«Das Leben muss weitergehen … vielleicht stimmt das gar nicht. Vielleicht muss das Leben gar nicht weitergehen, vielleicht muss es einfach gar nichts. Nichts. Nur eines müssen wir: ein Wunder sein. Verletzlich sein. Sterben.»
Rainer Junds Buch ist kein Roman, eher eine Art reflexive Sammlung von Spitalgeschichten. Aber selbst diese Klassifikation wird dem überaus literarischen Schreiben des Arztes und Schriftstellers nicht gerecht. Wäre es ein Roman, wäre ein Protagonist im Zentrum. So sind es sie alle: Sie, die dort arbeiten, weiss gekleidet oder nicht. Sie, die dort hineingehen und etwas erhoffen, als Begleitung oder direkt betroffen. Sie, die dort in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen, die in extremis über Leben oder Tod entscheiden. Sie, die bewegungslos daliegen, weggetreten. Sie, die schon beim Eintritt alles besser wissen. Sie, denen alles oder fast alles genommen wird oder werden muss.
„Tage in Weiss“ erzählt von Liebe, Leben und Tod, von Verzweiflung, Ergebenheit und Hingabe. Rainer Jund erzählt in allem von allem: zarte Liebesgeschichten, schmerzhafte Trennunsgeschichten, solche von Macht und Ohnmacht, manchmal actiongeladen, manchmal ganz nach Innen gerichtet, genauso wie der Arzt im Spital zwischen seinen selbstvergessenen Einsätzen einen Moment der Rück- und Einkehr braucht.
Rainer Jund nimmt mich als Leser an der Hand, nicht weil er eine Sammlung Spitalanektoten zum Besten geben will, um mir zu beweisen, wie sehr im Kosmos Spital die Post abgeht. Er nimmt mich bei der Hand und führt mich zu den Menschen, denen in jenen Mauern das Schicksal durch Fremdbestimmung aufgezwungen wird, wo sich in Extremsituationen das zeigt, was sonst hinter Fassaden, Coolness und Selbstbeherrschung verborgen bleibt. Er nimmt mich an der Hand und zeigt mir das wahre Antlitz des Menschen, sei es in der Liebesgeschichte eines alten Ehepaars, wo der greise Ehemann am Bett seiner Frau sitzt und die durchscheinende Haut auf der Hand in seiner Hand streichelt oder wenn Naivität, Nicht- und Halbwissen auf Wissen und Wissenschaft prallt. Zuweilen reisst er mich an der Hand in einen Kampf um Leben und Tod, ob gewonnen oder verloren, dorthin, wo alles vorbei ist, die Nähe, das Glück, das Leiden, das Leben.
Rainer Jund «Tage in Weiss», Piper, 2020, 240 Seiten, CHF 30.90, ISBN 978-3-492-05878-0
Rainer Jund schildert die Arbeit jener Menschen in Weiss, die sich in diese Farbe gewandet manchmal fast in Maschinen verwandeln, unter Stress zu reinem Funktionieren und Reagieren gezwungen werden. Zum Glück der Betroffenen, denn nähmen die Helfenden in allem Stress ihre Emotionen wahr, fände der Kampf gleich an mehreren Fronten statt, ganz zum Nachteil jener, deren Leben an einem Faden hängt. Da ist auch kein Funke Heroismus, denn Rainer Jund zeigt in den Schwächen und Fehlern die Menschlichkeit.
Wer im Spital liegt, liegt unter einer Decke. Wer geht, geht im Spitalhemd oder im Morgenmantel. Aber eigentlich sind sie alle nackt, ihrer Schalen, Krusten, Schichten und Fassaden beraubt. Noch in diese Nacktheit hinein schneidet das Skalpell, öffnet noch einmal, noch tiefer. So wie Rainer Jund mit seinem Schreiben.
Und manchmal sind es einfach und immer wieder Sätze, die mich als Leser berühren. „Es gibt Menschen, deren Leid wie Schimmel auf dem feuchten Boden drängender Erwartungen aufkeimt.“ „Die Leere in mir war wie ein kahler Block.“
Noch während meiner Ausbildungszeit leistete ich Zivildienst in einem grossen Spital, zuerst einen Monat auf der septischen Abteilung, später auf der Orthopädie. Als ich mich am ersten Tag zum ersten Mal weiss eingekleidet hatte, nahm mich eine Pflegefachfrau an ihre Seite und mit zu einer Wundreinigung am Oberschenkel eines jungen Mannes. Der Mann sass aufrecht in seinem Bett. Die Schwester packte den Schenkel aus und begann mit ihren Gerätschaften die handlange Wunde zu reinigen. Mir wurde übel. Die Schwester schickte mich, nachdem sie mein bleiches Gesicht mit einem kurzen Seitenblick diagnostiziert hatte, weg, zurück ins Stationszimmer, wo mich Minuten später, nachdem man mich höflich gefragt hatte, ob ich wieder zum Einsatz bereit sei, eine andere Schwester bat, ihr zu folgen. In einem anderen Zimmer musste bei einer jungen Frau eine Magensonde gelegt werden. Aber nachdem sich die Patientin immer wieder mit Würgereizen gegen den langen Fremdkörper in ihrem Innern zu wehren schien, begannen meine Beine erneut zu wackeln. Ich zog mich kommentarlos zurück und schaffte es gerade noch auf das Personalklo auf der Etage. Dort sass ich dann ziemlich lange auf dem heruntergelassenen Klodeckel. Würde ich das schaffen, nachdem meine Standhaftigkeit schon mit den ersten beiden Einsätzen in Frage gestellt wurde? Oder war das alles Strategie, um dem jungen Gockel zu zeigen, wo «Bartli den Most holt»?
In „Tage in Weiss“ ist kein Funke Selbstinszenierung. Rainer Jund geht es um die Geschichten hinter den Gesichtern, hinter den Augen, hinter geschlossenen Lidern.
Rainer Jund, geboren 1965, studierte Medizin und Wissenschaftsmarketing. Nach seiner Ausbildung an der Universitätsklinik München praktiziert er heute als HNO-Arzt. In den letzten Jahren näherte er sich seinem Beruf zunehmend auch erzählerisch. Er lebt mit seiner Frau, ebenfalls Ärztin, und ihren drei gemeinsamen Kindern in München. „Tage in Weiß“ ist seine erste literarische Veröffentlichung.
Die Österreicherin Helena Adler beherrscht die Kunst der Übertreibung wie weiland der Grossmeister des Grants, Thomas Bernhard. Sie verwandelt eines seiner Lieblingsthemen, die Verkommenheit des Landlebens, in ein Sprachkunstwerk zwischen katholischer Klagelitanei und brachialem Punksong.
Wutrede aus der „Misthaufenresidenz“ Gastrezension von Christian Lorenz Müller
Biobauernhöfe haben ein gutes Image. Anstelle von Gülle und Kunstdünger lässt krümeliger Mist das Gras und das Getreide spriessen; den Kühen wird nicht zwei Mal am Tag ein Protein-Burger aus brasilianischem Soja vorgesetzt, sondern gesundes Vollkorn-Heu von der artenreichen Wiese hinter dem Haus. Die ländliche Idylle ist in den Köpfen der Stadtbevölkerung längst wieder komplett – auch in Salzburg. Dort zerschmetterte in den 1970er Jahren Franz Innerhofer das Bild vom beschaulich-friedlichen Landleben. Der Bergbauernsohn war vom eigenen Vater über Jahre hinweg als Arbeitssklave missbraucht worden; seine stark autobiographisch geprägten Romane zeichnen nach, wie er sich unter grössten Mühen einen Weg aus einer sprach- und fühllosen Familie bahnt, wie er zum Schriftsteller wird, und, von der literarischen Welt tief enttäuscht, schliesslich wieder verstummt.
Nun hat ein anderes Bauernkind aus Salzburg einen Roman über das Aufwachsen auf dem Land vorgelegt. Helena Adler, Jahrgang 1983, stammt von einem biologisch bewirtschafteten Betrieb, der hoffentlich nicht in allem das Vorbild für den Hof abgegeben hat, den sie beschreibt. Allein schon die Figuren in ihrem provokanten Text sind allesamt zum Fürchten: Zuvorderst das „wilde Vatertier“, das zwar „lieb zu seinen Kindern“ ist, ansonsten aber „alle anderen auffrisst.“ Kurz vor Weihnachten fährt dieses Vieh mit seinem Nachwuchs in die nahe Stadt, kauft auf dem Christkindlmarkt Halbedelsteine, an deren Heilkraft es glaubt, und pöbelt ein paar Minuten später im Dom gegen die katholische Kirche. Die Mutter hingegen, eine Person von „abgründiger Fürstlichkeit“, füllt die Opferstöcke der Gotteshäuser mit einem Geld, das die Familie nicht hat. So überschuldet ist das Anwesen, dass erst ein Blitzeinschlag Erleichterung bringt: Der Stall brennt ab und die Versicherung zahlt. Der Vater hat wieder die Mittel für seine Ausflüge in einschlägige Spelunken und Hurenhäuser, von denen er manchmal erst nach Tagen übel zugerichtet zurückkommt. Und dann gibt es noch die Grosseltern und die Urgrosseltern, und es gibt die älteren Schwestern, Zwillinge, die sich „ihr Erbgut, ihr Hirn und die Jausenbrote“ teilen. Dass sie die Ich-Erzählerin einmal in die Selchkammer einsperren und ihr weismachen, sie werde bald „ganz schwarz“ aussehen „wie der alte Speck“, gehört noch zu den minderen Gemeinheiten, die sie ihr im Lauf der Jahre antun.
„Der Herrgott in der Ecke am Kreuz streckt die Arme aus, seine Knie schlottern. Meine Zähne klappern. Nicht mehr lange, dann wird er herunterfallen. Wer beschützt mich dann vor den Raubschwestern?“
Es geht also denkbar derb und direkt zu in Adlers Roman. Dementsprechend ist auch die Sprache, sie packt sofort zu, sie zerrt die LeserInnen hinein in eine Welt, in der sich gegen das Beherrschtwerden nur wehren kann, wer kräftige Fäuste hat oder eine – wie man in Salzburg sagt – g‘schnappige Goschen. Die Hände der Erzählerin sind baybyweich wie Pfoten, also bleibt ihr nichts anderes übrig, als Widerworte zu geben. Wohl auch deswegen gerät „Die Infantin trägt den Scheitel links“ über weite Strecken zu einer kunstvollen Wut- und Verteidigungsrede, die immer wieder überrascht, verblüfft und verstört. Adler schwingt sich auf ihre Sprache wie auf einen Traktor, sie tritt das Gaspedal durch und brettert sicher durch schwieriges, literarisch eigentlich längst abgeschriebenes Gelände: Durch das sanft sich dahinhügelnde Katholische zum Beispiel, durch das Bitten und Beten und Psalmodieren; durch tiefe Wälder voller Jäger- und Wildererdramen und einmal sogar über die rauen, kalten Hochebenen körperlicher Arbeit, in der ein knapper Realismus herrscht.
Allerdings geht es fast immer mit Höllenradau dahin, was meistens Vergnügen macht, nach den ersten furiosen Kapiteln aber auch enerviert. Etwas vom Gas zu gehen oder den Traktor auch einmal im Leerlauf vor sich hinbullern zu lassen, hätte vor allen Dingen den Figuren gutgetan. Nur selten stolpern sie nicht schrill und überzeichnet durch die Seiten, nur selten gelangen sie kurz zu sich selbst, ehe wieder Vollgas gegeben wird und der thrashige Traktorritt weitergeht. Was steht hinter dem brutalen Gehabe des Vaters, hinter der Herrschsucht der Urgrossmutter, den Bosheiten der Zwillinge? Ist all die brachial inszenierte Wut, sind die Häme, die Verachtung der Hauptfigur vielleicht nur Fassade? Erst gegen Ende des Romans, als der Hof verkauft und die Kühe von ihrem Erzfeind, dem Fleischwolf gefressen worden sind, bringt die Autorin das erste Mal die Familiengeschichte ins Spiel, versucht, so etwas wie ein Innenleben ihrer Figuren zu rekonstruieren:
„Er erzählt von der erdrückenden Liebe seiner Mutter. Idealisiert den Vater, der mit dem Auto im Suff einen Offizier getötet hat und dafür ins Gefängnis musste, als er, mein Vater, gerade sechs Jahre alt war.“
Derartige Sätze tragen nicht wirklich dazu bei, die Bestien vom Bauernhof nachträglich zu Menschen zu machen. Dass über ihre verschütteten Ängste, ihre unterdrückten Sehnsüchte kaum etwas zu erahnen ist, unterscheidet „Die Infantin trägt den Scheitel links“ grundlegend von Debütromanen zum gleichen Thema, zum Beispiel von Reinhard Kaiser-Mühleckers „Der lange Gang über die Stationen“ oder von Franz Innerhofers „Schöne Tage“. Trotzdem wird klar, dass das Grosswerden auf einer „Misthaufenresidenz“ über die Jahrzehnte nicht eben leichter geworden ist. Auch das Aufkommen der Biolandwirtschaft hat daran nichts geändert.
Helena Adler, geboren 1983 in Oberndorf bei Salzburg in einem Opel Kadett, lebt als Autorin und Künstlerin in der Nähe von Salzburg. Studium der Malerei am Mozarteum sowie Psychologie und Philosophie an der Universität Salzburg. Diverse Ausstellungen und Kunstaktionen, Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften.
Diese Rezension ist eine Kooperation zwischen der Literaturzeitschrift «Konzepte» und literaturblatt.ch!
Die Konzepte erscheinen einmal jährlich und versammeln auf bis zu 180 Seiten Texte arrivierter sowie erstklassiger junger Autorinnen und Autoren. Lyrik und Prosa, Essays, Hörspiele und Rezensionen. In jeder Ausgabe werden Arbeiten von bildenden Künstlern oder Fotografen präsentiert.
Werke von bereits etablierten Autorinnen und Autoren stehen neben bislang unbekannten Stimmen. Damit ermöglichen die Konzepte den Zugang zu unterschiedlichen sprachlichen Ebenen und weisen den Weg für junge Schriftstellerinnen und Schriftsteller. „Jung“ bezieht sich hier weniger auf das Alter, sondern vielmehr auf das „zu festigende Standbein“ neuer Autorinnen und Autoren.
Seit nun schon dreissig Jahren erweisen sich die Konzepte als „Entdeckerquelle“ für schriftstellerische Debüts. Viele der hier erstmals vorgestellten Autorinnen und Autoren sind aus der zeitgenössischen Literaturszene inzwischen nicht mehr wegzudenken. Die Konzepte begleiteten den Weg zahlreicher wichtiger literarischer Stimmen, so z.B. Tanja Dückers, Joachim Zelter, Jan Wagner, Kurt Drawert, Ulrike Draesner, Nico Bleutge, Mirko Bonné, Norbert Hummelt, Marion Poschmann, Björn Kuhligk. Mit den jüngsten Ausgaben der Konzepte zeigt sich verstärkt das Interesse bekannter Dichter, neue Werke in der Zeitschrift vorzustellen, so z.B. Günter Herburger, Jürgen Brôcan oder José F.A. Oliver.
Die Chefredaktion hatte von 1999 bis 2003 Markus Orths inne. 2003 übergab er die redaktionelle Verantwortung an die Lyrikerin Christine Langer (Findelgesichter, Jazz in den Wolken, Verlag Klöpfer & Meyer). Seit 2015 wird sie von Christian Lorenz Müller (Wilde Jagd, Roman, Hoffmann und Campe) unterstützt.
Hier bestellen Sie die einmal jährlich erscheinende Literatur-Zeitschrift Konzepte.
Ein monumentales Werk, das einmal gelesen im Bücherregal nicht nur wegen seiner Ausmasse eine Sonderstellung einnehmen wird! Bernt Spiegel hält der Welt einen Spiegel vor, den Spiegel der Geschichte. In seinem 900seitigen literarischen Schwergewicht erzählt er mit Leichtigkeit und beeindruckender Detailkenntnis das durch die Geschichte gepeitschte Leben zweier Kinderfreunde von den späten Zwanzigerjahren bis nach dem zweiten Weltkrieg. Ein unvergleichliches Epos, dessen Nachhall lange mitschwingt!
Noch ein Roman über den aufkommenden Faschismus im Deutschland der Dreissigerjahre bis zum zerstörerischen Ende des Tausendjährigen Reiches? Ja! Noch ein 900seitiger Schmöker, der sich ohne Krampfgefühle in der Handmuskulatur in Rückenlage nicht lesen lässt? Wenn er gut geschrieben ist, warum nicht! Noch einer, der sich mit einem Romandebüt an einen grossen, schwergewichtigen Stoff wagt? Unbedingt, vor allem, wenn der Autor mit 93 zum Newcomer wird!
Als ich das Buch aus dem Paket schälte, glaubte ich nicht, dass ich es lesen würde. Dann juckte mich die Tatsache, dass ein ehemaliger Professor der Psychologie ein derart gewichtiges Debüt veröffentlicht, in einem Verlag, der sich mir bisher entzog. Ich gab ihm 50 Seiten, später noch 50 dazu. Und nun habe ich den blauen Ziegel gelesen, bin beeindruckt und begeistert, nicht nur weil mich Thema und Geschichte fesselte, der Autor fast biblisches Alter hat, sondern weil der Mann einen Roman geschrieben hat, der den Strahl seines Lichts genau dorthin richtet, wo das kollektive Gedächtnis immer mehr mit Absicht vergessen will.
Viktor Zaberer und Ludwig Herkommer kommen fast zur gleichen Zeit unter dem gleichen Dach zur Welt. Kurz nach dem ersten Weltkrieg. Viktor, Sohn eines einflussreichen Industriellen, kurz nach seiner Geburt von der Mutter verlassen, Ludwig, Sohn von Herkommer, dem Chauffeur des Industriellen Zaberer. Sie sind Milchbrüder, beide, weil sie wie Brüder aufwachsen, wie Zwillingsbrüder, auch wenn Ludwig von Beginn weg der Mutigere der beiden ist, unerschrocken und ungerührt, sobald es darauf ankommt und Viktor dafür nachdenklicher und langsamer. Eine Konstellation, die sie in der Schule „unbesiegbar“ werden lässt, erst recht, als sich zu den beiden Bienchen, Sabine Strauss, gesellt, ein bisschen älter, aber mit keiner Zelle eine von den Zicken in der Schule. Die drei werden zur Bande, schwören sich „Bruderschaft“.
Doch mit der grassierenden Wirtschaftskrise, dem aufkommenden Nationalsozialismus und dem immer lauter werdenden Antisemitismus findet die gemeinsame Freundschaft ein jähes Ende, weil Viktor zuerst ins Internat wechselt, später zu studieren beginnt und wegzieht, Ludwig sich den Verlockungen einer Festanstellung bei der SA ergibt und die Jüdin Bienchen die Karriere einer Geigerin beginnt. Die Biographien driften auseinander, obwohl sie immer wieder aneinander erinnert werden und sich ihre Wege, zufällig oder auch nicht, kreuzen.
Noch später, die Nationalsozialisten haben die Macht übernommen, wird Viktor ein gefragter Testpilot, zuerst bei den Segelfliegern, später auch in kriegswichtigen Fliegern, bleibt aber Zivilist, obwohl es für ihn, je deutlicher der Krieg und dann auch Tatsache wird, immer schwieriger wird, sich hinter seinen pazifistischen Absichten zu verstecken. Er liebt das Fliegen, die Fliegerei, die Flugzeuge, nicht die Kriegsmaschine.
Ludwig, der sich wie kaum ein anderer durch seine Kaltblütigkeit auszeichnet, wird von der SS angeworben und entwickelt sich in der Nazimaschinerie zum Fachmann für besondere Verhörmethoden.
Bienchen allerdings gerät immer mehr in Bedrängnis, kann durch Glück einmal den Fängen der Nazischergen entwischen, landet aber schlussendlich in einem Nebenlager des KZs Mauthausen.
Bernt Spiegel spannt den Bogen von den späten Zwanzigern bis in die Monate nach dem Zusammenbruch und der Kapitulation Nazideutschlands. Er erzählt die Geschichten der drei Familien. Aber vor allem erzählt Bernd Spiegel von der sich langsam einschleichenden Macht einer Ideologie, die auf Misstrauen, Hass und Schuldzuweisung gründet. Einer Ideologie, die sich auch in der Gegenwart wieder auszubreiten droht und vergessen lassen will, dass jene Kräfte den Tod von vielen Millionen zu verantworten haben. Kein Fliegenschiss der Geschichte!
Bernd Spiegel erzählt erlebte Geschichte, ist Zeitzeuge. Und auch wenn der Schluss des Romans allzu moralisch sauber daherkommt, Dialoge zuweilen überladen wirken und nicht jede der 900 Seiten romantragend ist, wickelt mich der Autor in einen erstaunlichen Sog. Er fasziniert mich durch sein Wissen, seine Innenansicht, sein Fasziniertsein von Technik, Musik und menschlichen Schwächen, seine Lust, in die Tiefe einzutauchen und seinen langen Atem.
„Milchbrüder, beide“ ist ein Roman über das kollektive und individuelle Erblinden. Viktor folgt blind seiner Faszination für die Fliegerei, Ludwig blind jener von Macht und Ordnung, Bienchen der Musik. Sie alle bezahlen einen hohen Preis. Die einen mit Einsicht und Ernüchterung, die anderen erblinden bis tief in die Seele.
Bernt Spiegel bleibt ganz nah bei den Protagonisten. Die Geschichte, der Faschismus, die Macht der Geschehnisse, der Krieg, alles spiegelt sich in den Protagonisten des Romans. „Milchbrüder, beide“ belohnt mutige LeserInnen, nicht zuletzt mit der ewigen Frage, wo Naivität endet und Schuld beginnt.
Interview mit Bernt Spiegel:
In einer Mail an mich schrieben sie: Der Roman selbst stellt zwar keine historische Wirklichkeit dar, aber er ist gewissermassen nah „an der Wirklichkeit entlang“ geschrieben. Auch wenn ich ihren Roman nicht einfach in die Schublade der historischen Romane ablegen möchte, bezweifle ich den ersten Teil, denn der Roman strotzt vor Wirklichkeiten und der zweite Teil des Satzes ist in ihrem Fall, zu ihrem Roman überhaupt nicht notwendig, denn jede Seite lebt von der Unmittelbarkeit, von der Erfahrung. Was in anderen Romanen manchmal allzu sehr nach Recherche und Wissensbeweis riecht, ist in ihrem Roman Abbild unzähliger Erinnerungen. Ich nehme an, der Roman hätte gleich noch viel umfangreicher werden können. Das war von mir etwas schlampig formuliert, dieses „keine historische Wirklichkeit“. Wenn ich so darüber nachdenke: Wohl kein einziges Ereignis, das ich geschildert habe, und kein einziges der zahllosen kleinen Geschichtchen und Vorfälle, die ich erzähle, hat sich wirklich ereignet. Und wenn da und dort vielleicht doch, dann hat es sich mindestens nicht so abgespielt, wie es von mir geschildert wird. Das Entscheidende nämlich ist: Diese ganzen Einzelereignisse dienen nur dazu, die einzelnen Charaktere, auch in ihrer Entwicklung, allmählich immer deutlicher werden zu lassen, und sie hatten (oder haben) im Ganzen nur die Aufgabe, die bedrückende Atmosphäre der schlimmen Jahre – auch in ihrer fortwährenden Veränderung – nicht einfach zu schildern (gewissermassen bloss zu behaupten), sondern sie für den Lesenden ganz unmittelbar spürbar und miterlebbar werden zu lassen. Das ist die „eigentliche historische Wirklichkeit“, die dieser Roman bietet. Aber das geht nur, wenn nicht nur aus der Sicht der Opfer bzw. der Betroffenen erzählt wird, sondern auch aus der Sicht der Täter! Und das wiederum setzt voraus, dass die Dialoge in ganz verschiedenen Stilen geschrieben werden müssen, damit diese schwierige Position, auch aus der Sicht der Täter zu berichten, wirksam wird. Es ist ein Unterschied, ob ein SA-Rüpel oder ein ranghoher SS-Führer mit Hochschulbildung spricht, ob ein hochrangiger Industrieller oder sein Fahrer spricht oder ob der Leser bei den Offizieren einer Widerstandsgruppe mit zuhören kann – da gibt es Dutzende von verschiedenen Sprachstilen. Manchmal wurde mir selber Angst, wenn ich eine dekuvierende Ansprache, die ein ranghoher SS-Offizier in engstem Kreis hält, meiner Frau vorgelesen habe. Aber das ist eben die eigentliche Wirklichkeit dieses Romans, aber es sind nicht die einzelnen Personen, die es so nicht gibt, und nicht die einzelnen Alltagsereignisse, die so nicht stattgefunden haben.
Sie sind Jahrgang 1926, ein aussergewöhnliches Alter für einen literarischen Erstling. Nichts an diesem Roman riecht nach Erstling. Verraten Sie etwas über die Entstehungsgeschichte ihres Romans, der mehr literarisches Vermächtnis zu sein scheint? Ich habe mir sehr viel Zeit gelassen. Die Grundidee – die politische Verführung eines Einzelnen und eines ganzen Volkes – hatte ich Mitte der sechziger Jahre. Von da an habe ich systematisch Gedanken in einer Zettelkartei gesammelt (da finden sich sogar schon ausformulierte Szenen darin). Allmählich erreichten die kleinen schweizerischen „Biella-Ordner“, in denen meine Zettel untergebracht waren, nebeneinander gestellt schliesslich einen reichlichen Regal-Meter. Einige 1000 Zettel und viel unnützes Zeug natürlich mit darunter. Erst Ende der Neunzigerjahre – ich hatte allmählich mehr Zeit – begann ich zu sichten und zu ordnen und zugleich die Zeitgeschichte zu studieren. Erst so ca. 2007/2008 fing ich an zu schreiben, aber das war anfangs eher die „Konstruktion“ des Romans, nämlich das Zusammenspiel der verschiedenen Erzählstränge (die zum grossen Teil ja im Roman unsichtbar verlaufen und von denen dann nur da und dort mal ein Stück davon erzählt wird). Das ist ein nicht ungefährliches Vorgehen, weil es leicht zu Unmöglichkeiten kommen kann, und es funktionierte erst dann richtig, als ich die einzelnen Stränge in Form langer Papierbahnen nebeneinander an der Wand hängen hatte. Dieser übersichtliche „Fahrplan“ erwies sich als sehr nützlich – ich war in allen Zeitabschnitten des Romans „zuhause“ und konnte es mir leisten, gleichzeitig an verschiedenen Stellen des Romans zu schreiben („gleichzeitig“ nicht im strengen Wortsinne gemeint).
Gemeinsame Feinde schweissen zusammen. Ein erfolgreiches Programm des Nationalsozialismus. Damals die Ungerechtigkeit des Versailler Friedensvertrags nach dem ersten Weltkrieg, später das Weltjudentum, heute das Fremde, die Flüchtlinge, seit je die Vermischung des reinen Deutschtums. Ihr Roman erzählt eigentlich von einer grossen Freundschaft. Einer Freundschaft, die in der Kinderstube beginnt und selbst durch die Wirren der Zeit nie ganz gelöscht wird. Liegt nicht in der Freundschaft ein völkerverbindendes, friedensstiftendes Prinzip? Nun ja, es war eine grosse Freundschaft, auch eine lange währende, aber auch eine Freundschaft, die von Anfang an grossen Belastungen ausgesetzt war, die immer grösser wurden, je mehr sich die beiden auseinander entwickelten. Es war eine Freundschaft, die nicht auf einer mehr oder weniger innigen Zuneigung beruhte, sondern mindestens primär den beiden durch den Zwang der Milchbrüderschaft (und das Wissen darum) „von aussen“ aufgedrängt war.
Dass Freundschaften über die Grenzen hinweg einen hervorragenden Beitrag zur Völkerverständigung leisten können, steht für mich ausser Frage. Meine Mutter war Französin, sodass es stets vielfältige persönliche Verbindungen „nach drüben“ gab, was in der Nazizeit natürlich wieder zu Problemen anderer Art führte. Das Dorf, in dem ich heute wohne, unterhält schon seit den sechziger Jahren mit grossem Erfolg eine Partnerschaft zu Plougerneau, einem ebenso kleinen Nest in der Bretagne.
Ihre drei Hauptfiguren sind drei Archetypen; Viktor, der Zurückhaltende, Nachdenkende. Ludwig, der Intuitive, Drängende. Sabine, die sich Abgrenzende, Fokussierte, die Künstlerin. Anderes Personal ist zwar da, aber wirkt nur durch seinen Mangel, wie die fehlende Mutter von Viktor. Waren die Figuren ihres Romans von Beginn weg so deutlich? Drängten sich welche auf oder verabschiedeten sich ungewollt? Ich hatte eigentlich nie Probleme, Ärger oder gar Streit mit meinen Figuren. Das verlief alles eher anstrengungslos. Auch in den schlimmsten Übeltäter konnte ich mich gut hineindenken, und wenn ich ihn sprechen liess, sprach ich in seiner Sprache. Fragte mich meine Frau, wie geht es weiter mit dem Soundso, dann antwortete ich nur: „Was weiss denn ich? Keine Ahnung, ich muss genau aufpassen und gut mitschreiben.“ Das ist freilich stark übertrieben, aber so ähnlich war es schon.
Ein ganzes Volk verfällt einem Wahn. Aber mit dem Ende des Krieges im Mai 1945 ist dieser Wahn nicht mit einem Mal ausgelöscht. Sie machen das in den letzten Kapiteln ihres Buches sehr deutlich. Wann wird aus purer Begeisterung alles schluckender Wahn? Ich glaube, die Grenze zwischen Begeisterung und Wahn ist nicht zu ziehen. Schon eine eben erst aufkommende Begeisterung vermindert die Kritikbereitschaft (was in diesem frühen Phasen einer Entwicklung temporär durchaus von Vorteil sein kann).
Was Ludwig fehlt, ist Empathie. Wahrscheinlich ein Schlüsselwort, wenn es um Demokratie, Friedenssicherung, Stabilität und Freiheit geht. Was wünschen Sie nachfolgenden Generationen? Eine sanfte Skepsis gegenüber allen Aufrufen gleich welcher Art. Sie fördert die Kritikfähigkeit und die Kritikbereitschaft und schützt vor einer der gefährlichsten Eigenschaften der Menschen, nämlich aufwiegelbar zu sein. Mit den sog. sozialen Medien erleben wir gegenwärtig genau das Gegenteil.
Bernt Spiegel, Jahrgang 1926, Psychologe und Verhaltensforscher. Professor an den Universitäten Mannheim, Saarbrücken und Göttingen. Gründete in den 50er Jahren das „Institut für Marktpsychologie“ in Mannheim. Auch Autor eines Bestsellers über das Motorradfahren. Bernt Spiegel lebt und arbeitet bei Heidelberg.
Das Leben ein einziger Alptraum? Vom ersten bis fast zum letzten Satz ist „Brauch Blau“ eine Achterbahnfahrt ohne absehbares Ende. Eine Lektüre, die mich einnimmt und fesselt, die ungeschönt zeigt, wie feindlich das Leben sein kann, wie sehr man sich im Überlebenskampf an Dingen zu halten versucht, die einem mit sich in die Tiefe zu reissen drohen.
Sie wacht in einem Hotelzimmer auf, das sie im Moment des Aufwachens nicht zu kennen glaubt. Alles ist fremd, sogar ihr Körper, der nicht zu ihrem Denken passt. Nach und nach schaltet sich Erinnerung dazu, auch die an ihre Kinder, die bei ihr hätten sein müssen. Sie rafft die Kleider zusammen, taumelt aus dem Zimmer in eine Welt, die wie Kulisse wirkt, sucht ihre Kinder, ihre Wohnung, ihre Stimme, ihre Arbeit, ihre Geschichte, ihr Leben.
Alles im Leben der jungen Frau ist aus den Fugen geraten. Herbert, der Vater der beiden Kinder, hat sie sitzen gelassen, weil er ein besseres Leben gefunden hat, auf das er nicht verzichten will. Ihr fehlt Geld, denn das bisschen, das sie zuweilen mit ihrem Singen verdient, reicht längst nicht mehr, sie und die Kinder über die Runden zu bringen. Rechnungen bleiben liegen, sie klaut Lebensmittel im Supermarkt. Sie rennt von Vorsingen zu Vorsingen, von Absage zu Absage, als ob sich ihr alles verschliessen würde. Und wenn sie sich traut, ihrer Mutter anzurufen, schlägt ihr die Kälte ihrer Mutter noch einmal ins Gesicht.
Julia Malik «Brauch Blau», Frankfurter Verlagsanstalt, 2020, 224 Seiten, 32.90 CHF, ISBN 978-3-627-00271-8
„Eingebettet in die Familie“ klingt idyllisch, suggeriert den Traum, den Wunsch, den man in jede Zelle eingebrannt mitbekam. Julia Malik erzählt, wie ein Traum zum Alptraum wird, wie man sich trotz allen Bemühens nicht aus den Fängen und Klauen von Familie lösen kann, nicht einmal für einen kurzen Moment des Blaumachend. Jedes noch so gut gemeinte Tun zieht einem nur noch tiefer in den dröhnenden Sog von Kindergeschrei, Forderungen, endlosen Diskussionen, Missverständnissen, immer weiter weg von sich selbst, dem was die junge Frau eigentlich tun will; eine gute Mutter sein, eine gute Sängerin sein, eine gute Liebende sein, ein guter Mensch sein.
Das rauschhafte Sein auf den Opernbühnen der Welt steht in krassem Kontrast zur unkontrollierbaren Welt, der Realität. Was sich nach den Proben und Aufführungen durch einen Joint, eine Tablette, ein bisschen Gras zudecken lässt, rächt sich als Mutter und Organisatorin eines Lebens, das ausser Kontrolle geraten ist. Der jungen Frau gelingt es nicht mehr, in ihrem Leben zu agieren, alles ist auf Reaktion reduziert. Selbst wenn sich auf ihrer verzweifelten Jobsuche eine Tür zu öffnen scheint, ein bisschen Perspektive möglich wird, wird ihr das Heft aus der Hand genommen, reduziert sich das Leben auf den Moment.
Manche mögen sich fragen, warum man sich einen solchen Tripp antun sollte. Julia Malik setzt mich in einen Tunnel, in eine geschlossene Rutsche, in der ich ohne mein Dazutun in die Tiefe sause. Sie zwingt mich, mich mit den Existenzen jener auseinandersetzen, die verzweifelt versuchen, das Leben in den Griff zu bekommen; Alleinerziehende, KünstlerInnen ohne fixes Einkommen, Sitzengelassene und Verlassene, nicht nur verlassen von Liebe und Sicherheit, sondern verlassen von all den Vorstellungen und Träumen, die man einst zu Maximen machte.
Weil Julia Malik ein Sperrfeuer der Sprache zündet! Sie protokolliert nicht, schildert nicht von Aussen, sondern von Innen, gemischt mit all den Bildern, die von objektiven Wahrnehmungen abgekoppelt scheinen. So nah, dass mir manches beinah unerträglich, das Gelesene beinah zum eigenen Schmerz wird.
„Brauch Blau“ ist die Metamorphose einer jungen Mutter und Künstlerin, der es erst im letzten Satz gelingt, das Alte abzustreifen.
Das Irgendwie-Leben einer alleinerziehenden, zweifachen Mutter zwischen drohender Armut, Rausch und Kater, permanentem Überlebenskampf, totaler Isolierung und ekstatischer Sehnsucht hat nichts gemein mit plakativem Familienidyll, trautem Heim und wohliger Sicherheit. Und doch ist das Schicksal der jungen Frau das jener Frauen, die in ihrer Not fast ersticken, niemals die Kraft hätten, ihre Stimme zu erheben. Ist ihr Roman Manifest? Haha, ich hoffe doch, dass mein Roman so ein Manifest ist der Menschen, die durch eine Familie nicht in eine Idylle versinken, sondern sich dem stellen, was die Widersprüche zwischen der eigenen Hingabe, emotional und künstlerisch, körperlich natürlich auch, und dem Funktionieren als Elternteilherausfordern. Ich habe das oft erlebt, selbst, und beobachtet, bei anderen, ausserdem ist man ja dadurch, dass man nach einer Geburt auf einmal die nächste Generation ist, nicht plötzlich erwachsen, man will doch trotzdem wild sein können, ist doch immer noch getrieben, auch von irrationalen Sehnsüchten und natürlich dem normalen Chaos aus Familie, Zuhören, Einkaufen, Steuererklärungen, Geldverdienen, Kindergeburtstagen, Geburtstagen der Freundinnen, länger arbeiten und wenn die Kinder dann auf einmal eine neue Regenhose brauchen, gerät alles ins Kippen. Das geht nämlich ganz schnell, dass ein Chaos hereinbricht, wenn die Summe aller einzelnen Aufgaben für einen alleine viel zu viel ist. Und was passiert da in einem drin? Das hat mich interessiert.
Ihr Roman ist eine sprachliche und dramatische Achterbahn, einmal realistisch klar, dann traumhaft verzerrt. Er reisst mich als Leser auf der ersten Seite schon in die Urangst aller Mütter, die Kinder zu verlieren und endet mit einer Art Häutung, als wärs der Beginn einer Metamorphose. Fürchteten Sie sich vor dem totalen Absturz? Wäre der nicht zumutbar gewesen? Ja, natürlich fürchte ich mich vor dem totalen Absturz, alles andere wäre ja eine Verharmlosung, ein totaler Absturz ist genau das. Ich fürchte mich davor, aber es hat mich mehr interessiert, den Kampf und ihre Versuche und auch ihre Möglichkeiten kennenzulernen, als das Elend zu erforschen. Meine Hauptfigur lässt sich, obwohl sie dort schon ist, nicht hineinfallen, sie will einfach nicht aufgeben und sie beansprucht auch ihr Glück. Sie lernt, sich etwas zu nehmen, ein Verhalten, das ich oft an Männern beobachtet habe und sehr interessant fand. Das ist wohl auch mein innerer Tarantino gewesen, der sagte, jetzt macht sie das aber einfach, jetzt marschiert sie einfach rein und endet das Sozialdrama. Sie bleibt ja trotzdem einer psychologischen Logik verpflichtet, sie zwingt nur all ihre Willensstärke zusammen und ändert ihre Gedankenmuster, ihre Handlungen und ihren Weg und das ist ja durchaus möglich.
Die Protagonistin ist Sängerin ohne festes Engagement, hofft auf eine Rolle auf einer grossen Bühne und ist zu fast allem bereit, eine Rolle zu ergattern. Die Welt draussen in der Realität und die Welt der Illusionen auf der Bühne? Die Welten scheinen diametral auseinander zu liegen. Das ganze Spektrum zwischen Sein und Schein? Ja, die Welten liegen diametral auseinander und sind beide wahr, genau wie ihr Leben diametral verschieden ist, das, was sie als Frau ausmacht, was sie zum Leben braucht, wie eine Pflanze und das, was ihr Alltag von ihr verlangt.
Sie will eine Rolle in „Norma“ einer tragischen Oper von Vincnzo Bellini. Eine Priesterin, die zwei heimliche Kinder versteckt hält, hin- und hergerissen zwischen Mutterliebe und Status. Sie selbst sind erfolgreiche Schauspielerin, Mutter, Musikerin und Schriftstellerin. Priesterin und Dienerin? Ja, ich glaube, ich fürchte, ich hoffe, ich bin auch Priesterin und Dienerin. Ich diene demütig meinem Schreiben und meinen Kindern und natürlich meinen Leidenschaften; der Musik und dem Spielen – und die eine oder andere Messe passiert dabei wohl auch. Manchmal vergesse ich mich und nehme ich mich ungeheuer ernst. Dann wird mir etwas heilig, wahrscheinlich eher aus Versehen … und dann gibt es Entscheidungen, die radikal und schmerzhaft sind, von der auch die Norma erzählt, die man aushalten muss, was eigentlich auch nach der Musik von Bellini verlangt.
„Brauch Blau“, sagt der kleine Sohn, als er eine rote Serviette vorgesetzt bekommt. „Brauch Blau“, sagt die Mutter, weil sie nicht das gewünschte Leben vorgesetzt bekommt. Eine Frau, die die Enge nicht mehr erträgt. Ist Muttersein nicht die einzige Rolle, die man nie ablegen kann? Ich weiss es nicht. Wahrscheinlich kann man sogar das Muttersein ablegen, wenn man das will. Es gibt ja Menschen, mehr Männer, aber sicher auch Frauen, die ihre Kinder verlassen, sie verlassen können. Für mich ist das definitiv nicht möglich, ich will das auf keinen Fall, ich möchte meine Kinder erleben. Aber in Gedanken passiert das natürlich schon, momentweise, das ist ja das Spannende in der Kunst, dass man sich etwas Anderem komplett hingibt und sein Leben vergisst. Wie schön ist es dann für mich, wieder aufzutauchen und Waffeln zu backen und mit meinen Kindern Lego zu spielen.
Julia Malik, 1976 in Berlin geboren, ging für das Schauspielstudium an die Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Anschliessend folgten Engagements an verschiedenen Theatern, unter anderem am Deutschen Schauspielhaus Hamburg, am Schauspielhaus Hannover und am Théâtre National du Luxembourg. Sie dreht Film- und Fernsehproduktionen, arbeitet an dem Kinofilm «LASVEGAS» und spielt Geige in der Berliner Band «Hands Up – Excitement!». «Brauch Blau» ist ihr erster Roman.
Sirrende Hitze über einem Campingplatz am Meer. Lautsprecherdurchsagen, Musik einer Coverband, Zelte und Wohnwagen dichtgedrängt, Menschen überall, am Strand in den Dünen, im Meer, im Dazwischen – und mittendrin gefangen von sich und der Unausweichlichkeit des Moments der 17jährige Léonard.
Eigentlich will er nicht sein, wo er ist. Eigentlich stösst ihn all die Nähe ab. Die Nähe der Gleichaltrigen, das Triebgesteuerte seiner Campingfreunde, der Schweiss, das dauernde Fragen seiner Eltern, der Wirbel in ihm selbst, über den er längst die Kontrolle verloren hat.
Alles spitzt sich ins Unerträgliche zu, als er fast am Schluss seines Urlaubs in der zweitletzten Nacht auf einem Spielplatz Zeuge wird, wie sich Oscar stranguliert. Léonard greift nicht ein, sieht ihn sterben, ihn, der noch vor wenigen Stunden Luce geküsst hatte, jenes Mädchen, das ihm den Kopf verdreht. Léonard schleift in seiner Verzweiflung darüber, dass er ihn hat sterben lassen, den Leichnam in die Dünen und vergräbt ihn in einem Loch, buddelt es noch einmal auf, weil Oscars Handy klingelt. Er glättet den Sand über Oscar, aber nichts von dem Sturm, der in seinem Innern tobt, der alles in Frage stellt, das Innerste nach aussen zu stülpen droht.
Léonard torkelt durch die letzten Stunden seiner Ferien, durch Parties, Karaokesingen, Spielplätze, die heile Welt seiner Familie, vorbei an sonnenrotem Fleisch, inszenierter Fröhlichkeit zwischen Sonnenschirmen und Beachballfeldern.
„Geniesst es, dass sind eure besten Jahre!“, schreit man ihm nach. „Nächstes Jahr kommen wir wieder!“, klinkt wie eine Drohung, die den Alptraum ins Unendliche zieht. Léonard fühlt, wie ihm das Leben zerrinnt, dieses flüchtige Etwas, das er in Oscars Gesicht enden sah, das sich in diesem Ort am Meer, diesem Ort theatralischer Zufriedenheit wie Gift auszubreiten droht, erst recht, wenn der Moment kommen wird, wo die Polizei auftauchen wird.
Und da ist auch noch Luce, das Mädchen, das in ihm Gefühle auslöst, mit denen er nicht zurecht kommt, ein Ziehen zwischen Anziehung und Abstossung, Hoffnung vermischt mit der Angst weggestossen zu werden.
Victor Justin «Hitze», Kein & Aber, 2020, 160 Seiten, 26.00 CHF, ISBN: 978-3-0369-5828-6
Ein Campingplatz ist eine Welt mit ganz eigenen Gesetzen. Mit der Ankunft wir man geboren, mit der Abreise stirbt alles, was in den zwei Wochen durch eine Überdosis Nähe gewachsen ist. Man schliesst Freundschaften für ein paar Tage. Herzen entflammen sich und erkalten wieder. Dramen auf engstem Raum. Victor Jestin schildert diesen Kosmos als wäre er ein Gezeichneter, ein Versehrter. Alles schreit nach Unterhaltung, Vergnügen, Körperlichkeit. Für einen Heranwachsenden wird der Campingplatz zu einem permanenten Laufsteg, auf dem man sich zu behaupten hat, will man seinen Marktwert nicht ganz verlieren. Die Gefühle zwischen Euphorie und Depression schlagen aus, wie die Zeiger eines Geigerzählers.
Victor Jestin schlüpft in das vibrierende Innere eines Jugendlichen in totaler Verunsicherung. Ein heilsamer Einblick für all die Erwachsenen, die mit zunehmendem Alter vergessen, welche Katastrophen in jener Zeit stattfinden. Nichts von Süsse, keine Romantik, keine Schmetterlinge, nur die Angst vor einem langsam rollenden Tsunami. Victor Jestins Sprache ist unmittelbar. Die Hitze des Sommers, die Glut in der Seele des jungen Mannes brennen während der Lektüre. Die Einsamkeit mitten im Gewusel eines Campingplatzes, überzogen mit dem klebrigen Schweiss eines infernalen Sommers.
Victor Jestin, 1994 geboren, verbrachte seine Kindheit in Nantes und studierte anschließend am Conservatoire européen d’écriture audiovisuelle in Paris, wo er heute auch lebt. «Hitze» ist sein Romandebüt.
Sina de Malafosse, geboren 1984, lebt als Lektorin und Literaturübersetzerin in Toulouse. Sie übersetzt u. a. Adeline Dieudonné, Mathias Menegoz, Antoine Laurain und Jean-Paul Didierlaurent.
Ich lese, weil ich die Welt nicht aus den Augen verlieren will. Ich lese, weil sich die Welt der Gegenwart sonst in rasendem Tempo von mir entfernt. Und manchmal lese ich ein Buch, das mich daran erinnert, auch einmal jung gewesen zu sein. Kein Buch über die Unbeschwertheit, schon gar nicht die Leichtigkeit des Seins. Aber ein Buch wie das von Leona Stahlmann, das zeigt, dass es nicht erst die Welt der Erwachsenen braucht, um gefangen zu sein.
Sie lernen sich in der Schule kennen, im letzten Jahr, Mina und Vetko. Mina sieht sich nicht so wie die anderen Mädchen in der Klasse. Aber Mina sieht in Vetko, dem Aussenseiter, der alleine vorne in der ersten Reihe sitzt und um einiges älter ist alles alle andern, einen Verbündeten. Auch einen, der nicht ist wie alle andern im Dorf. Sie kommen sich näher. So nahe, dass die Spuren der Nähe auf Minas Haut unübersehbar werden. Mina sieht in der Art und Weise, wie Vetko ihr begegnet nur die immerwährend schwelende Bestätigung, dass an ihr etwas nicht stimmt. Etwas stimmt nicht, weil Vetko die Welt in unumstösslichen Sätzen zu erklären weiss, eine Welt,, die sie nicht versteht. Etwas stimmt nicht, weil sie genau spürt, dass die Bindung zu Vetko anders ist als das, was man als Liebe bezeichnet, wovon die andern Mädchen in der Klasse schwärmen. Etwas stimmt nicht, weil sich alles ineinanderfügt und sich niemand, schon gar nicht ihre Mutter oder jemand ander dem Strudel entgegenstellt, der Mina hinabzieht. Etwas stimmt nicht, weil Vetko sie permanent zu bestrafen scheint für eine Welt, die aus den Fugen geraten ist.
Leona Stahlmann «Der Defekt», Kein & Aber, 2020, 272 Seiten, 28.00 CHF, ISBN 978-3-0369-5821-7
Die Treffen zwischen den beiden finden in aller Heimlichkeit statt, verborgen vor allen. Treffen, an denen sich Vetko mit seinem sonderbaren Paarungsverhalten immer verletzender an Mina vergeht, Mina untertan macht, sie erniedrigt, knechtet, ihr Prüfungen auferlegt, die beweisen sollen, dass nur er der ist, der versteht. Aus Minas Faszination für den schlaksigen Einzelgänger wird tief eingegrabene Abhängigkeit. Vetkos Strenge scheint die Fortsetzung der mütterlichen Strenge zu sein. Vetkos gebieterische Art die einzige Möglichkeit, ihren Defekt zu kompensieren.
Mina rutscht immer tiefer in die Abhängigkeit, tut alles, um Vetko zu genügen, fügt sich seinen Verboten und Geboten. Und obwohl sie immer wieder einmal den Versuch unternimmt, Distanz zwischen sich und Vetko zu bringen, siegt immer wieder die Angst, sie würde die letzte Orientierung, den letzten Halt verlieren.
Leona Stahlmann schildert hart. Nicht nur das, was an verletzenden Körperlichkeiten zwischen den beiden geschieht. Was ihren Roman zum Leseerlebnis macht, ist nicht die Drastik der Geschehnisse, die sie beschreibt, sondern der diametrale Kontrast ihrer Sprache zum Geschehen. Sie schreibt nicht in Grautönen, scharf gezeichnet. Sie mäandert mit der Sprache. Was sie beschreibt, sind nicht bloss die Spuren auf Minas Haut, die blauen Flecken, das Leben, das wie Säure in den Rachen rinnt. Leona beschreibt, was innen bleibt, tut das in einem Sound, der flirrend luftig rockt, der sich aufbauscht, Kapriolen schlägt. Ein Ton, der einem berauscht und betört. So sehr die Geschichte nach unten zieht, bis zum letzten Satz, so sehr erhebt sich die Sprache in ungewohnte, fast schwindelnde Höhen.
Leona Stahlmann beschreibt, wie weit weg der eigene Planet abdriften kann, wie sehr man sich auf der Suche nach Echtheit, nach seiner eigenen Kontur, nach Liebe verlieren kann. Literatur für mutige LeserInnen. Literatur, die mich nicht so leicht wieder entlässt. Ein Roman, der ein Versprechen für die Zukunft ist!
Was will ich mehr, als mit Literatur in Welten eintauchen. Auch in fremde Welten. Mit ihrem Roman geschieht genau das, auch wenn die Dorf-, Schul- und Landschaftskulisse vertraut ist. Umso mehr überrascht, dass Sie eine Welt ausleuchten, von der ich wenig Ahnung habe, eine Welt, die sich hinter all den Idealbildern verbirgt, die uns glauben machen, die Zeit zwischen Kindheit und Erwachsensein sei nur ein Übergang. Ist das Aufklärung? Aufklärung ist ein Lichtphänomen: eine eintretende Helligkeit an einer Stelle, die vorher nicht nur dunkel, sondern vielleicht sogar unsichtbar gewesen ist. Ich belichte mit diesem Buch gewohnte Bilder neu, zeige das Fremde in ihnen und darauf dem Leser, der Leserin, was dieses gefundene Fremde mit ihnen zu tun hat, wieviel von Ihnen, den Lesenden, mir, jedem Menschen im vermeintlich Abstossenden, in der Ausleuchtung der dunklen Ecke steckt.
Die Geschichte kontrastiert mit der Sprache und macht damit die Geschichte noch viel stärker. Ihr Buch erzählt nicht nur einfach vom Leiden einer jungen Frau, den Abhängigkeiten, der Suche nach dem Echten und Wirklichen. Sie erzählen in einer Sprache, die üppig und verspielt sein kann, grosse Musikalität beweist. War das die Absicht vom Beginn des Schreibens weg? Ja, absolut. Ein Buch ist ein flexibler Container, der immer die Form seines Inhalts annehmen muss.Das Grausame und Harte und Zerrissene kann man, muss man schön, üppig, manchmal gar schmeichelnd erzählen, damit es auf die Seele wirkt, nicht nur auf den Verstand.
Mina ist ein Mädchen, eine junge Frau, die sucht, verzweifelt sucht. Die einen werfen sich in Ideologien oder Religionen. Mina in die Arme eines dunklen Propheten, der sie immer wieder zwingt, ihre Loyalität zu beweisen. Und doch schimmert in keiner Zeile ihres Romans eine Verurteilung durch, schlussendlich nicht einmal Hoffnung. Sind das die Auswirkungen all dessen, was durch die globalen Bedrohungen verloren geht; die romantische Hoffnung einer besseren Zukunft? Dunkler Prophet, das gefällt mir sehr, auch wenn es ein falscher Ausdruck ist. Ich empfinde die Figur Vetko gar nicht als dunkel; er verdunkelt höchstens absichtlich einen Teil der überkomplexen Wahrheiten unserer verstrickten Zeit, um es sich einfach zu machen,sperrt einen Ausschnitt der Welt ab, der ihm passt, um ihn überschaubar zu halten. Ob das das Ende einer romantischen Hoffnung bedeutet oder ihren Anfang, habe ich bewusst offen gehalten; das mag ein anderer entscheiden, am Besten jeder Leser, jede Leserin für sich (und mir gern davon erzählen).
Vetko weiss es. Nur alle anderen wissen es nicht. Und Vetko weiss intuitiv, wieviel Angst er bei Mina mobilisieren muss, dass sie in seiner Abhängigkeit hängen bleibt. Eine Metapher für viel grössere Zusammenhänge? Natürlich – dieses Buch funktioniert in Deutungsspiralen, die sehr gross gezogen werden können, bis zur globalen Spannweite, wenn man es möchte. Aber man muss es nicht.
Wir leiden alle unter Defekten. Die eine zerstörerischer als die andern. Ist Schreiben eine Form des Kampfes dagegen? Gegen den Defekt? Schreiben, ein fertiges Buch als ein ganz kleines Stück Paradies, das man zurückgewonnen hat? Ein fertiges Buch ist wohl eher eine kleine Hölle, die man losgeworden ist auf ein paar hundert Seiten, sicher verstaut hinter zwei Pappdeckeln. Am Besten gehört übrigens ein Schuber drumherum, dann sind die Ungetüme darin garantiert ausbruchssicher. Beim nächsten Buch vielleicht 😉
Leona Stahlmann, geboren 1988, lebt in Hamburg und arbeitet als Autorin, Journalistin und Veranstalterin. 2017 gewann sie den Hamburger Förderpreis für Literatur, 2018 war sie Stipendiatin der Romanwerkstatt des Literaturforums im Brecht-Haus in Berlin und gewann den ersten Wortmeldungen-Förderpreis. «Der Defekt» ist ihr Debütroman.
Eine Kleinstadt im Norden Argentiniens. Perón regiert in Buenos Aires, die Welt erholt sich von den Schrecken des letzten Weltkriegs. Rodrigo Rivenport, Direktor des städtischen Krankenhauses schätzt die Gleichförmigkeit der Tage, dass in seinem etwas zu gross geratenen Krankenhauses nur nach Festen alle Betten belegt sind und ihn nach dem Tod seiner Frau Rosa seine Haushälterin in seinem Kellerrefugium mit seinen Schmetterlingen in Ruhe lässt.
Seit dem Tod seiner Frau liebt Rivenport seine stille Beschäftigung mit seiner Schmetterlingssammlung. Erst recht, seit ihr ein angemessener Platz im städtischen Museum versprochen ist und er seine Sammlung neu ordnen muss. Ordnung ist alles. Nicht nur in der Lepidopterologie, sondern im Leben überhaupt. Und die Tatsache, dass sich Marie, seine Haushälterin, die ihn seit seiner Kindheit begleitet, traut, an die Kellertüre zu klopfen, verspricht nichts Gutes. Ein Notfall. Man hat einen Verletzten in sein Krankenhaus gebracht, gar schwer verletzt, blutverkrustet, mit nichts als seinen Kleidern am Leib, apathisch. Kein Einheimischer, denn der Mann ist gross, blond und hat, nachdem er seine Augen öffnet, erkennbar blaue Augen. Nach erster Wundversorgung und Klarheit, dass die Verletzungen nicht lebensbedrohlich sind, wird offensichtlich, dass der Mann nicht spricht und an einer Amnesie leidet.
Rivenport findet in den kümmerlichen Habseligkeiten des Mannes bloss eine Nummer und muss feststellen, dass sich der Fall auch nicht mit Hilfe der örtlichen Polizei so schnell lösen lässt und er in den Rhythmus seines Alltags zurückkehren sollte. Erst als der Patient in seinem Stammeln seinen Namen preisgibt, man ihn zur Aktivierung seines Erinnerns mit in die Stadt nimmt, in einen Gottesdienst in der Stadtkirche und er mit einem Mal auf der Orgel zu spielen beginnt, gekonnt und virtuos, wird klar, dass „Kurt“ ein ganz spezieller Fall ist. Mit einem Mal interessiert sich nicht bloss das Krankenhauspersonal und die Polizei für den Fremden, sondern eine ganze Stadt und die örtliche Geistlichkeit. Auch die Nonnen aus dem Kloster der Allerheiligsten Jungfrau Maria von Guadalupe. Und während sich die Nonne bereit erklären, den gross gewachsenen Fremden bei sich im Gärtnerhäuschen des Klosters aufzunehmen, schiessen die Spekulationen über den Blondschopf ins Uferlose: Ein Engel ohne Flügel, ein geflohener Berufsmusiker oder gar einer, der aus Europa über Chile bis in den Norden Argentiniens gespült wurde?
Was erst zu Rivenports Freude aussieht, als könnte er in seine gewohnte, geliebte Ordnung zurückkehren, lässt den Arzt ohne grosse Leidenschaft nicht mehr los. Wie kann ein Mann, der nur noch ein Schatten seiner selbst ist, mit seiner Musik aber auch mit seiner Art, den Dingen und Menschen zu begegnen, derart faszinieren. „Kurt“ lernt zwar, sogar die Sprache, aber nicht den Zugang zu seiner verlorenen Vergangenheit. Und als klar wird, dass Kurt auch im Kloster nicht in seiner Direktheit zu kontrollieren ist, quartiert man ihn, ganz zur Freude seiner Haushälterin Maria, in Rivenports Haus ein. Rivenport nimmt ihn mit auf seine Schmetterlingsexkursionen, muss aber feststellen, dass sein Schützling nichts davon hält, dass man Schmetterlinge hinter Glas auf Nadeln aufspiesst.
Damiano Femferts leidenschaftlicher Roman erinnert an südamerikanische Erzählweise genauso wie an die Geschichten von Kaspar Hauser oder Schlafes Bruder. Leidenschaft in der südamerikanischen Provinz, ein Mann, der ganz langsam wie ein Kind die Welt neu zu entdecken beginnt, ein Genie, das mit seinem Orgelspiel eine ganze Stadt zu verzaubern vermag. Damiano Femfert öffnet mit jedem Kapitel eine philosophische Frage mehr; Darf die Wissenschaft zerstören? Was macht einem zu einem guten Menschen? Wann beginnt die Lüge? Rivenport wird durch den Fremden gezwungen, sein enges Korsett, seine Scheuklappen abzulegen. So sehr er zum Lehrer seines Schützlings wird, so sehr lehrt in dieser, was das Leben sein könnte.
Und hinter dem ganzen Romankonstrukt schwebt die Frage, wer der Mann ist, warum er schwer verletzt an einem Strassenrand gefunden wurde, warum ihn niemand zu vermissen scheint. „Rivenports Freund“ ist mit grosser Geste gemalt, in satten Farben, als hätte der noch junge Autor den Sound der Grossen verinnerlicht. Damiano Femfert legt mit seinem Debüt einen Roman vor, der viel, sehr viel für die Zukunft verspricht!
Damiano Femfert, geboren 1985, in Deutschland und Italien aufgewachsen, hat Theaterstücke, Drehbücher zu Kurzfilmen, Spielfilmen, einem Dokumentarfilm und mehrere Reise-Artikel geschrieben, die u. a. in der Frankfurter Rundschau und Neuen Zürcher Zeitungerschienen sind. Neben seiner Schreibtätigkeit ist er in der Kunstszene als Kurator aktiv und als Dozent in Rom, wo er auch lebt. «Rivenports Freund» ist sein erster Roman.
Purnima und Savita, zwei junge Frauen aus einem Dorf im indischen Süden sind die ausgesperrten Heldinnen eines Romans, der nichts Neues erzählt; Menschenhandel, institutionalisierte Frauenverachtung, tief in der Gesellschaft verankerte und zementierte Armut, fehlende Menschenrechte und munter prosperierende Kriminalität. Aber Shobha Rao erzählt mit der genau richtigen Nähe und Distanz, mehrperspektivisch, nie mit dem Zorn der Entwaffneten, stets mit der Hoffnung der Unbesiegbaren.
Aus den Medien sind Meldungen über Gewalt an Frauen in Indien doppelt schmerzhaft. Nicht nur, weil Frauen männlicher Willkür ungebremst ausgesetzt sind, sondern weil ihnen selbst nach der Verhaftung ihrer Peiniger der Hass als drohende Lebensgefahr ins Gesicht schlägt. Verkauft, misshandelt, vergewaltigt, ausgenützt, eingesperrt, mit Öl übergossen und angezündet, gebrandmarkt, gezeichnet, zum Freiwild erklärt.
„Jeder Moment im Leben einer Frau ist ein Geschäft, ein Geschäft mit ihrem eigenen Körper.“
Für eine arme indische Familie sind Mädchen in der Familie kein Segen, sondern Strafe. Denn mit jedem Mädchen wächst der Druck auf die Familie, auf die Eltern dieser Mädchen, die ihre Töchter nur verheiraten können, wenn sie eine Mitgift zu bieten haben. Eine Mitgift, die wiederum der Willkür der Familien der zukünftigen Ehemänner ausgesetzt ist, die beliebig feilschen und den Weg bis zu einer Hochzeit zum Höllentripp werden lassen können.
„So ist das doch mit Mädchen. Wann immer sie am Rand von irgendwas stehen, kannst du einfach nicht anders. Du denkst: Ein Stoss. Mehr bräuchte es nicht. Nur ein kleiner Stoss.“
Purmina kommt aus einer Weberfamilie, die seit Generationen an Webstühlen Saris herstellt. Kein lukratives Geschäft, eingeklemmt zwischen Angebot und Nachfrage. Als Purminas Mutter stirbt, gerät das filigrane Familienglück in Schieflage, die bescheidene Existenz der Familie an den Rand. Purminas Vater stellt Savita ein, ein Mädchen, das etwas älter ist, als seine Tochter, aus einer noch viel ärmeren Familie, die durch die Alkoholkrankheit Savitas Vater nur durch den totalen Einsatz der ältesten Tochter errettet werden kann.
Allmählich werden Purmina und Savita Freundinnen. Purmina ruhig und zurückhaltend, Savita von einem ungestillten Lebenshunger getrieben. Was in Indien Kindheit und Jugend junger Frauen ist, ist aus westlicher Sicht ein Gefängnis; kaum Bildung, sklavische Anbindung an die wirtschaftlichen Pflichten innerhalb der Familie mit der einzigen Aussicht, dereinst sicher verheiratet zu werden, von einer Kette zur nächsten. Während Purmina verheiratet werden soll und sich die Familie wegen dieser Hochzeit mit einem unbekannten Mann, der sich bis zur Hochzeit nicht zeigt, in Schulden stürzt, wird Savita, die am Webstuhl von Purminas Vaters bis zum Umfallen arbeitet, von diesem vergewaltigt. Und weil Savita weiss, dass sie als Opfer immer Opfer bleibt, flieht sie in eine Welt, die sie nicht kennt, beginnt eine Odyssee bis nach Seattle.
Purmina, die dem Hass ihres Gatten und deren Familie ausgeliefert ist, die ausharrt mit der Sehnsucht nach ihrer verschwundenen Freundin, bis ihre Haut zu brennen beginnt und sich der Schmerz dieses Feuers bis in die Seele frisst, folgt Purmina, ihrer Freundin, sucht sie. Purmina, gezeichnet durch das Feuer übergossenen Öls, Savita, gezeichnet von einer amputierten Hand, weil sie als Krüppel mehr Umsatz verspricht für besondere Wünsche herrischer Macht.
„Wir waren einmal Kinder, dachte sie; wir waren einmal kleine Mädchen. Einst spielten wir auf der Erde im Schatten eines Baumes.“
„Mädchen brennen heller“ ist die Geschichte einer Freundschaft. Über die Kraft der Liebe und eines Versprechens, erzählt mit ungeheurer Kraft. Eine Odyssee der Gegenwart, in der die Monster nicht in der Unterwelt agieren, sondern selbst in der Familie lauern. Purmina und Savita suchen nicht nur einander, sondern sich selbst, den Rest Überlebenswillen, jenen Ort, der aller Heimat beraubt nur Freundschaft und Liebe zurückbringen kann. Man liest „Mädchen brennen heller“ atemlos, geschlagen von der Wirklichkeit und der trägen Sicherheit der eigenen Existenz.
Dieser Buch schmerzt und belohnt gleichermassen!
Shobha Rao emigrierte im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie aus Indien in die USA und lebt heute in San Francisco. Sie arbeitete lange als Rechtsanwältin im Bereich häuslicher Gewalt und vertrat insbesondere Opfer mit Migrationshintergrund. Raos Debütroman «Mädchen brennen heller» («Girls Burn Brighter», 2018) rangierte in den führenden Bestenlisten der USA. Zuvor erschien ihr Band mit Kurzgeschichten («An Unrestored Woman», 2016). Shobha Rao ist Preisträgerin des Katherine Anne Porter-Preises und wurde von T. C. Boyle für die Anthologie «The Best American Short Stories 2015» ausgewählt.
Sabine Wolf ist Übersetzerin von Sachbüchern, Reiseliteratur, Belletristik, journalistischen und wissenschaftlichen Texten (Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften). Sie ist tätig u. a. für ZEITmagazin, Deutsches Literaturarchiv Marbach, Amnesty International, Goethe-Institut, Lonely Planet (MairDumont), Deutsches Institut für Menschenrechte, Friedrich-Ebert-Stiftung.
Im Berlin der Gegenwart treffen sich Linus, Adam, Kaspar und Niu und gründen in einer versifften Wohnung ein Start-up-Unternehmen, ein Tool, das körperbezogene Daten seiner Nutzer sammelt, um ihnen Entscheidungen zu erleichtern oder gar abzunehmen. Ein besserer, glücklicherer, erfolgreicherer Mensch soll man werden. Das «Ting» ein permanenter Begleiter zur Selbstoptimierung.
Wir bewegen uns im Netz, sorglos darüber, was mit unseren Daten und Spuren passiert. Wir sind durch unsere Mobilphones jederzeit zu orten. Wir geben Daten preis, die ein cleveres Ührchen am Handgelenk als modisches Accessoire getarnt, der Cloud in den Rachen wirft. Unsere Küche ist vernetzt, unser Arbeitsplatz überwacht, fast alle Daten für den einigermassen gewieften Hacker unschwer einsehbar.
Und doch glauben wir noch immer daran, dass die Maschine unser Leben erleichtert. Noch immer glauben wir, dass mit zunehmender Begleitung von Technik und künstlicher Intelligenz das eigentliche Leben nur leichter und angenehmer wird. Und wir lächeln gequält, wenn man im Netz von den Verrückten liest, die im Wald nach dem urspünglichen Leben suchen, die sich dem Konsum verweigern oder in irgend einer abgelegenen Gegend der Welt die Langeweile kultivieren.
Noch immer verspricht die Wirtschaft Hand in Hand mit der Wissenschaft den Traum der unbegrenzten Möglichkeiten. Es braucht nur Talent, Entschlossenheit und Disziplin. Genau das vereint das Geviert, das sich daran macht, einen digitalen Glücksbringer markttauglich zu machen. Linus als Entwickler, Niu als Programmiererin, Adam als Geschäftsmann und Kaspar als Investor der ersten Stunde. Eine Idee schweisst die vier zusammen, lässt vergessen, was im Leben zuvor getrennt hätte. Ein Verrat zwischen Linus und Adam, eiserne Familientraditionen bei Kaspar und tiefe Einsamkeit bei Niu. So ist der aus vier Perspektiven erzählte Roman gar nicht so sehr die Geschichte einer Geschäftsidee, auf die die Welt nur zu warten scheint, sondern ein Roman darüber, was die Mechanismen einer Zweckgemeinschaft anrichten können, erst recht dann, wenn man sich freiwillig seiner Entscheidungsfreiheit berauben lässt und alles dem einen untergeordnet werden muss, wenn Erfolg bedingungslos wird, wenn sich alles einer Idee, einer Ideologie unterwirft.
Wenn man dem Internet zu glauben wagt, soll Steve Job, Mitbegründer von Apple und einer der erfolgreichsten Start-up-Unternehmen der Gegenwart kurz vor seinem Tod gesagt haben: «… In den Augen der Menschen gilt mein gesamtes Leben als eine Verkörperung des Erfolgs. Jedoch abgesehen von meiner Arbeit, habe ich wenig Freude in meinem Leben. Letztendlich gilt mein Reichtum nur als Fakt des Lebens, an den ich gewohnt bin. In diesem Augenblick, wo ich in einem Krankenbett liege und auf mein ganzes Leben zurückblicke, verstehe ich, dass all die Anerkennung und all der Reichtum, worauf ich so stolz war, an Wert verloren haben vor dem Gesicht des kommenden Todes…»
Alle vier Hauptpersonen starten als Gezeichnete in ihr abenteuerliches Unternehmen, mieten sich ein in einer ehemaligen Kirche, werden zu ihren eigenen ersten Testpersonen mit der Abmachung, dass dem der Firmenanteil verloren geht, der sich nicht an die Ratschläge des Tings hält. Das Unternehmen wächst, die Einsamkeit in der undurchschaubaren Verwicklung digitaler Zusammenhänge auch. Und als Google ein gigantisches Übernahmeangebot macht, zerbröselt das, was zuvor wie Freundschaft aussah.
Artur Dziuk Blick auf die Welt ist ein optimistischer. Vielleicht eine Spur zu optimistisch, angesichts dessen, mit welcher Begeisterung man sich in sämtlichen Lebenslagen auf Technik verlässt. Die Stärke des Romans liegt in den Figuren und den Geschichten um diese herum, ihre Herkunft, ihre Sehnsüchte, ihr Schicksal und die Blendungen. Artur Dziuk scheint sich viel mehr um die Beziehungen des Gevierts zu interessieren, als um die nachvollziehbare Erfolgsstory eines Start-ups. Ich hätte dem Buch eine ordentliche Prise mehr Pfeffer gegönnt. Das Buch ist spannend und lesenswert und für einen Debütroman mehr als beachtlich.
Ein Interview mit Artur Dziuk:
Durch den Roman schimmert die These, dass ein Team nur solange funktioniert, wie Ziele genau definiert und der Weg dorthin reglementiert ist. Glaubt man moderner Betriebsphilosophie, dann braucht es aber mehr als das. Und wenn man einigen wenigen glaubt, dann ist „Team“ glorifizierter Irrglauben. Selbst die Schriftstellerei ist weit weg von Teamarbeit. Ist Team nicht einfach der Traum eines nicht zu erreichenden Idealzustands? Was mich als Schriftsteller interessiert, sind der Druck und die Spannungen, die auf ArbeitnehmerInnen im modernen Arbeitskontexten wirken. Ein Team ist meist nur nach aussen hin eine Gemeinschaft mit gleichem Ziel und definierten Prozessen. Zwischen KollegInnen herrschen oftmals Konkurrenz, Missgunst und Taktierereien, was in einer Gesellschaft, die den kapitalistischen Wettbewerb schon in der Grundschule startet, auch nicht verwunderlich ist. Der Ellbogenkampf um die nächste Sprosse auf der Karriereleiter, die existentielle Angst vor dem Arbeitsplatzverlust und die Umerziehung von abgesicherten ArbeitnehmerInnen zu unabhängigen Entrepreneuren verändern und formen das Innenleben, die Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen. Genau dort möchte ich ansetzen.
Es siegt in ihren Roman nicht die Liebe, auch nicht die Freundschaft, sondern Geld, Macht und Intrige. Alle vier ProtagonistInnen verlieren durch das Ting den letzten Rest ihrer Fähigkeit zu Empathie. Ist das eine der Einsichten des Schriftstellers Artur Dziuk, dass sich Selbstoptimierung und echte Gemeinschaft niemals vereinen? Ich würde nicht zustimmen, dass die vier Figuren die Fähigkeit zur Empathie verlieren, vielmehr machen sie von jener seltener Gebrauch. Und das würde ich Personen tatsächlich attestieren, bei denen der Wille zu Selbstoptimierung und Effizienz fest im Mindset verankert sind: Der stete Blick nach innen führt zu weniger Empathie und politischem Bewusstsein. Wer meint, jeder sei seines eigenen Glückes Schmied, der schiebt auch jedes Problem, jedes Scheitern dem Individuum allein in die Schuhe. Auf den Gedanken, dass an negativen Erfahrungen nicht die/der Einzelne, sondern unsere gesellschaftlichen Strukturen schuld sein könnten, kommen viele gar nicht mehr.
Alle vier sind Losgelassene, Verlassene, Vergessene. Selbst die Familie mag nicht mehr zu kompensieren, was durch den Druck der gesellschaftlichen Normen zu bröckeln beginnt. Schon gar nicht die Religion, ausser sie wird zu Selbstzweck und damit der dem Glauben an den uneingeschränkten Fortschritt gar nicht so fremd. Wo sehen sie das Glück in 50 Jahren? Glück wird es immer geben, auch wenn unsere Welt in 50 Jahren womöglich eine sehr viel unbequemere und sehr viel trostlosere sein wird. Vielleicht liegt ein Problem aber auch in solchen Aussagen. Wenn man sich anhört, wie über gesellschaftliche Veränderungen und Zukunftsperspektiven gesprochen wird, fällt auf, dass wir gänzlich verlernt haben, positive Visionen zu entwickeln, für die es sich zu kämpfen lohnt. Veränderungen werden nur noch angemahnt, um die nächste Krise oder den Totalzusammenbruch abzuwenden. Krisenfetisch schürt zwar Ängste und gewinnt so Wahlen, aber führt aus lösungsorientierter Sicht nur zu Stillstand.
Ihre Gesellschaftskritik blitzt manchmal durch. Lohnt es sich als Schriftsteller, Zurückhaltung zu üben, nett zu sein? In den Lucky Luck Comics reitet der brave Cowboy gegen den Horizont. Aber wenn der Horizont immer mehr wegbricht und es keine Perspektiven gibt, in irgend einer Ferne das Glück zu finden. Ist das Glück nicht unmittelbar da? Beim Schreiben spielen Aspekte wie «Zurückhaltung» oder «Nettigkeit» keine Rolle. Und schon gar nicht geht es jemandem, die/der ihre/seine Zeit mit dem Schreiben von Literatur verbringt, um «Entlohnung». Vielmehr treibt mich beim Schreiben um, welcher Blick auf die Welt und welche Sprache am besten zwischen Form und Inhalt vermitteln. Darüber hinaus möchte ich in meinen Texten keine pauschalen Aussagen treffen und einseitig verteufeln. Reflektion von Gegenwart ist ein wichtiger Aspekt für mich beim Schreiben, aber Kritik sollte auch positive Facetten zulassen. «Das Ting» ist natürlich alles andere als ein positiver Roman. Aber manchmal denke ich, dass er vielleicht genau das hätte werden sollen. Womit ich wieder auf die positiven Visionen anspiele.
An einer Stelle begegnet Adam jemandem, der ihn als einen der jungen Gründer von Ting erkennt. Er schiesst von sich und Adam ein Selfie und fragt ihn, ob er für einen Studenten wie ihn einen Tipp hätte. „Du musst 70 Stunden in der Woche arbeiten, alle zwischenmenschlichen Beziehungen ignorieren, die dir nicht nützen und Erfolg zum einzigen Massstab deines Lebens machen.“ Eine Antwort, die von vielen mit Zeigefingern unterstrichen wird. Und Ihr Tipp? Ich würde es vorziehen, mich mit direkten Ratschlägen zurückzuhalten. Aber ich freue mich natürlich über LeserInnen, die bei der Lektüre von «Das Ting» etwas für sich mitnehmen können. Und sei es bloss eine gute Zeit.
Artur Dziuk wurde 1983 in Polen geboren. Er studierte in Berlin und machte den Master of Arts im Literarischen Schreiben an der Universität Hildesheim. Er gilt als eines der neuen jungen literarischen Talente: 2013 war er Finalist beim 21. open mike. Er erhielt verschiedenste Stipendien und nahm an der Schreibwerkstatt der Jürgen Ponto-Stiftung teil. «Das Ting» ist sein Romandebüt. Heute lebt er in Hamburg.