Schelmischer Witz in schrecklichen Zeiten – über Andrej Kurkow, «Samson und Nadjeschda» / «Samson und das gestohlene Herz» (29)

Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache.

Lieber Gallus

Du liest keine Krimis, ich weiss. Ich möchte dich aber ermuntern, Kurkows Geschichten um Samson und Nadjeschda, die in der Diogenes-Ausgabe als Krimi bezeichnet werden (was sie meines Erachtens nicht sind), zu lesen. Zudem ist Andrej Kurkow einer der wichtigen Autoren der Ukraine.

Ich denke, das ist meine Aufgabe im Moment: Mehr Informationen über die Ukraine zu verbreiten, viel zuzuhören, zu lesen und zu erklären, was passiert, was die Gründe für den Krieg waren. Und auch, die ganze Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen der letzten Jahre zu beleuchten. Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache. Ich bin schon immer geschichtsinteressiert gewesen und habe schon einmal eine Geschichte geschrieben, die 1918 beginnt, die Trilogie «Geografie eines einzelnen Schusses». So der Autor in einem Interview mit der Büchergilde. Die ersten zwei Bücher einer Reihe sind als schön gestaltete Ausgaben bei der Büchergilde erschienen. Roman und nicht Krimi steht auf dem Cover und auf dem Titelblatt.

Andrej Kurkow hat 2017 von einer Leserin eine Kiste mit Akten der bolschewikischen Geheimpolizei aus den Jahren 1919-1921 erhalten. Historisch interessiert entschloss er sich, über diese Zeit zu schreiben. Damals hatten die Bolschewiken den unter mehreren Parteien ausgebrochenen Bürgerkrieg schliesslich gewonnen und Kiev erobert. Parallelen zum aktuellen Angriffskrieg der Russen regen zum Nachdenken an.

Andrej Kurkow «Samson und Nadjeschda», Diogenes, 2022, aus dem Russischen von Johanna Marx und Sabine Grebing, mit Illustrationen von Juri Nikitin, 368 Seiten, CHF ca. 32.00, ISBN 978-3-257-07207-5

Samson, ein junger Mann aus Kiev, nach der Ermordung seines Vaters durch Kosaken und dem Tod von seiner Mutter und Schwester durch Krankheit allein übrig geblieben, will überleben. Zufällig bekommt er Arbeit als Polizeiermittler, er will in diesen Zeiten des Umbruchs korrekt und richtig handeln. Alle paar Monate wechseln die Machtverhältnisse in der Stadt, die Polizei hilft der jeweils herrschenden Macht, Kriminalität zu bekämpfen. Wir begegnen bei Samsons Ermittlungen vielen skurrilen Charakteren in einer Welt von Hunger, Angst und Mangel an Holz zum Heizen.

Nadjeschda ist eine junge Frau aus einem Arbeiterviertel am Dnjepr, genannt Podil. Fasziniert von kommunistischen Ideen arbeitet sie im städtischen Statistischen Amt. Sie lebt bei ihren Eltern. Die Hausmeisterwitwe bringt Samson und Nadjeschda zusammen. Da sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen ist ihre Beziehung nicht einfach und durch die kriegerischen Aktivitäten bedroht.

Samson wurde von den Kosaken das rechte Ohr abgetrennt. Auf wundersame Weise kann er damit mehr und anders hören als mit dem gesunden und wird dadurch auch vor dem Tod gerettet. Ich denke, ich habe so viele „medizinische Fantasien“ in meinen Romanen, weil meine Mutter und Großmutter Ärztinnen waren. Meine Großmutter war in Kriegszeiten Chirurgin, und ich lebte als Kind sechs Jahre bei ihr.

Auf humorvolle, fantastische und berührende Weise gelingt es dem Autor, das wechselvolle Leben im Krieg mit seinen Gräueln und Schrecken atmosphärisch dicht und spannend zu schildern. Für mich sind diese Bücher historische Romane. Sie liefern einen spannend lesbaren Beitrag zur komplexen Geschichte der Ukraine, die damals wie heute von einer machtbesessenen Grossmacht bedroht ist. Kurkows schelmischer Witz in seinem Schreiben über schreckliche Zeiten packen den Leser, die Leserin und wirken zeitlos.

Falls du eines der Bücher liest, würden mich deine Eindrücke interessieren.
Herzlich

Bär

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Lieber Bär

Ja, ich hab eines gelesen; «Samson und Nadjeschda», sogar in einer Ausgabe von der Büchergilde Gutenberg, einem etwas anderen Buchclub, der es immer wieder schafft, das Original, bei Andrej Kurkow den Diogenes Verlag, in Grafik und Design zu toppen. Aber das nur am Rande vermerkt.

Ich verstehe deine Faszination für diese Romane sehr wohl. Zum einen kennst du dich am Schauplatz aus, auch wenn Kiev nicht mehr jene Stadt ist, die sie 1919 war und selbst jenes Vorkriegskiev, vor dem denkwürdigen 24. Februar 2022, als der aggressive Angriffskrieg Putinrusslands auf die Ukraine begann. Du warst da, mehrfach, zusammen mit deiner Frau und hast dich nicht nur für Land, Leute und Sprache interessiert, sondern humanitäre Projekte unterstützt. Die Ukraine ist für dich längst zu einem Herzensland geworden und der Krieg dort nicht einfach einer, der sich in den Medien abspielt, sondern einer, der sich auf dem Rücken derer austobt, die ihr ins Herz geschlossen habt, Menschen, Familien.

«Samson und Nadjeschda» aus der Büchergilde Gutenberg

Andrej Kurkow beschreibt ein Kiev nach den Wirren des ersten Weltkrieges, nach der russischen Revolution, eine Stadt, die sich von allen möglichen Gruppierungen und militärisch organisierten Banden ausgesetzt sieht. Eine Stadt und ihre Bevölkerung, die nicht nur Hunger leidet, sondern unter der Willkür marodierender Soldaten. Samson ist Opfer und Opportunist zugleich. Der Familie durch Krankheit und Gewalt beraubt, gezwungen, mit Rotarmisten die karge Wohnung zu teilen, schubst ihn das Schicksal von Bühne zu Bühne. Zum einen hilft ihm sein abgeschnittenes Ohr, seine Naivität und seine Fähigkeit zu schreiben. Samson spült es in die Mühlen eines wackligen Polizeiapparats. Mit einem Mal ist er ausstaffiert mit den Insignien der Macht und wird Polizist. Tapfer will er für Ordnung sorgen und merkt sehr bald, das diese unwiederbringlich verloren ist.

Auch die Liebe, wenn auch eine hölzerne und zaghafte, kommt in «Samson und Nadjeschda» nicht zu kurz. Was mich an diesem Roman überzeugt, ist der Ton. Andrej Kurkow erzählt in einer Sprache, die genau in die Zeit passt und mir als Leser diesen über 100jährigen Groove vermittelt, in der die Geschichte spielt. Obwohl deutsch übersetzt lese ich eine russisch erzählte Geschichte, im Duktus seiner grossen Vorbilder. Eine Geschichte über eine Stadt, ein Land, die beide schon immer im Strudel der Geschichte standen, wo sich die verschiedensten Besatzer wie Heuschreckenschwärme übers Land legten.

Absolut lesenswert. Einmal mehr vielen Dank für den Tipp!

Sei umarmt
Gallus

© Pako Mera / Opale / Bridgeman Images

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach schrieb er zahlreiche Drehbücher. Seit seinem Roman «Picknick auf dem Eis» gilt er als einer der wichtigsten zeitgenössischen ukrainischen Autoren. Sein Werk erscheint in 45 Sprachen. Kurkow lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Ukraine. 2023 wurde er als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen.

Johanna Marx, Studium am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 2010 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin.

Sabine Grebing studierte Slawistik, Musikwissenschaft und Philosophie sowie Übersetzen. Neben Andrej Kurkows übersetzt sie auch andere Werke aus dem Russischen, dem Französischen und Englischen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare

Da ich bald erstmals nach Riga reise, habe ich mich über lettische Literatur informiert und bin auf «Das Bett mit dem goldenen Bein» von Zigmunds Skujiņš gestossen. Begeistert nur schon vom hervorragend gestalteten Cover mit Schuber aus der Reihe Mare Klassiker habe ich bei der Lektüre erfahren, dass die «Legende einer Familie» ein literarischer Leckerbissen ist.

Lieber Gallus

Auf 538 Seiten betreten mehrere Generationen der Familie Vejagals die Weltbühne. Die Geschicke einzelner Familienmitglieder vor dem Hintergrund der lettischen Geschichte über mehr als 100 Jahre, ausgehend von einer durch Agrarwirtschaft geprägten Gesellschaft, welche die Seefahrt entdeckt. Vom Lettland als Schlachtfeld in den Weltkriegen zwischen Deutschland und der Sowjetunion berichtet der Erzähler bis in die Nachkriegszeit.

Nein, was ihn wirklich von der Reise abhielt, war der Vejagal’sche Charakter, ein gegen sich selbst gerichteter Trotz, der Unwille, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu bringen. Man konnte es Ehrgeiz oder Stolz nennen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare, aus dem Lettischen von Nicole Nau, mit einem Nachwort von Judith Leister, mit Lesebändchen im Schuber, 2022, 608 Seiten, CHF ca. 65.90, ISBN: 978-3-86648-658-4

Dank der Ahnentafel der Familie Vejagals auf der ersten Seite und der grossartigen Erzählart findet sich die Leserin, der Leser gut zurecht. Zuerst erfahren wir die Geschichte von Noass, dem erfolgreichen Seefahrer und von seinem Bruder Augusts, dem sesshaften, sein Handwerk liebenden Bauer. Schon hier entsteht Spannung, weil Augusts während der langen Abwesenheit Noass’ auf See dessen Ehefrau schwängert. Nach und nach treten andere Vejagals auf, vielen wird ein Kapitel gewidmet, grob chronologisch angeordnet ohne genaue Daten. Hilfreich ist ein ausführliches Glossar im Anhang.

«Legt mich mit Brille in den Sarg. Ich will euch alle sehen, aber die Augen tun’s nicht mehr so recht» und fügte hinzu: «In den Bienenstöcken summt es gewaltig, das wird ein gutes Jahr.»

Die Verknüpfung der so unterschiedlichen Geschichten der Familienmitglieder gelingt literarisch wunderbar, sodass ein spannender Lesefluss entsteht und ich immer wieder von neuem mitgerissen werde. Packend und lebendig werden die Menschen geschildert. Lettland mit seinem landschaftlichen, gesellschaftlichen und historischen Hintergrund wird filmisch erlebbar. 

Ein Morgen wie im Bilderbuch. Leichter Tau, wolkenloser Himmel, man könnte sich sofort an die Arbeit machen, aber nein, man muss zu seinem Einsatzort gehen, wo man gesagt bekommt, was heute zu tun ist. (Kolchose)

Die Vejagals haben sehr unterschiedliche Lebenswege, packen ihr Schicksal oft kämpferisch an und sind dem Leben zugewandt. Ob erfolgreicher Seefahrer in Lateinamerika, naturnaher Bauer, der sich in der Kolchose nicht mehr zurechtfindet, Bibliothekarin in besonderer Liebesbeziehung oder nach England flüchtender Chaot, Skujiņš beschreibt die Charaktere subtil und plastisch.

Dieses Buch ist sowohl von der Gestaltung wie vom Inhalt her unbedingt zu empfehlen.

Herzlich

Bär

Zigmunds Skujiņš (sprich: Skuiensch) wurde 1926 in Riga geboren. Nach Anfängen im Journalismus wandte er sich ganz dem literarischen Schreiben zu. Zu seinem Werk gehören zahlreiche Romane und mehrere Erzählbände sowie Theaterstücke, Drehbücher und Essays. Skujiņš ist einer der renommiertesten Schriftsteller seines Landes. Sein Werk wurde in viele europäische Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. «Das Bett mit dem goldenen Bein» (1984) gilt als sein grösster Erfolg. Skujiņš starb im März 2022 in Riga.

Nicole Nau, geboren 1962 in Giessen, ist Professorin für Allgemeine Sprachwissenschaft und Lettische Philologie an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan (Posen). Sie übersetzt zeitgenössische lettische Prosa, u.a. von Nora Ikstena und Māra Zālīte. Auf ihrer Website lettlandlesen.com informiert sie über Literatur aus Lettland.

Judith Leister (Nachwort) studierte Germanistik, Komparatistik und Slawistik in München und Berlin. Seit 2005 verfasst sie Beiträge für verschiedene Medien, u.a. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Deutschlandfunk. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf osteuropäischer Kultur und Geschichte sowie jüdischen Themen. Sie lebt in München.

Beitragsbild © Gunārs Janaitis

Noch einmal zurück in die Zeiten des Aufbruchs? Zu Pascal Merciers «Der Fluss der Zeit» (28)

In den drei vergangenen Stunden, in denen er uns durch das Haus geführt hatte, konnte man an Prager noch eine Art Spannung spüren, eine kleine Zukunft. Jetzt, als er mitten in seinem aufgeräumten, leblos wirkenden Atelier stand, war alles an ihm erloschen.

Lieber Gallus

Gestern ist mir dieses schmale posthum erschienene Werk begegnet, eine wahre Trouvaille! Vor meiner Abreise nach Riga muss ich dir daher noch schreiben. Ich habe das Buch begeistert gelesen; fünf berührende Geschichten mit Tiefgang in einer wunderbaren Sprache.

Wie gehe ich mit Dankbarkeit um? Was geht in mir vor, wenn das Haus, worin ich lebte, an Nachfolger übergeht? Wie gehe ich mit der Angst an den Tagen um, wo ich auf einen möglicherweise bösartigen Befund warten muss? Ein Mann besucht nochmals sein Studentenzimmer und erlebt, was sich dort, aber auch in ihm verändert hat.

Pascal Mercier «Der Fluss der Zeit», Hanser, 2026, 112 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28577-4

Ich würde gerne für eine Weile in meinem damaligen Zimmer sitzen, sagte ich. «Einfach so?», fragte Christa. Ich nickte und schloss die Tür. Ich machte das elektrische Heizgerät an und legte mich hin. Als ich die Wärme zu spüren begann, merkte ich, dass etwas mit mir geschah: Ich wollte nicht mehr weg.

Pascal Mercier stellt grosse Fragen an unsere Existenz auf literarisch überzeugende Weise. Ein würdiges Vermächtnis. Dieses Buch gefällt dir sicher auch.

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Ich reagiere sehr skeptisch, wenn Bücher aus dem Nachlass verstorbener AutorInnen veröffentlicht werden, vielleicht sogar mit einer gewissen Abwehr. Das war auch der Grund, weshalb ich das schmale Buch bis jetzt nicht zur Hand genommen habe. Weil ich aus einem Reflex heraus vermute, dass es sehr wohl im Interesse des Verlages sein muss, wenn man aus den einstigen Früchten den letzten Saft herauspressen will. Weil ich glaube, dass es Gründe zu Lebzeiten des Autors gegeben haben muss, dass die Erzählungen in Schubladen oder Dateien blieben.

Aber dein kurzer Brief vor deiner Abreise, ermuntert mich nun doch, die Erzählungen zu lesen. Nicht zuletzt darum, weil die Kritiken zum Buch durchzogen sind. Aber wie wir beide wissen; das Urteil jener, die sich im Literaturbetrieb das Recht geben, die Spreu vom Weizen zu trennen, entspricht nicht immer dem, was Leserinnen und Leser empfinden, die sich nicht nach dem Geschmack medienwirksamer LiteraturkritikerInnen richten.

Gute Reise nach Riga! Ich geniesse die Lyriktage in Basel!

Gallus

Pascal Mercier, mit bürgerlichem Namen Peter Bieri, wurde 1944 in Bern geboren. Er war an der Universität Heidelberg (1983–1990) und in Marburg (1990–1993) Professor für Philosophie. Von 1993 bis 2007 lehrte Peter Bieri an der FU Berlin Sprachphilosophie und Analytische Philosophie, dann verliess er den Lehrbetrieb. Sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) wurde ein Weltbestseller. 2006 wurde Pascal Mercier mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet, 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Er lebte in Berlin. Pascal Mercier starb am 27. Juni 2023.

Beitragsbild © Paula Winkler OSTKREUZ

Mahnmale mit Hoffnung? Ishbel Szatrawska «Die Tiefe» / Sergej Lebedew «Die Beschützerin»

Dem unverändert aktuellen Thema von Krieg, Gewalt und Zerstörung widmen sich zwei lesenswerte Bücher auf unterschiedliche Weise. Sowohl Ishbel Szatrawska aus Polen mit ihrem Debüt als auch Sergej Lebedew aus Russland mit einem neuen Roman. Beide sind 1981 geboren.

Lieber Gallus

Vor Kurzem trafen wir Freunde und Bekannte aus der Ukraine anlässlich der Tournee des grossartigen Chores «CANTUS» aus Uschgorod, Transkarpatien. Sie berichteten eindrücklich, wie sie den Krieg erleben. Es sitzen junge Leute in Kiev in ihrer Freizeit in den Cafés zusammen und diskutieren lebhaft, obwohl sie nachts bei steten Bombenangriffen kaum schlafen. Das Strassenbild tagsüber im Zentrum gleicht einer modernen europäischen Stadt, unweit davon entstehen täglich neue Zeichen der Zerstörung. Müde, aber überzeugend kämpfen sie weiter um ihr Land, ihre Kultur, ihr Leben. Für uns Schweizer nicht vorstellbar.

Ishbel Szatrawska hat einen historischen Familienroman geschrieben, der im ehemaligen Ostpreussen spielt. Diese Gegend hat eine sehr bewegte Geschichte an einem Schmelztiegel von Völkern, hier haben Polen, Deutsche, Litauer und Russen um Macht und Einfluss gekämpft. Nur schon von diesen historischen und kulturellen Verflechtungen zu erfahren, war für mich hochinteressant. Der Zweite Weltkrieg mit dem Nationalsozialismus, die sowjetische Invasion und die Jahre des Kommunismus in der Region um Königsberg bilden den Hintergrund des Romans. Hauptpersonen sind die Grossmutter Janka und die Enkelin Alicja sowie der Chirurg Max und Jankas Sohn Wolf. Ihre Erlebnisse in einer Zeit des Umbruchs, des Krieges mit Verschiebung der Grenzen werden bildhaft und sprachgewaltig geschildert. Jede Person bekommt ein charaktervolles Gesicht und bleibt trotzdem geheimnisvoll. Einige Weiterentwicklungen bleiben für den Leser, die Leserin offen, machen das Buch noch interessanter und anregender. Ein Roman, der wirklich in tiefe Abgründe des Menschseins führt.

Ishbel Szatrawska «Die Tiefe», Voland & Quist, 2025, aus dem Polnischen von Andreas Volk, 461 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-86391-414-1

Die aus Olsztyn stammende Autorin möchte mit ihrem Buch eine Lücke füllen, da bisher Vieles aus der Geschichte Ostpreussens nicht bekannt ist und kaum aus der Sicht einer Polin dargestellt wurde. An der Buchvernissage im Literaturhaus Zürich sagte sie, dass das Buch in Polen in den verschiedenen Bezirken sehr kontrovers aufgenommen wurde. In der ehemals ostpreussischen Region sehr gut, in Zentralpolen teils mit Unverständnis. Dort hat die polnische Bevölkerung die Deutschen als Invasoren erlebt.

Mich hat die poetische kraftvolle Sprache von Szatrawska sehr beeindruckt. Zeitlich und örtlich hin und her springend erzählt, ist das Buch nie unübersichtlich. Der geschickte Perspektivenwechsel gibt dem Werk eine faszinierende Dichte und Tiefe. Wie sich Grossmutter Janka und ihre ebenso starke Enkelin Alicja den Herausforderungen stellen, bleiben im Gedächtnis hängen:

Nimm nichts von Deutschen. Alicja erstarrte, sie hielt ein bunt verpacktes Schokoladenbonbon in ihrer Faust. Sie brauchte sich nicht umzudrehen. Auch so wusste sie, dass Grossmutter Janka mit der Zigarette in der Hand unter dem Vordach stand, unbewegt, bedrohlich. Obgleich der Sommer in diesem Jahr ein typisch preussischer war, mässig warm, wolkig, mit unangenehm kühlem Wind aus Norden, spürte sie, wie ihr heiss wurde. (Buchanfang, Janka noch Mädchen)

Wie der Chirurg Max umgeben von immer mehr Zerstörung und Eindringen der Russen unter schwierigsten Bedingungen und in einem widerlichen Umfeld arbeiten muss, haben mich als pensionierten Hausarzt erschüttert:

Halt!, rief Max, das ist ein Operationssaal. Der Grösste der Meute zielte sofort auf seinen Kopf. Unwillkürlich hob er die Hände. Johanna schluchzte in der Ecke. Er hörte, wie sie ihr die Kleider vom Leib rissen. Er schaute in den Lauf des Gewehrs, um die Frauen nicht sehen zu müssen, in der erhobenen Hand hielt er noch immer den Nadelhalter. (Russeneinfall in Königsberg am Ende des Zweites Weltkriegs)

Menschen verlieren Würde und Heimat und müssen entwurzelt ums nackte Überleben kämpfen.
Keine leichte Kost, aber ein Buch, das zu Herzen geht. Sehr zu empfehlen!

Sergej Lebedew, studierter Geologe setzt sich bereits seit Jahren mit den unterirdischen Spuren menschlichen Terrors auseinander. Erstmals 2011 (deutsche Ausgabe) mit «Der Himmel auf ihren Schultern» und aktuell im soeben erschienen Roman «Die Beschützerin»; Fünf Tage im Juli 2014 im Donbass, wo bereits die Nationalsozialisten im Zweiten Weltkrieg Tausende Juden umgebracht und verscharrt haben. 2014 wurde zudem ein Passagierflugzeug von den Russen abgeschossen.

Sergej Lebedew «Die Beschützerin», S. Fischer, 2025, aus dem Russischen von Franziska Zwerg, 256 Seiten, CHF ca. 37.90, ISBN 978-3-10-397521-5

Der russische Originaltitel »Белая дама», «Die weisse Dame», wäre für mich sinnvoller, denn Marianna, dreissig Jahre lang Leiterin einer Bergbau-Wäscherei, versucht dunkle hartnäckige Flecken in der Wäsche weisszuwaschen. Später versucht auch ihre Tochter Shanna, unerschöpflich das Böse dieses Ortes wegzuzwaschen. Reinwaschen als Metapher fürs Verdrängen schrecklicher Tatsachen. Hier, im «Schacht ¾» eines Bergbaus lagern bis unter die Erdoberfläche aufgeschichtet Leichen, erschossen und ermordet durch verschieden Aggressoren:

Unter uns liegen von den Deutschen erschossene Soldaten der roten Armee. Unter ihnen die Gefangenen sowjetischer Gefängnisse, erschossen von den Bolschewiki beim Rückzug der roten Armee. Unter ihnen sind weisse, rote, grüne und zufällige Ansässige, als Geiseln genommen und hingerichtet im Bürgerkrieg von den vorrückenden und sich zurückziehenden Truppen… Und unter ihnen sind die getöteten Streikenden der ersten Revolution von 1905.

Eine dunkle Geschichte mit vier ProtagonistInnen zwischen Schuld und Versöhnung, Geschichtsbewusstsein und Vergessen, Verlassenheit und Wut.
Neben Marianna, die «Beschützerin», die an Krebs stirbt, und ihrer Tochter Shanna erscheint Valet, ein früherer Nachbar von Shanna, der «gehärtet und abgedroschen» von Moskau zurückkehrt, um die prorussischen Separatisten zu unterstützen und Shanna endlich zu entführen. Er schenkt ihr einen teuren Lippenstift, den er einer Leiche aus dem abgeschossenen Flugzeug entwendet hat. Auch General «Korol», ein typischer KGB-Offizier, welcher Mariannas Akte unter «Schneewittchen» notiert hat, kehrt an diesen Ort zurück, überwacht die «Totenkammer», Schacht ¾, damit der Bevölkerung keine unnötigen Fragen kamen. Als innere Stimme, als Geist, lässt Lebedew einen jüdischen Ingenieur sprechen:

Daraufhin wurde eine neue Waffe geboren: der lange Arm des Todes, der bis über den Ärmelkanal reichen konnte. Eine vollendete Form, ein Hai der Lüfte, ein Gerät ohne Menschen darin. Es war die V2… Als man uns im Frühjahr 1942 tötete, wurden sie bereits produziert, getestet und vorbereitet. Zwangsarbeiter setzten sie zusammen – lebende Tote. Damit sie andere Menschen in Tote verwandeln konnten.

Erschüttert und nachdenklich lege ich das Buch weg. Metaphorisch etwas überladen zeigt dieses düstere Buch nachhaltig, was Kriege mit uns Menschen machen. Ein Mahnmal! Mit Hoffnung?
Ich bin gespannt auf deine Eindrücke und grüsse herzlich

Bär

© Ada Kopec-Pawlikowska

Ishbel Szatrawska, 1981 in Olsztyn (ehemals Allenstein, Polen) geboren, studierte polnische Literatur und Theaterwissenschaft an der Jagiellonen-Universität in Krakau, wo sie heute lebt und schreibt. Sie ist Autorin von sechs Theaterstücken. Ihr Debütroman «Toń» (dt. «Die Tiefe») stand auf Platz eins der Bestsellerliste für polnische Literatur und wurde zu einem der «10 besten Bücher des Jahres» gewählt.

Andreas Volk, 1971 in Idar-Oberstein geboren, lebt seit bald zwanzig Jahren als Literaturübersetzer in Warschau. Er übersetzte bereits Ishbel Szatrawskas Theaterstück «Totentanz. Schwarze Nacht, schwarzer Tod». 2013 wurde er mit dem Übersetzerpreis der Vereinigung der polnischen Bühnenautoren und -komponisten Zaiks und 2022 mit dem Karl-Dedecius-Preis ausgezeichnet.

Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und war viele Jahre auf geologischen Expeditionen im Norden Russlands und in Zentralasien unterwegs, bevor er zu schreiben anfing. Sein erster Roman «Der Himmel auf ihren Schultern» stand auf der Longlist des russischen Nazbest-Preises 2011. Zuvor sind in Russland seine Gedichte, Essays und journalistischen Texte erschienen. Lebedew lebt seit 2018 in Potsdam.

Franziska Zwerg, geboren 1969, studierte in Berlin und Moskau Slawistik, Germanistik und Theaterwissenschaft und übersetzt zeitgenössische russische Literatur, neben den Romanen von Sergej Lebedew u.a. Werke von Dmitry Glukhovsky, Viktor Martinowitsch, Viktor Remizov.

Darf Literatur einem etwas antun? #SchweizerBuchpreis 25/10

Lieber Gallus

Ich bin ein leidenschaftlicher Leser, aber kein Literat oder Germanist. Als Liebhaber von guten Büchern antworte ich dir trotzdem. Dorothee Elmiger hat, wie von dir vermutet, nach dem Deutschen Buchpreis nun auch den Schweizer Buchpreis 2025 erhalten. Du warst in Basel dabei und konntest die Reaktion der «nur» Nominierten vielleicht erfahren. Du fragst mich nach meiner Meinung zu den Buchpreisen. Gestern Abend habe ich im Zug zufällig einen Deutschlehrer einer Kantonsschule getroffen, der mir sagte, «Die Holländerinnen» tue er sich nicht an und das Buch von Jonas Lüscher sei «völlig daneben», er sehe keinen Grund, diese Bücher zu lesen. Ich erwiderte, dass ich die beiden sehr unterschiedlichen Bücher mit Genuss gelesen habe. Da die Bahnfahrt bald zu Ende ging, entstand keine Diskussion.

Ich verfolge die Buchpreise in unseren Nachbarländern nicht, frage mich aber, ob deine These stimmt. Offenbar gibt es Autoren, die bei der Nichtwahl sehr enttäuscht und missmutig reagieren. Dabei ist die Nominierung meiner Meinung nach bereits eine hohe Auszeichnung. Und 2025 waren alle 5 Bücher preiswürdig. Heutzutage wird viel geschrieben und auf verschiedenen Medien kommuniziert. Die Bücher sind so unterschiedlich wie die Menschen. Unsere Welt ist voll Unsicherheit, Bedrohung und Angst. Welche Kriterien gelten für ein aussergewöhnliches Buch? Womit soll es sich befassen? Welches bekommt einen Preis?

Milo Rau sagte im letzten Literaturclub: Wie lange und wie heftig die Jury zum Entscheid um den diesjährigen Literatur-Nobelpreisträger wohl diskutiert haben mag, wissen wir nicht. Dort geht es sicher nicht um Verkaufswerte, die Bücher sind zu anspruchsvoll. Bei den Buchpreisen der Schweiz, Deutschlands oder Österreichs entscheidet auch eine unabhängige Jury. Wieweit kommerzielle Gründe die Jury beeinflussen, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich sehe aber keinen Grund, dass Nicht-GewinnerInnen den Preis als Zeichen reinen Kommerzes betrachten müssten.

Ich habe soeben «Balg» von Tabea Steiner gelesen, ein berührendes Buch, das auch nominiert und nicht preisgekrönt wurde. Wie das die Autorin empfunden hat, müsste ich diese fragen. Sie ist auch ohne Preis weiter erfolgreich. Natürlich ist, wie ich als Mitarbeiter in einer Buchhandlung erfahren habe, der Einfluss einer Nominierung auf die Verkaufszahlen der ausgezeichneten Bücher vorteilhaft.

Zwischen hochkomplex-anspruchsvoll und leicht lesbarer bildreicher Literatur gibt es viele Varianten und Durchmischungen. Zum Glück! Ich bin sicher nicht der Einzige, der die Spannung und Bereicherung durch verschiedene Schreibstile schätzt. Je nach Lebensphase, Stimmung und Verfassung lese und bewerte ich ein Buch anders. Dazu regt mich die Beurteilung von Bekannten wie beispielsweise des oben erwähnten Deutschlehrers zum Nachdenken an.

Mit herzlichem Gruss
Bär

Lieber Bär

Das richtige Buch hat den Schweizer Buchpreis gewonnen, auch wenn Jonas Lüscher «literarisch» ein ebenbürtigen Mitnominierter war. Und kaum je waren die 5 Nominierten so sehr darum bemüht, das Nichtgewinnen wie den Preis selbst zu einer emotionalen Selbstinszenierung werden zu lassen. Dorothee Elmiger dankte ihren «KonkurentInnen» explizit und relativierte mit dem Blumenstrauss in der Hand mit dem Satz «Das beste Buch gibt es nicht» gleich auch den Preis selbst.

Wahrscheinlich liegt es an der Aufstellung des Preises, steht doch im Reglement, man zeichne mit dem Preis das beste erzählerische oder essayistische deutschsprachige Werk des Jahrgangs aus. Genau hier liegt die Krux dieses Preises. Kann man das beste Buch aus all den anderen herausholen und über alle anderen stellen? Versucht man nicht ein Siegertreppchen zu bauen, wo ein solches gar nicht möglich ist, selbst dann, wenn in der Jury die richtigen Leute sitzen?

Weil es ein Preis des Buchhandels ist, wird ein Buch und keine Person prämiert. Der Nobelpreis wird für ein Lebenswerk vergeben, genauso der Schweizer Grand Prix Literatur (2025 an Fleur Jaeggy) oder auch der Solothurner Literaturpreis (2025 an Alain Claude Sulzer). Wem würde es einfallen, jene Juryentscheide zu kritisieren, denn alle, die Fleur Jaeggy oder Alain Claude Sulzer kennen, wissen; Sie haben den Preis für ihre herausragenden Leistungen verdient! Und genau darin liegt einer der Gründe, warum sich AutorInnen mit ihren Büchern den Buchpreisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz verweigern; weil es eigentlich unmöglich ist, Bücher in einen Wettbewerb zu stellen. Ralf Rothmann, einer der Grossen der Literatur, sagt Lieber nicht, lieber kein medialer Wettbewerb, der über Wochen hinweg Romane gegeneinander ausspielt. Das verstehe ich sehr gut.

Trotzdem! Wie gut war die diesjährige Nomination für Melara Mvogdobo, die mit «Grossmütter» berechtigt grosse Aufmerksamkeit erhielt. Wie gut 2024 für Mariann Bühlers Roman «Verschiebung im Gestein» oder 2023 für Adam Schwarz mit «Glitsch«… oder für Tabea Steiners Roman «Balg». Schon deshalb ist der Schweizer Buchpreis wichtig.

Und zum Glück bleibt dem Schweizer Buchpreis bisher der grosse Eklat, so wie 2024 in Deutschland mit Clemens Meyer, der als Nominierter den Entscheid der Jury als Fehlentscheid kritisierte und seinen Frust lautstark kundtat, erspart. Gut schweizerisch war die diesjährige Preisverleihung anlässlich der BuchBasel im Theater Basel; feierlich, freundschaftlich und dezent emotional.

Der Deutschlehrer im Zug. Ausgerechnet «Die Holländerinnen» gäbe genügend Stoff, um mit KantonsschülerInnen zu diskutieren, nicht zuletzt darum, was Literatur muss, kann und soll. Keine Ahnung, was die Gründe sind, dass er ausgerechnet jene Romane diskreditiert, von denen so viele Fachkundige so sehr überzeugen liessen. Vielleicht ist es die Zumutung, dass AutorInnen nicht einfach eine Geschichte erzählen, sondern rätselhaft bleiben. Vielleicht war der arme Lehrer überfordert und gestört, weil ihn die aktuelle Literatur auffordert, auch mal wieder ein «neues» Buch zu lesen. Man muss nicht unbedingt Gegenwartsliteratur lesen, um Deutsch an einer Kantonsschule zu unterrichten, auch wenn es mit Sicherheit angebracht wäre. Und schlussendlich geht es auch nicht darum, im Deutschunterricht das zu lesen, was dem eigenen Gusto entspricht.

Ich freue mich auf unser nächstes Treffen, unseren gemeinsamen Besuch einer Lesung einer Lyrikerin im Literaturhaus Zentralschweiz. Wieder so ein Beispiel einer Schriftstellerin, einer Dichterin, die abseits der grossen Bühnen Sprachperlen produziert.

Bis bald!
Gallus 

Jonas Lüscher „Verzauberte Vorbestimmung“, Hanser #SchweizerBuchpreis 25/04

Die Lektüre des neuen Romans von Jonas Lüscher entlässt mich mit sehr gemischten Gefühlen. So wie ich vieles im Roman nicht einordnen kann, so kann ich nicht einmal den Titel „Verzauberte Vorbestimmung“ einordnen. Aber vielleicht ist genau das Prinzip „Einordnungsversuch“ der Schlüssel zu Jonas Lüschers Roman. 

Lieber Bär

Jonas Lüscher schrammte während der Covid-Pandemie knapp am Tod vorbei. Er ist ein Gezeichneter. Ich begegnete ihm nach seiner Krankkeit in Leukerbad am dortigen Literaturfestival, wo er Auszüge aus einem Manuskript las. Als wir uns auf der Strasse begegneten, miteinander sprachen, traf ich einen ganz anderen Jonas Lüscher wie vor der Pandemie; verletzlich, dünnhäutig, vorsichtig. Damals auf der Intensivstation stand eine ganze Batterie von Maschinen um das Bett des Schriftstellers, der währnd bestimmter Phasen schon glaubte, in den Prozess des Sterbens übergegangen zu sein. Das beschreibt Jonas Lüscher in seinem Roman, wenn auch erstaunlich zurückhaltend. Er war ganz und gar abhängig von Maschinen, die lebenswichtige Körperfunktionen übernahmen. Es muss eine ganz eigene Erfahrung sein, dass man sein physisches Dasein Geräten übergeben muss, dass man in Phasen maximaler Empfindsamkeit zu einem eigentlichen „Cyborg“ wird, unfreiwillig.

„Verzauberte Vorbestimmung“ ist  ein Konglomerat aus verschiedensten Handlungssträngen und Personen, Handlungssträngen, die sich überschneiden und solchen, die sich wieder verlieren. Personen, die über Dutzende von Seiten zentral erscheinen, dann aber nie mehr auftauchen. Einzige Konstanten in dem Buch sind der suchende Erzähler und der Schriftsteller, Dramatiker, Maler und Filmemacher Peter Weiss, der sich mit seinem Spätwerk „Die Ästhetik des Widerstands“ ein literarisches Denkmal setzte. Eine Figur in Lüschers Roman, die in ganz unterschiedlichen Zuständen und Erzählebenen auftaucht. Wie Lüscher selbst ein ewig Suchender, seine Kunst ein einziger Versuch des Einordnens. Eine andere Konstante in Lüschers Roman ist die Auseinandersetzung mit Technik, mit Maschinen, sei das die Maschinerie der modernen Kriegsführung, jene der Industrialisierung, der Medizin bis in die Architektur des Grossenwahns, wenn der Erzähler im Ägypten der Zukunft zwischen der perfekten Retorte und dem Realen, Vergessenen pendelt.

Jonas Lüscher «Verzauberte Vorbestimmung», Hanser, 2025, 352 Seiten, CHF, ca. 35.00, ISBN 978-3-446-28304-6

Das Buch beginnt mit Knall und Rauch. Ich erinnere mich an einen Kinobesuch zusammen mit meiner Frau vor vielen Jahren. Ich überredete sie zum Film „Der mit dem Wolf tanzt“, ein Streifen, der mit einem minutenlangen Schlachtgemetzel beginnt. Ich musste meine Frau während Minuten trösten, zurückhalten, beschwichtigen und besänftigen, damit die dem Kino nicht entfloh.  Genauso ging es ihr mit «Verzauberte Vorbestimmung» (Übrigens ein Titel, der angesichts des Romananfangs arg strapaziert!). Jonas Lüscher beschreibt die Erlebnisse eines algerischen Soldaten während des ersten Weltkriegs in den Schützengräben gegen die Deutschen. Den ersten strategischen Giftgasangriff, das Herannahen eine beinah fluoreszierenden Wolke, in der alles grausam erstickt, Menschen mit schrecklich verzerrten Fratzen tot zusammenbrechen. Eine apokalyptische Szenerie, die eigenartig fesselt und ebenso abschreckt. Aber wer sich an die Fersen dieses algerischen Soldaten heftet, verliert ihn wieder, obwohl er Jahre später in Paris zum Postboten geworden ist. Ein Erzählstrang, der wie viele andere aus dem Meer der Möglichkeiten auftaucht und wieder versinkt. So wie die Geschichte eines anderen Postboten, des Franzosen Joseph Ferdinand Cheval, der zwischen 1879 und 1922 an seinem „Palais idéal“ baute, aus gesammelten Steinen, auf einem Grundstück weitab, einem Monument, das Künstler wie Max Ernst und Pablo Picasso faszinierte und bis heute viele Touristen lockt. Oder sie Geschichte von Ned Ludd im tschechischen Varnsdorf, einem Ort der aufblühenden Textilindustrie. Ein Aufstand der Arbeiter, einer Frauenrevolte, einem Fabrikgrossbrand. Eine Geschichte, die Lüscher in ganz eigener Sprache, beinah märchenhaft erzählt. Eine Geschichte, bei der es aber weder um das Personal noch um die Geschichte selbst geht.

„Verzauberte Vorbestimmung“ ist eine literarische Auseinandersetzung. Sprachgewandt, plottabgewandt. Lüscher will weder unterhalten noch betäuben. Er nimmt mich mit in seine Odyssee, in ein Labyrinth, von dem nicht einmal er selbst das Ziel, die Mitte gefunden hat. Ein literarischer Stoffknäuel mit vielen Anfängen und Enden, ein Flickenteppich aus Fragmenten, Zuständen und Erzählebenen, der von mir alles abfordert, viel mehr, als ich bei fast allen Autorinnen und Autoren zulassen würde. Jonas Lüscher schreibt mit der Membran eines Überempfindlichen, eines Hochsensiblen, eines Verwundeten, Gezeichneten. 

Ich tat mich schwer mit der Lektüre, obwohl es immer wieder lange Passagen der Beglückung gab, nicht zuletzt dank seiner Sprachkunst. Ich werde Zeuge dieser Hypersensibilität. Und wenn ich die Lektüre zu einer solchen Zeugenschaft machen kann, dann lese ich mit grösstem Interesse und unsäglichem Staunen.

Liebe Grüsse

Gallus


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Lieber Gallus

Ich habe bisher keinen Roman von Jonas Lüscher gelesen, aber schätze seine klugen Gespräche über unsere Gesellschaft und deren Zukunft in verschiedenen Medien.  So interessierte ich mich sehr für seinen neuen Roman. Wegen einer vernichtenden Kritik in einer Innerschweizer Zeitung vor der ersten Lesung in der Schweiz war ich verunsichert, ob ich dieses Werk lesen soll, habe dann aber das Buch trotzdem gekauft. Wie reich wurde ich belohnt! Hilfreich war die Lektüre seiner Poetik-Vorlesungen von 2019 «In die Erzählung flüchten», wo das «Oszillieren zwischen mathematisch messbarer Wissenschaft und erzählender Literatur, zwischen Aufklärung und Romantik» ausführlich besprochen wird. 

Obwohl die Lektüre von «Verzauberte Vorbestimmung» anspruchsvoll ist, habe ich das Buch mit Interesse und Gewinn gelesen. Dass sich vieles nicht einordnen lässt, gefällt mir als Ausdruck der Herausforderungen und Ambivalenz des Menschen im Umgang mit Maschinen. Das in fünf Teile gegliederte Werk zeigt mehrere Erzählstränge, die abbrechen, wieder auftauchen und inkonstant durch die verschiedenen Abschnitte führen. Auch die Zeitebenen wechseln oft ohne Übergang, beginnen im Ersten Weltkrieg und enden in der Nach-Putin Ära. Die Auswirkungen der Macht der Technik und des Geldes auf die Menschen bestimmen in vielfältiger Weise den Text. Zum Beispiel die Veränderung des Ertrags der Arbeit an neuen Webstühlen in der Fabrik im Vergleich zu der an der Heimarbeit:
Sein Staunen über die Zahlen, die sich da untereinander reihten, Beträge, die ihm vor kurzem noch fantastisch erschienen waren, fand kein Ende. Es war ihm, als täten sich ganz neue Möglichkeiten, eine Ahnung eines anderen Lebens, vor ihm auf, und mit diesem weiten Horizont, der aber bei genauerer Betrachtung nur aus dem Wort «mehr» bestand, einem Begriff, den er nicht in der Lage war, mit konkreten Vorstellungen zu füllen, kam die Gier in sein Leben.

Mehrere Kapitel werden durch Peter Weiss, Maler, Autor, Filmer, der als Alter Ego auftritt, miteinander vernetzt. Sein frühes Gemälde «Die Maschinen greifen die Menschen an» stellt bildhaft die Ambivalenz des Verhältnisses Mensch- Maschine dar. Mit Peter Weiss besuchen wir auch den «Palais Idéal» vom Briefträger Cheval in Hauterives und die Weber im tschechischen Varnsdorf.

In den letzten zwei Kapiteln befinden wir uns im futuristischen Ägypten mit Cyborgs, Mensch-Maschinen, und Androiden, umgeben vom grössenwahnsinnigen architektonischen Gebilde New Kairo, herausgestampft aus der Wüste, absurd und eklektisch mit einem geplanten 1000 Meter hohen Wohn-Obelisken. Vor einem Jahr war ich in Ägypten auf den Spuren der Pharaonen und deren Grabstätten, 4000 Jahre alt und noch in besten Farben leuchtend, daneben Kairo und Alessandria als verkommene Moloche voll Lärm, Armut und Müll neben hochglanzpolierten Inseln für die Touristen. Aus dem Flugzeug konnte ich damals einen Blick auf die New Administrative Capital werfen. Mich beschäftigten und belasteten diese Gegensätze sehr. Literarisch drückt Jonas Lüscher dies so aus:

Für einen Moment war ich in der Lage gewesen, die pittoreske und exotische Seite dieser mir fremden Landschaft und dieser mir fremden Menschen mit ihren mir fremden Leben zu sehen, aber bald war es nur noch die Armut, manchmal sogar die schiere Not, die sich mir aufdrängte, und die neue Stadt in der Wüste, durch die ich mich noch keine vierundzwanzig Stunden zuvor hatte fahren lassen, erschien mir grotesk weit weg, und doch war es dasselbe Land, unbegreiflicher noch, dieselbe Regierung, die für beides verantwortlich war, und so unbegreiflich mir dies in jenem Moment schien, so einfach zu verstehen war der ökonomische Mechanismus, der die beiden Realitäten miteinander verband, die sechzig Milliarden, die sich der Feldmarschall aus China  und den Golfstaaten geliehen hatte, um seinen Traum zu bauen, und der sinkende Wert des ägyptischen Pfunds, der das Elend der Menschen, die ich vor dem Fenster an mir vorbeiziehen sah, Tag für Tag vergrösserte und ein Entrinnen unwahrscheinlicher machte.

Das zentrale Thema, das Überleben seiner schweren Covid Erkrankung im wochenlangem Koma auf der Intensivstation dank neuester Technik kommt, nach kurzem Anklingen am Anfang des Buches, erst im letzten Teil zur Sprache: Ein «Gespräch» zwischen einem Taxifahrer ohne Englischkenntnisse und dem Protagonisten ohne Arabischkenntnisse mittels Google-Translater führt zum Nachdenken über die Technik-Skepsis des Autors, der als wahrer Cyborg seine Covid Erkrankung nur dank der Herz-Lungen-Maschine überleben konnte. Diese Erfahrung prägte sich tief ein, Personen die im Koma wie in einem Traum vorhanden waren, werden nach dem Aufwachen wie Verstorbene vermisst. 

Dieser in seiner Struktur und in seiner Sprache einzigartige Roman umfasst die Zeitspanne von 1914 bis in die Zukunft, wo Cyborgs, also Mensch-Maschinen, ans Weltwissen angeschlossen sind. Die Beziehung von Menschen und Maschinen, deren grossartige Möglichkeiten, aber auch deren potenzielle Gefahren, zieht als roter Faden durch dieses Buch. Es endet mit hoffnungsvollem Ausblick.

Die Anregungen und die Auseinandersetzung mit diesem Buch werden mich noch lange begleiten. Ich wünsche ihm viele aufmerksame Leser!

Herzlich 

Bär

Jonas Lüscher wurde 1976 in der Schweiz geboren, er lebt in München. Seine Novelle Frühling der Barbaren war ein Bestseller, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und war nominiert für den Schweizer Buchpreis. Lüschers Roman «Kraft» gewann den Schweizer Buchpreis. Jonas Lüscher erhielt ausserdem u.a. den Hans-Fallada-Preis, den Prix Franz Hessel und den Max Frisch-Preis der Stadt Zürich. Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Illustrationen © Lea Le / literaturblatt.ch

«Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tod keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken», über «Der Zauberberg» von Thomas Mann (24)

Lieber Gallus, liebe Leser*innen, die sich noch nicht hinauf auf den Zauberberg trauten

Ähnlich dem «Berghof» in Davos mit seiner abgeschiedenen Atmosphäre las ich Thomas Manns Werk in luftiger Höhe über dem Vierwaldstättersee. Was für ein gewaltiges und nachhaltig wirkendes Buch. Ich bin tief beeindruckt und wunderbar angeregt, masse mir aber keineswegs an, diesen Roman vollumfänglich verstanden zu haben. Du hast dieses Buch noch nicht gelesen. Ich versuche, dir ein paar Eindrücke zu schreiben, gespickt mit Originaltexten. Kein einfaches Unternehmen!

Vor hundert Jahren vollendet ist dieser Roman top aktuell und unbedingt lesenswert. Über tausend Seiten! In einer sehr genauen, bildhaften, zuerst gewöhnungsbedürftigen Sprache geschrieben, mit tiefgreifenden Dialogen und teils märchenhaften Stellen. Wie Thomas Mann die Natur und die Menschen beschreibt, ist einzigartig. 

Neben ihm auf der Bank lag ein broschiertes Buch namens «Ocean steamships», worin er zu Anfang der Reise bisweilen studiert hatte; jetzt aber lag es vernachlässigt da, indes der hereinstreichende Atem der schwer keuchenden Lokomotive seinen Umschlag mit Kohlenpartikel verunreinigt.

Der gesunde Hans Castorp wird von diesem morbiden Sanatorium Milieu so beeinflusst, dass aus dem kurzen Besuch seines Vetters ein siebenjähriges Leben in der Horizontalen wird. Die Auseinandersetzung mit Krankheit, Mensch-Sein, Religion, Aufklärung, Politik und Liebe findet im sehr speziellen Mikrokosmos des «Berghofs» statt. Der Tod ist allgegenwärtig, begegnet Hans Castorp am ersten Tag, als er erfährt, dass im frisch für ihn zubereiteten Gästebett gestern eine Amerikanerin gestorben ist. Unzählige interessante Männer und Frauen werden geschildert, wie sie neben vorgeschriebenem Liegen, Temperaturmessen und Essen ihr Kranksein sehr unterschiedlich gestalten.

Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es lässt sich hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden, wir hier oben, das kann man sagen. Fünftausend Fuss hoch liegen wir auf unseren Stühlen, die auffallend bequem sind, und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und machen uns unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die Wahrheit sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl, verstehen Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und mich auf mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande all die Jahre her, das ist nicht zu leugnen. (Castorp)

Zwei Gestalten beeinflussen Hans Castorp besonders: Einerseits Ludovico Settembrini, Literat, der Vernunft und Freiheit als Leitmotiv für den Menschen sieht, andererseits Leo Naphta, ein kommunistischer Jesuit, der einen strengen Gottesstaat befürwortet, wo Gut und Böse klar getrennt sind. Gegen Ende des Romans gipfelt die Auseinandersetzung im Duell.

Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung da ist reiner Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit. Lao Tse lehrte, dass Nichtstun förderlicher sei als jedes Ding zwischen Himmel und Erde. Wenn alle Menschen aufgehört haben würden, zu tun, werde vollkommene Ruhe und Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre Beiwohnung. 

Wie oft habe ich Ihnen gesagt, dass man wissen sollte, was man ist, und denken, wie es einem zukommt! Sache des Abendländers, trotz aller Propositionen, ist die Vernunft, die Analyse, die Tat und der Fortschritt, – nicht das Faulbett des Mönchs. (Settembrini)

Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des europäischen Bodens! Man dankt ihnen, dass Deutschland, Frankreich und Italien nicht mit Wildwald und Ursümpfen bedeckt sind, sondern uns Korn, Obst und Wein bescheren! Die Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet.

Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck, das heisst Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin, die Welt zu fördern oder geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie war reine asketische Übung, Bestandteil der Bussendisziplin, Heilsmittel. Sie gewährte Schutz gegen das Fleisch, diente der Abtötung der Sinnlichkeit. (Naphta)

Und nun zur wichtigsten Frauenfigur:

Erstens fiel wieder die Glastüre zu, – es war beim Fisch. Hans Castorp zuckte erbittert und sagte dann im zornigen Eifer zu sich selbst, dass er unbedingt diesmal den Täter feststellen müsse. Natürlich ein Frauenzimmer! dachte er und murmelte es ausdrücklich vor sich hin, so dass die Lehrerin, Fräulein Engelhart, verstand, was er sagte. «Das ist Madame Chauchat», sagte sie, «Sie ist so lässig. Eine entzückende Frau». 

Diese Frau spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung von Hans Castorp. Sie erinnert ihn an einen Mitschüler, in den er verliebt war. Bei einem Fasnachtsanlass im Sanatorium, «Walpurgisnacht», erklärt er ihr seine Liebe, zu spät: Frau Chauchat reist anderntags ab. Sie ist verheiratet mit einem Mann in Dagestan, lebt aber ohne Bindungen völlig frei. Der lange Dialog zwischen beiden ist in französischer Sprache geschrieben.

Frau Chauchat kommt dann wieder ins Sanatorium, zur Enttäuschung von Hans Castorp nicht allein, sondern in Begleitung von Mynheer Peeperkorn, was ihn aber zwingt, sich mit diesem Genussmenschen auseinanderzusetzen.

Ein Winter war sehr sonnenarm, alle beklagten sich und viele wollten Schadenersatz (schon damals!). Ein neuer Apparat, die «Höhensonne» wurde angeschafft, da die zwei bisherigen nicht ausreichten. Im Original: «Mein Gott!» sagte Frau Schönfeld, indem sie den Enseigne de la Marine allemande gierig betrachtete, «wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!» – «Wart, Nixe!» flüsterte er im Lift an ihrem Ohr, sodass eine Gänsehaut sie überlief, «Sie werden mir büssen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!» Und über die Balkons, an den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den Weg zur Nixe…»

«Statt der Sonne gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen…Um zehn Uhr kam die Sonne als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit in die nichtig- unkenntliche Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte nachzeichnen können.» In Aufbruchstimmung verlässt Hans Castorp mit Schneeschuhen das «Berghaus», geht immer tiefer und weiter in die Bergwelt, gerät in einen lebensbedrohlichen Sturm, trinkt erschöpft in einer Hütte etwas Portwein, schläft sofort ein und träumt. Die verschiedenen mystischen Bilder des Traumes muss man gelesen haben. Hier wird der Roman märchenhaft und symbolisch. Am Ende des Traums will der Protagonist dem Tod keine Herrschaft über seine Gedanken mehr geben. Hans Castorp vergisst diesen Traum bald, dem Leser bleibt er aber unvergesslich. Dieses Kapitel «Schnee» ist für sich ein literarisches Highlight.

Was war also das Leben? Es war Wärme, das Wärmeprodukt formerhaltender Bestandlosigkeit, ein Fieber der Materie, von welchem der Prozess unaufhörlicher Zersetzung und Wiederherstellung unhaltbar verwickelt, unhaltbar kunstreich aufgebauter Eiweissmolekel begleitet war. Es war das Sein des eigentlich Nicht-Sein-Könnenden…Es war nicht materiell, es war nicht Geist. Es war etwas zwischen beidem.

Der Roman endet mit dem Beginn des ersten Weltkriegs, wo Hans Castorp als freiwilliger Soldat ins Schlachtfeld zieht, wo Tausende sinnlos ihr Leben verlieren:

Ehrlich gestanden, lassen wir ziemlich unbekümmert die Frage offen. Abenteuer im Fleische und Geist, die deine Einfachheit steigerten, liessen dich im Geiste überleben, was du im Fleische wohl kaum überleben sollst. Wird auch aus diesem Weltfest des Todes, auch aus der schlimmen Fieberbrunst, die rings den regnerischen Abendhimmel entzündet, einmal Liebe steigen?    

Zusammenfassend erfahren wir viel über: Woher wir kommen, wohin wir gehen, wer wir sind.

Mit diesen Gedanken und Text-Beispielen möchte ich dich zur Lektüre des «Zauberbergs» ermuntern. Ob ich der Empfehlung Thomas Manns folge, ist durchaus möglich: «Wer aber mit dem «Zauberberg» überhaupt einmal zu Ende gekommen ist, dem rate ich, ihn noch einmal zu lesen, denn seine besondere Machart, sein Charakter als Komposition bringt es mit sich, dass das Vergnügen des Lesers sich beim zweiten Mal erhöhen und vertiefen wird, – wie man ja auch Musik kennen muss, um sie richtig zu geniessen.» (Einführung des Autors für Studenten der Universität Princeton)

Ich bin gespannt, was du mir schreiben wirst!

Herzlich

Bär

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Lieber Bär

Es beschämt mich etwas, dass ich Dir nicht meine Leseeindrücke schildern kann – vielleicht auch nicht will. Ich bin einer der Sorte Leser, die sich nur ganz selten an die Klassiker trauen und immer dann staunen, wenn andere mit klugen Verweisen zu den Grossen der Weltliteratur Bezug nehmen können, wenn ihnen eine Parallele zu Werken der Gegenwart auffällt. Die Liste der Klassiker, die ich nicht gelesen habe, ist unsäglich lang, schon jene, die ich mir noch zu lesen vorgenommen habe. Aber der Berg jener Bücher, die auf mich warten, wächst mit jedem Tag. Ich lese, was mir die Zeit in die Hände spült und sehe, was an Werken vor meiner Türe Schlange steht.

Von Thomas Mann las ich vor langer Zeit «Buddenbrooks», weil ich das Buch von meiner ehemaligen Herzensbuchhändlerin geschenkt bekam, ein am 5. August 1947 signiertes Exemplar, das Thomas Mann damals bei einem Besuch in Amriswil mit seiner Unterschrift markierte. Er war Gast des Schriftstellers Dino Larese (1914 – 2001), einem aus Italien stammenden Autors, der sich am Bodensee in Kreuzlingen zum Primarlehrer ausbilden liess und in genau jenem Schulzimmer in Amriswil unterrichtete, in dem ich seit einem Jahrzehnt unterrichte. Sie drückte mir damals das Buch mit den Worten in die Hand: Das ist bei dir besser aufgehoben. Ich las es unmittelbar danach und war fasziniert und schwer beeindruckt. In der Folge las ich noch «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull», ein Spätwerk Thomas Manns. Ein völlig planloses Lesen – zuerst das Frühwerk, mit dem Mann in den Himmel der Literaten stieg und dann ein Spätwerk, das Thomas Mann zwischen «Buddenbrooks» und «Der Zauberberg» begann und erst kurz vor seinem Tod vollendete.

In der Folge kaufte ich mir auch «Der Zauberberg», legte das Buch aber verwirrt und verunsichert wieder weg, liess es im Bücherregal stehen, bis man das Jahr 2025 zum Thomas-Mann-Jahr erklärte, den 150. Geburtstag noch immer feiert und mit allerlei Sekundärliteratur das Jubiläum flutet. Ich nahm das Buch wieder aus dem Regal, besuchte gar einen Vortrag des Mann-Kenners Dr. Philipp Theisohn, in der Hoffnung, die Tür zur damaligen Begeisterung würde sich wieder auftun. Mein Versuch, eine alte Liebe aufzufrischen, scheiterte. «Der Zauberberg» wanderte zurück ins Regal. Vielleicht fehlt es an meiner Geduld, meiner Reife, meiner Offenheit. Irgendwann versuche ich es noch einmal. Versprochen.

Danke für Deine Schilderungen der Reise auf den Zauberberg. Vielleicht buche ich einmal eine Woche im Hotel Schatzalp über Davos, das Thomas Mann Modell stand, als er «Der Zauberberg» schrieb. Vielleicht dann, mit Aussicht, Liegestuhl und einer Wolldecke auf meinen Beinen.

Liebgruss

Gallus 

Nichts läuft je ins Leere, alles hängt zusammen … über «Der Schrecken der anderen» von Martina Clavadetscher, C. H. Beck (24)

Lieber Gallus

Voll Freude ging ich an die Lektüre des neuen Romans dieser von mir geschätzten Autorin. Ich habe das Buch mit Fieber, Gliederschmerzen und Husten im Rahmen einer Sommergrippe gelesen. Vielleicht sind meine Eindrücke dadurch beeinträchtigt.
Kurz zusammengefasst hat mich dieses Buch ratlos und verwirrt nach der Lektüre zurückgelassen. Was ist die Aussage, was will die Autorin mir vermitteln?
Es gibt historische Hinweise, eher angedeutet, zwei Hauptstränge; Archivar Schibig und die «Alte» einerseits, dann Herr Kern und dessen fast 100jährige Mutter. Das Buch beginnt mit einem Toten in einem zugefrorenen See, wie ein Krimi. Dunkle Machenschaften um Geld und Macht. Nichts läuft je ins Leere, alles hängt zusammen, so die «Alte», hat mir nicht geholfen.
Ich bin sehr gespannt, wie du die Lektüre erfahren hast. Wirf mir den erhellenden Anker!

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Als das Buch zu mir nach Hause kam, schnappte es sich zuerst meine Frau. Schon an ihren nonverbalen Verlautbarungen während der Lektüre spürte ich, wie sehr sie das Buch packte. Kaum hatte sie es zu Ende gelesen, machte ich mich daran. Zugegeben, wenn ich von Schriftsteller*innen lese, die ich persönlich kenne, mit denen ich schon bei Lesungen oder ähnlichen Veranstaltungen mitdiskutierte, mag die Objektivität über das Gelesene beeinflusst sein, vielleicht sogar eingeschränkt. Einmal mehr liess ich mich begeistern. Dein Urteil überrascht mich nicht wirklich, weil ich der Überzeugung bin, dass das nicht das erste Buch der Autorin ist, das ein prägnantes Urteil provoziert. Das mag an der Art liegen, wie sie mit ihren Themen umgeht, wie sie die Geschichten, das Personal spielen lässt. Das mag auch daran liegen, dass Martina Clavadetscher von Leser*innen einiges abverlangt. Ihre Bücher sind keine offenen Schaukästen. In jedem ihrer Bücher lädt sie mich ein, weiterzudenken, weiterzuforschen. Türen bleiben verschlossen, wenn man sich nicht selbst daran macht, sie zu öffnen.

Martina Clavadetscher «Die Schrecken der anderen», C. H. Beck, 2026, 333 Seiten, CHF 34.00, ISBN 978-3-406-83698-5

Immer wieder drückt Geschichte durch die Bücher von Martina Clavadetscher. Diesmal ein Stück Vergangenheit – scheinbar. Denn die Vergangenheit zieht ihre Fäden bis in die Gegenwart. Was im Mai 1945 mit der Kapitulation Nazideutschlands ein Ende fand, war damals nicht wirklich zu Ende. Nur wenige der faschistisch gesinnten Entscheidungsträger damals wurden gerichtlich zur Verantwortung gezogen. Ganz viele tauchten unter, nahmen eine neue Identität an, flohen ins Ausland. Nicht wenige von diesen glaubten, ihre Ideen würden dereinst wieder auferstehen, finanziert von Bankkonten, die man als harmlose, menschenfreundliche Kassen getarnt hatte. Geld all jener, mit denen man im und mit dem Krieg Geld verdient hatte. Geld all jener, die man während der Macht der Faschisten enteignet, eingesperrt und umgebracht hatte. Und wer heute offenen Auges in die aktuelle Politik sieht, reibt sich immer wieder die Augen, wie etabliert gewisse Ideen, Äusserungen und Absichten wieder geworden sind, wie offen man 80 Jahre nach der Kapitulation wieder seine faschistische Gesinnung zeigen kann. Diese Thematik ist in Martina Clavadetschers Buch unüberhörbar.

Aber noch viel mehr. Auch das nicht zu tilgende Lebensmotto „Der Zweck heiligt die Mittel“. Oder der Glaube daran, dass eine Stammlinie in der Familientradition um jeden Preis weitergeführt werden muss. Dieses völlig antiquierte Verständnis von Familie. Herrlich, wie die greise Matriarchin unter dem Dach der Villa noch immer versucht, mit allen nur erdenklichen Mitteln die Geschicke der Familie zu leiten. Dass Familie doch eigentlich etwas ganz anderes ist, ist weit davon entfernt. Und dann der „arme“ Herr Kern; lendenlahm, sehbehindert, diktiert von seine Mutter, herablassend behandelt von seiner Frau Hanna, instrumentalisiert von seiner elitären Clique. Der alte Mann – ein armes Schwein. Ich habe mich auf seine Kosten köstlich amüsiert. Hier spürt man die Theaterfrau. Ich sehe die Kern’sche Villa wie ein offenes Puppenhaus, in dem sich existenzielle Dramen abspielen.

Und dann noch Schibig und die «Alte»…

Lieber Bär, nicht immer trifft ein Buch meinen Nerv. Nicht immer deinen Nerv. Deine Ratlosigkeit bescheinigt dem Buch immerhin, dass es nicht nur einfach unterhalten will.

Liebgruss
Gallus

© Ingo Höhn

Martina Clavadetscher geboren 1979, ist Schriftstellerin und Dramatikerin. Nach ihrem Studium der Deutschen Literatur, Linguistik und Philosophie arbeitete sie für diverse deutschsprachige Theater, war für den Heidelberger Stückemarkt nominiert und zu den Autorentheatertagen Berlin 2020 eingeladen. Für ihren Roman «Die Erfindung des Ungehorsams» wurde sie 2021 mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Sie lebt in der Schweiz.

Literaturhaus Zürich

Nicht Alleinsein, sondern allein Sein… über «Samota» von Volha Hapeyeva, Droschl (23)

Empathie ist wirklich eine komplizierte Charaktereigenschaft. Man kann immer Argumente dafür und dagegen finden und auf dieser feinen weissen Linie stehen bleiben, die das eine vom anderen trennt.

Lieber Gallus

Die weissrussische Autorin Volha Hapeyeva war für mich ein Glanzlicht an den diesjährigen Solothurner Literaturtagen. Ihr neuestes Buch «Samota» ist ein faszinierendes Werk über Einsamkeit, Alleinsein und Empathie. Für mich ein Buch voller Liebe zur Schöpfung und ein Hoffnungsschimmer in einer Welt voller Kriege und Umweltproblemen. Geschrieben in einer lyrischen Sprache, bei der wissenschaftliches auf magisches Denken trifft, Orte und Zeiten in der Schwebe gehalten werden.

Ich begegne zwei Frauen und drei Männern als Hauptfiguren in einer Welt von Tieren, Menschen und Vulkanen. Neben dem eigenen Überleben geht es ums Überleben von Werten, für eine Welt, in der Empathie eine wichtige Rolle spielt.

Nur wenige Menschen wissen, wie man sich an dem freut, was einen umgibt, was man bereits hat. Wobei die grössere Freude nicht davon kommt, was du hast, sondern vom Sein.

Das Frühstück im Hotel als Miniaturbild der Gesellschaft, der Besuch in der Apotheke als Auseinandersetzung mit Kranksein oder die gefährliche Befreiung eines zur Verarbeitung gefangenen Wolfswelpen als Ausdruck von Empathie; ich werde zum Nachdenken über unsere Gesellschaft, unsere Beziehung zur Umwelt und unsere Werte angeregt. Dies in einer poetischen Sprache und mit Tiefgang. Es geht um unsere Existenz auf der Erde.

Traurigkeit samt Melancholie, Stille und Heiterkeit, das Gefühl der Zugehörigkeit zum Universum, zu den Bäumen, den Vögeln, Insekten und Kräutern, das Aufgehen im Abendlicht, sodass man nichts und niemanden mehr braucht, erfüllte Existenz. Nicht Alleinsein, sondern allein Sein. Nicht einsam sein, sondern eins sein. Allsein.

Wie haben die Begegnung mit der Autorin und dieses Buch auf dich gewirkt?

Herzlich

Bär

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Lieber Bär

Er hat lange gedauert. Es ist schon einige Monate her seit den Solothurner Literaturtagen. «Samota», das Buch von Volha Hapeyeva, lag lange auf meinem Schreibtisch. Hättest Du nicht derart begeistert auf dieses Buch reagiert, hätte ich es vielleicht irgendwann ungelesen ins Regal geschoben. Nun habe ich es doch gelesen. Ganz langsam und in kleinen Häppchen, ganz gegen meine sonstigen Lesegewohnheiten.

Der Roman «Samota» trägt eine Art Untertitel: «Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber». Ein programmatischer Untertitel. Volha Hapeyeva lebt seit den Unruhen in ihrer belarussischen Heimat «unterwegs», «im Zimmer gegenüber». «Samota» ist ein Roman über Einsamkeit, geschrieben während Corona, eingesperrt in ein Zimmer als Stadtschreiberin in Graz. Aber «Samota» ist kein Corona-Buch, sondern ein Buch über eine grosse Sehnsucht.

Volha Hapeyeva «Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber», Droschl, 2024, aus dem Belarusischen übersetzt von Tina Wünschmann und Matthias Göritz, 192 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-99059-151-2

Maya, Vulkanforscherin, nimmt an einem Kongress über Vulkanologie irgendwo in der japanischen Provinz teil. Die Kleinstadt liegt an einem grossen Wald, der von Wölfen bewohnt wird. Sie besucht die städtische Bibliothek auf der Suche nach einem Buch, das sie wohl findet, bei dem aber genau jene Seiten fehlen, die ihr für ihre Forschung wichtig erscheinen. Sie liebt die Bibliothek. Sie traut den Büchern mehr als den Menschen.
Im gleichen Hotel, in dem Maya wohnt, findet auch ein Kongress von Tierpräparatoren statt, die ihre Arbeit als Konsequenz einer Schöpfung sehen, in der der Mensch die Krone bedeutet und über alle anderen Lebewesen nach Belieben verfügen kann. 

Helga-Maria, eine Tiertherapeutin und Mayas Freundin, behandelt Angststörungen von Hunden und wartet auf Liebesbriefe von Sebastian, der in einer Pension zusammen mit ganz eigenartigen Menschen wohnt. Allen voran ein Jäger, der sich zur Aufgabe gemacht hat, sämtliche Wölfe des Waldes zur Strecke zu bringen.

Manchmal denke ich, das beste Mittel gegen Konflikte und Kriege wäre die Entwicklung eines Empathieserums.

Ein geheimnisvolles Buch mit Ebenen, auf die man nur tastend vorzudringen vermag. Ein Roman voller Anspielungen, Bildern und Szenerien, die sich in ihrer Chronologie, in Zeitebenen übereinanderschieben. Ein Buch einer Lyrikerin, die in Prosa nachzuforschen versucht, was eine Haltung ohne Empathie anrichten kann. Ich hatte während der Lektüre dauernd das Gefühl, Anspielungen auf ihre eigene Lebenssituation zu lesen, mal verschlüsselt, mal offen, mal verpackt in ein Bild. «Samota» ist kein politischer Roman, aber ein Roman, der erzählt, was das «Herausgerissensein» bewirkt. Dass wir in einer Zeit schwindender Empathie leben. Wie schnell Allein-sein zu Einsamkeit werden kann. Ein metaphysischer Roman, bei dem unterschwellig Dinge miterzählt werden, von denen ich nur eine Ahnung habe, die sich im Laufe des Buches entschlüsseln, lange unerklärlich bleiben. Was passiert mit empfindsamen Menschen, die in einer Welt der schwindenden Empathie sich immer mehr weggesperrt fühlen?

© Nina Tetri

Volha Hapeyeva, geboren in Minsk, Belarus (1982), ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin, Künstlerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den English PEN Translates Award für das Buch «In My Garden of Mutants» (2021), den Wortmeldungen-Literaturpreis 2022, Rotahorn-Preis 2021 und den manuskripte-Preis 2025. Ihre Gedichte wurden in mehr als 15 Sprachen übertragen. Ihr Debütroman «Camel Travel» erschien 2021. Seit 2020 schreibt Volha Hapeyeva auch auf Deutsch und wohnt als Nomadin in Österreich und Deutschland.

Tina Wünschmann wurde 1980 in Freital geboren. Sie studierte Slavistik, Politik- und Kommunikationswissenschaften an der Technischen Universität Dresden.

Matthias Göritz, geb. 1969, ist ein vielfach ausgezeichneter Lyriker, Theaterautor, Übersetzer und Romancier. Er veröffentlichte auch Gedichtbände und Romane.

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Grandios! Christoph Ransmayr «Egal wohin, Baby», S. Fischer (22)

Lieber Bär Ich lese die Bücher von Christoph Ransmayr schon eine ganze Weile. Seinen ersten Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ als ich vor 40 Jahren Lehrer in einer kleinen Dorfschule war. Sechs Klassen in einem Raum. Die Kinder kamen aus den umliegenden Höfen und verliessen das Haus wieder nach dem Unterricht, während ich alleine zurückblieb, ohne Anschluss ans Dorf, ein Aussenseiter. Mein Leben damals, frisch von der Ausbildung, bestand aus Unterrichten, Vorbereiten, Essen, Schlafen – und Lesen. Dieser Abenteuerroman, der damals in einem kleinen Verlag erschienen war (Christian Brandstätter Verlag, mit einer Auflage von 4000 Stück) war genau das richtige, um meine gebeutelte Seele (auch ich fühlte mich auf einer lebensbedrohlichen Expedition in einer menschenfeindlichen Gegend) mit dem Duft von Abenteuern zu trösten. Damals war Ransmayr noch ein Geheimtipp, ein Versprechen. Heute würde es niemanden erstaunen, würde nach Peter Handke ein weiterer Österreicher den Nobelpreis für Literatur bekommen. Diesmal ganz bestimmt mit deutlich weniger Nebengeräuschen (ausser der Tatsache, dass mit Ransmayr erneut ein weisser, alter Mann Preisträger wäre). Damals schrieb Ransmayr seinen arktischen Epos ohne je einen Fuss auf das Packeis gesetzt zu haben. Reine Immagination mit einer gehörigen Portion Recherche. Heute funktioniert Ransmayrs Schreiben noch immer so, aber auch ganz anders. Ransmayr ist ein Reisender, einer, der seine Bilder, Erfahrungen und Begegnungen als grossen Schatz in sein Schreiben einfliessen lässt, was an sich alle Schriftsteller*innen tun. Aber Ransmayr hat mit seinen vielen Reisen, aus denen er in seinem neuen Buch „Mikroromane“ ein literarisches Fotoalbum machte, ein ganz eigenes Reisebuch geschrieben. „Mikroromane“ ist durchdrungen von Respekt, Ehrfurcht und Dankbarbeit. Die Sammlung dieser Texte, die meist nicht länger sind als zwei Seiten, sind Miniaturromane, nicht bloss Zeugnisse oder Berichte. In sich abgeschlossene Erzählungen, in denen Entwicklung passiert, die nicht bloss Erfahrungen abbilden, sondern Erzählungen, die eine äussere Reise abbilden, innere Reisen. Ransmayrs Mikroromane sind Konzentrate, Handlungs- und Sprachkonzentrate. Nichts ist zuviel, kein mäanderndes Erzählen, keine Inszenierungen, weder von seiner Person als Reisender, noch von den Orten, den Menschen, zu denen ihn seine Reisen führen. Wer in diesem Buch liest, wird von Andacht erfüllt. Seine Mikroromane sind Ehrerbietungen und Zeugnisse eines Mannes, der sich seiner Privilegien ganz und gar bewusst ist. Es gibt Reisende und Touristen. Auch wenn Ransmayr eines seiner Bücher mit „Geständnisse eines Touristen“ betitelt. Ransmayr tut das meiste nicht, was der typische Tourist sonst tut. Ransmayr ermöglicht mir, zuhause zu bleiben und doch zu reisen. Er nimmt mich an der Hand zu Menschen, die er immer wieder besucht, die ihm wie die Orte selbst ans Herz gewachsen sind. Wäre man sich der Qualität dieses Buches bewusst, müssten Airlines und Hotelkomplexe auf der ganzen Welt mit ordentlichen Einbussen rechnen. Und „Mikroromane“ liest sich atypisch, eben wie ein Fotoalbum. Man schlägt es irgendwo auf und liest. Man liest immer und immer wieder. Vielleicht sogar vor dem Einschlafen vorgelesen, als Einladung in einen guten Traum. Wenn es ein Buch gibt, mit dem man ideal in den Ransmayr’schen Kosmos einsteigen sollte, dann ist „Mikroromane“ der beste Einstieg in grosse Sprachkunst und tiefst empfundene Empathie. Selten verliess ich eine Lesung eines Autors derart erfüllt und beschenkt, wie jene mit Christoph Ransmayr. Liebgruss Gallus 

Was geschieht, wenn ein Mensch seine Entschlüsse gefasst, alle notwendigen Vorbereitungen getroffen hat und einen ersten Schritt tun will, seinem Ziel entgegen, und was, wenn er endlich einen Fuss vor den anderen setzt? (aus «Der fliegende Berg»)

Lieber Gallus Dies war 2006 mein Einstieg in den Kosmos von Christoph Ransmayr. An einer Tagung im Bildungshaus Hertenstein am Vierwaldstättersee zeigte mir Werner Hegglin damals in einer Pause ein blau gefasstes Buch: «Das ist etwas für dich!» Wie recht er hatte! Die ersten Zeilen Ich starb 6840 Meter über dem Meeresspiegel am vierten Mai im Jahr des Pferdes rissen mich als Hausarzt und Alpinist sofort mit. Ich schaute zwischen Felszacken und eisigen Abgründen in die Tiefe, bangend, ob der Gipfel von den beiden Brüdern erreicht werden kann. Ich las es mit Begeisterung, war mit den beiden in eisiger Höhe, bei den Nomaden in Ost Tibet und in Irland unterwegs. Eine beeindruckende, tief berührende, abenteuerliche Reise, die mich aus dem oft belastenden Alltag als Hausarzt wegtrug. Später begleitete mich «Schrecken des Eises und der Finsternis» auf Skitouren in Spitzbergen bis aufs Packeis und «Cox oder Der Lauf der Zeit» ersetzte eine nie stattgefundene China-Reise wunderbar.  Ich bewundere die Vielfalt in Form und Sprache in seinen Büchern. Ein Suchender unternimmt Reisen und lässt sich in Abenteuer ein. Neugier und die Liebe zu den Menschen geben den Werken Tiefe und regen uns zum Nachdenken an. Umso mehr freute es mich, dass wir vor Kurzem dem Autor bei der Schweizer Buchvernissage von «Egal wohin, Baby» persönlich begegnen durften. Christoph Ransmayr zeigte sich mir als sorgfältig und respektvoll arbeitender Schriftsteller, als ein offener Mensch mit Respekt vor fremden Kulturen und als begnadeter Vorleser.  In seinem neusten Werk, in den siebzig Mikroromanen, tauchen wir ein in wirklich erlebte, erfahrene Begegnungen auf der ganzen Welt. Der Autor gibt sich den Namen «Lorcan», um sich von der Last der Erinnerungen zu befreien und in einen gelassenen Erzähler zu verwandeln. Die Abbildung eines Schnappschusses des Autors vor Ort ist jeweils vorangestellt. Jede Geschichte hat einen Höhepunkt, eine spezielle Aussage, wir erleben Vergangenes und Aktuelles in unterschiedlichen Landschaften und Gegenden, oft mit historischen Ereignissen verknüpft. Jeder Mikroroman hat einen Titel. Drei Beispiele:  «Gefallener Himmel» Ein trügerisch schönes Landschaftsbild aus Österreich, wo sich der Himmel in einem See spiegelt. Ich aber erfahre von einem Konzentrationslager aus dem zweiten Weltkrieg und der Produktionsstätte von Massenvernichtungswaffen in dieser Gegend. Lorcan wollte auf dem Weg zu ihren Verstecken im Hochgebirge biwakieren, um im Schlafsack den Auf- und Untergang jener Sternbilder zu beobachten, die den Verfolgten in der nächtlichen Weglosigkeit als Orientierung gedient hatten. Staunen und Erschrecken sind nahe beieinander. «Am Ende der Welt» Eine Zeichnung von zwei Pferden des siebenjährigen Mädchens Emily Christian auf der weit abgelegenen Südseeinsel Pitcairn im Pazifischen Ozean. Pferde, die sie sich sehnlichst wünscht, obwohl sie noch nie ein Pferd gesehen hat. Sie glaubt, ihr Leben auf dieser Insel, wo es keine Pferde gibt, verbringen zu müssen. Wir erfahren zudem von kolonialen Kämpfen, Sklaverei und Meutereien ihrer Vorfahren auf und um Pitcairn. Emilys Zeichnung wird zur Brücke in die weite Welt.  «Heiliges Wasser» Also könne er (Ali Bazhi auf dem Foto) nun einen Reisenden nur bis zu den Gebirgszügen der algerischen Sahara führen, denn nachdem es niemanden mehr gab, der die Bewegungen des Sandes, wandernder, irrlichternder Dünen, die Geröllfelder und unüberwindlichen Felsbarrieren über mehr als eintausendfünfhundert Kilometer so gut kannte wie sein Vater, müsste nun in jeder Oase nach einem neuen Ortskundigen gesucht werden.  Anstatt nach Timbuktu führt Ali den Reisenden an einen friedlicheren Ort, nämlich zu einer Oase mit dem Namen «Heilige Quelle». Unter Dattelpalmen trinkt Lorcan das glasklare frische Quellwasser. Es geht beim Reisen immer um den Weg zu den Menschen, so Ransmayr in der «Sternstunde Religion» am Fernsehen. Seine Empathie und Liebe zur ganzen Schöpfung erfüllt mich mit Hoffnung für unsere arg misshandelte Erdkugel. «Egal, wohin Baby» ist ein weiteres beglückendes, heilendes Werk von Christoph Ransmayr. Arznei gegen die Sterblichkeit – mit seinen eigenen Worten! Ich wünsche diesem Meisterwerk viele Leserinnen und Leser. Herzlich Bär

Sternstunde Religion vom 16.05.2022

Christoph Ransmayr wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren und lebt nach Jahren in Irland und auf Reisen wieder in Wien. Neben seinen Romanen »Die Schrecken des Eises und der Finsternis«, »Die letzte Welt«, »Morbus Kitahara«, »Der fliegende Berg«, »Cox oder Der Lauf der Zeit«, »Der Fallmeister. Eine kurze Geschichte vom Töten« und dem »Atlas eines ängstlichen Mannes« erscheinen Spielformen des Erzählens, darunter »Damen & Herren unter Wasser«, »Geständnisse eines Touristen«, »Der Wolfsjäger« (gemeinsam mit Martin Pollack) und »Arznei gegen die Sterblichkeit«. 2022 erschien die Sammlung von Gedichten und Balladen »Unter einem Zuckerhimmel« (illustriert von Anselm Kiefer), 2024 der Erzählband »Als ich noch unsterblich war« sowie der Band »Egal wohin, Baby« mit Fotografien des Autors. Zum Werk Christoph Ransmayrs erschien der Band »Bericht am Feuer«. Für seine Bücher, die in mehr als dreissig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er zahlreiche literarische Auszeichnungen. Webseite des Autors Foto von Christoph Ransmayr © Robert Brembeck Fotos aus «Mikroromane» © Christoph Ransmayr, S. Fischer Verlag