Tom Zürcher «Unberührt», Plattform Gegenzauber

Mein erstes Interview gab ich mit zehn. Ich weiss nicht mehr, wo es war, ob im Garten, im Wohnzimmer oder im Bad vor dem Spiegel, aber ich weiss noch den Anlass: Ich hatte soeben meinen ersten Roman geschrieben. Der Held meiner Geschichte hiess Tschivers Cambel und suchte einen grossen Schatz. Der «Tages-Anzeiger» widmete Tschivers Cambel oder vielmehr mir die Titel-Schlagzeile der Wochenendausgabe:

«Bub schreibt Buch!»

Und so wurde ich selbst zu einem Schatz, nämlich zu dem meiner Mutter, die mich auf ein Podest hob und von unten bis oben anhimmelte – ein Gefühl wie tausend Glühwürmchen im Bauch, selbst wenn man es sich nur vorstellte.

Seither verging kein Tag ohne Interviews. Ich gab sie auf dem Schulweg, auf dem­ Arbeitsweg, im Fernsehen, im Bett und im Radio. Am liebsten im Radio. Ich beantwortete hundertmal Herrn Schawinskis Frage, wer ich sei, und war so oft zu Gast in der­ Sendung «Musik für einen Gast», dass derRedaktion die Platten ausgingen.

Dass ich einmal berühmt werden würde, ahnte ausser mir niemand. Obwohl es schon früh Anzeichen gab, schon mit acht. Ich ging in die zweite Klasse, und die Lehrerin sagte, wer wolle, dürfe nach vorn kommen und ein Märchen erzählen. Sie meinte eines, das man mal gehört hatte, zum Beispiel «Der Froschkönig» oder «Das hässliche Entlein», aber ich hatte nicht aufgepasst und redete einfach drauflos. Als ich fertig war, fragte die Lehrerin, woher ich die Geschichte hätte, die sei neu für sie, und ich sagte, ich hätte sie soeben erfunden. Und dann bat ich, noch einen anderen Schluss erzählen zu dürfen, der mir gerade eingefallen war, und sie war einverstanden, obwohl es geklingelt hatte.

Als ich 18 war, blitzte meine Geniehaftigkeit ein zweites Mal auf. Wieder in der Schule. Wir nahmen gerade den Dadaismus durch, und ich behauptete, solche Gedichte könnte ich auch schreiben, mit links. Mein Deutschlehrer, ein untersetzter, humorvoller Mann, sagte:

«Beweisen Sie es!»

In der nächsten Stunde hatte ich zwei Dada-Gedichte an die Tafel geschrieben und bat den Lehrer, herauszufinden, welches ein echtes Dada-Gedicht sei und welches von mir. Er las und sagte, ihm gefielen beide Gedichte, aber das links sei von mir. Ich musste ihm recht geben. Ich wollte wissen, woran er das erkannt habe, und er sagte, das echte Dada sei eben noch eine Spur raffinierter. Er ging die beiden Gedichte Zeile für Zeile durch und zeigte die Unterschiede auf. Dann wollte er wissen, von wem das echte stamme, von Hans Arp, Max Ernst, Hugo Ball? Ich sagte: auch von Tom Zürcher.

Ich musste 30 werden, bis ein Verlag sich für eine meiner Geschichten interessierte. Er hiess Eichborn, was sich reimt auf: a Star is born. Als der Roman dann im Buchladen stand, wurden auch spezialisierte Kreise auf mich aufmerksam. So lud mich das Literarische Quartett ins ZDF ein, weil Herr Reich-Ranicki mich und mein Werk persönlich in die Mangel nehmen wollte. Doch statt energisch den Kopf zu schütteln und miserabel, ganz miserabel! zu schimpfen, hielt er das Cover in die Kamera und sagte, Mann, krass wie Grass, und es war das erste Mal, dass er krass im Fernsehen sagte.

Ich wollte nie ein Schriftsteller werden. Ich wollte immer ein Texter sein. Während Schriftsteller unter der Bürde wohlformulierter Intelligenzigkeit mit der Zeit bitter und finster werden, bleiben Texter unbekümmerte Handwerker, die alles texten können, was sie wollen. Wenn sie Geld haben, texten sie Theater, Comics und Romane, wenn sie kein Geld haben, texten sie für teures Geld billige Reklame. Aber auch Texter wollen berühmt werden. Ganz besonders, wenn sie schon mit zehn ihren ersten Roman ins Schulheft gekritzelt haben.

Ich wollte einen Bestseller texten, den man nicht mehr weglegen konnte. Ich wollte in aller Munde sein mit einem Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite frass. Ich wollte einen Hit landen, der mich berühmt machte. So berühmt, dass ich auch mal ausserhalb meines Kopfes ein bedeutendes­ Interview geben konnte. Wo es auch andere hörten, allen voran meine Mutter, die dann sagen würde:

«Nun hat er doch noch etwas Vorzeigbares geschafft, wer hätte das gedacht, ich nicht.»

Im Februar letzten Jahres, kurz bevor mein neuer Roman herauskam, starb meine Mutter und machte ihn damit zu meinem letzten. Denn nun gab es keinen Grund mehr, Bücher zu texten, das Feuer war erloschen unter der Asche meiner Mutter. Wozu noch berühmt werden? Das Leben war auch so anstrengend genug, ich war mittlerweile 55. Die fixe Idee, die mich seit klein auf begleitet hatte, löste sich in einem verheissungsvollen Regenbogen auf, an dessen Ende ich endlich Ruhe und Bescheidenheit fand.

Und nun kommt der kulturtipp und bietet mir die Carte blanche an. Die grüne Wiese. Die freie Bühne! Ich dürfe machen, was ich wolle, und natürlich weiss ich sofort, was ich machen will. Ein Interview. Mit mir:

Tom, das ist einfach unglaublich. Du im kulturtipp! Nun scheinst du doch noch berühmt zu werden.

Tja. Wo ich es nicht mehr brauche.

Das nehme ich dir nicht ab.

Ist aber so. Ich bin geheilt.

Du träumst kein bisschen mehr vom grossen Erfolg?

Nö. Sonst würd ich ja weiterschreiben.

Du hast also nicht irgendwo noch ein ­ Manuskript versteckt, an dem du heimlich rumdokterst?

Echt nicht. Ich habe meinen Traum in eine Eisen­kiste gepackt und so tief vergraben, dass nicht mal Tschivers Cambel sie finden würde.

Hat deine Mutter je etwas von dir gelesen?

Wahrscheinlich nicht. Du?

Alles. Und nicht nur gelesen, geschrieben!

Bereit für die letzte Frage?

Was, schon die letzte?

Tom. Wer bist du?

(Erstveröffentlichung: www.kultur-tipp.ch)

Tom Zürcher, 1966 geboren, ist freier Texter. Meistens textet er in Zürich. Er textet alles, was das Leben von ihm verlangt, doch am liebsten textet er Romane. Keine Mitgliedschaften, keine Jurys, keine Pläne. In festen Händen. 2019 war er mit «Mobbing Dick» für den Deutschen Buchpreis nominiert. Im Picus Verlag erschien 2021 sein neuer Roman «Liebe Rock».

 «Der Spartaner» Rezension

Beitragsbild © CH Media/Sandra Ardizzone

Felix Kucher «Vegetarianer», Picus

Er war Maler und Messias. Er glaubte an eine bessere Welt, ein Neben- und Miteinander von Mensch und Natur, an die Erneuerung von Gesellschaft und Kultur. Karl Wilhelm Diefenbach, Kulturrebell, Vegetarier und Anhänger der freien Liebe, Sozialreformer und Pazifist – Kohlrabiapostel! „Vegetarianer“ von Felix Kucher ist Zeitgeschichte, damals und jetzt!

Im späten 19. Jahrhundert bis in das nächste Jahrhundert hinein gediehen überall in Europa Zellen, in denen neue Lebens-, Gemeinschafts- und Sozialformen entstanden. Die einen wurden gross, andere blieben klein. So kann man den Kommunismus als Bewegung definieren, die aus feudalen Macht- und Ohnmachtsstrukturen ausbrechen wollte, sich in einer Neuorientierung Befreiung versprach. Aber auch kleine und Kleinstbewegungen blühten für kurze Zeit auf, wie jene auf dem Monte Verità im Süden der Schweiz, wo sich IdealistInnen und Weltverbesserer neu auszuprobieren versuchten als alternative Lebensgemeinschaft. Namen wie Hermann Hesse, Else Lasker-Schüler, D.H. Lawrence, Hugo Ball oder Hans Arp suchten dort ihr Glück.

Von der Geschichte fast vergessen ist der deutsche Maler Karl Wilhelm Diefenbach, 1851 in der hessischen Stadt Hadamar geboren, zum Maler ausgebildet an die Akademie der bildenden Künste in München. Ein Mann, der schon mit dreissig Jahren nicht nur mit seiner Malerei die Welt auf den Kopf stellen wollte, sondern mit einem grundsätzlichen Wandel der Gesellschaft. Er verkündete die Rettung der Menschheit, wenn sie dem Fleischkonsum entsage, keine Tiere mehr sinnlos morde, sooft als möglich „nackig wandle“, sich dem heilenden Sonnenlicht ausliefere und sich fortan den Versprechungen der modernen Medizin, ihren Pillen und Impfungen entgegenstelle und ganz und gar der heilenden Kraft der Natur vertraue. So wie er sich als Maler zu etablieren versuchte, endlich über die braven Auftragsarbeiten eines Portätisten hinauswachsen wollte, so war er ganz und gar von seinem Sendungsbewusstsein überzeugt, der Welt jene Antworten zu geben, die den Wandel zum Guten hervorrufen würden.

Felix Kucher «Vegetarianer», Picus, 2022, 230 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-7117-2120-4

Felix Kucher erzählt in seinem Roman „Vegetarianer“ die Lebens- und Leidensgeschichte dieses Mannes. Dabei will Felix Kucher aber nicht einfach nacherzählen, ein Leben aus dem Vergessen zurückholen. Karl Wilhelm Diefenbach starb 1913 vergessen und gescheitert auf der Insel Capri. Diefenbach ist Beispiel dafür, was ungebrochenes Sendungsbewusstsein, egozentrischer Drang aus seiner Existenz Bedeutung zu generieren und nur selten aufblitzenden Empathie bewirken können. Beispiele in der Gegenwart gibt es viele. Was sich in Zeiten der Pandemie und darüber hinaus an Heilbringern und Besserwissern in digitalen Foren tummelte, kann schwindlig machen. Nicht das Felix Kucher die Kritik gegen ungebremsten Fleischkonsum ins Lächerliche ziehen würde, nicht einmal Diefenbachs unbeirrbareren Widerstand gegen die Errungenschaften der modernen Medizin. Kucher geht es um die Person, um diesen einen Mann, der alles und jede(n) zu instrumentalisieren versuchte, der unumstösslich an seine eigene Unfehlbarkeit glaubte und alles Scheitern dem Unbill der Zeit in die Schuhe schob. Diefenbach hatte Kinder mehrerer Frauen, die ihn liebten, hatte Freunde, die für ihn während Jahren durch dick und dünn gingen, Zugewandte, die an ihn glaubten, sowohl als Maler wie als Weltverbesserer. Immer wieder kam er durch den Verkauf seiner Bilder zu Geld, fand Menschen, die ihn finanziell unterstützten. Immer wieder öffneten sich Türen, boten sich Chancen. Aber statt sich mit dem Erreichten anzufreunden, richtete sich der Blick in immer neue Sphären, schienen Grenzen für Karl Wilhelm Diefenbach nicht zu gelten. Schlussendlich starb Diefenbach allein.

Felix Kuchers Roman „Vegetarianer“ ist ein Sittenbild einer Zeit des Aufbruchs. Was im 19. Jahrhundert durch die aufbrechende Industrialisierung und Technisierung Elend und Armut, Entfremdung und Sehnsüchte nach einem Aufbruch verursachte, lässt sich spielend in die Gegenwart transformieren. „Vergetarianer“ ist sorgfältig erzählt, das Abenteuer eines Unbeirrbaren, das Zeugnis eines stillen Scheiterns. Felix Kuchers Roman ist aber keine Künstlerbiographie und will weder Wirken noch Leben Diefenbachs rekapitulieren. Ein Roman ist ein Roman. Und Romane sind stets Fiktion. Selbst dann, wenn sich Autoren an Fakten orientieren.

Karl Wilhelm Diefenbach mit seiner Familie auf seiner Wanderung durch die Alpen (Foto mit freundlicher Genehmigung Deutsches Monte Verità Archiv Freudenstein)

Interview

Neue Gesellschaftsformen suchte man im ausgehenden 19. Jahrhundert an vielen Orten. Es war eine Zeit des Aufbruchs. Hier die Industrialisierung und Technisierung, dort die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, der Nähe zur Natur. Wie kamen sie zur Figur dieses Weltverbesserers?
In einem Reiseführer zur Insel Capri fand ich schon Ende der 1980er Jahre den Hinweis auf seltsame dunkle und depressive Bilder eines deutschen Malers, die in der Certosa San Giacomo auf Capri hängen. Ich war ein paar Mal auf Capri, aber erst 2017 schaffte ich es in die Certosa und nahm die Bilder in Augenschein. Daraufhin begann ich mich mit der Person Diefenbachs zu beschäftigen und habe dann sehr viel recherchiert.

Es gibt vielerlei Verbindungen, Parallelen zur Gegenwart. Man sieht sie auch heute, die Weltverbesserer, die Besserwisser, die Instrumentalisierer, die Suggestiven. Entspricht das nicht der schlichten Sehnsucht nach dem Messianischen?
Darüber mag ich kein Urteil sprechen. Sicher sind in Zeiten, wo die Technik die menschliche Lebenswelt zu bestimmen droht, die Sehnsüchte nach naturnahen Zuständen grösser und Menschen mit lebensreformerischen Ansätzen, die ein „Zurück zur Natur“ predigen, sind womöglich erfolgreicher.
Parallelen zur Gegenwart gibt es tatsächlich sehr viele. Tatsächlich wurden damals Nahrungsmittel wie Hafermilch, Bircher-Müsli oder Heilmethoden wie Schüssler-Salze erfunden und beworben. 

Hinter Karl Wilhelm Diefenbach zieht sich eine Spur mit Verwerfungen. Seien sie personell oder wirtschaftlich. Was hätte Karl Wilhelm Diefenbach an seinem Sterbebett wohl geflüstert (Ich weiss, die Frage ist rein rhetorisch, denn ausgerechnet er, der sich stets an einer gesunden Ernährung orientierte, starb an einem Darmverschluss!) hätte man ihn gefragt, wie er über sein Leben denke?
Diefenbach war ein Visionär, der durchaus wusste, wie man Dinge effektvoll inszeniert und vermarktet. Finanziell war er bei seinen Unternehmungen nicht immer erfolgreich und auch Frauen hat er eher ausgenutzt. Ich denke, er wäre auch am Sterbebett überzeugt davon gewesen, das Richtige vertreten zu haben, auch wenn er seinen eigenen hohen Ansprüchen nicht genügen konnte.

Wir leben wie damals in einer Zeit der Orientierungssuche. Man stellt die Medizin wie damals unter Generalverdacht, wettert gegen Zügellosigkeit und kritisiert zu recht die Folgen eines absolut unkritischen Fleischkonsums. Aber Einsicht und Korrektur kann niemals von aussen erreicht werden, auch wenn uns das Bildungswesen anderes verspricht. Karl Wilhelm Diefenbach agierte absolut patriarchisch und hierarchisch. Warum?
Einerseits liegt es in der Zeit begründet: Es handelt sich bei seinen Kommunen schliesslich nicht um hierarchielose Hippie-Gemeinschaften, sondern eher um eine religiöse Bekenntnisgemeinschaft mit einer starken Führerfigur. Lebensreform, Veganismus und Naturheilkunde tragen deutlich religöse Züge, Diefenbach tritt oft wie ein alttestamentlicher Prophet auf. Anders war das in dieser Zeit eben nicht denkbar.
Andererseits funktionieren solche Gemeinschaften wahrscheinlich nicht anti-autoritär, man denke an die Sekten der 60er Jahre wie Mun oder Children of God.

Betrachtet man heute die Bilder des Malers Karl Wilhelm Diefenbach, dann wirken seine Arbeiten verklärt, aufgeladen und entrückt. Etwas, was der Bildenden Kunst heute völlig fremd zu sein scheint. Heute will und muss man provozieren. Ihr Buch hält sich ganz eng an die Geschichte dieses Mannes. Sie haben als Schriftsteller weder verklärt, noch aufgeladen oder entrückt. Was reizt sie an dieser Form des Erzählens?
Ich denke nicht, dass Diefenbach mit seinen symbolistischen Bildern unbedingt provozieren wollte. Ganz sicher wollte er den Betrachter beeindrucken, überwältigen, ja, zu seiner Lehre bekehren. Die Bilder künden nach seiner Meinung von einem neuen Zeitalter, das gerade anbricht.
Betreffend die Form des Erzählens habe ich einerseits eine Kunstsprache verwendet, die bewusst etwas altertümlich klingen soll und dem Ton nachempfunden ist, in dem Diefenbach seine Briefe schrieb. Ob ich neutral erzählt habe, schwer zu sagen. Verklärt habe ich Diefenbach sicher nicht, da er ja auch unangenehme Seiten hat. Versucht habe ich eine leise Ironie, die – so hoffe ich – nie ins Lächerlichmachen abgleitet.

Ist man sich als Autor der zu gewärtigen Reaktionen auf ein Buch bewusst, die ein solcher Roman auslösen kann, wenn die einen Seiten eines Lebens im Licht stehen und andere in den Augen anderer unterbelichtet bleiben?
Es gibt kaum etwas, was einen als Autor noch überraschen kann. Einerseits gibt es immer abweichende Meinungen von Lesern, wenn historische Persönlichkeiten behandelt werden, andererseits gibt es Leser, die sich des Unterschieds zwischen Historie und Fiktion nicht bewusst sind. Das passiert mir bei meinen Romanen immer wieder.

Felix Kucher, geboren 1965 in Klagenfurt, studierte Klassische Philologie, Theologie und Philosophie in Graz, Bologna und Klagenfurt. Er lebt und arbeitet in Klagenfurt und Wien. Im Picus Verlag erschienen seine Romane «Malcontenta», «Kamnik» und «Sie haben mich nicht gekriegt».

Webseite des Autors

Beitragsbild © Paul Feuersänger

Anna Silber «Chopinhof-Blues», Picus

„Chopinhof-Blues“ erzählt seismographisch von der Empfindsamkeit des modernen Menschen, von der Suche nach Vergebung, nicht zuletzt sich selbst gegenüber, von Verletzungen, die unter vernarbtem Gewebe weitereitern.

Nicht lange her, da war ich an einer Geburtstagsfeier. Ich kannte ausser dem Gefeierten niemand. Nicht wenig hätte gefehlt und das Fest hätte kippen können. Tat es dann nicht, weil die Betroffenen nicht aussprachen, was durchaus hätte gesagt werden können. In Anna Silbers Debüt „Chopinhof-Blues“ treffen sich ein paar Leute in Wien zu einer Geburtstagsfeier. Der kleine Felix wird ein Jahr alt. Daniel, sein Vater, hat eingeladen, weil er nicht alleine mit seiner Ex feiern wollte. Im Chopinhof hat nicht nur Daniel den Blues.

An dem Geburtstag im Chopinhof sind Ádám und seine Frau Aniko eingeladen, beide seit fünf Jahren in Wien, aus Ungarn ausgewandert in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Ádám, eigentlich studierter Philosoph, hilft Daniel, dem Vater des kleinen Felix, in seinem Malergeschäft. Und Aniko versucht mit ihrem Leben zurechtzukommen, in ihrer Liebe zu Ádám, mit der immer unausweichlicheren Frage, ob man selbst Familie werden will oder nicht. Und Ádám mit Aniko, von der er mehr als deutlich spürt, dass sie ihre Antworten nicht mehr mit ihm zusammen sucht.

Anna Silber «Chopinhof-Blues», Picus, 2022, 243 Seiten, CHF 34.90, ISBN 978-3-7117-2117-4

Eingeladen ist natürlich auch Jacinta, die Mutter des kleinen Felix, Daniels Exfrau. Sie tauschen sich die Betreuung des Jungen. Eine Woche er, eine Woche sie. Eine wirkliche Trennung kommt nicht in Frage, denn Jacinta müsste dann mit einer Abschiebung zurück nach Zentralamerika rechnen. Aber Jacinta nimmt Tilo mit. Ihren Neuen. Und Tilo seine Schwester Katja. Katja und Tilo wuchsen im Heim auf, beide auf ihre Art traumatisiert von den Geschehnissen in ihrer Kindheit, einer abwesenden und in Drogen versinkenden Mutter, dem Verlassensein. Während Tilo sich als Künstler versucht, tut es Katja als Bankfachfrau. Aber ihr Beruf, ihre Machtlosigkeit, die Verdammnis, ihre Verstrickungen, schnüren ihr ebenso die Kehle zu wie der migeschleppte Alp zwischen ihr und ihrem Bruder.

Ebenfalls eingeladen ist Esra. Esra ist Krisenjounalistin, noch nicht lange zurück aus San Pedro Sula, einer Millionenstadt in Honduras. Zurück aus einem Krieg, von dem niemand spricht, einem Krieg, bei dem Kinder auf offener Strasse erschossen werden und es für niemanden dort eine Alternative gibt, weder eine realistische Möglichkeit zur Flucht noch eine menschenwürdige Zukunft. Esra zerbricht an der Machtlosigkeit, dem Bewusstsein, dass sie nicht einmal mit ihrem Schreiben etwas ändern kann, dass es nicht um Inhalte, sondern um den Marktwert einer Geschichte geht.

Dort im Hinterhof, im Chopinhof kommen sie zusammen. Sie alle, die gefangen sind in ihrer Geschichte. Anna Silber schreibt von Kämpfen, die sich langsam in Resignation verwandeln. Sie schreibt von der Depression, die sich in all die jungen Leben schleicht, weil man sich nicht in der Lage sieht, den Kampf aufzunehmen. Anna Silber schildert haargenau, in Dialogen, die entlarvend wirken, fern jeder Idylle. Es ist nicht der grosse Abgrund, aber die vielen kleinen, verborgenen, zugedeckten.

Ich wünsche „Chopinhof-Blues“ mutige Leserinnen, die aus dem, was ihnen Anna Silber Schicht für Schicht aus den Sedimenten dieses Abgrunds offenbart, Mut schöpfen können, jene Chancen zu ergreifen, die man sich nicht entgehen lassen darf. „Chopinhof-Blues“ ist sackstark!

Interview

Ich bin beeindruckt von Ihrem Roman, nicht zuletzt von seiner Konstruktion, wie sie ihn gebaut haben. Sie haben es sich nicht leicht gemacht. Ein dichtes Netz an Biographien und Geschichten! Wie schafft man es, die Übersicht, den Durchblick nicht zu verlieren?
Ich kann nicht für andere Autorinnen oder Autoren sprechen, aber für mich war ein aufgezeichneter romaninterner Zeitplan das wichtigste Hilfsmittel. Er hat sich vielfach geändert und ist mir trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen) ein treuer Begleiter durch das ganze Projekt hindurch gewesen. Oft genug habe ich aber natürlich aller Vorbereitung zum Trotze keine Ahnung mehr gehabt, was eigentlich wie zusammenpassen kann oder soll. Dann hilft nur lesen, umschreiben, lesen, umschreiben,…

Allein die Geschichte der Geschwister Tilo und Katja hätte Stoff genug beinhaltet, um einen eigenen Roman zu schreiben. Ich erinnere an die Romane von Angelika Klüssendorf. Auch dieses tiefe Ohnmachtsgefühl von Esra, der Krisenjournalistin, die sich einst voller Enthusiasmus und Ideologie in ihre ersten Einsätze stürzte, wäre Stoff genug für einen Roman gewesen. Ging es Ihnen gar nicht so sehr um die einzelnen Geschichten, sondern um den „Zustand“ einer Gesellschaft, die sich zu verlieren droht?
Mir ging und geht es um beides, um eine Kombination aus beiden Thematiken: auf der einen Seite das kleinteilige Einzelschicksal, auf der anderen Seite das verwobene, grössere Bild, das durch das Zusammentreffen der verschiedenen Geschichtsfäden entsteht. Das Kleine im Grossen sozusagen, um sich auch als Leserin oder Leser die Frage zu stellen, wo man sich in den Figuren erkennt, wo man vielleicht aber auch verständnislos ob ihrer Taten und Einstellungen reagiert – und warum. 

Sie waren nach Ihrem Abitur für einige Zeit in Costa Rica. Spiegeln sich in den Erfahrungen Esras in der Millionenstadt Honduras eigene Erlebnisse?
Eigene Erlebnisse spiegeln sich zwar nicht unbedingt in Esras Erfahrungen wider, aber ich müsste lügen, wenn ich überhaupt keine Parallelen ziehen würde. Mit Sicherheit hat mich im Schreiben das beeinflusst, was ich in Costa Rica gelernt habe, zum Beispiel, dass soziokulturelle Realitäten in Zentralamerika vielschichter nicht sein könnten und dass historische Ereignisse der jüngsten Vergangenheit bedeutende Auswirkungen auf das politische Heute und Morgen haben. Ganz pragmatisch betrachtet halfen mir natürlich meine in Costa Rica gefestigten Spanischkenntnisse bei der Recherche zu San Pedro Sula und Honduras. 

Alle Protagonisten befinden sich in Sackgassen. Vielleicht ist diese Verortung gar nicht so sehr das Resultat einer Resignation, sondern die Anerkennung einer Tatsache, der sich jede(r) zu stellen hat. Ihr Roman ist ehrlich, schmeichelt nicht, entzieht sich aller Verklärung. Ist das das „Programm“ Ihres Schreibens?
Ich muss zugeben, dass ich bisher keine klare Antwort darauf gefunden habe, was das «Programm» meines Schreibens, was also in diesem Sinne mein «Schreibstil» ist. Insbesondere bei diesem Projekt hat es mir aber sehr viel Freude bereitet, durch Reduktion Raum für Interpretation durch die Leserin oder den Leser zu lassen. Was passiert wohl zum Beispiel mit all diesen Menschen, nachdem sie im Chopinhof aufeinandergetroffen sind? Diese Fragezeichen, die mir selbst als Leserin sehr zusagen, habe ich auch versucht, als Autorin entstehen zu lassen. 

Obwohl ich den Titel Ihres Romans nach der Lektüre verstehe, löste er während des Lesens nichts von dem ein, was ich mir vorstellte, als ich den Roman zu lesen begann. Selbst nach der Lektüre verstört er mich, weil er eine Leichtigkeit suggeriert, die der Roman mit keinem Satz will. Wie kam es zu diesem Titel?
Ist es vielleicht das Cover, das eine gewisse Leichtigkeit vermittelt? Für mich liegt tatsächlich ein gewisser Reiz in der Kombination aus Chopin, dem tristen Gemeindebau, der seinen Namen trägt, und dem Blues.

Anna Silber, 1995 in Mödling (Österreich) geboren, wuchs in Österreich und Deutschland auf. Auf das Abitur folgte ein Kultur-Freiwilligendienst in Costa Rica, anschliessend Studium der Transkulturellen Kommunikation und Internationalen BWL an der Universität Wien. Sie erhielt zahlreiche Förder- und Nachwuchspreise. „Chopinhof-Blues“ ist ihr Debütroman.

Beitragsbild © Paul Feuersänger