Pascale Kramer ist eine Meisterin darin, das Psychogramm einer Familie in einer Intensität zu Literatur zu machen, die bei der Lektüre körperlich werden kann. In ihrem neuen Roman „Die Nachsichtigen“ schont sie mich mit nichts. Kein Unterhaltungsroman, aber ein sprachstarker Einblick in die Abgründe einer auseinanderbrechenden Familie.
Manchmal gibt es Bücher, die einen Beipackzettel benötigen. Es ist eine Weile her, als ich einem Bekannten einen Roman von Pascale Kramer schenkte mit der Bemerkung, die Autorin sei eine der ganz Grossen, auch wenn man ihr im deutschen Sprachraum nicht die ihr gebürende Ausmerksamkeit schenkt. Ein paar Wochen später gab er mir das Buch, das ich ihm geschenkt hatte, wieder zurück mit der Bemerkung, er hätte es nicht zu Ende lesen können: „Probleme auf Probleme. Ich lese, um mich zu unterhalten.“ In keinem ihrer bisherigen Romane trifft das mehr zu als auf den neusten. Clémence Mutter stirbt ganz langsam an einer unheilbaren Krankheit. Schon während ihrer Pubertät entgleitet die Tochter der kranken Mutter und dem überforderten Vater. Schon allein das könnte Stoff sein für einen Roman. Aber Clémence verliebt sich in schwärmerischer Art ausgerechnet in ihren Onkel Vincent, einen Kunsthändler, der in seinem Auftreten so ganz anders erscheint, als all die Männer sonst. Aber es bleibt nicht beim Verliebtsein. Vincent versteht sich als Frauenheld, und was mit Komplimenten begann, wird zum Verhältnis, einem Verhältnis, das in der Familie nicht unbemerkt bleibt. Ein Verhältnis, dass die Familie zerreisst, schmerzhaft für alle, wenn auch nicht gleichzeitig. Für Vincent ist Clémence eine Eroberung mehr, Clémence fühlt sich ein erstes Mal ganz und gar gesehen und begehrt. Obwohl Vincent mit Anne-Lise verheiratet ist, einer Frau, die nicht nur eine Fehlgeburt zu verkraften hat und die Seitenspünge ihres Mannes nicht an sich herankommen lässt.

Pascale Kramer beschreibt das Familiengefüge über vier Jahrzehnte, in Kapiteln chronologisch, aber in Rückschauen und Reflexionen, die genau das ausmachen, was Familie ist; ein dichtes Geflecht von Fäden, die sich verlieren, und die mit einem Mal wieder auftauchen, die nie verschwunden sind. Pascale Kramer erzählt davon, wie lange ein Schmerz nachwirken kann, auch wenn Verursacher sich dessen nie wirklich bewusst werden, wie filigran ein Familiegeflecht ist, wie dünn dieses Netz aus Fäden werden kann und man ungewollt riesige Löcher reissen kann.
Man liest dieses Buch nicht, weil einem die Geschichte in Bann zieht, im Gegenteil; Weder Clémence in ihrem ungebremsten Gebaren, noch Vincent in seiner Selbstverliebtheit, weder Clémences Mutter im Käfig ihrer Krankheit, noch ihr Vater, der sich den Situationen nicht zu stellen traut, schon gar nicht Clémences Grossmutter Nancy, die nichts an ihren Sohn Vincent kommen lässt und schon gar nicht die Blindheit und das stille Erdulden von Vincents Frau – niemand lädt zur Identifikation ein. Pascale Kramer scheint sich förmlich zu suhlen im Sumpf einer Familie. Was dieses Buch zum Genuss macht, ist die Fähigkeit der Autorin, das stille Grauen zu wunderschönen Sätzen zu formen. Was ihr Spass zu machen scheint, entlädt sich in mir zu einem Wechselbad der Gefühle. Verstehen sich jene wirklich, die sich am nächsten stehen sollten? Warum ist Schmerz so unmittelbar mit Liebe verflochten? Warum spüren Menschen nicht, was sie mit ihrem Tun anrichten?
Als der Roman einsetzt und es zu ersten Annäherungen zwischen Onkel und Nichte kommt, sprach noch kaum jemand in der Öffentlichkeit von Missbrauch in Familien, von Übergriffigkeit und der Nachsichtigkeit der Gesellschaft. Heute kitten wir die Risse, Risse, die zu schwelenden Narben geworden sind. Pascale Kramer offenbart ein Stück Katastrophe, das sich über Jahrhunderte in eine Gesellschaft gefressen hat. Zugeben; harter Tobak. Aber wer sich traut, liest sich mit diesem Roman in ungewohnte Tiefen.
Pascale Kramer, 1961 in Genf geboren, ist eine vielfach ausgezeichnete Romanautorin. Aufgewachsen in Lausanne, ging sie 1987 nach Paris, wo sie heute lebt. Die Nachsichtigen, 2023 in Frankreich erschienen, ist ihr zehnter Roman und hat ein starkes Presseecho ausgelöst. Bekannt für subtile Familiengeschichten und sprachliche Präzision, konnte Pascale Kramer 2017 den Schweizer Grand Prix Literatur für ihr Gesamtwerk entgegennehmen. Sie engagiert sich u. a. im Verein Nouvelle Page zur Eingliederung von Migrant*innen.
Andreas Spingler übersetzt seit mehreren Jahrzehnten aus dem Französischen; sie hat, neben anderen, Marguerite Duras, Patrick Modiano, Alain Robbe-Grillet, Maylis de Kerangal und Marie-Hélène Lafon ins Deutsche gebracht und wurde vielfach ausgezeichnet. Sie lebt in Oldenburg und Südfrankreich.
mehr über die Bücher von Pascale Kramer
Beitragsbild: Jean-François Robert © Flammarion


Von Graffenrieds Texte kippen vom Konkreten ins Poetische und zurück, mal Deutsch, mal English, mal Dialekt, sie ist eine Geschichtenerzählerin des Geheimen und Verborgenen, eine ebenso raue wie galante Berichterstatterin aus den Halbwelten des Mondänen, eine literarische Umgarnerin der provinziellen Unterwelt.
Karl Rühmann las aus seinem Debütroman „Glasmurmeln, ziegelrot“, einem Roman schillernd wie durch eine Glasmurmel betrachtet, ein eigentliches Geschichtenbuch, poetisch, mosaikartig erzählt, aus schimmernden Miniaturen, die sich zu einem wunderbaren Ganzen fügen. Von einem Kind, manchmal in der ersten, manchmal in der dritten Person, oft im gleichen Abschnitt wechselnd, was dem Text etwas Flimmerndes gibt und ihn weit wegträgt von Selbstreflexion.

ihren Eltern zuhause, bei Danielle, ihrer Mutter und Oliver, ihrem Vater, der erst vor kurzem sein neues Leben als Rentner aufgenommen hat. Lous Schwester Mathilde ist von Barcelona hergefahren, auch der Bruder Edouard ist da. Nur einer fehlt. Einer fehlt immer. Romain, der älteste, den Danielle aus ihrer ersten Ehe in die wachsende Familie gebracht hatte. Romain, der schon als Jugendlicher nicht den Weg eingeschlagen hatte, den man ihm gewünscht hätte, der sich immer mehr verselbstständigte, sich immer mehr dem Einfluss seiner Eltern entzog. Ein junger Mann, der sich durch seinen exzessiven Alkoholkonsum bis ins Koma saufen, von dem man über Monate und Jahre nichts hören konnte, der verschwand, den Edouard irgendwann in Paris in der Gosse wiederfinden musste, weit weg von jeglicher Bereitschaft, in ein normales Leben zurückzukehren.
Pascale Kramer, 1961 in Genf geboren, hat eine Anzahl Romane veröffentlicht, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Aufgewachsen in Lausanne, verbrachte sie einige Jahre in Zürich und ging 1987 nach Paris, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Mit ihrem vierten Roman «Die Lebenden» (Prix Lipp Suisse), 2000 in Frankreich und 2003 erstmals auf Deutsch in der Übersetzung von Andrea Spingler erschienen, kam der literarische Durchbruch. Für «Die unerbittliche Brutalität des Erwachens» wurde sie mit dem Schillerpreis, dem Prix Rambert und dem Grand Prix du roman de la SGDL ausgezeichnet. Mit dem Schweizer Grand Prix Literatur 2017 konnte Pascale Kramer erstmals eine Auszeichnung für ihr Gesamtwerk entgegennehmen.
Wider Willen kehrt Ania in ein Leben zurück, von dem sie sich schon als Kind loszureissen versuchte, von einem Vater, der sie nicht verstehen wollte und konnte. Nicht ihre Mühen in der Schule, nicht ihre Distanziertheit in der Zeit im Internat, nicht ihre Liebe und Ehe mit Novak, einem Serben und schon gar nicht ihren tauben Sohn Théo. Ania kehrt zurück in ein Leben, von dem sie sich mit aller Kraft getrennt hatte, in die Nähe eines Vaters, der sich mit seinem Freitod ganz ihrem Verständnis entzog. Die zurückgelassene Unordnung ihres Vaters hatte sich mit seinem Tod noch weiter verschoben. Als hätte ein Erdbeben in bodenloser Tiefe die Schichten darüber so sehr verückt, dass nichts mehr zusammenfinden kann, nichts.
Pascale Kramer, 1961 in Genf geboren, hat zahlreiche Romane veröffentlicht, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Aufgewachsen in Lausanne, verbrachte sie einige Jahre in Zürich und ging 1987 nach Paris, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Mit ihrem vierten Roman „Die Lebenden“ (Prix Lipp Suisse), 2000 in Frankreich und 2003 erstmals auf Deutsch in der Übersetzung von Andrea Spingler erschienen, kam der literarische Durchbruch. Im Rotpunktverlag liegt außerdem „Die unerbittliche Brutalität des Erwachens“ (2013) vor, für den ihr der Schillerpreis, der Prix Rambert und der Grand Prix du roman de la SGDL zuerkannt wurde. 2017 konnte Pascale Kramer mit dem Schweizer Grand Prix Literatur erstmals eine Auszeichnung für ihr Gesamtwerk entgegennehmen.
Zur Übersetzerin: Andrea Spingler, geboren 1949 in Stuttgart, ist seit 1980 als freie Übersetzerin tätig. Sie hat unter anderem Werke von Marguerite Duras, Alain Robbe-Grillet, Patrick Modiano, Jean-Paul Sartre, André Gide ins Deutsche übertragen. 2007 wurde sie mit dem Eugen-Helmlé-Preis für herausragende deutsch-französische Übersetzungen ausgezeichnet, 2012 mit dem Prix lémanique de la traduction. Sie lebt in Oldenburg und Südfrankreich.

Alissa, eben Mutter geworden, eingezogen mit ihrem Mann in eine Wohnung mit Pool, findet den Tritt im neuen Leben nicht. Obwohl sie mit dem Mann verheiratet ist, der ihr Traummann gewesen war. Schachteln und Kisten bleiben unausgepackt, kein Tag ohne Kampf mit sich selbst und der Welt. Die Liebe zu ihrem Mann ist ihr entglitten – und auch das Mutterglück scheint abhanden gekommen zu sein. Und als ihr Mann nach der Rückkehr eines Freundes aus dem Irakkrieg, der ihn als Versehrten ausspuckt, den Stand verliert und sich ihre Mutter von ihrem Vater scheiden lässt, beginnt sich die Spirale von Dramatik und Tempo zu drehen. Die Katastrophe scheint unausweichlich.
Pascale Kramer, 1961 in Genf geboren, hat zahlreiche Romane veröffentlicht, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Aufgewachsen in Lausanne, verbrachte sie einige Jahre in Zürich und ging 1987 nach Paris, wo sie auch heute lebt und arbeitet. Mit ihrem vierten Roman «Die Lebenden» (Prix Lipp Suisse), 2000 in Frankreich und 2003 erstmals auf Deutsch in der Übersetzung von Andrea Spingler erschienen, kam der literarische Durchbruch. Im Rotpunktverlag liegt außerdem «Die unerbittliche Brutalität des Erwachens» (2013) vor, für den ihr der Schillerpreis, der Prix Rambert und der Grand Prix du roman de la SGDL zuerkannt wurde. 2017 konnte Pascale Kramer mit dem Schweizer Grand Prix Literatur erstmals eine Auszeichnung für ihr Gesamtwerk entgegennehmen.