Das Besondere: Mario Vargas Llosa, «Sonntag», illustriert von Kat Menschik, Insel-Bücherei

Ich war elektrisiert nur schon, als ich es auspackte und in meinen Händen hielt! Da treffen sich in einem Buch Fixstern der Literatur Mario Vargas Llosa, Fixstern der Illustration Kat Menschik und Fixstern der besonderen Buchreihe am Bücherhimmel auf einer Linie und machen Lesen, Blättern und Schauen zu einem Augenschmaus der Extraklasse, bringen mich in vielerlei Hinsicht zum Schwärmen.

Mario Vargas Llosas frühe Erzählung spielt in seiner Jugend in Lima. In der Clique «die Rabengeier» schaukeln sich Miguel und Rubén so lange durch Alkohol und Gifteleien in eine Wette um die Liebe eines Mädchens. Ein kalter Sonntag am Meer wird zu einer Mutprobe um Leben und Tod. Wuchtige Sätze und starke Bilder zusammen mit den Illustrationen von Kat Menschik, eine der Grossen in ihrem Fach.

Ein ganz besonderes Kleinod!

Alessandro Baricco «Mr. Gwyn», Hoffmann und Campe

«Wir sind alle ein paar Seiten in einem Buch. Doch es ist ein Buch, das niemand geschrieben hat und das wir in den Regalen unseres Geistes vergeblich suchen. Ich versuche dieses Buch für Menschen zu schreiben, die zu mir kommen. Die richtigen Seiten in diesem Buch.» Mr. Gwyn

Es überkommt Mr. Gwyn ganz plötzlich, die Erkenntnis, «dass das, womit er sich jeden Tag beschäftigt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, nicht mehr zu ihm passt.» Er veröffentlicht als letztes in Zeitungen eine Liste mit 52 Dingen, die er nie mehr zu tun beabsichtigt, darunter an letzter Stelle «Bücher schreiben». Was anfangs wie ein PR-Gag aufgenommen wird, ist für Mr. Gwyn der Beginn einer langen Suche. Genau den Nerv der Zeit treffend, wo das Thema in Kultur und Gesellschaft omnipräsent ist; der Wunsch nach Ausstieg, Wendung, Bruch, nach Veränderung und neuen, «wahrhaftigeren» Aufgaben. Mr. Gwyn will nicht mehr schreiben, schon gar keine Romane, entschliesst sich aber zu «kopieren» – als Kopist wie ein Maler in Worten Portraits anzufertigen, aber nicht für die Allgemeinheit, sondern nur für die eine Person, die sich «erkennen» lässt. Eine ganze Reihe Männer und Frauen leben über Tage nackt in einem von Mr. Gwyn gemieteten und spärlich eingerichteten Atelier, stehen Modell, während Mr. Gwyn schaut und skizziert. Schlussendlich übergibt er die Portraits seinen Kunden, von denen einer sagt: «… da gab es eine Landschaft und ich bin diese Landschaft. Ich bin die ganze Geschichte, ich bin der Ton dieser Geschichte, ihr Tempo, ihre Atmosphäre und jede Figur in dieser Geschichte, aber mit erschütternder Genauigkeit bin ich sogar diese Landschaft, ich bin es immer gewesen und werde es immer sein.»

Auch Alessandro Bariccos Romane sind nicht fotographisches Abbild der Wirklichkeit, sind viel mehr als bloss Geschichten. Das Geschehen wirkt traumhaft, zuweilen verklärt, das Thema aber ist nahe an der Realität: Sinnkrise und -suche. Baricco spart nicht an pastellfarbenen Einsichten. Aber so wie er seine Romane spinnt und konstruiert, erträgt es das verträumte Philosophieren, so wie seine Bilder einer überzeichneten Wirklichkeit entspringen.

Ein zauberhaftes Buch!

Büchermenschen

Heute waren meine Frau und ich zum Essen eingeladen. Ich wusste, was auf mich zukommen würde, war sie doch ein Leben lang Bücherfrau. Und dann sassen wir im Wohnzimmer, stiessen an mit einem Glas Wein. Und als die Gastgeberin in der Küche die letzten Handgriffe tat, wandelte ich in den Räumen, die überall geziert mit Büchern waren. Ein Reise durch ein ganzes Leben. Einige der Bücher erzählen Liebes- und Leidensgeschichten, andere Reisen, Kämpfe. Aber nicht nur die Geschichten der Autoren, sondern auch die Bücher selbst und die Zeit, in der sie gelesen wurden. Bücher hinterlassen vielerlei Spuren. Und wenn ich dann vor solch satten Regalen stehe, geht mir das Herz auf. Dann könnte ich auch eine lange Weile schweigend mit der Gastgeberin davor sitzen und nur die Aussicht geniessen. Bücherregale erzählen auch, von der Vielfalt eines ganzen Lebens, der Intensität vieler Stunden. Ziehe ich dann mit dem Zeigefinger ein Buch aus der Reihe, öffnet sich ein kleines Fenster, umso mehr, wenn das Buch Lesespuren zeigt, wenn Notizen zu finden sind, Zettel herausfallen, eine Signatur zu finden ist.

Was für Aussichten!

Benedict Wells «Vom Ende der Einsamkeit», Diogenes

«Eine schwierige Kindheit ist wie ein Feind. Man weiss nie, wann er zuschlagen wird.»

Nach dem tödlichen Unfall seiner Eltern kommt Jules zusammen mit seiner Schwester Liz und seinem Bruder Marty in ein Internat. Obwohl sie unter dem gleichen Dach wohnen, zerrt sie das Leben in verschiedenen Klassen und Zugehörigkeiten auseinander. Was an letztem Rest Familie blieb, droht zu verschwinden. Jules findet nur schwer Tritt. Noch kurz vor seines Vaters Tod mahnt ihn dieser, nicht die Liebe sei es, die einem halte, sondern Freundschaft. Jules sehnt sich nach Freundschaft. Und als diese sich endlich zaghaft findet in der geheimnisvollen Alva, glaubt Jules etwas wiederzufinden, was er mit dem Tod seiner Eltern verloren hatte. Aber kurz vor dem Abitur wird aus grosser Hoffnung tiefe Enttäuschung. Jules sucht weiter, sucht beruflich, sucht nach einem Weg zu seinen Geschwistern, etwas von dem, was sich nach Familie anfühlt. Viel später trifft er Alva wieder.

Benedict Wells beweist 32jährig mit seinem vierten Roman erstaunlich viel Gespür für die verletzte Seele eines Menschen. Mit einem Mindestmass an Sentimentalität und dem Wissen, dass es die Brüche sind, aus denen wirklich gelebtes Leben wird, spinnt der junge Autor ein vielschichtige Geschichte um die Kraft von Familie, Freundschaft und Liebe, die Macht von Verletzungen der Seele und die Kraft der Erinnerungen:

«Das Gedächtnis ist ein geduldiger Gärtner, und der winzige Samen, den ich an jenem Abend (…) in meinem Kopf angelegt habe, ist im Laufe der Jahre zu einer prächtiger Erinnerung herangewachsen.»

Ein Buch, in das ich mich gerne hineinfallen liess.

Video der ersten Lesung

diogenes.ch

Claudia Schreiber «Solo für Clara», Hanser Verlag

Soll ich ein Jugendbuch lesen? Ja, weil dieses Buch ganz besondere Einblicke und Eindrücke zulässt!

Clara van Bergen spielt schon mit fünf Klavier, erst nur aus Spass und um ihre Neugier zu stillen. Aber aus blosser Freude wird wörtlich Leidenschaft, manchmal Besessenheit. Claras Eltern erkennen schnell, dass die Fähigkeiten ihrer Tochter weit über den Durchschnitt hinausgehen und wagen, angestachelt durch Claras kompromisslose Entschlossenheit, den Weg hin zur Konzertpianistin. Dass der Weg hart sein würde, wusste die Familie. Niemand aber warnte sie vor so viel Schmerz, Verletzung, Intrige und Einamkeit. Clara und ihre Familie hangeln sich über Jahre an Katastrophen vorbei.

Claudia Schreiber, Autorin von Romanen für Erwaschsene (z.B. «Emmas Glück», auch verfilmt mit Jürgen Vogel oder «Süss, wie Schattenmorellen»…) und Kinderbüchern (Sultan und Kotzbrocken …) hat sich intensiv mit Geschichten um junge Klaviertalente auseinandergesetzt, erzählt die Geschichte von Clara zwischen 5 und 17 Jahren, ganz nah, als wäre die Autorin durch mehr als ein Jahrzehnt mitgegangen. Ein «Jugendbuch» oder «All-Age»-Buch, das mich in die mir fremde Welt einer werdenenden Starpianisten einblicken lässt, ganz frei von Pathos und Romantik. Auch ein Buch über die «Schattenseiten» von Hochbegabung, der Statik von Schule und der Enge auf der Spitze einer Pyramide.

Ganz besonders gefällt am Buch, dass sämtliche Musikstücke mit einem Smartphone mittels QR-Code-Links abgerufen werden können. Was für ein Vergnügen, sich während der Lektüre durch so viel Musik streicheln lassen zu können!

claudiaschreiber.de

Radek Knapp «Der Gipfeldieb», Piper Verlag

Jedes Mal, wenn Ludwik seine polnische Mutter besucht, tischt sie ihm eine ganze Palatschinken-Pyramide auf. Sie wissen nicht, was Palatschinken sind? Etwas von dem, was Ludwiks Mutter von Polen mit nach Wien genommen hat, was ihr selbst nicht schmeckt, ihrem Sohn aber ungefragt zu schmecken hat, erst recht bei schwierigen Entscheidungen. Und weil Ludwik Junggeselle ist und sich seine Mutter immer wieder höchst engagiert in das Leben ihres einzigen Sohnes einmischt, ist Palatschinken-Essen eine Art sich nahezukommen, manchmal auch auszusöhnen. Vor allem, wenn Ludwik nach 15 Jahren «Warten» Oesterreicher werden soll und man ihm die Staatsbürgerschaft wie einen Orden für ein «Leben im Griff» verleihen will. Leider meldet der Staat aber unvermittelt eine Gegenleistung und der Vierunddreissigjährige soll zur Armee.

Radek Knapp ist eine Fabulierer, ein begnadeter Geschichtenerzähler, bei dem man nie ganz sicher ist, wie ernst er den Ernst des Lebens nimmt. Sein Roman ist aber nicht bloss ein Schwank, sondern von bissigen Kommentaren durchsetzt, bei denen nicht nur die Wiener einige Hiebe abbekommen: «Das Gesindel ist arm. Und wenn der Westen nicht hinüberfährt und der Armut vor Ort unter die Arme greift, kommt die Armut hierher und hilft  sich selbst. Wenn sich also jemand schämen sollte, dann der Westen.»

«…immer mit einem Lächeln, mit einer grundsätzlichen Menschenliebe, mit Neugier und Respekt… Was für ein seltenes Juwel.» Elke Heidenreich

Lesung von Radek Knapp aus „Der Gipfeldieb“, am Sammstg, den 2. April, an den St. Galler Literaturtagen, Samstag, 16:00 – 16:45 Uhr, Festsaal im Stadthaus, Gallusstrasse 14, 3. Stock

 

Lesung von Zora del Buono aus «Gotthard»

«Gotthard», Novelle, C. H. Beck

«Das Leben der Mächtigen», Naturkunden, Matthes & Seitz

Am 2. März erzählte die Autorin an einer Lesung der Autorin in der Buchhandlung Hirslanden in Zürich. «Das Leben der Mächtigen» ist ganz oben auf eine Sachbuch-Bestseller-Liste (www.ndr.de), was angesichts der folgenden Titel doch beachtlich ist, geht es dort fast ausschliesslich um Schmerz, Macht und Krieg.

Rezension auf dem Literaturblatt 28!

Anna Galkina «Das kalte Licht der fernen Sterne», Frankfurter Verlagsanstalt

Nastja erzählt von sich einer Kindheit in einem kleinen Städtchen unweit von Moskau. Was sich im ersten Teil des Buches anekdotisch und witzig liest, wird im zweiten Teil immer mehr zu einem wüsten Tripp in die russische Provinz, wo Trostlosigkeit, selbstgebrannter Schnaps und Gewalt den Alltag bestimmen. Das mag wie eine Kritik klingen, ist es aber nicht. Anna Galkina malt in grellen Farben, das Erzählte klingt hölzern, grob geschnitzt. Aber vielleicht ist es genau dieses Ungeschliffene, das den Reiz dieser Reise durch die russische Provinzseele ausmacht; überall Enge zusammen mit Mutter und Grossmutter in einem kleinen Häuschen ohne Klo und fliessendem Wasser, durch die Schule, in der selbst die erste Lehrerin mit Rehaugen den Kindern die Köpfe verdrischt, in die Stadt in den Club der Poesieliebhaber, der in der von Kakerlaken besetzten Bücherei bekannte Gesichter der modernen Literatur vorlesen lässt bis zu den üblen Saufgelagen in Scheunen und Wohnungen, aus der sich am kommenden Morgen die Katerkranken aus den schlaffen Umarmungen schälen. Mit Sicherheit keine leichte Kost – Selbstgebranntes!

Anna Galkina, geboren und aufgewachsen in Moskau, kam 1996 mit ihren Eltern nach Deutschland. Nach einem Studium der Informatik arbeitet sie als Software-Testingenieurin, Malerin und Fotografin und lebt in Bonn. Anna Galkina schreibt auf Deutsch, Das kalte Licht der fernen Sterne ist ihr erster Roman. (FVA)

 

Peter Stamm «Weit über das Land», S. Fischer Verlag

«Nach zwei Wochen Ferien mit seiner Frau und seinen beiden Kindern geht Thomas nicht zu Bett. Er bricht aus, aus dem «dunklen Verliess, aus dem es kein Entkommen mehr gab». Er geht in die Nacht hinaus in ein anderes Leben. Astrid bleibt mit den Kindern zurück, erst verunsichert, dann verstört. Sie und ihre Kinder versuchen sich zurechtzufinden mit der Leerstelle neben sich. Thomas hinterlässt irgendwann nicht einmal mehr Spuren. So sehr er sich aus seinem alten Leben entfernt, bleibt er in der Nähe seiner Vergangenheit, auf der Suche nach sich selbst, nach dem Wesentlichen. Peter Stamm erzählt aus den Perspektiven beider. Wie ein Mann aus dem finsteren Räderwerk ausbricht und eine Frau weggestossen den Weg mit sich selbst findet. Ich als Leser gehe mit, über jeden Stein, hinein in den Winter irgendwo auf einer Alp im Gotthardgebiet. Gehe mit auf die Suche nach dem anderen und sich selbst. Peter Stamms Erzählen ist ganz nah und trotzdem distanziert, spannend bis zur letzten Seite, glasklar mit vielen Spiegeln durchsetzt.

Peter Stamm: «Ich «muss» nicht schreiben, aber ich liebe das Schreiben mehr als jede andere Beschäftigung.»

www.peterstamm.ch

Lesung mit Peter Stamm:
Neue Schweizer Literatur in der Hauptpost, St. Gallen
Dienstag, 7. Juni 2016, 19.30 Uhr, Raum für Literatur, Hauptpost, St.Gallen, Eingang St.Leonhardstr. 40, 3. Stock
www.gdsl.ch

«Lieber Herr Frei-Tomic, danke für die schöne Rezension. Herzlich, Peter Stamm»