Hansjörg Schertenleib «Für die Katz», Atlantis

Regula und Herbert haben sich vor ein paar Jahren ein Landhaus im Burgund gekauft, ein Refugium, einen Rückzugsort, Realität gewordener Sehnsuchtsort. Ein Steinhaus mit viel Land, in einem kleinen Weiler, mit Blick auf Autun. Wenn da nur der Nachbar nicht wäre.

Hansjörg Schertenleib muss sich nicht mehr beweisen, obwohl er es dann trotzdem tut; mit seiner Art, wie er mit Lakonie, einem sicheren Strich das Grosse im Kleinen erzählt. Wie er seine Figuren zeichnet, wie er mich überrascht. Wie er sich Themen, Schauplätze und Menschen aussucht, die so gar nicht den momentan angesagten Mustern entsprechen. Wie er es schafft, Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen, mir seine Protagonisten nahe zu bringen, auch wenn sie keine reinen Sympathieträger sind. Er schafft es sogar, dass er mich ein vermeindliches Katzenbuch lesen lässt, mich, der ich Katzen nur mit dem grössten Misstrauen begegne, obwohl ich immer wieder der bin, den sie bei Besuchen aussuchen, um sich es auf meinem Schoss bequem zu machen. „Für die Katz“ ist kein Katzenroman, auch wenn die Geschichte an Katzenleben entlang erzählt wird. Hansjörg Schertenleib erzählt von dem, was unser Leben bedroht, was Träume zunichte macht, was alle Emotionen bindet, unser Innerstes zerreisst. Er erzählt vom kleinen Krieg, der nicht anders funktioniert wie der Grosse. Von unüberwindlich scheinenden Gräben und der Macht der Zerstörung und des Hasses.

Hansjörg Schertenleib «Für die Katz», Atlantis, 2026, 208 Seiten, ISBN 978-3-7152-5069-4

Als sie das Haus kauften, schien alles perfekt zu sein. Ein weiter Horizont, ein Haus mit Charme, ein Leben, das Zukunft verspricht. Ein Paradies für ihn, den Pensionierten Herbert Reuss und Regula, seine Lebenspartnerin, die zwischendurch als Reiseleiterin arbeitet – und für Ixifix, den zugelaufenen Kater. Dass mit Grundstück und Haus nicht alles perfekt ist, spüren sie schnell, als man sich am Nachbarn Cafard vorbeizwängen muss. Später wird das Kreischen seiner Kreissäge zu einem festen Bestandteil täglicher Geräuschkulissen. Es fallen Bäume, die eigentlich auf ihrem Grundstück stehen, es fliegen Kot und Steine. Während Herbert sich mehr und mehr der Boshaftigkeit seines Nachbarn stellen und mit seiner eigenen kämpfen muss, ärgert sich Regula als Reiseleiterin mit Besserwissern und Klugscheissern herum. Mit einem Mal scheint Ärger zu einer Grundeinstellung des Lebens zu werden, alles zu dominieren, die so nah geglaubte Idylle zu zerstören.

Schertenleib erzählt anhand von verschiedenen, meist zugelaufenen Katzen, das Leben von Herbert und Regula, diesem Paar, das sich mehr und mehr in den Untiefen des Kleinkriegs zu verlieren droht. Es ist die Geschichte zweier Suchenden, so wie es in jener Gegend ganz viele zu geben scheint, die sich an den Rändern der Wälder des Morvan ein neues Leben aufzubauen versuchen, die sehr oft alles tun, um als Einheimische angesehen zu werden, aber doch in jenem Zwischenland bleiben, zwischen Dauertourist und dem Wunsch, sich als Fast-Einheimische in alte Ordnungen einfügen zu können. Herbert allerdings möchte vor allem seine Ruhe, erst recht dann, wenn Regula auswärts ihren Pflichten nachgeht. Er möchte es auskosten, scheut sich auch nicht, den ersten Cognac schon am Morgen zu geniessen. Zusammen mit Ixifix, dem Kater, der bislang letzten Katze in einer langen Reihe, diesen wählerischen Geniessern, die immer und überall einen Platz finden, der ganz ihnen gehört. Ganz im Gegensatz zu Herbert in seinem Krieg mit dem Nachbarn. Seine Ruhe war ihm heilig geworden. Und eben diese Ruhe, symptomatisch für die 70jährigen, ist mehr als nur bedroht.

«Für die Katz» ist ein herrliches (Man kann das Wort auch durchaus wörtlich nehmen!) Stück Literatur. Ein typischer Schertenleib. Gut, dass er weiterschreibt!

Sonntags um 11 Uhr, Garage, Bahnhofstrasse 22/24, Wetzikon.

Hansjörg Schertenleib, geboren 1957 in Zürich, gelernter Schriftsetzer und Typograph, ist seit 1982 freier Schriftsteller. Seine Novellen, Erzählbände und Romane wie die Bestseller Das Zimmer der Signora und Das Regenorchester wurden in ein Dutzend Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, seine Theaterstücke auf der ganzen Welt auf die Bühne gebracht. Schertenleib lebte zwanzig Jahre in Irland, vier Jahre auf Spruce Head Island in Maine und wohnt seit Sommer 2020 im Burgund.

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Beitragsbild © Sandra Kottonau