine Zeit, keine Lust.

Wie geht es weiter? haben wir uns gefragt.
Die beiden haben sich wieder gefunden. Inzwischen hatte sie mit dem Paar Ferien gemacht. Ihr wütender Aufbruch war eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit. So liess sich ihre bevorstehende Reise in die Karibik verschweigen. Nach der Rückkehr klingelte des Telefon von Hans.
Wollen wir uns sehen?
Natürlich will er sie sehen.
Er ist ihr mit einer Blumengirlande entgegengerannt. Alle Lichter des Chalets brannten. Kerzen flackerten, Klaviermusik klang aus dem Recorder. Das Piano war aufgedeckt, als würde darauf gespielt. Überall standen Schalen mit Snacks. Seine Eva warf sich in den Polstersessel, als wäre sie endlich zuhause. Sie schillerte vor der Finsternis in den Fenstern. Und Hans war glücklich.
Er hat ihre Nägel lackiert, ihren Mund dunkel bemalt und eine Blume hinter ihr Öhrchen gesteckt. Mit einer Serviette schlug er leicht auf ihre Schulterkugel, als stäube er ein allerletztes Fitzelchen vom Alabaster.
Dann kniete er sich vor sie hin. Und schaute seine Eva an. Dieses Wesen mit den schrägen Ideen, das er zutiefst vermisst hatte. Er wurde nicht satt, es anzusehen, zu berühren, den Duft der blassen Haut einzuatmen.
Wir, seine Kochkursfreunde, haben uns gefragt, wie die Zwei das Leben im Paradies verbringen wollen? Kochen kann sie nicht. Gärtnern will sie nicht. Körner streuen wird sie nicht. Die Katze erträgt sie nicht. Der Pfauenschrei erschreckt sie. Und Putzen liegt ihr nicht.
Sie müsse nichts tun, meinte Hans. Nur da sein. Zum Ambiente passen. In einem Nichts aus Seide durchs Haus wehen. Die geranienroten Fussnägelchen in den Rasen setzen. Ihre weissen Arme zu den Zitronen recken. Vom Porzellan essen, das er für sie mit Blüten und Girlanden bemalt hat. Das Klavierspiel erlernen. Sie kann tun und lassen, was immer sie will. Sie ist seine Einzige und muss ihn mit niemandem teilen. Einfach da sein! Seine Sonne über dem Paradies. Die Erfüllung seines Traums.

Sein Garten bekam Dünger. Um weniger jäten zu müssen, bepflanzte er die letzten Lücken mit Blumen. Alles trieb, blühte, verzweigte sich und streute Samen. Damit das Anwesen nicht verwilderte, arbeitete er bis zur Erschöpfung. Aber ohne Salär und regelmässige Nebeneinkünfte musste er aufs Ersparte zurück greifen. Er war nicht gewohnt, sich bei der Ausstattung von Haus und Garten einzuschränken, andererseits auch kein Verschwender. Er bot uns Jungtriebe seiner Exoten zum Kauf. Als Kochfreunde hegen wir Gewürze und Salate. Aber an Palmen, Agaven und Zitronenbäumen haben wir keinen Bedarf. Aus Gefälligkeit haben wir manchmal eine Topfpflanze zum Verschenken gekauft.

Da seine Eva ihn ab und zu besuchte, waren wir selten zu Gast. Ihr Eintreffen war nie vorausplanbar. Sie kündete sich kurzfristig an. Wenn ihr Chef seine Schwiegereltern zu Besuch hatte, war keine Nebenfrau am Familientisch erwünscht. Auch zum Dinner mit einem Politiker konnte der Chef nicht mit der Sekretärin am zweiten Arm aufkreuzen. Solche Gelegenheiten nahm sie für einen Ausflug ins Paradies wahr.
Als Kochfreunde sind wir uns bewusst, welchen Wirbel Hans veranstalten musste, um innerhalb weniger Stunden Chalet, Garten und Gewächshaus herzurichten, Pflanzen zu wässern, zehn Tiere zu versorgen, einen Menüplan aufzustellen, einzukaufen, den Grill, den Tisch, die Getränke und Snacks vorzubereiten. Er kam kaum dazu, sich über die Lust und Laune seines ätherischen Wesens Gedanken zu machen. Er bügelte im letzten Moment sein Hemd. Schon ging über dem Paradies die Sonne auf!

Nach zwei Jahren schüttelte die Sekretärin noch immer den Kopf über die Hühner in Pluderhosen. Sie kniete am Teich, spielte mit Steinen, bis ein Schwan ihr zischend die Sägeblattzähne zeigte. Bei jedem Besuch war die Abwehr wütender.
Deine Tiere hassen mich! Sie verschwören sich!
Die Katze floh zu den Zitronen. Und der verdammte Pfau? Schlug er jemals ein Rad für sie? Nein! Sein Schrei gehe ihr durch Mark und Bein.
Es wäre schön zusammen zu verreisen. First Class mit Emirates. An exciting travel! Nur du und ich!
Hat sie das wirklich gemeint, wie sie es sagte? Oder stiegen Bubbleblasen aus dem Geranien-Mund?
Wir stellten uns vor, wie sehr der Kochfreund würgte, als seine Eva Prospekte aus ihrer Vuitton-Tasche purzeln liess. Die Ferienzeit nahte. Im Monat Mai besorgte die Zweitfrau des Chefs immer Reisevorschläge und Hotelprospekten. Der Gottähnliche war mit seinen Nebenfrauen noch nie in Dubai.
Im Sommer, da im Garten von Hans alles blühte, die Nächte lau waren und Hans mit Eva im Rasen liegen konnte, um den Blütentanz der Insekten zu verfolgen, und Sternbilder zu suchen, da will sie nach Dubai um dort durch tausend Läden einer Shopping Mall zu streifen, auf dem höchsten Bauwerk der Welt sich einmal im Kreis zu drehen und mit dem Lift wieder ins Parterre zu sinken. Wie an jedem Arbeitstag. Mit dem Unterschied, dass vom Stadtbüro die Liftfahrt weniger lang dauert. Und dass sie in Dubai aus der Kabine in die flimmernde Hitze tritt.
Hans war auch noch nie in Dubai. Fuhr nicht einmal in die Bundeshauptstadt Bern. Ihm genügte das Schweizerchalet im eingezäunten Garten.

Er vermisse nichts, gestand er uns. Jeden Tag erblühen Blüten. Jede ist einzigartig. Seine Tiere überraschen ihn immer neu. Sie sind seine Familie und sie betrachten ihn als Zugehörigen. Seine Menagerie bringt ihn zum Lachen und Staunen. Er schilderte uns die einzelnen Tiere. Ein jedes hat seine Eigenheiten. Zeigt Anhänglichkeit oder Furcht. Wartet, beobachtet, verstellt sich, täuscht, versucht eine Geste zu deuten, pirscht sich an, oder flüchtet.
Hans gestand, dass die Tiere einander beobachten. Alle stehen unter ständiger Beobachtung. Eins erwartetet vom andern das Einhalten von Regeln. Von mir erwarten sie Anstand. Wie konnte er da nach Dubai fliegen? Selbst wenn er Geld hätte. Es gibt Dinge, die kann er einfach nicht tun. Die gehen ihm gegen den Strich.

Er hat es dem ätherischen Wesen erklärt. Lang und breit. Dieses hat nichts verstanden. Nur die Unterlippe ausgestülpt, mit zwei Fingern ein Haarbüschel in die Stirn gezupft und mit verdrehten Augen den Kückchenflaum angeschaut.
Hans liess die Faust auf den Tisch fallen. Seine Eva erschrak.
Wenn du verlangst, dass ich aus Verachtung über mich vom höchsten Gebäude der Welt kotze, dann bitte geh!
Sie schaufelte die Prospekte in ihre Tasche, angelte unter dem Tisch nach den Stöckelschuhen und ging. Tschüss! Schluss und aus!
Hans war wieder Single.

Nach langem trafen sich die Kochkursfreunde wieder einmal im Gewächshaus. Diesmal versammelten wir uns an einem Sonntagnachmittag zu Kuchen und Kaffee. Etwas ungewöhnlich für einen Koch, dessen Gelage einmal bis ins Morgengrauen dauerten. Die exotischen Pflanzen füllten jetzt sein Gewächshaus mit Dunkelheit. Der Garten erschien kleiner. Dies lag wohl daran, dass die Büsche überbordeten. Der Pfau glitt nicht mehr über den Rasen. Hans musste ihn einschläfern lassen. Den Teich hatte er zugeschüttet. Die schwarzen Schwäne glitten über den See ihres neuen Besitzers. Nur die Hühner und die Katze waren noch da.
Hans rannte mit dem Tablett umher, wie immer. Bückte oder dehnte sich, und verwirbelte die Arme. Doch seine Bewegungen hatten etwas bleiernes. Er sagte, es gehe ihm gut und schaute dabei ins Geäst der Palme, als suche er die Vogelfrau.
Wir klatschten die Hand auf sein Stuhlkissen. Setz dich zu uns! Ruh dich aus!
Gleich! rief Hans und rannte wieder in die Küche.
Hilfe lehnte er ab. Seine Palme war gewachsen. Ihr Blattwerk neigte sich über unseren Tisch und raschelte am Glasdach. Vom Schlafzimmerbalkon vermochte er die gefiederten Blätter mühelos erreichen. Es tue ihm aber weh sie zu kappen. Er stehe mit der Säge vor der Krone. Und empfinde einen körperlichen Schmerz.

Eine Falte kerbte seine Nasenwurzel. In abgetretenen Schuhen stand er leicht schwankend vor uns. Hielt die selbstbemalte Kuchenplatte in beiden Händen, um sie zitternd in die Tischmitte zu senken.
Er hatte den Wunsch, überflüssige Dingen zu verkaufen. Er habe es sich lange überlegt. Nun sei es an der Zeit, sich von diesem und jenem zu trennen. Wir erinnerten uns an die Rosa-Badewanne, die auf eine Schaumgekrönte wartete. Sie war noch immer nicht angeschlossen. Da gab es auch Ölgemälde, handbemaltes Geschirr, die Rokkokogruppe, einen goldgerahmten Spiegel. Und was war mit dem Klavier?
Was würden diese Dinge bringen?
Wir alle wussten, ihr Verkauf bringt so gut wie nichts. Unser Kochkursfreund hatte Schulden. Seine Ersparnisse waren aufgebraucht. Die Nebenjobs reichten nicht zum Leben.
Es gibt keine Käufer, Hans.
Er liess sich in den Polstersitz fallen und begann über den fehlenden Geschmack der Leute zu wettern. Sie kaufen ‘Miacasa’, Presspan, Imitat. Er empörte sich plötzlich auch über Ausländer, die hierherkommen, nichts arbeiten, aber Kinder zeugen, und von unserem Steuergeld leben. Ereiferte sich immer mehr und schickte Schimpftiraden zu allen Kopftuchfrauen.

Mit Entsetzen sahen wir unseren Kochkursfreund mit fuchtelnden Armen im Meer seines Elends versinken. Uns wurde klar, dass das Kaffeekränzchen das Ende unserer seligen Abende bedeutet. Unser Freund war erschöpft und zerzaust. Die Katze kauerte auf seiner Schulter. Ihren Kopf kraulend, redete nur noch mit ihr über Menschen ohne Achtung vor Tieren, Blumen, Landschaften und dem Lebenswerk der Anderen.
Stumm brachen wir auf. Alle steckten beim Gehen einen Geldschein unter den Kuchenteller. Trotz seinem fortgesetzten Wüten war Hans unsere Geste des Mitleids nicht entgangen. Er verstand sie als Demütigung. Mit einem gellenden Pfauenschrei schleuderte er die Noten an unseren Kopf. Fluchend vertrieb er uns aus seinem Paradies. Der eiserne Torriegel krachte hinter uns ins Schloss.

Wir haben nichts mehr von Hans gehört. Im Schaukasten eines Immobilienhändlers entdeckten wir ein zum Verkauf stehendes Chalet. Es war dasjenige von Hans. Wir erkundigten uns bei der Nachbarin. Sie wusste von seinem Auszug. Hatte aber mit Hans keinen Kontakt. Sie verwies uns an die Gemeindebehörde.
Er sei gestorben, teilte man uns mit. Näheres war aus Gründen des Datenschutzes nicht zu erfahren. Doch wir bekamen die Anschrift einer Nichte. Sie schien von unserer Anfrage überrascht, da sie in der Hinterlassenschaft vergeblich nach Adressen von Freunden und Bekannten suchte. Sie fand keine Briefe, keine Notizen, keine Telefonnummern, nicht eine einzige Spur von einer Menschenseele. Als habe ihr Onkel sein Leben verpasst.
Von einer Katze wusste sie nichts. Ein Hühnerhaus? Sie fand Mauerreste.
Vom Tod des Onkels hatte sie durch einen Notar erfahren. Bei diesem lagerte ein Packen Rechnungen und Mahnungen. Aufs Anwesen bestand ein Anspruch der Gläubiger. Die Nichte erwog den Ausschlag ihres Erbes.
Schon als Hans noch im Chalet wohnte, wurden Wasser und Elektrisch abgedreht. Er hatte keine andere Wahl, als auszuziehen. Die Gemeinde suchte ihm ein Zimmer im Altersheim. Einige Topfpflanzen konnte er dorthin retten.
Er sei ungesellig gewesen. Ein Sonderling. Täglich pilgerte er zum Chalet, um die Katze zu füttern. Immer schleppte er eine volle Giesskanne mit, um zu giessen. Er sammelte die Scherben des zerborstenen Glasdachs ein. Mit einem Blütenzweig, einer Topfpflanze oder einem Palmblatt kehrte er ins Heim zurück.
Wir begriffen, dass Hans sein Paradies nie aufgegeben hat. Es gab Dinge, die konnte er einfach nicht tun.

An einem Tag wurde er ohnmächtig in seinem Zimmer aufgefunden. Er hatte sich den Kopf aufgeschlagen und musste notoperiert werden. Als er erwachte, riss er die Schläuche ab, um sich zum Chalet zu begeben. Das Pflegepersonal konnte ihn nur mit Mühe zurückhalten und bändigen. Er schrie wie sein Pfau, schlug mit Armen und Beinen um sich und biss in die Luft. Man habe ihn stillgelegt.
Wir ahnten, was dies für Hans bedeuten musste. Er mochte beim Schaffen des Paradieses vergessen haben, dass ein Mensch nicht alles nach seinem Wunsch formen und nach seinem Willen hinbiegen kann. Aber er hatte sein Leben für diese Idee hingegeben. Nun kannte er nur noch Bitterkeit, Trotz und Wut.
Als er im Sterben lag, hielt niemand seine Hand. Wir waren zerknirscht. Warum haben wir ihn nicht besucht? Er war unser Freund. Die Einsamkeit und der Verlust seines Paradieses brachten ihn beinah um den Verstand. Wir stellten uns die letzten Stunden vor.
Die steifen Schürzen des Personals raschelten wie die Blätter seiner Palme. Vielleicht dachte er ans Flügelschlagen seiner Vogelfrau. Hatte er einen letzten Wunsch?
Natürlich hatte er einen Wunsch. Er wollte die Blume mit dem Namen Udumbra sehen, die einmal alle tausend Jahre blüht.
In unserem Innersten haben wir alle gehofft, dass die Vogelfrau sein letztes Bild gewesen ist. Sie neigte ihm ihren geranienroten Schnabel zu und versprach, ihn zur Blume zu bringen. Und um den Pakt und sein Ende zu besiegeln, spreizte sie die blasse Hand über sein Gesicht. Der Tod spielte dazu auf seinem Klavier.
Wir wollten uns ums Klavier sammeln, und an diesem seligen Abend von Hans Abschied zu nehmen.

Margrit Schriber, 1939 in Luzern geboren, lebt in Zofingen und in der Dordogne. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr umfangreiches literarisches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet.

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Beitragsbild © Suscka Kottonau

Margrit Schriber «Maria Antonia Räss. Die Stickerin», Bilger

Es gibt Geschichten und Stoffe, bei denen man sich wundert, dass sie so lange schlummerten, so lange warten mussten, bis jemand Literatur aus ihnen macht. Was Margrit Schriber mit ihrem Meisterstück „Die Stickerin“ gelungen ist, ist verblüffend und weht den Wind grosser Gefühle und grosser Leidenschaften in meine kleine Lesestube.

Sie sei dem Stoff vor vielen Jahren über den Weg gelaufen. Und auch wenn andere Bücher zuerst geschrieben werden mussten, reifte der Stoff, bis er sich nicht mehr zurückhalten liess“, erzählte Margrit Schriber anlässlich ihrer Buchtaufe im proppenvollen Saal beim Hotel Hofweissbad, unweit von jenem Ort, an dem die Protagonistin Maria Antonia Räss 1893 zur Welt kam. Im Appenzell Innerrhodischen, auf einem kleinen Bauerngut auf dem Wellenhügel, einem niederen Gehöft, in dessen Webkeller die kleine Maria Antonia schon fünfjährig als flinke Fädlerin auffiel, reist die auserwählte Sechzehnjährige als Schaustickerin in die europäischen Metropolen, als eigentliches Exportgut eines Bauernkantons, im Schatten der Stickereimetropole St. Gallen und erobert später aus ihrer Broderie in New York die Haute Couture und den Geldadel des 20. Jahrhunderts.

Margrit Schriber «Maria Antonia Räss. Die Stickerin», Bilger, 2024, 233 Seiten, CHF ca. 35.00, ISBN 978-3-03762-111-0

Die Gegensätze in Margrit Schribers Roman könnten grösser nicht sein: Hier das beschaulich, niedlich scheinende Appenzellerland, dort die Schluchten New Yorks. Hier die düster feuchten Keller im Hof Grüt, dort die mondäne Broderie im Rockefeller Center. Hier der Geruch nach Ziegen und Kuhmilch, dort der müde Kater auf dem Samtkissen. Margrit Schriber leuchtet das Leben der reichen Tante in Amerika nicht aus. Den reichen Teppich aus Fakten und Fiktion bestickt Margrit Schriber gekonnt zu einem Zeugnis des 20. Jahrhunderts, der Geschichte einer Frau, die sich nicht bestimmen lassen will, ausgewandert aus einem Landstrich, indem das Frauenstimmrecht erst nach dem Tod der Protagonistin 1990 von den Männern gnädigst angenommen wurde, eingetaucht in ein Land der Einwanderer, ein Land, das von Kriegen und Weltwirtschaftskrisen gebeutelt wurde.

„Maria Antonia Räss. Die Stickerin“ ist ein Roman von unbändiger Kraft, auch ein Spiegelbild der Autorin selbst, die ein Leben lang mit den traditionellen Einordungen und Zuschreibungen zu kämpfen hatte. MAR, Maria Antonia Räss regierte zu Lebzeiten unangefochten ein Imperium und verschaffte vielen in ihrem Heimatkanton ein sicheres Einkommen. Sie, die es in Übersee schaffte, aus der Namenlosigkeit Bedeutung zu generieren, eine Vertraute Coco Chanels wurde, eine Muse Walt Disneys, inszenierte ihre Besuche im Appenzellerland stets zu grosszügigen Triumpfzügen, bei denen sie im besten Hotel des Ortes Hof hielt. Die kleine Frau, die die Upperclass der Staaten blendete, gab sich im Heimatkanton als Wohltäterin und heimliche Rächerin an den festgefahrenen Strukturen einer patriarchalischen Welt.

Aber Margrit Schribers Intention war kein Denkmal, kein Geschichtsbuch und keine Tellerwäscherinnenbiographie. Margrit Schriber zeichnet ein Porträt einer ewig suchenden Frau. Sei es die Suche nach Anerkennung, nach Liebe und Geborgenheit, nach Sicherheit und Respekt. Maria Antonia Räss bleibt auch nach der Lektüre des Romans ein Rätsel. Eine stellvertretende Geschichte all jener, die sich auf den mühsamen Weg der Selbstbestimmung machten, die den Kampf nicht scheuten, die sich nie entmutigen liessen. „Die Stickerin“ ist die Lebensgeschichte einer Frau, die sich ihren nie gestillten Sehnsüchten stellte, die aufrecht blieb, sich in keine Schublade drängen liess.

Bühne ihres Romans ist der Rathaussaal im Kantonshauptort Appenzell, in dem sich alle rechtmässigen und ungeladenen Sippenmitglieder zur Erbteilung versammeln. Auf einem Tisch im Saal ist alles zusammengetragen; Gerätschaften, Porzellan, Handtaschen, Fotos, Briefbündel und eine vernagelte Kiste Dom Pérignon, alles, was von dem einstigen Riesenvermögen übrig geblieben ist. Ziemlich wenig angesichts dessen, was sich in den Vorstellungen ihrer Verwandtschaft über die Jahrzehnte als scheinbare Tatsache verfestigte. Erstaunlich wenig für ein Leben, das die Protagonistin in ihren späten Jahren mit viel Pomp inszenierte.

Maria Antonia Räss starb 1980 auf einer ihrer Reisen in ihren Heimatkanton. Begraben wurde sie auf dem Friedhof Eggerstanden, neben der Kirche, die ohne ihr Geld nie so hätte erbaut werden können. Margrit Schriber schreibt sich mit „Die Stickerin“ nicht nur ins Selbstbewusstsein eines kleinen, traditionsreichen Kantons. Margrit Schriber schrieb mit „Die Stickerin“ einen fulminanten Roman über den Kampf einer Frau durch die Zeit.

Vielfach faszinierend!

Interview

Was für ein Roman, was für ein Buch, was für eine Geschichte. Ich war an der Bauchtaufe im Hotel Hofweissbad im Kanton Appenzell Innerrhoden, einem Ort, der wie die Geschichte von Maria Antonia Räss die Geschichte des kleinen Kantons im 20. Jahrhundert repräsentiert, einer Geschichte zwischen Monarchie, Diktatur und Demokratie, eine Geschichte der Industrialisierung, der Moderne, einer Geschichte zwischen Tradition und Aufbruch. War dir von Anfang an bewusst, wie viel Potenzial in diesem Stoff steckt?
Zuerst war da nur diese Maria Antonia Räss und ihre exzentrischen Auftritte als Frau von Welt, die mich beeindruckten. Als ich mich in die Kinderarbeit an einer Stickmaschine vertiefte, begriff ich, dass sehr viele Vorhänge aufgezogen werden müssen. Schliesslich waren 100 ereignisreiche Jahre aufzudecken. Ich musste den Einfluss der Geschichte auf eine Region erforschen, die ich überhaupt nicht kannte. Die Wirkung der Zeit auf Menschen mit einem anderen Lebenshintergrund, einer anderen Kultur, einer anderen Melodie von ihrem Wellenhügel. Aber nicht nur das. Ich musste die Gestaltungskraft dieser Menschen und die Anziehung der Welt auf sie ergründen. Ich durfte mich nicht nur mit Landsgemeinde-Berichten, der wechselnden Wirtschaft und der europäischen Geschichte zufrieden geben. Diese Tochter eines Geissenbauern ist nach New York ausgewandert, hat sich dort auf dem allerbesten Platz positioniert, den Stickenden in der Heimat Arbeit verschafft und sich auch nach China orientiert. Mein Stoff war entsprechend aufregend, anspruchsvoll, vielseitig und spannend.

Du hattest nie die Intention, eine Biographie zu schreiben. Und trotzdem hat die Buchtaufe unweit des Geburtsorts der Protagonistin bewiesen, wie sehr Du den Nerv dieser Existenz, dieser Zeit getroffen hast. Du hast ein Stück Stellvertretergeschichte geschrieben. Du hast genau soviel Fiktion miteingeschrieben, in das sonst nur undeutliche Bild einer starken Frau hineingestickt, dass sämtliche BesucherInnen dieser Veranstaltung das Gefühl hatten, Du hättest ein Denkmal gesetzt. Auch ein Denkmal für all die Frauen, die in der Fremde vergessen gingen.
Tatsächlich habe ich mich ohne Nebengedanken oder Berechnung durch meinen Stoff hindurch gearbeitet. Und dies mit einer Leidenschaft sondergleichen. Ich verliebe mich in meine Figuren. Ich langweile mich rasch. Meine Figur muss also so sein, dass ich den Kopf nach ihr drehe und nicht mehr wegschauen kann. Ich verschaffe ihr eine Präsenz, die mich erfüllt. Ich will nicht wissen, dass sie zwischen zwei Buchdeckeln lebt. Sie ist ein Teil von mir. Ihr Leben ergibt für mich einen Sinn.

Maria Antonia Räss reiste als Schaustickerin mit sechzehn in die europäischen Metropolen und mit siebenundzwanzig mit nichts als einem Traum und einer Sticknadel aus englischem Stahl ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ausgerechnet aus einem Kanton, in dem die Frauen ein sonst unscheinbares Dasein in der Familie und im Web- oder Stickkeller führten, mit einer Schiffspassage ohne jeden Luxus, ohne Rückfahrkarte. Eine Reise weit, weit weg von allem, was ihre Welt bisher ausmachte. Dein Roman beschreibt auch eine verwundete Frau, ohne Psychologisierung. War es die Lust an dieser offenen, unbeschriebenen Weite?
Da müsste ich mich selber fragen. Warum schreibe ich? Weil es mir unbekannte Wege öffnet? Weil jedes Buch ein Tanz mit dem Leben auf Probe ist? Das Leben lässt wenig Wahl. Was passiert, das passiert. Das Leben ist immer der Ernstfall. Und es ist kurz. Viel zu kurz. Ein Roman ist die tausendfältige Möglichkeit. Eine offene, unbekannte Weite der Phantasie. Das macht Lust, die Augen zu schliessen und loszuziehen. Die Stickerin benutzte dazu ihre Nadel. Ihr Freund Walt Disney nutzte den Zeichenstift. Ich die Tastatur meines Computers. 

Maria Antonia Räss im Micki-Mouse-Car, mit ziemlicher Sicherheit mit Walt Disney

Maria Antonia Räss hatte einen Traum, den sie mit allen Mitteln Tatsache werden lassen wollte. In vielem entspricht ihre Geschichte auch Deiner Geschichte. Deine Reise war eine in ein männer-dominiertes Literaturestablishment, eine Reise, bei der Du noch immer nicht sicher angekommen scheinst. Der Literaturbetrieb ist wie der Modebetrieb eine Welt der Halbgottheiten. Warum verfallen wir so leicht dem Zwang der Schubladisierung, der Macht der Vorurteile, dem Schein des welt“männ“ischen Gestus?
Es ist, wie Du sagst. Und ist es so wie Du sagst, weil zu viele den Kopf nicht nutzen? Ist man zu oberflächlich? Ist es einfacher, andere denken zu lassen, und sich diese Idee dann als eigenes Etikett weithin sichtbar aufzukleben. Es ist bequem, denn das Urteil ist ja vorhanden. Man kann sich bedienen. Zudem ist die Meinung der Gesellschaft eine Macht, wenn nicht gar ein Gesetz. Das eigene Urteil könnte womöglich Ausschluss von der Gesellschaft bedeuten?   

Die Craisy Woman war im Alter eine Diva, ihre Inszenierung ein Schutzpanzer. Wir inszenieren uns alle. In deinem Roman schimmert eine verletzliche, suchende, leidenschaftliche Frau durch. Dieses Durchscheinende hat aber nichts melodramatisches, nichts exhibitionistisches. Es ist derart zart, fast fluid, dass ich versucht bin zu glauben, dass es gar nicht in Deinem Interesse stand, ein scharfrandiges Bild zu zeichnen. Wolltest du so die Bilder den Lesenden überlassen?
Letztendlich: Was weiss man vom Anderen? Was versteht und begreift man vom Anderen? Der Mensch ist sich selbst ein Rätsel. Will man sich überhaupt bis ins letzte verstehen? Der Wind weht unsere Geheimnisse in alle Richtungen. Und es ist gut so. Ich fand heraus, dass Maria Antonia Räss ihre grosse Liebe zu beklagen hatte. Er war Jude und verschwand in einem Lager. Liebe, Hoffnung, Sehnsucht sind Kräfte, die den Menschen zu Ausserordentlichem bewegen können. Sie geben uns ein Ziel. Ich gestand meiner Figur solche Kräfte zu. Denn was die Crazy Woman erreichte, war ausserordentlich. Woher nahm sie diese Kraft? Für mich war die Antwort klar. Die Sippe von Maria Antonia Räss musste begreifen, dass sie das Leben von der «Der reichen Tante» nie ergründen wird. Daraus ergab sich für mich als Autorin etwas Wunderbares, denn die Verwandten griffen nach tausend Fantasiefäden und machten eine Geschichte daraus.

Margrit Schriber, 1939 in Luzern geboren, lebt in Zofingen und in der Dordogne. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell, bevor sie Schriftstellerin wurde. Ihr umfangreiches literarisches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet, zB. 1977 Einzelwerkpreis der Schweizerischen Schillerstiftung oder 1998 Aargauer Literaturpreis.

Folgende Titel sind auf literaturblatt.ch besprochen: «Das Abenteuer, eine Frau zu sein» (2022), «Die Vielgeliebte meines Mannes» (2020), «Glänzende Aussichten» (2018), «Schwestern wie Tag und Nacht» (2014)

Porträt auf SoundCloud

Webseite der Autorin

Margrit Schriber «Das Abenteuer, eine Frau zu sein», Nagel & Kimche

Den Anstoss zum Schreiben verdanke ich meiner Lehrerin. Sie sagte den entscheidenden Satz: «Aus dir wird eine Schriftstellerin!“, schreibt Margrit Schriber in ihrer Roman-Biographie. „Was für Glück!“, ruft der Leser jener Lehrerin zu. Margrit Schriber gehört zu den Grossen der Schweizer Literatur. Eine, die für ihren Platz noch immer kämpfen muss.

1984, acht Jahre nach ihrem Debüt „Aussicht gerahmt“, begegnete ich der Autorin zum ersten Mal bei einer Lesung aus ihrem Roman „Muschelgarten“, der Geschichte zweier Frauen, die sich im gegenseitigen Kampf zu Verlierenden und Verlorenen machen. Schon damals machte mir die Autorin nicht nur Eindruck mit ihrem Schreiben, ihrer Sprache und der Kunst Innenlandschaften zu Poesie zu wandeln, sondern mit ihrer Präsenz, ihrer Begeisterung, ihrer Nähe. Seit „Muschelgarten“ bin ich ein steter Leser im Schriber-Kosmos und zusammen mit meinem Literaturzirkel schon bei manchem Anlass der Autorin stiller und machmal auch weniger stiller Teil ihres Fanclubs. Dass sich eine Autorin mit über achtzig Lebensjahren und über einem Dutzend Romanen, vielen Erzählungen und Hörspielen an ein Resümee macht, ist verständlich. Aber „Das Abenteuer, eine Frau zu sein“ setzt ihre Bücher viel mehr als Meilensteine in ein Leben, das stets ein Kampf war gegen Missachtung, Schubladisierung, Erniedrigung und eine überaus männliche Einordnung von Zuständen und scheinbaren Einsichten. Margrit Schriber, 1939 geboren, erzählt ihre Geschichte, die exemplarisch ist für eine Frauengeneration, die es nicht mehr hinnehmen will, dass in Politik, Gesellschaft und Kultur Frauen (oder Nicht-Männer) ein Eigenleben stets in den Dienst der Herrlichkeit zu stellen hatten. Vor 70 Jahren verwarf der rein männliche Souverän der Schweiz das Frauenstimmrecht mit einer Zweidrittelmehrheit. 1971 sollte es klappen, 1990 sogar im Kanton Appenzell Innerrhoden, während in Neuseeland Frauen schon 100 Jahre aktiv mitbestimmen konnten.

„Schreiben war meine Art der Emanzipation.“

Margrit Schriber «Das Abenteuer, eine Frau zu sein», Nagel & Kimche, 2022, 240 Seiten, CHF 29.90, ISBN 978-3-312-01258-9

Margrit Schriber wuchs in einer Heilerfamilie auf. Für eine Bibel und ein Heilkräuterbuch brauchte es dort kein Bücherregal. Selbst diese Bücher öffnete man erst, wenn es nicht zu vermeiden war. Man hatte einen Mund zum Reden, Augen zum Schauen, Ohren zum Zuhören, einen Kopf zum Denken und Herz und Verstand für Entscheidungen. Das musste reichen. Bücher lenken ab. Margrit Schriber aber wollte schreiben, Welten auftun. Nach der Schule begann sie eine kaufmännische Ausbildung auf einer Bank. Nicht weil es sie gezogen hätte, sondern weil sie nicht wusste, wie sie aus ihrer Sehnsucht einen Beruf machen sollte. Sie heiratete einen adretten Mann, schien sich den geltenden Normen der Gesellschaft zu beugen. Aber im Stillen schrieb sie, auch gegen die verletzenden Kommentare ihres Gemahls. Und als sie eine erste Erzählung der Literaturzeitschrift „Drehpunkt“ einsandte und Hansjörg Schneider urteilte „Die beste Geschichte seit Jahren“, begann eine der erstaunlichsten Schriftstellerinnenkarrieren der Schweizer Literaturgeschichte.

Es gibt zwei Kategorien von Romanen im Schreiben der Autorin: jene, die aus ihrem eigenen Leben, ihrer Biographie entspringen, aber immer nur als Stoff wirken und jene, die sich einer historischen Person, einem Frauenschicksal aus der Vergangenheit annehmen. Was allen Geschichten gemein ist; es sind immer Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nahmen oder es zumindest tapfer versuchten. In allen Romanen gibt Margrit Schriber der Frau jene Stimme, die ihr in ihrer Zeit verwehrt blieb. Margrit Schribers Romane nun aber als Frauenliteratur zu schubladisieren, wird ihrem Schaffen nicht gerecht. So wie all die Frauen in ihren Romanen den Kampf aufnahmen, so nahm die Autorin selbst den Kampf auf, sei es der gegen Vorteile, gegen die Arroganz einer männlich dominierten Kultur- und Literaturlandschaft, sei es der gegen Oberflächlichkeit und Sturheit.

In „Das Abenteuer, eine Frau zu sein“ erzählt Margrit Schriber aber auch von ihren Freundschaften, ihren Reisen, ihren Begegnungen und ihrer grossen Liebe, dem Schreiben. Margrit Schriber nimmt mich mit in ein Leben, das sich in ihren Büchern vielfach spiegelt, in ihr Schreiben, das zum Motor ihres Lebens wurde. „Das Abenteuer, eine Frau zu sein“ erzählt vom nie versiegenden Mut einer Frau, die wahrhaft ihre Stimme im Schreiben fand!

Möge „Das Abenteuer, eine Frau zu sein“ auch jene erreichen, denen der Schriber-Kosmos bisher verwehrt blieb.

Margrit Schriber wurde 1939 als Tochter eines Wunderheilers in Luzern geboren. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.

Rezension von «Schwestern wie Tag und Nacht» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Die Vielgeliebte meines Mannes» auf literaturblatt.ch

Rezension von «Glänzende Aussichten» auf literaturblatt.ch

Webseite der Autorin

Über Eva und Lilith in „Schwestern wie Tag und Nacht“ von Margrit Schriber

Natürlich könnte man Margrit Schribers Roman «Schwestern wie Tag und Nacht» vordergründig als literarischen Kriminalroman lesen. Oder als eine Erzählung über Geschwisterrivalitäten, wie sie häufig in Familien mit mehr als einem Kind vorkommen. Man könnte es ebenso als eine Geschichte über Neid und Niedertracht, von Glück und Pech im Leben, von Aufstieg und Untergangverstehen.

© Evelina Jecker Lambreva

Gasttext von Evelina Jecker Lambreva

Alice Zaugg, eine der angesehensten Frauen im Dorf, ist verschwunden. Martha, die «niemand für ihre Schwester hielt», hatte sie zuletzt gesehen – an ihrem traditionellen «Schwesternverwöhntag». Nun wird Martha auf dem Polizeiposten befragt. Frau Irene – oder die «Haselmaus», wie Martha sie bezeichnet – ermittelt. Martha erzählt von Schwesternliebe und Abhängigkeit, von Bewunderung und Eifersucht, von Schwestern wie Tag und Nacht. Die selbstbewusste, ehrgeizige Alice ist verstrickt in Dorfintrigen, ihre Lebensgeschichte und ihr Aufstieg sind das Abbild einer Gesellschaft, die Erfolg über Menschlichkeit stellt. Doch weshalb ist Alice verschwunden? Margrit Schriber erzählt die spannungsgeladene Beziehungsgeschichte von zwei ungleichen Schwestern, von Liebe und Loyalität, aber auch von Enttäuschung und Verachtung. Raffiniert verpackt sie den Stoff in die Erzählform eines Kriminalromans, der in zwischenmenschlichen Abgründen nach der Antwort auf die Frage sucht: Was ist mit Alice Zaugg geschehen?
(Klappentextzu «Schwestern wie Tag und Nacht», ProLibro Verlag Luzern, 2015)

Der Roman ist so vielschichtig wie die in der Erde verborgene Zwiebel einer prächtigen Pflanze, deren herrliche Blüten wir bewundern dürfen. Zwischen den Zeilen geht es jedoch um viel mehr als bloss um die meisterhafte Darstellung einer komplizierten Hass-Liebe-Beziehung zwischen zwei Schwestern, die eine zielstrebig und erfolgreich, während die andere ein passiv-abhängi-ges Schattendasein im Schutz der Powerfrau führt.
Eigentlich, so könnte man sagen, geht es jedoch im Roman gar nicht um zwei Frauen. Es geht um DIE FRAU und zwei sich ewig widersprechende und widerstreitende Seiten der weiblichen Seele, die eine – Abbildung von Lilith, die andere – von Eva, literarisch eingebettet in die Figuren der beiden Schwestern Martha und Alice.

Was haben Lilith und Eva mit Alice und Marta zu tun?
Nach dem deutschen Psychiater Hans-Joachim Maaz, stellen die mythischen Frauenfiguren Lilith und Eva zwei gegensätzliche Grundprinzipien des Frau- seins dar, zwei sich feindselig gegenüberstehende Formen von Weiblichkeit, die unversöhnlich im Kampf miteinander verstrickt sind und mehr oder weniger in jeder Frau verborgen leben. In seinem Buch «Der Lilith Komplex» (2005, DTV) erläutert Maaz, dass nach der jüdischen Überlieferung Gott Lilith als die erste Frau Adams schuf, in gleicher Weise wie er Adam entstehen liess. Lilith aber verweigerte, sich Adam unterzuordnen, sie war nicht zur Selbstunterwerfung bereit, stellte den Anspruch auf Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung, waren doch nach ihrer Auffassung beide, Adam und sie, aus derselben Erde gemacht und ins Leben gerufen worden. Ihre Haltung verunsicherte und verärgerte Adam, es kam oft zu Streit. Schliesslich flüchtete Lilith vor Adam und aus dem Paradies. Sie wurde von Gott bitter bestraft und verurteilt, ein Dasein als wollüstige Verführerin und Kindsmörderin an den elendesten Orten der Welt zu führen. Aus Erbarmen mit Adam, der nicht allein leben wollte, schuf Gott dann Eva – aus Adams Rippe. Eva war für Gehorsam und Unterwerfung vorgesehen. Als weibliche Grundeinstellung und Lebensprinzip symbolisiert Eva also Passivität, Aufopferungshaltung, Unterordnung, Gehorsam, Fürsorge, Selbstaufgabe, Keuschheit, Treue, Mütterlichkeit. Lilith hingegen zeichnet sich aus durch Aktivität, Initiative, Eigenständigkeit, Lustbetontheit, Leidenschaft, Verführungsfähigkeit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit. Mutterschaft und Mütterlichkeit lehnt sie ab.

Margrit Schriber «Schwestern wie Tag und Nacht», ProLibri, 2014, 220 Seiten, CHF 34.00, ISBN 978-3-905927-45-0

Diese zwei Seiten der weiblichen Seele werden in «Schwestern wie Tag und Nacht» beeindruckend und gekonnt dargestellt: Marta verkörpert in der Tat die Anteile von Eva, Alice diese von Lilith. Marta ist anspruchslos, selbstunsicher und kleinmütig. Sie kocht, putzt, geht einkaufen, kümmert sich fleissig und still um den Haushalt, um das Wohlbefinden ihrer Schwester, sie ist für die peanuts im gemeinsamen Leben zuständig. Alice, die «New Yorkerin», «die Frau von Format» ist ehrgeizig, mutig, eigensinnig, zielstrebig, lust- und genussbetont, sie weiss, was sie will, wie ihren Willen durchzusetzen, und sie ist eine erfolgreiche Unternehmerin.

Beide weibliche Seiten bilden in der Art eine Einheit, dass Lebenslust und Zurückhaltung, Leidenschaft und Gehemmtheit, Ehrgeiz und Unsicherheit, Selbstbewusstsein und Selbstzweifel, Enthusiasmus und Befangenheit – obwohl sie alle miteinander in einem Dauerkonflikt stehen – dennoch Hand in Hand durchs Leben gehen, um es exemplarisch zu meistern. Und sie schaffen es, denn sie fordern sich gegenseitig heraus, erfahren Herausforderung als Motor einer jeden Fortentwicklung.

In Margrit Schribers Roman haben wir es mit einem Weiblichkeitsmodell zu tun, bei dem sich zwei innere Frauenbilder gleichzeitig bekämpfen und ergänzen. Ein Weiblichkeitsmodell also, bei dem das traditionelle Frauenrollenbild gleichzeitig ein neues Rollenverständnis der Frau stützt, hält, quasinährt, mütterlich umsorgt und anregt. Das moderne Frauenbild jedoch möchte sich, je erfolgreicher es in seiner Selbständigkeit und finanziellen Unabhängigkeit wird, desto schneller von den Altlasten der Tradition befreien und jegliche herkömmlichenweiblichen Verhaltensweisen abstreifen.

So organisiert Alice gegen Ende des Romans hinter dem Rücken von Marta stillschweigend deren Platzierung ins Asyl. Logisch wäre nun zu erwarten, dass Marta ihr Schicksal gehorsam hinnimmt und ins Asyl umzieht, dass Lilith Eva schliesslich definitiv besiegt und in die Vergessenheit versenkt hat. Doch es passiert genau das Umgekehrte. Eva tötet Lilith – und dies ist das grosse Rätsel des Romans: Was hat diese unerwartete Entwicklung zu bedeuten? Dass Tradition letztlich doch über allem steht und alles überlebt? Dass das mutige Überschreiten von Grenzen kein weibliches Privileg sein kann und deshalb nie unbestraft bleibt? Dass es Grenzen gibt, die sogar für Lilith gelten?

«Was ist mit Alice Zaugg geschehen?» So endet der Klappentext des Romans «Schwestern wie Tag und Nacht». Dieses paradoxe Schicksal der Frau, die gefangen in ihrem ewigen inneren Kampf zwischen Eva und Lilith sich ständig weiter entwickelt, um sich dann doch selbst zu limitieren, die unaufhörlich wächst, um sich anschliessend wieder ungeschehen zu machen, die fortlaufend siegt um sich letztendlich selbst zu zerstören, dieses typisch weibliche Phänomen wird vermutlich weiter ein Mysterium bleiben.

Mit «Schwestern wie Tag und Nacht» ist Margrit Schriber eine literarisch hervorragende und psychologisch äusserst präzise Sektion der weiblichen Seele gelungen, die die Autorin den Leserinnen und Lesern mit dichterischer Feder vor Augen führt.

Margrit Schriber wurde 1939 als Tochter eines Wunderheilers in Luzern geboren. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.

Rezension von «Die vielgeliebte meines Mannes» auf literaturblatt.ch

Rezension zu «Glänzende Aussichten» auf literaturblatt.ch

Margrit Schriber «Die Vielgeliebte meines Mannes», Nagel & Kimche

Margrit Schriber ist nicht müde. Ihre Lust am Schreiben, am Erfinden, am Fabulieren, ihre Freude am vollen Leben umarmt einem bei der Lektüre ihres neuen Romans förmlich. «Die Vielgeliebte meines Mannes» ist ein Roman, der sich erfrischend wenig darum kümmert, was zu den Insignien der Literatur gezählt wird. Einfach gut erzählt!

Es ist als sässe man auf einer grossen Tribüne mitten in einem See, vielleicht dem Vierwaldstättersee, und sähe auf ein Dorf. Ein kleines Dorf im Dunst der anbrechenden Siebzigerjahre. Eine Kirche etwas erhöht über den Häusern, eine Schiffanlegestelle, die aber nicht von allen vorbeifahrenden Schiffen angesteuert wird, das Restaurant Romantica, eine Bäckerei, Häuser verstreut darum herum und etwas abseits eine grosse Villa, direkt am See, durch einen schmiedeisernen Zaun vom Dorf abgetrennt.

Dort hin sind Rosy und Charly gezogen, ein junges Ehepaar, weil er die Stelle des Organisten in der Kirche antreten konnte und ihm seine junge Frau mit ihrer Arbeit in der nahen Parfümfabrik den Rücken freihält, um an seinem grossen Meisterwerk zu arbeiten, um sich auf seinen siegreichen Feldzug durch die Welt der Musik vorzubereiten. Dort wohnt Kitty, noch Mädchen, dreizehnjährig, aber mit der Leidenschaft einer jungen, wilden Frau. Kitty singt mit sieben anderen Grazien mehrmals in der Woche auf der Empore der Kirche zu Charlys Orgelklängen. Sie ist eine der acht schmachtenden Teenager, die angespornt durch das Lob des jungen Musikers von einer glorreichen Karriere als Sängerin träumen, dereinst an der Seite des Hasy Osterwald Quartetts oder noch viel höher und weiter. Dort wohnt eine reiche, stille, vom Dorf abgewandte Frau in ihrer Villa mit Gewölbefenstern und buchsgesäumtem Kiesweg, einem rosaroten Amischlitten und eigenem Bootssteg. Nachts sind die Fenster hell erleuchtet und man sieht und hört Madame am Flügel die Luft bezaubern. Vor allem Charly, der auch tagsüber im Restaurant Romantica mit Sicht auf die Villa seinen musikalischen Fantasien nachhängt.

Margrit Schriber «Die Vielgeliebte meines Mannes», Nagel & Kimche, 2020, 176 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-312-01161-2

Es ist Rosy, die erzählt. Und von der ersten Seite weg ist klar, dass die Geschichte, die sie erzählt, mit einer Katastrophe endet, mit einer Waffe und einem Schuss, der abgegeben wurde. Während die acht Stimmen auf der Empore der Kirche immer klarer und heller singen, beginnt es in den Magmakammern unter dem Dorf zu rumoren. Nicht nur weil sich die ausser Rand und Band geratenen Mädchenseelen in einen Zickenkrieg begeben, die Stimmung rund um den jungen Organisten und Dirigenten zu kochen beginnt, sondern weil alle im Dorf mitbekommen, dass Unkontrollierbares einheizt. Aber weil die Familien ebenfalls in einer Mischung aus Stolz und Hoffnung den hörbaren Höhenflug ihrer Töchter verfolgen, nimmt man den Preis dafür in Kauf.

Aber «Die Vielgeliebte meines Mannes» ist auch die Befreiungsgeschichte einer jungen Frau, die mit Enthusiasmus ins Abenteuer einer jungen Ehe startete, um festzustellen, dass sie wie alles im Haushalt nur Instrument bleibt. Ihr Mann sonnt sich in der Bewunderung der jungen Täubchen und schmachtet in seiner Verehrung für die geheimnisvolle, unnahbare Schöne, die die großen Fenster ihrer Villa zum grossen Fenster in eine grosse Welt macht.
Margrit Schribers Roman ist in ein eigenartig farbiges Licht getaucht. Auf der kleinen Bühne eines Dorfes am See spielen sich die grossen Dramen menschlicher Leidenschaft ab, kochen die Menschen im giftigen Dunst von Gerüchten, Wut und blankem Hass. Die Autorin sprüht vor Erzähllust, sei es in der Boshaftigkeit ihrer ProtagonistInnen oder im Witz des Moments. Ein ganzes Dorf verstrickt sich in naiver Leidenschaft, fährt mit voller Kraft hinein in die Katastrophe.

Ein köstliches Lesevergnügen!

«Aussicht gerahmt», «Ausser Saison», «Kartenhaus», «Vogel flieg», «Luftwurzeln», «Muschelgarten», «Tresorschatten», «Augenweiden», «Rauchrichter», «Schneefessel», «Von Zeit zu Zeit klingt ein Fisch»… Das sind nur einige ihrer Bücher aus einem langen Schriftstellerinnenleben. Buchtitel, die selbst eine Geschichte erzählen. Von einer Frau, die sich nicht einfach in eine Schublade einordnen lässt, die in einem halben Jahrhundert Schriftstellerei einen ganz eigenen Schreiber-Kosmos schuf, der von starken Frauen erzählt. Einer starken Frau wie sie selbst, die sich durch nichts entmutigen lässt, selbst wenn ihr Stammverlag durch Umstrukturierungen mehr als einmal den Anschein machte, ihr die Treue zu kündigen. Selbst wenn ihr die grossen Literaturpreise vorenthalten blieben, obwohl einige ihrer frühen Romane, allen voran «Schneefessel» zu den Perlen der Schweizer Literatur gehören.

Margrit Schriber ist eine klassische Erzählerin, kann einfach gute Geschichten erzählen. «Meine Figur ist mein Geschöpf und dreht sich in der Spieluhr meines geschaffenen Turms zum Stundenschlag im Kreis», schreibt Margrit Schriber. Ihre Figuren sind ihr ganz nah, nie verkopft, ihr Blick nie auf sich selbst gerichtet, auch wenn an der Grand-Dame eine gewisse Eitelkeit unübersehbar ist.

Interview mit Margrit Schriber:

Im Begleitbrief zu deinem Roman steht: „Wie Rosy musste ich einen Spottspalier durchschreiten und mich bespucken lassen.“ Rosy beginnt zu schreiben. Du begannst zu schreiben. „Es folgte Buch um Buch. Mit jedem einzelnen schrieb ich ein Stück meiner verlorenen Ehre zurück.“ Das klingt erstaunlich ehrlich, dir erstaunlich nah. Ist Schreiben nicht immer Befreiung?
Es gibt unzählige Gründe für mein Schreiben. Neugier, Abenteuerlust, Aufregung, Entdeckerfreude, Lust an der Verwandlung, an der Herausforderung und am Verwirrspiel, Freude am Konstruieren einer anderen Welt usw. Ich könnte Seiten damit füllen. Das Wichtigste aber ist es, mir ein Ziel zu setzen und alles zu geben, um dieses zu erreichen. Ich schrieb einmal, ein Mensch sollte sich in die Sterne schreiben. Es ist mein Credo! Und es stimmt für mich. Das Leben ist viel zu kurz, viel zu einmalig, um es zu verschwenden. Handelt nicht jedes meiner Bücher von der Suche nach einem Sinn? Will nicht jede meiner Figuren ihrem Leben ein Ziel geben?
Jedes Buch ist auch eine Forschungsreise ins eigene Innere. Und beim Scheiben meines letzten Romans bin ich in den tiefsten und verborgensten Winkel gedrungen, so dass mir klar wurde, wie tief Verletzungen gehen können und wie nachhaltig sie prägen. Ich wollte aus meinem dramatischen Stoff etwas Leichtes und Farbenfrohes schaffen. Der See nimmt meiner Figur Rosy alles Kummervolle ab. Zurück bleibt eine blanke Oberfläche für Neues.
Das Buch widergibt den Zeitgeist der 60er Jahre. Da hat sich eine junge Frau noch sehr auf den Partner gestützt, an dessen Karriere geglaubt, ihre Fähigkeiten womöglich zu dessen Gunsten eingesetzt und die Sehnsucht nach Anerkennung unterdrückt.
Ich selbst hatte das Glück, dass ich meinen Traum vom Schreiben realisieren konnte. Doch zuerst musste ich an mich selber glauben können. Ich. An mich. So einfach ist das aber nicht. Das ist es nie! Es war ein langer einsamer Weg. Ich würde ihn immer wieder gehen, denn ich schulde ihm mein Glück. Im Grunde ist wohl mein ganzes Werk ein Versuch, mich in die Sterne zu schreiben. 

Ein Dorf am See, eine Kirche, eine Villa, in der Nähe eine Fabrik. Ein junges Ehepaar, eine reiche abgewandte Dame, ein Pfarrer und acht nach dem Leben, der Liebe schmachtende hormongesteuerte Mädchen und Töchter, die der Kontrolle von Eltern und Institutionen zu entgleiten drohen. Liebst du das Pulverfass? Die heissen Magmakammern unter der Normalität?

Ja, ich liebe die heissen Magmakammern unter der Normalität. Ich langweile mich leicht. Ich kann nicht Monate mit einem Text verbringen, der mich nicht immer neu an die Decke springen lässt. Ich schreibe ja zu meiner eigenen Unterhaltung. Deshalb bewege ich mich auch auf überschaubarem Raum und wähle bewusst nur wenige Figuren. Ich möchte diese von nah beobachten. Ich sprenge sie in diese und jene Richtung. Wenn nicht hinter jeder Ecke etwas Unerwartetes lauert, drücke ich auf die «delate» Taste.

„Ich war ein schwarzes Loch. Wir waren ein jedes dem andern ein schwarzes Loch“, steht im Roman. Spricht daraus die Ernüchterung darüber, dass selbst Liebe und Freundschaft nie darüber hinwegtäuschen können, dass jene Sehnsucht, die so sehr nach Nähe ruft, gar nie gestillt werden kann?
Schön ist der Glaube an die Liebe. Bewegend ist die Sehnsucht und die Trauer. Glücklich wer diese Empfindungen kennt. Liebende sind einander ein Rätsel. Manchmal ist jedes dem andern ein schwarzes Loch. Liebe ist ein Geschenk. Meine Figur Rosy erhellte sich damit eine Weile ihren Traum von der Zukunft. Doch die Liebe erlischt wie eine Kerze. Das Mädchen Kitty kann nicht glauben, dass Gefühle ändern. Sie will ihre Zukunft mit der Waffe erzwingen. Rosy spürt, dass sich nichts erzwingen lässt. Sie sucht nun allein den Ort, wo ein Mensch anständig bleiben kann.

Margrit Schriber wurde 1939 als Tochter eines Wunderheilers in Luzern geboren. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.

Webseite der Autorin

Beitragsbild © Sandra Kottonau

Margrit Schriber «Heute + gestern + morgen, Gedanken zum 80sten

Margrit Schriber feiert heute ihren 80. Geburtstag! 1976 veröffentlichte sie ihren ersten Roman «Aussicht gerahmt», seither zwei Dutzend Romane, Erzählbände, Stücke und Hörspiele. Wer Margrit Schribers Werke kennt, weiss wie sehr sie den Spirit des Erzählens zu leben weiss. Ich wünsche ihr zusammen mit vielen treuen Leserinnen und Lesern, dass dieser Geist noch lange wirkt!

«Ihre grosse  Leistung sehe ich darin, dass Sie das Schweigen zum Reden bringt. Das Wort ist ihre Achillessehne. Ich füge hinzu: zum Glück, denn damit sind ihre Leser dazu eingeladen, die grosse, unglaubliche Wirkung der Sprache ernst zu nehmen.» Prof. Hans Ester

HEUTE mache ich mir Gedanken zu meinem Achzigsten. Eine unglaubliche Zahl. Doch ich fühle mich heute so jung, so frisch, so vital wie immer. Ich habe im Februar einen Roman beendet, mein neunzehntes Buch. Doch in meinem Verlag wechselt die Leitung. Und so liegt das Manus jetzt dort in der Schublade UNGEWISSHEITEN. Das ist ein Wermutstropfen am heutigen Tag.

RÜCKBLICKEND ist für mich «Schreiben» der abenteuerlichste Akt in meinem Leben. Jedes Buch ist das Schnüren meines Rucksacks zum Aufbruch in eine neue Welt. Ich holze linksrechts eine Schneise durch den Dschungel. Das belebt mich! Das ist das Elixier, das ich brauche. Das erhält mich jung.

Das Leben steckt Grenzen, bietet aber Möglichkeiten. Das ist ein Thema.

Ich schreibe über Menschen, ihre Wege, Wünsche, Möglichkeiten und Widerwärtigkeiten. Das was sie wollen ist nicht immer das, was sie erreichen. Aber ich bewundere aus tiefstem Inneren die fantastischen Höheflüge, zu denen ein Mensch sich aufraffen kann. Ob er scheitert, ob er seine Möglichkeit falsch einschätzt, das ist nicht von Bedeutung. Aber dass er all seine Kraft und Fähigkeit aufbringt, um für einen Traum zu kämpfen, das ringt mir Achtung ab. Ich glaube, dass es dieser ungebrochene Mut und Trotz ist, der aus einem Individuum erst einen Menschen macht.

Ich schöpfe aus meinem Alltag und meiner Umgebung. Manchmal drehe ich das Zeitrad zurück, doch immer nehme ich mir Leute zum Vorbild, die ich kenne oder die es gegeben hat. Ich stelle sie mir mit all ihren Widersprüchlichkeiten vor. Bilder erstehen, Gespräche, Handlungen, Konflikte. Schliesslich lebe ich mit meinen Figuren. Ich baue Szene um Szene den Roman oder die Geschichte.
Trotzdem: Wir wissen so wenig voneinander. Es ist immer nur ein Bruchteil, der aufschimmert, den wir wahrnehmen. Also baue ich aus diesem Bruchteil meine neue, eine andere Welt. Das ist mir klar. Meine Figur ist mein Geschöpf und dreht sich in der Spieluhr meines geschaffenen Turms zum Stundenschlag im Kreis.

ZUKUNFT ist immer ein Zauberwort. In meinem Alter reizt dieses Wort zum Lachanfall. Ich machte mir immer eine Idealvorstellung. Zum Beispiel wollte ich ein wertvoller Mensch sein, andere ermutigen, dass sie ihre Träume verwirklichen. Gute Literatur machen und ganz darin aufgehen. Daneben wollte ich jemand sein, der mit offenen Augen durchs Leben geht. Aber im Lauf der Jahrzehnte schrumpfte die Idealvorstellung von meinem Wert oder von der Bedeutung meines Werks. Ich habe begriffen, dass mein Aufleuchten in der Schöpfung bedeutungslos ist. Aber ich lebe: Das ist grandios. Ich zähle zum unermesslichen Grossen Ganzen. Und jetzt zum Achtzigsten kann ich sagen, dass ich die Schönheit anbete, die mich hier umgibt. Dass ich vor dieser Pracht in die Knie gehe. Wie andere vor mir und andere nach mir. Das Aufblinken meines Staubkorns im All ist nicht Nichts gewesen.

Margrit Schriber wurde 1939 in Luzern geboren, als Tochter eines Wunderheilers. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.

Rezension des Romans «Glänzende Aussichten» auf literaturblatt.ch

«Die Verrücktheiten in meinem Leben» von Margrit Schriber auf der Plattform Gegenzauber

Margrit Schriber „Glänzende Aussichten“, Nagel und Kimche

Pia gehört eine Tankstelle in der Nähe der Autobahn. Pia trägt Latzhose und manchmal den Hut ihres schon lange verstorbenen Vaters. Er war ihr Lehrer gewesen, hat ihr alles gezeigt. Pia weiss alles über Motoren, auch wenn sie es selber nie für nötig gefunden hat, einen Führerschein zu erwerben. Pia wäre glücklich, wenn sich die Erde im immer gleichen Tempo drehen würde und die Männer so nicht wären.

1980, irgendwo im schweizerischen Mittelland. Noch hat es Wiesen hinter der Tankstelle. Selbst Gigi, Pias Nachbar, glaubt in seinem Containerbüro, dass er eines Tages seinen Occasionsverkauf teuer verscherbeln und dann irgendwo seine Haut an der Sonne schmeicheln lassen wird. Pia weiss, dass das wenige Geld, das sie mit Benzin, Sonnenbrillen und Illustrierten verdient, auf die Dauer nicht reichen wird. Was ihr ihr Vater einst als Perle übergeben hatte, droht an der Moderne zu scheitern.

Da sind auch die Männer keine Hilfe. Nicht der windige Luc mit seinem schnittigen Amerikaner, seinen Schmeicheleien und Drohungen. Nicht Gigi, der Occasionskönig mit seinen gebräunten Muskeln. Nicht Bolt, der Regionalvertreter des Benzingrossisten. Nicht Holzer, der Immobilienmann und Liebhaber ihrer Freundin Luise und schon gar nicht Andy, der Arzt, der sie einmal zum Glühen bringt. Höchstens Waldi. Aber Waldi ist ein Plüschhund auf der Kasse im Laden und nickt, wenn die Kasse klingelt. Er hört ihr zu.

“Glänzende Aussichten“ spielt gekonnt mit Klischees. Während des Lesens spielen sich unweigerlich Bilder ein, die an Filme erinnern, nicht zuletzt an solche mit Josef Hader. Dass die grosse Könnerin mit fast 80 derart spitzen Witz und Spitzigkeit in ihren Roman bringt, erstaunt nicht. Margit Schriber unterhält gekonnt, zeichnet ihre Figuren mit viel Liebe fürs Detail. Alle sind sie auf ihre Art Verlierer und Versager. Und wer den Roman liest, staunt über den Wiedererkennungseffekt. Zum Beispiel bei Luc, einst Pias Liebe. Bis Pia merkt, dass Luc viel mehr in sich selbst und seinen Auftritt verliebt ist und er bloss Personal und Zuschauer braucht. Einer dieser Aufgeblähten mit unendlichem Glauben an sich selbst, nicht zu brechendem Selbstvertrauen und der festen Überzeugung, die Sonne im System zu sein.

“Was uns tief im Innern trifft, darüber reden wir nicht.“

Pia kämpft sich durch, durch alle Widrigkeiten, die sich ihr in einer langen Kette entgegenstellen. Auch nach ihrem Entschluss, auf ihrem Grund eine Waschanlage bauen zu lassen, reissen Rückschläge nicht ab. Die Geschichte spiegelt das Frauenbild der 80er Jahre. Und wenn auch die Protzbeutel weniger werden – solange die Sorte zu Präsidenten werden, hat sich eben doch nicht viel geändert.
Und die Geschichte ist keineswegs an den Haaren herbeigezogen. Margrit Schriber weiss wovon sie schreibt. Sie kennt den Geruch von Benzin und Motorenöl, auch wenn ihre Kurzbiographie nicht danach aussieht.

Margrit Schriber wurde 1939 in Luzern geboren, als Tochter eines Wunderheilers. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk.

Margrit Schriber bei ihrer Buchpremière in der Kantonsbibliothek Schwyz

Webseite der Autorin

Titelfoto: Sandra Kottonau

Margrit Schriber «Die Verrücktheiten in meinem Leben»

Die verrückteste Tat meines Lebens war der Kauf einer Autowaschanlage. Wozu braucht eine Schriftstellerin eine solche, da sie durch ihre Phantasie flaniert? Die Antwort ist einfach. Man muss essen, man hat eine Aufgabe, in meinem Fall eine Reihe von Aufgaben. Ich muss aus dem Reich der Phantasie zurückkehren und von einem zum andern Moment mit beiden Füssen auf dem Boden stehen, denn ich betreue ein Areal. Darauf gab es in den 80er Jahren eine kleine Autowerkstatt mit handbetriebenen Benzinsäulen. Da rundum Grosstankstellen aus dem Boden schossen, kämpfte der Betrieb ums Überleben. Seine Waschstrasse war veraltet. Und es existierte ein bindender Vertrag mit einem weltweiten Benzinkonzern, der diesem eine funktionierende Waschanlage garantierte.
Die Situation war verzwickt!
Es musste eine Autowaschanlage gekauft werden, die mehr Autos in kürzerer Zeit sauberer wäscht. Die Finanzierung von mehr als einer Viertelmillion Franken machte mir Bauchweh. Schreiben ist vergleichsweise erholsam, Geld spielt da nie eine Rolle. Doch jetzt, im Leben?
Ich beschloss das Risiko einzugehen. Der Benzinkonzern schickte mir einen Mann aus der Direktion. Er verhandelte ungern mit einer Frau, die nichts vom Business verstand. Autowaschanlagen waren seine Domäne. Er holte für die Kleingarage eine Offerte ein. Die schickte er mir. Und übersah, dass er auch die Offerte einpackte, die das Fabrikationswerk an ihn gerichtet hatte. Sie belief sich auf den halben Preis. Dies alarmierte mich. Ich suchte nach einem Anbieter ohne Verknüpfung mit dem Benzinkonzern. In Mailand wurde ich fündig. Der Mann aus der Direktion zweifelte, dass Italiener eine solche Anlage bauen können, wollte mich aber zum Werk begleiten. Doch ich wartete vergeblich am Bahnhof und fuhr schliesslich allein dem Gotthard zu.
Der Ingenieur führte mir seine zischende, spritzende Anlage vor. Ich erinnere mich, dass er sich vorbeugte, um im Lärm meine Meinung zu hören und ich nur sein triefendes pechschwarzes Haar anstarrte. Ich hatte keine Meinung. Danach legte er farbige Bürstenfäden vor mich hin. Man könne Duft beifügen, sagte er eifrig. Minze, Jasmin, Vanille, was immer ich möge. Dies liess mich lächeln. Da hielt er mir den Federhalter hin. Und ich unterschrieb.

Die Monteure beeindruckten mit ihren immer sauberen Überkleidern und ihren Arien, die aus dem Tunnel klangen. Der Autowaschtunnel nahm den Betrieb auf. Bald alarmierte eine Störung. Die Mailänder reisten an, behoben sie, wuschen die Hände und reisten in blitzsauberen Überkleidern wieder ab. Eine Freundin erzählte, sie habe beim Autowaschen ein Knacken gehört. Da sei sie aus dem Tunnel gerannt. „Ich wollte nicht im Auto zerdrückt werden.“ Sie übertrieb masslos. Das Gerücht verbreitete sich, diese Autowaschanlage sei lebensgefährlich. Das war fatal geschäftsschädigend. Vor Schreck vermochte ich mich nicht einmal ans Schreiben zu klammern, obwohl mir das in schlimmen Situationen ein Trost ist, da ich mir mit Wörtern erbitterte Feindinnen vom Hals schaffen kann. Das Verschrotten der Autowaschanlage war dann meine zweitverrückteste Tat.
Manchmal weht die Erinnerung mich an. In meinem Roman „Glänzende Aussichten“ habe ich aus dieser Erinnerung eine neue und ganz eigene Welt geschaffen.

27.10.2017

Margrit Schriber wurde 1939 in Luzern geboren, als Tochter eines Wunderheilers. Sie arbeitete als Bankangestellte, Werbegrafikerin und Fotomodell. Margrit Schriber lebt heute als freie Schriftstellerin in Zofingen und in der französischen Dordogne. Sie erhielt mehrere Auszeichnungen, unter anderem den Aargauer Literaturpreis für ihr Gesamtwerk. Ihr letzter Roman „Schwestern wie Tag und Nacht“ ist bei ProLobro erschienen, eine raffinierte Beziehungsgeschichte in Krimiform. Ende Januar erscheint bei Nagel & Kimche ihr neuer Roman. Erste Informationen finden sich auf der Webseite der Autorin:

Zu ihrem neuen Roman, der Enda Januar bei Nagel & Kimche erscheinen wird: Seit dem Tod ihres Vaters Anfang der 80er Jahre betreibt Pia die außerhalb gelegene Tankstelle allein: Benzin, Super, leichte Reparaturen, Kiosk mit Imbiss. Aber mittlerweile haben sich die Kunden an das zeitsparende Tanken woanders gewöhnt und kommen nicht mehr extra zu ihr. Pias beste Kundin ist auch ihre beste Freundin, Luisa, Versicherungsangestellte und Geliebte des örtlichen Baulöwen Holzer. Auch Pias Exfreund Luc taucht immer wieder auf — weil er zur Stelle sein möchte, wenn Pia das Geschäft verkaufen muss: Er glaubt, ihm stehe ein Anteil zu. Pia plant die Flucht nach vorn: den weitherum größten Autowaschsalon, ein Pflegeereignis der besonderen Art, das vollautomatische Schneiden-Waschen-Fönen des geliebten täglichen Gefährten. Dazu braucht sie Holzer als Investor; um seine Zusage kümmert sich Luisa. In Mailand wird die modernste Waschstraße bestellt. Die Einweihung wird eine furiose, erotische Feier, die das Dorf in Aufruhr versetzt.

„Ich glaube ans Leben als ein Geschenk. Aber ich glaube auch an die Phantasie als ein hohes Gut. Und ans Buch. Bücher besitzen die magische Kraft, im Kopf eines jeden Lesers eine ganz eigene Welt erstehen zu lassen. Darin liegt ihre einzigartige Sensation.“

Titelfoto: Yvonne Böhler