Falun Ellie Koos «Zähe Hunde», Aufbau

Was entscheidet, wo man hingetragen wird, wo es einem hinverschlägt. Ob man untergeht, strandet, überlebt oder reüssiert? Wie viel ist Schicksal, Herkunft, Familie, Beziehung oder pures Glück? Falun Ellie Koos schrieb mit ihrem Debüt „Zähe Hunde“ eine etwas andere Familiengeschichte, eine aus der Kälte.

Noch eine Emanzipationsgeschichte? Die Geschichte einer jungen Frau, die sich aus den Umklammerungen ihrer Familiengeschichte winden muss? Die den Dreck ihrer Kindheit abschütteln, Zutrauen zu sich selber finden, einen Weg zum Miteinander aus all den Verletzungen schälen muss? Ich spüre während der Lektüre die Verwundungen einer gebeutelten Seele, aufgewirbelter Dreck brennt in den Augen, Schweiss sticht in der Nase. Was Falun Ellie Koos beschreibt, wird körperlich, legt sich wie ein immer schwerer werdendes Kettenhemd auf die Schultern.

Falun Ellie Koos «Zähe Hunde», Aufbau, 2026, aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann, 303 Seiten, ISBN 978-3-351-04277-6

Ada, die Erzählerin, und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Broos sind die Kinder einer Familie, die in die Brüche geht. Viel zu jung stolperten die Eltern in die Pflichten einer Elternschaft, strauchelten, fielen hin. Sie trennen sich. Ada versucht alles, um ihrem trinkenden Vater zu gefallen, Broos, ihr Bruder, bleibt bis zu Mutters viel zu frühen Tod der Liebling seiner Mutter. Bis sie stirbt und die beiden Kinder im gammligen Trailer ihres Vater bleiben müssen, weit ausserhalb der Stadt, nahe einer Autobahn, die letzten in einem Trailerpark, übrig geblieben. Adas Vater verdient sein Geld als Gelegenheitsgärtner, lebt ein Leben als Abgeschotteter, Enttäuschter, Kämpfer auf verlorenem Posten. Er ist davon überzeugt, seine Kinder durch Härte erziehen zu müssen. So lernen die beiden auch schwimmen – beinahe ertrinkend.

Ada und Broos wachsen isoliert und kontrolliert auf. Sie gehen wohl zur Schule, Koos mehr schlecht und recht, Ada als seine Beschützerin bis die Fäuste fliegen und Blut fliesst, aber Freundschaft ausserhalb wachsen nicht. So wie Mutter und Vater bleiben sie Sonderlinge, gezeichnet von den Verwundungen des Lebens.

Irgendwann, nachdem Ada schon Jahre an der Seite ihres Vaters Gartenarbeit macht, wagt Ada den ersten Schritt in die Selbstständigkeit; eine, wenn auch schlecht bezahlte Arbeit in einer Fleischfabrik. 5 Tage in der Woche bei 4 Grad. Dort lernt sie Frédérique kennen, eine Kunststudentin, deren Gründe, sich solcher Arbeit auszusetzen, ganz andere sind. Die beiden jungen Frauen nähern sich an, fasziniert vom Geruch einer ganz anderen Welt. Bis Frédérique es schafft, Ada dazu zu bewegen, ihre Zeichnungen zu zeigen und sich ein Weg öffnet, der ohne Frédérique verschlossen geblieben wäre. Ada beginnt an einer Kunstschule zu studieren. So wie sich die Zukunft wie Türen öffnen, so sehr verschliesst sich ihr Zugang zu dem, was an Familie übrig geblieben ist.

Bis Ada spürt, dass es eine Richtungsänderung braucht und sie Mitte Zwanzig in eine ehemalige Künsterkolonie weit weg von jeglicher Zivilisation zieht, in der bloss noch ein mürrischer Holzfäller geblieben ist. Mit einem Mal, zurückgeworfen auf sich selbst, erinnert an die kargen Jahre ihrer Kindheit, beginnt in der Einöde etwas Neues.

Falun Ellie Koos mischt die drei Erzählebenen; Kindheit, Studienzeit und die Monate in Galizien. Die Sprache ist ebenso karg und hölzern wie das rauhe Leben der Protagonistin. Ada ist ins Leben hineingeworfen, über weite Strecken sich selbst überlassen, vom Vater zum „zähen Hund“ erzogen, trotzig, wild, unnachgibig. Ein zäher Hund geblieben, bis das Schicksal eines Tiers, die Seele auftut. Noch ein Roman, der das hochstilisierte Idyll der Familie sandstrahlt. Szenerien, die manchmal beinahe dystopisch erscheinen, mitten in der Gegenwart. Kraftvoll, trotz allem strotzend vor Leben!

Falun Ellie Koos, geboren 1992, ist Schriftsteller und Filmemacher. Koos‘ Debütroman «Zähe Hunde» wurde für eine Vielzahl an Preisen nominiert, u.a. für die Shortlist des wichtigen Libris-Literaturpreises, und von der Zeitung Het Parool zu einem der zehn besten Bücher des Jahres gewählt. Koos gewann 2022 den Joost-Zwagerman-Essaypreis und erhielt 2023 ein Cronestipendium für vielversprechende Autor:innen der Stadt Utrecht.

Andrea Kluitmann, geboren 1966, studierte Germanistik und Filmwissenschaft in Bochum und Amsterdam. Heute arbeitet sie als Übersetzerin von Romanen, Theaterstücken und Graphic Novels und gibt Interviewtraining und Deutschunterricht.

Beitragsbild © Koos Breukel