Dieser Roman hat es zweifelsohne in sich. Er sprüht vor Sprachwitz, in seiner Rauh- und Derbheit. Er erzählt von einer Welt, die meist verschlossen bleibt, von grossen Enttäuschungen und der letzten Kraft im Aufbäumen.
Es gibt Romane, die faszinieren durch ihre Bauart, die verschiedenen Erzählebenen, ihre Durchlässigkeit für eigene Gedanken. Es gibt welche, die bannen, nicht loslassen, die mich durch eine Handlung peitschen, die ich nicht mehr weglegen kann. Oder jene, die durch ihren Sound, die Musik überzeugen, die man mit dem Buch auf der Brust nachhallen lassen muss. Und die, die durch ihr Wissen, die Recherche, neue Welten, Offenbarungen überzeugen. „Lachen kann, wer Zähne hat“ bekam von all denen minimale bis maximale Zutaten. Aber was diesen Roman einzigartig, erstaunlich, faszinierend und verblüffend macht, ist der Dreck.
Kann mich an keinem Menschen wärmen. Für mich ist die Heizung überall kaputt.
Erinnern sie sich an den alt gewordenen Rockmusiker Chris von Rohr, der 2004 die Musikszene kritisierte und Meh Dräck (mehr Dreck) forderte, weil sich das mediale Musikgesäusel immer mehr von Originalität entferne? Meh Dräck scheint sich die polnische Schriftstellerin und Bühnenautorin Zyta Rudzka zu Herzen genommen zu haben. „Lachen kann, wer Zähne hat“ ist alles andere als geglättet und gebürstet. Ihr Roman über eine ehemalige Frisöse, die ihren Ehemann trotz aller Geldsorgen bestatten muss, riecht förmlich in seiner Derb- und Direktheit. Ein Roman, der in der untersten Schublade wühlt. Aber nicht bloss, um zu schockieren, sondern um jenen Dreck aufzuwirbeln, der den Menschen in den untersten Schichten ein Leben in Würde schwer macht.
Das Leben in ihm ist nach und nach verdunstet.

Als Theaterfrau muss es der Schriftstellerin grösste Freude bereitet haben, mit dem Sprachinstrumentarium einer Zornigen, Unangepassten, Verletzten und Gezeichneten einer Stimme zu folgen, die auszumalen und auszukosten, dass beim Lesen die Ohren erröten. Zugegeben, da schwappt einem eine ordentliche Portion Obszönität entgegen. Aber sie ist nicht da, um mich zu erschrecken, um Wirbel zu machen, sondern weil es die Stimme einer Sorte Mensch ist, die sonst nie ihre Bühne in der Literatur findet. Aber letztlich muss es der Autorin auch gar nicht um eine Milieustudie gehen, sondern um den Witz in all den Binnengeschichten, in einzelnen Redewendungen und Sätzen, die immer und immer wieder aus dem Text aufploppen. Erstaunlich genug, dass es die Übersetzerin Lisa Palmes offensichtlich geschafft hat, den Sound, den Dreck ins Deutsche zu übersetzen, auch wenn es im polnischen Original noch um einiges köstlicher sein muss.
Karol war lange gut genug, wie er aufs Siegertreppchen kletterte. Aber danach war er allen scheissegal.
Die Geschichte im Roman ist schnell erzählt; Wera muss ihren Mann begraben, einen ehemaligen Jockey, der nach seiner Ausmusterung nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Zwar ist die ganze Wohnung voller Pokale, aber die Brieftaschen leer. Jockey ist langsam eingegangen, verendet. Schlimmer als ein altes Rennpferd. Nun steht die Beerdigung an, die würdevoll sein muss, aber möglichst wenig kosten soll; das letzte Schuhwerk für die aufgequollenen Füsse, ein einfacher Sarg, ein Bestattungsunternehmen ohne grosses Aufhebens und eine Beerdigung im kleinen Kreis. Wera verhökert, was ihr geblieben ist, schleppt sich von Bekanntschaft zu Bekanntschaft, um die letzten Habseligkeiten zu Geld zu machen – oder auch mal zu Wodka. Sie, der man ebenfalls alles genommen hatte, auch ihr Geschäft „Wera – Herrenfriseur“. Sie wusste, wie man ihnen in die Haare fährt.
Sind ja schrecklich gute Menschen, diese Katholiken, nur so schrecklich leichtgläubig.
Rudzka nimmt sie alle auf die Schippe, nicht zuletzt eine konservative polnische Gesellschaft. Sie lässt ihre Protagonisten keifen und speien, dass es eine Freude ist. Zugegeben, der Roman dürfte nicht länger sein, weil die Handlung allein kaum Fleisch am Knochen hat. Es ist der Ton, die Derbheit, das Ungeschönte, das ihm so faszinierend macht. Köstlich!
Zyta Rudzka, 1964 in Warschau geboren, wo sie auch heute noch lebt, arbeitet als Psychotherapeutin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Ihre Gedichte, Drehbücher und Romane wurden mit Preisen ausgezeichnet und in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien Ihr Roman «Doktor Josefs Schönste» bei Ammann (2009) in der Übersetzung von Esther Kinsky und «Mikwe» bei Secession (2014) in der Übersetzung von Sven Sellmer.
Lisa Palmes, 1975 in Münster geboren, studierte u. a. Polonistik und Germanistische Linguistik an der HU Berlin und in Warschau, übersetzt u. a. die Bücher von Zyta Rudzka, Olga Tokarczuk, Joanna Bator und Filip Springer. Sie wurde vielfach ausgezeichnet.
Beitragsbild © Lena
