Sonja Sophie Kreis «Das grosse Eis», Rowohlt #SchweizerBuchpreis 26/04

Was bleibt von Familie? Wie wirkt Geschichte auf und aus Familien? Warum distanzieren sich Väter, selten Mütter, tauchen Töchter und Söhne ab? Sonja Sophie Kreis hat einen aussergewöhnlichen Roman geschrieben, der weit über die Selbstanalyse hinausgeht.

Anna reist nach Grönland auf der Suche nach ihrem älteren Bruder Alex. Es ist aber nicht nur die Suche nach einem Bruder, der bloss noch zu Weihnachten eine nichtssagende Karte aus der Kälte schreibt, sondern die Suche nach dem, was von der einstigen Familie übrig geblieben ist. Selbst ihre Schwester ist geschluckt von ihrer Arbeit in einem chicen Hotel mit Sicht aufs Matterhorn.

Anna, sonst Fotografin, reist ohne ihren Apparat an, dafür mit einem in ein Leintuch eingewickeltes Bild. Einer Winterlandschaft des Malers Adolf Dietrich, einem Maler, der zeitlebens in Berlingen am Untersee (Bodensee) lebte und malte. Ein Maler, den man zu den Naiven zählte, der sich aber weitgehend autodidaktisch in seine völlig eigenständige Arbeit vertiefte und erst spät jene Anerkennung bekam, die ihn noch heute zu einem wichtigen Exponenten schweizerischer Kunst macht. Es war das Hochzeitsgeschenk seines Vaters an seine Mutter, ein Bild, das die Beschenkte mehr bedrohte als dass es ihr gefiel. Aber das ihrem Bruder Alex einen Blick in seine Sehnsucht gewährte, eine Welt des Eises und des Schnees, eine Welt der Kälte und der Stille.

Bald wird klar, dass weder der Zufall noch ihr Bruder selbst wollen, dass Anna Alex nach Jahrzehnten wiederfindet. Anna bleibt, richtet sich in dem Ort ein, der nicht gemacht ist für Menschen wie sie, die das Eiland irgendwann wieder verlassen. Und weil kein fotografisches Auge zur Verfügung steht, beginnt Anna zu schreiben, von Hand, in ein Heft nach dem andern. Was ihr geographisch und räumlich nicht gelingen wird, wird mehr und mehr zur verschriftlichten Obsession. In ein Eintauchen in die Bilder ihrer Familie, der erinnerten und der erzählten.

Erzähl mir was, flüsterte ich ihr dann zu und halte das Foto ganz nah an mein Gesicht.

Sonja Sophie Kreis «das grosse Eis», Rowohlt, 2026, 256 Seiten, ISBN 978-3-7371-0257-5

Eine aufbrausende Mutter, ein stiller Vater, der kaum zuhause war. Genauso wie ihr Bruder, der sich schon als Kind viel lieber in der Werkstatt im Keller verlor. In seinen Nachforschungen der Grossen der Arktischen Forschung, der sich in Büchern wegtragen liess, hinein ins ewige Eis, weit weg von den Konflikten der Eltern, der fasziniert war von der tragischen Exkursion von Eduard Skeleton, dessen gepanzertes Schiff Endurance trotz aller Vorsicht in den Eismassen zerdrückt wurde. Vielleicht sinnbildlich für seine eigene Situation zwischen den elterlichen Fronten.

Nicht nur ein Maler, Adolf Dietrich, spielt in der vielschichtigen Geschichte der Thurgauerin, die ihren familiären Ursprung im eben dieser Gegend hat. Otto Marquart, die längste Zeit seines Lebens nicht weit von Adolf Dietrich auf der Insel Reichenau malend, war Künstler, führte zusammen mit seiner Frau am See eine Pension, die während des Krieges Dreh- und Angelpunkt von Flüchtenden war, einem Tun, von dem er auch nicht liess, nachdem ihn die Gestapo verschleppte und verhörte.

Der Film in meinem Kopf ist launisch. Mal fließen die Bilder. Dann wieder ruckelt es, der Erzählstrom macht Sprünge, vorwärts oder zurück, die Leinwand reißt auf, eine ruhige Bildfolge wird von einer subjektiven Kamera gestört.

Sonja Sophie Kreis erzählt von Grenzregionen, vom Blick auf das, was ist und war, sei es geographisch, historisch oder familiär. Damals kam die deutsche Mutter über die Grenze in die Schweiz. Was wie eine Liebesheirat aussah, entpuppte sich als Falle. Auch das, was sich im Winter 1963 zur letzten „Seegfrörni“ auswuchs, war nur für wenige Wochen der ungehinderte Weg auf die andere Seite. Manchmal fehlt nicht viel, aber Grenzen bleiben.

Dass Sonja Sophia Kreis zum Kreis der Nominierten gehört, freut mich nur schon deshalb, weil ich dieses Buch sonst vielleicht gar nie auf den Schirm bekommen hätte. Was ein grosses Versäumnis gewesen wäre. Man merkt dem Roman nicht an, dass es ein literarisches Debüt ist, ganz im Gegenteil. Die Autorin überzeugt durch einen klaren Strich, lässt vermuten, dass sie als bildnerische Künstlerin eine sehr klare Vorstellung von Komposition und Struktur hat. Aber „Das grosse Eis“ ist auch experimentell, changierend zwischen glasklarer Prosa und lyrischen Passagen, von klarer Kontur bis durchscheinend sinnlich.

Unbedingt empfehlenswert!

Sonja Sophie Kreis, geboren1963 am Bodensee, arbeitet als bildende Künstlerin und lehrt Kunst und Kunstgeschichte. Ihre Arbeit führte sie u. a. nach Skagaströnd (Island) und Ilulissat (Grönland). Sie hat Erzählungen und Kurzgeschichten veröffentlicht. «Das grosse Eis» ist ihr erster Roman. Sonja Sophie Kreis lebt in Zürich.

Illustrationen © leafrei.com