Cécile Wajsbrot „Offener Himmel“, Wallstein

Der Blick in den offenen Himmel birgt Sehnsüchte – aber auch die Kulisse für Tragödien. Die Dichterin Cécile Wajsbrot spürt einem offenen Trauma nach, dem Verlust eines Stücks ihrer Kindheit.

Ich sass am Meer, als ich das Buch las, mit Blick auf einen unsäglich grossen Himmel, den offenen Raum zwischen Oberflächen, Horizont und dem Blau und Schwarz des Himmels. Cécile Wajsbrot erkundet in ihrem Buch «Offener Himmel», der wohl bloss aus Verkaufsgründen als «Roman» angeschrieben ist, die Welt dazwischen. Zwischen Leben und Tod, zwischen Erinnern und Vergessen, zwischen den Räumen, die Leben ausmachen, der Künste, Musik, Literatur, den Wissenschaften.

Cécile Wajsbrot bekam als Kind von einer Reisefee immer wieder kleine Geschenke. Manchmal Karten, manchmal kleine Mitbringsel. Die Frau, die der kleinen Cécile diese Geschenke aus der ganzen Welt mitbrachte, war Stewardess (heute ein Unwort), eine Freundin ihrer Mutter, eine Fee, deren Geschenke mit einem Mal versiegten, weil sie von einer Reise nicht zurückkehrte.

Cécile Wajsbrot «Offener Himmel», Wallstein, 2026, aus dem Französischen übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller, 181 Seiten, ISBN 978-3-8353-5982-6

Jene Frau, die Reisefee, starb 1961 bei einem Flugzeugabsturz. Am 10. Mai jenes Jahres stürzte Air France Flug 406 über der algerischen Sahara ab. Von den über 80 Menschen überlebte niemand. Von der viermotorigen Propellermaschine vom Typ Lockheed fand man Frackteile in der Wüste verstreut, nach Berichten der Suchtrupps auch grosse Mengen von Papiergeld. Die Ursachen des Absturzes wurden nie geklärt, ein Attentat konnte nicht ausgeschlossen werden. Eine Katastrophe, die sich ins Leben der Autorin eingegraben hatte. Aber „Offener Himmel“ ist weder Recherche noch Rekonstruktion, auch kein Roman im üblichen Sinne, eine in sich geschlossene Geschichte.

Beim Besuch der Ausstellung „I will survive“ der Künstlerin Hito Steyerl wird die Autorin in Erinnerungen, Bilder und Ahnungen zurückgeworfen. Mit einem Mal ruft ein ganzer Chor aus dem Reich der Toten, aus Erlebtem, Gelesenem und Gesehenem, um jenen nie geklärten Verlust, jene plötzliche Leere mit Leben zu füllen. Cécile Wajsbrot lässt sich sprachlich treiben, mäandert und folgt jenen Stimmen, die eine Fährte aus der Leere legen wollen. Seien es Sokrates, Virginia Woolf oder Franz Kafka, seien es Katastrophenfilme wie „Airport“ aus dem Jahr 1970 mit Jacqueline Bisset, Burt Lancaster und Dean Martin oder die Geheimnisse aus der Vogelwelt, jenen Tieren, die wie Flugmaschinen der Schwerkraft trotzen, Lebewesen, die im Dazwischen leben, zwischen Welt und Himmel, fast wie die Göttinnen und Götter der Antike.

Cécile Wajsbrot lässt sich treiben – und das mit poetischer Vehemenz, mit dem grossen Horizont einer Wissenden und dem Hunger einer ewig Neugierigen. Zugegeben, das Buch ist keine leichte Kost und fordert einiges ab. Cécile Wajsbrot hält sich an keine Regie, folgt keinem Faden. Das einzige, was das Buch zusammenhält ist seine Intensität und der Drang, jene Leerstelle, die das Verschwinden der Reisefee aufgerissen hatte, mit Worten, mit Sprache, mit einem buchlangen Gespräch mit den Stimmen aus der Zeit aufzufüllen. Sie sucht, ohne finden zu wollen, weil sie weiss, dass das Suchen genügt. Sie hört den Stimmen zu, ohne restlos verstehen zu müssen, weil sie weiss, dass das Zuhören genügt. Die Fährfrau, die einen ans andere Ufer einer Erzählung bringen wird. Ich bin jemand, der die Aufmerksamkeit auf das lenkt, was man nicht bemerkt, das kaum wahrnehmbare Detail, um das alles andere sich aufstellen, neu gruppieren, zusammensetzen wird, der unsichtbare Mittelpunkt, auf den alles zustrebt.

„Offener Himmel“ ist ein ausgegossenes Füllhorn!

Cécile Wajsbrot, 1954 in Paris geboren, schreibt Romane – manchmal auch Essays und Hörspiele. Sie übersetzt aus dem Englischen (u. a. Virginia Woolf) und aus dem Deutschen (u. a. Marcel Beyer, Peter Kurzeck). Sie lebt abwechselnd in Paris und in Berlin. 2007 war sie Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Seit 2017 ist Sie Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie seit 2019 der Akademie der Künste in Berlin. 2014 erhielt sie den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis, 2016 den Prix de l`Académie de Berlin. 2024 erhielt sie den Grand Prix de Littérature Henri Gal und den Aleksandar Tiśma International Prize. Im selben Jahr wurde sie für ihren Roman »Nevermore« mit dem Literaturpreis der Darmstädter Jury ausgezeichnet.

Holger Fock und Sabine Müller übersetzen seit 30 Jahren französische Literatur u. a. von Patrick Deville, Mathias Énard, Alain Mabanckou, Olivier Rolin, Mohamed Mbougar Sarr, Cécile Wajsbrot und Antoine Volodine.
Für ihre Arbeit erhielten sie viele Auszeichnungen, darunter 2011 den Eugen-Helmlé-Übersetzerpreis, 2023 den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt und den Paul-Celan-Preis des Deutschen Literaturfonds.

Rezensionen zu „Mémorial“ und „Zerstörung“ auf literaturblatt.ch

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