Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache.
Lieber Gallus
Du liest keine Krimis, ich weiss. Ich möchte dich aber ermuntern, Kurkows Geschichten um Samson und Nadjeschda, die in der Diogenes-Ausgabe als Krimi bezeichnet werden (was sie meines Erachtens nicht sind), zu lesen. Zudem ist Andrej Kurkow einer der wichtigen Autoren der Ukraine.
Ich denke, das ist meine Aufgabe im Moment: Mehr Informationen über die Ukraine zu verbreiten, viel zuzuhören, zu lesen und zu erklären, was passiert, was die Gründe für den Krieg waren. Und auch, die ganze Geschichte der russisch-ukrainischen Beziehungen der letzten Jahre zu beleuchten. Es war schon immer ein Kampf von Russland gegen die ukrainische Identität, die ukrainische Kultur und die ukrainische Sprache. Ich bin schon immer geschichtsinteressiert gewesen und habe schon einmal eine Geschichte geschrieben, die 1918 beginnt, die Trilogie «Geografie eines einzelnen Schusses». So der Autor in einem Interview mit der Büchergilde. Die ersten zwei Bücher einer Reihe sind als schön gestaltete Ausgaben bei der Büchergilde erschienen. Roman und nicht Krimi steht auf dem Cover und auf dem Titelblatt.
Andrej Kurkow hat 2017 von einer Leserin eine Kiste mit Akten der bolschewikischen Geheimpolizei aus den Jahren 1919-1921 erhalten. Historisch interessiert entschloss er sich, über diese Zeit zu schreiben. Damals hatten die Bolschewiken den unter mehreren Parteien ausgebrochenen Bürgerkrieg schliesslich gewonnen und Kiev erobert. Parallelen zum aktuellen Angriffskrieg der Russen regen zum Nachdenken an.

Samson, ein junger Mann aus Kiev, nach der Ermordung seines Vaters durch Kosaken und dem Tod von seiner Mutter und Schwester durch Krankheit allein übrig geblieben, will überleben. Zufällig bekommt er Arbeit als Polizeiermittler, er will in diesen Zeiten des Umbruchs korrekt und richtig handeln. Alle paar Monate wechseln die Machtverhältnisse in der Stadt, die Polizei hilft der jeweils herrschenden Macht, Kriminalität zu bekämpfen. Wir begegnen bei Samsons Ermittlungen vielen skurrilen Charakteren in einer Welt von Hunger, Angst und Mangel an Holz zum Heizen.
Nadjeschda ist eine junge Frau aus einem Arbeiterviertel am Dnjepr, genannt Podil. Fasziniert von kommunistischen Ideen arbeitet sie im städtischen Statistischen Amt. Sie lebt bei ihren Eltern. Die Hausmeisterwitwe bringt Samson und Nadjeschda zusammen. Da sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten stammen ist ihre Beziehung nicht einfach und durch die kriegerischen Aktivitäten bedroht.
Samson wurde von den Kosaken das rechte Ohr abgetrennt. Auf wundersame Weise kann er damit mehr und anders hören als mit dem gesunden und wird dadurch auch vor dem Tod gerettet. Ich denke, ich habe so viele „medizinische Fantasien“ in meinen Romanen, weil meine Mutter und Großmutter Ärztinnen waren. Meine Großmutter war in Kriegszeiten Chirurgin, und ich lebte als Kind sechs Jahre bei ihr.
Auf humorvolle, fantastische und berührende Weise gelingt es dem Autor, das wechselvolle Leben im Krieg mit seinen Gräueln und Schrecken atmosphärisch dicht und spannend zu schildern. Für mich sind diese Bücher historische Romane. Sie liefern einen spannend lesbaren Beitrag zur komplexen Geschichte der Ukraine, die damals wie heute von einer machtbesessenen Grossmacht bedroht ist. Kurkows schelmischer Witz in seinem Schreiben über schreckliche Zeiten packen den Leser, die Leserin und wirken zeitlos.
Falls du eines der Bücher liest, würden mich deine Eindrücke interessieren.
Herzlich
Bär
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Lieber Bär
Ja, ich hab eines gelesen; «Samson und Nadjeschda», sogar in einer Ausgabe von der Büchergilde Gutenberg, einem etwas anderen Buchclub, der es immer wieder schafft, das Original, bei Andrej Kurkow den Diogenes Verlag, in Grafik und Design zu toppen. Aber das nur am Rande vermerkt.
Ich verstehe deine Faszination für diese Romane sehr wohl. Zum einen kennst du dich am Schauplatz aus, auch wenn Kiev nicht mehr jene Stadt ist, die sie 1919 war und selbst jenes Vorkriegskiev, vor dem denkwürdigen 24. Februar 2022, als der aggressive Angriffskrieg Putinrusslands auf die Ukraine begann. Du warst da, mehrfach, zusammen mit deiner Frau und hast dich nicht nur für Land, Leute und Sprache interessiert, sondern humanitäre Projekte unterstützt. Die Ukraine ist für dich längst zu einem Herzensland geworden und der Krieg dort nicht einfach einer, der sich in den Medien abspielt, sondern einer, der sich auf dem Rücken derer austobt, die ihr ins Herz geschlossen habt, Menschen, Familien.

Andrej Kurkow beschreibt ein Kiev nach den Wirren des ersten Weltkrieges, nach der russischen Revolution, eine Stadt, die sich von allen möglichen Gruppierungen und militärisch organisierten Banden ausgesetzt sieht. Eine Stadt und ihre Bevölkerung, die nicht nur Hunger leidet, sondern unter der Willkür marodierender Soldaten. Samson ist Opfer und Opportunist zugleich. Der Familie durch Krankheit und Gewalt beraubt, gezwungen, mit Rotarmisten die karge Wohnung zu teilen, schubst ihn das Schicksal von Bühne zu Bühne. Zum einen hilft ihm sein abgeschnittenes Ohr, seine Naivität und seine Fähigkeit zu schreiben. Samson spült es in die Mühlen eines wackligen Polizeiapparats. Mit einem Mal ist er ausstaffiert mit den Insignien der Macht und wird Polizist. Tapfer will er für Ordnung sorgen und merkt sehr bald, das diese unwiederbringlich verloren ist.
Auch die Liebe, wenn auch eine hölzerne und zaghafte, kommt in «Samson und Nadjeschda» nicht zu kurz. Was mich an diesem Roman überzeugt, ist der Ton. Andrej Kurkow erzählt in einer Sprache, die genau in die Zeit passt und mir als Leser diesen über 100jährigen Groove vermittelt, in der die Geschichte spielt. Obwohl deutsch übersetzt lese ich eine russisch erzählte Geschichte, im Duktus seiner grossen Vorbilder. Eine Geschichte über eine Stadt, ein Land, die beide schon immer im Strudel der Geschichte standen, wo sich die verschiedensten Besatzer wie Heuschreckenschwärme übers Land legten.
Absolut lesenswert. Einmal mehr vielen Dank für den Tipp!
Sei umarmt
Gallus

Andrej Kurkow, geboren 1961 in St. Petersburg, lebt seit seiner Kindheit in Kiew und schreibt in russischer Sprache. Er studierte Fremdsprachen, war Zeitungsredakteur und während des Militärdienstes Gefängniswärter. Danach schrieb er zahlreiche Drehbücher. Seit seinem Roman «Picknick auf dem Eis» gilt er als einer der wichtigsten zeitgenössischen ukrainischen Autoren. Sein Werk erscheint in 45 Sprachen. Kurkow lebt als freier Schriftsteller mit seiner Familie in der Ukraine. 2023 wurde er als Ehrenmitglied in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen.
Johanna Marx, Studium am Zentrum für Translationswissenschaft der Universität Wien (Russisch, Spanisch). Seit 2010 freiberufliche Übersetzerin und Dolmetscherin.
Sabine Grebing studierte Slawistik, Musikwissenschaft und Philosophie sowie Übersetzen. Neben Andrej Kurkows übersetzt sie auch andere Werke aus dem Russischen, dem Französischen und Englischen.



Pascal Mercier, mit bürgerlichem Namen Peter Bieri, wurde 1944 in Bern geboren. Er war an der Universität Heidelberg (1983–1990) und in Marburg (1990–1993) Professor für Philosophie. Von 1993 bis 2007 lehrte Peter Bieri an der FU Berlin Sprachphilosophie und Analytische Philosophie, dann verliess er den Lehrbetrieb. Sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) wurde ein Weltbestseller. 2006 wurde Pascal Mercier mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet, 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Er lebte in Berlin. Pascal Mercier starb am 27. Juni 2023.


Sergej Lebedew wurde 1981 in Moskau geboren und war viele Jahre auf geologischen Expeditionen im Norden Russlands und in Zentralasien unterwegs, bevor er zu schreiben anfing. Sein erster Roman «Der Himmel auf ihren Schultern» stand auf der Longlist des russischen Nazbest-Preises 2011. Zuvor sind in Russland seine Gedichte, Essays und journalistischen Texte erschienen. Lebedew lebt seit 2018 in Potsdam.


Jonas Lüscher wurde 1976 in der Schweiz geboren, er lebt in München. Seine Novelle Frühling der Barbaren war ein Bestseller, stand auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis und war nominiert für den Schweizer Buchpreis. Lüschers Roman «Kraft» gewann den Schweizer Buchpreis. Jonas Lüscher erhielt ausserdem u.a. den Hans-Fallada-Preis, den Prix Franz Hessel und den Max Frisch-Preis der Stadt Zürich. Seine Bücher sind in über zwanzig Sprachen übersetzt.
Mit diesen Gedanken und Text-Beispielen möchte ich dich zur Lektüre des «Zauberbergs» ermuntern. Ob ich der Empfehlung Thomas Manns folge, ist durchaus möglich: «Wer aber mit dem «Zauberberg» überhaupt einmal zu Ende gekommen ist, dem rate ich, ihn noch einmal zu lesen, denn seine besondere Machart, sein Charakter als Komposition bringt es mit sich, dass das Vergnügen des Lesers sich beim zweiten Mal erhöhen und vertiefen wird, – wie man ja auch Musik kennen muss, um sie richtig zu geniessen.» (Einführung des Autors für Studenten der Universität Princeton)





Ein trügerisch schönes Landschaftsbild aus Österreich, wo sich der Himmel in einem See spiegelt. Ich aber erfahre von einem Konzentrationslager aus dem zweiten Weltkrieg und der Produktionsstätte von Massenvernichtungswaffen in dieser Gegend. Lorcan wollte auf dem Weg zu ihren Verstecken im Hochgebirge biwakieren, um im Schlafsack den Auf- und Untergang jener Sternbilder zu beobachten, die den Verfolgten in der nächtlichen Weglosigkeit als Orientierung gedient hatten. Staunen und Erschrecken sind nahe beieinander.
«Am Ende der Welt»
Eine Zeichnung von zwei Pferden des siebenjährigen Mädchens Emily Christian auf der weit abgelegenen Südseeinsel Pitcairn im Pazifischen Ozean. Pferde, die sie sich sehnlichst wünscht, obwohl sie noch nie ein Pferd gesehen hat. Sie glaubt, ihr Leben auf dieser Insel, wo es keine Pferde gibt, verbringen zu müssen. Wir erfahren zudem von kolonialen Kämpfen, Sklaverei und Meutereien ihrer Vorfahren auf und um Pitcairn. Emilys Zeichnung wird zur Brücke in die weite Welt.
Also könne er (Ali Bazhi auf dem Foto) nun einen Reisenden nur bis zu den Gebirgszügen der algerischen Sahara führen, denn nachdem es niemanden mehr gab, der die Bewegungen des Sandes, wandernder, irrlichternder Dünen, die Geröllfelder und unüberwindlichen Felsbarrieren über mehr als eintausendfünfhundert Kilometer so gut kannte wie sein Vater, müsste nun in jeder Oase nach einem neuen Ortskundigen gesucht werden.