Braucht Literatur Idealismus?

Man muss für sein Buch, für sein Schreiben kämpfen, hält Gallus Frei-Tomic auf seiner Website literaturblatt.ch fest.

Wahrer könnte dieser Gedanke nicht sein, leben wir doch zunehmend in einer Zeit, in der Kultur und insbesondere Literatur immer mehr marginalisiert werden, da sie keinen «Return on Investment» und Gewinn bringen, ja ein Verlustgeschäft darstellen in einer Konsumgesellschaft, in der man immer weniger willig ist, zu denken und immer mehr auf Besitz von materiellen Gütern ausgerichtet ist.

Zum Glück gibt es sie dennoch, diese exotische, langsam aussterbende Spezies der Literaturverliebten, bestehend aus Lesenden, Schreibenden, Verlegenden und Literaturvermittelnden. Eine Handvoll Idealistinnen und Idealisten, die man heutzutage ruhig zu «Verrückten» erklären könnte.

Was aber bedeutet genau «verrückt»? Das deutsche Wort «verrückt» denkt nicht an Krankheit. Es stellt eine Raummetapher der Verschiebung dar: etwas ist disloziert, hat einen unkonventionellen Platz eingenommen, hat seine ursprüngliche Lage verändert. In der Zeit des Wertezerfalls und der neuen Wert- und Weltordnung erscheinen literaturliebende Idealistinnen und Idealisten tatsächlich als «Verrückte». Denn sie kämpfen dafür, dass durch das Lesen, Schreiben und die Vermittlung von Texten in der Trump-Ära die Fähigkeit des Menschen, sich mit komplexen Inhalten auseinanderzusetzen und zu denken nicht verloren geht. Waren es nicht immer die Verrückten, die durch geschriebene Texte die menschliche Entwicklung und den Fortschritt entscheidend vorangetrieben haben?

Auch wenn heute die Zukunft des Buches immer unklarer wird, scheint es unbestritten weiterhin ein paar wenige Enthusiastinnen und Enthusiasten zu geben, die sich unbezahlbar und unbezahlt als einsame Kämpferinnen und Kämpfer auf weiter Flur für das geschriebene Wort mit aller Kraft und Energie einsetzen und somit der drohenden wirtschaftlichen neoliberalen Kulturzerstörung die Stirn bieten.

Gallus Frei-Tomic zählt zu diesen literaturliebenden idealistischen Enthusiasten, die ihr gesamtes Schaffen in die Unvergänglichkeit der Literatur investieren. Wie unermüdlich seine Arbeit in den vergangenen 10 Jahren war, zeigen die 2000 Beiträge als freier Literaturkritiker, die zahlreichen Veranstaltungen, bei denen er mitgewirkt oder die er selbst organisiert hat, die Rückmeldungen von namhaften Schriftstellerinnen und Schriftstellern auf literaturblatt.ch, die Pressestimmen.

Alles, was die Kulturentwicklung fördert, arbeitet auch gegen den Krieg, hatte einst Sigmund Freud gesagt. Und dieser Gedanke erscheint heute aktueller denn je. Zur Kulturentwicklung gehört aber unbedingt auch Literatur. Denn Literatur vermittelt Werte, dient der Entwicklung von Mitgefühl und Empathie, Literatur lehrt uns zu lieben. In diesem Sinn ist Literaturvermittlung, so wie Gallus Frei-Tomic sie betreibt und als kulturpolitischen Beitrag einsetzt, unentbehrlich.

Evelina Jecker Lambreva, Schriftstellerin, Psychiaterin und Psychotherapeutin