Zora del Buono «Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt», C. H. Beck

Schon beeindruckend, was Zora del Buono mit ihrem neuen Roman auf 170 Seiten an Vielschichtigkeit, Themen und Klugheit vor mir ausbreitet, ohne in Oberflächlichkeit oder ideologischen Snobismus zu verfallen. Zora del Buono verdichtet nicht nur das Geschehen, genauso die Sprache und die Nähe zur Protagonistin; sie ist nie geschwätzig. «Hinter Büschen, an eine Wand gelehnt» so auf die Schnelle einzuordnen, ist gar nicht so leicht und beweist die Meisterschaft dieses Romans, seine Architektur.

Zum einen erzählt die Autorin von einem Sommer an einem amerikanischen Ostküsten-College, wo die Protagonistin als deutsch sprechende Europäerin im universitären Treibhaus einen Sommerkurs in Journalismus gibt. Die Erzählerin der Geschichte, so alt wie die Autorin der Buches (Jahrgang 1962), verliebt sich in einen der Studenten, einen um 30 Jahre jüngeren Wilden mit pechschwarzen, schulterlangen Haaren, Kinnbart, Schnauz, unrasiert. Eine unmögliche Campusliebe, die nicht verborgen bleibt. Erst recht nicht, als sich in die Liebe Verzweiflung mischt. Während man der Dozentin deutlich die Unmöglichkeit zu verstehen gibt, rutscht Zev, der junge Wilde, bei seinen journalistischen Gängen immer tiefer in die im gleichen Sommer grassierende Angst, von Geheimdiensten und Regierungen vollkommen kontrolliert und überwacht zu sein. Während Edward Snowdens Enthüllungen den Geheimapparat NSA entblössen und 9783406696909_largeRegierungen zu allerlei Beschwichtigungen zwingen, wird Zevs Angst zur lähmenden Paranoia. Die zunehmende Angst, was ein Satz auszurichten vermag, ein Anruf, eine Mail, selbst das geflüsterte Wort, das zu einem Dröhnen werden kann. Die Angst, jeden Satz bei jeder Gelegenheit abwägen zu müssen, weil unsichtbare Ohren zuhören, zerreisst den jungen Zev. Die Angst verändert auch das, was im Verlaufe der Sommerwochen eine Liebe wird. Zora del Buono offenbart in ihrem Roman aber noch viel mehr; den Klassenkampf zwischen Studenten und Dozenten, die allgegenwärtige Angst der amerikanischen Gesellschaft, nicht nur vor Terror, das Leben in der Wattewelt der Universitäten und die Unmöglichkeit einer Liebe zwischen einer «älteren» Frau und einem jungen Mann, ganz im Gegensatz zu deren Umkehrung. Das grosse Thema aber ist die Angst: «Vor einer Woche war mein Leben noch in Ordnung, ich bin jung, meine Zukunft war offen. Jetzt habe ich Angst. Ich leide an Lähmung durch Angst. Ich weiss zu viel über sie. Und sie wissen zu viel über mich.» Und nicht zuletzt ist der Roman das Protokoll des Sommers 2013, als die Welt aus ihrer lethargischen Naivität von mutigen Menschen wie Edward Snowden aufgeschreckt wurde. Das Protokoll einer «unmöglichen» Liebe aus der Sicht einer Frau für einen jungen Mann, «in dessen Nähe ich mich in Sicherheit fühlte, eigenartig geborgen, ich, die Vaterlose, die sich nie im Leben von einem Mann hat beschützen lassen wollen, die sich ins Bodenlose geschämt hätte, wenn sie auf einem Motorrad die Sozia hätte sein sollen, gelehnt an einen Mann, undenkbar…»
Ein wahrhaft vielschichtiger Roman, stark in seiner Wirkung, dicht und spannend bis zum allerletzten Satz. Bestimmt ein Buch über die Liebe, die sich aller Kontrolle entzieht, auch vor der eigenen.

zoradelbuono3Zora del Buono, geboren in Zürich, lebt in Berlin und Zürich. Sie studierte Architektur an der ETH Zürich und der HdK Berlin, arbeitete vier Jahre als Architektin und Bauleiterin und war Gründungsmitglied der Zeitschrift «mare». Im mareverlag sind ihre Romane «Canitz’ Verlangen» (2008) und «Big Sue» (2010) erschienen sowie «Hundert Tage Amerika. Begegnungen zwischen Neufundland und Key West» (2011), bei Matthes & Seitz in der Reihe «Naturkunden» ihr Band «Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen» (2015).

Zora del Buono liest am Sonntag, den 12. März 2017  in Amriswil bei uns an der St. Gallerstrasse! 11 Uhr! Vormerken! Die 10. Hauslesung! Unser kleines Jubiläum!

Webseite der Autorin

(Titelbild: Sandra Kottonau)

Bastian Asdonk «Mitten im Land», Kein & Aber

«Es ist erstaunlich, wie sehr der Geist dem Körper folgt. Man glaubt, der Verstand herrsche über das Empfinden, aber wenn ich jeden Muskel spüre und dabei sehe, was ich kraft meines eigenen Körpers erschaffen habe, bin ich glücklich.»

Bei einer «Spritztour» mit seiner Freundin entdeckt der Erzähler ein leer stehendes Haus an einem kleinen See, bleibt daran hängen und kauft es, um künftig als Selbstversorger darin zu leben. Ein Städter eben. Asthma- und allergiegeplagt macht er sich an seine neue Aufgabe, befreit das Haus von seiner Kruste, setzt Gemüse, badet im See und versucht sich vorsichtig den Dorfbewohnern anzunähern, dem einzigen Wirt, dem Baulöwen und Bürgermeister, dem bärbeissigen Nachbarn mit seinem debilen Sohn und am offensivsten Maja, der Kassiererin im Supermarkt. Maja ist die einzige, die er 0804_Asdonk_Mittenimland_farbemit einer Charmeoffensive schlussendlich bis zu seinem neuen Zuhause lockt, denn sonst bleibt ihm, dem Städter, das Dorf fern. Er, der das Leben in der Metropole satt hat, der dem dauernden Stress und Konkurrenzkampf, dem Neid und der Gier entfliehen will. Das von ihm erschaffene Idyll ist bedroht, zum einen von Zeichen, wie dem Hakenkreuz aus Kornblumen mitten im Feld oder einer Versammlung von «aggressiv gebärenden Nazifuchteln» im einzigen Gasthaus. Jeder hat Angst vor dem Anderen, er vor dem rechten Mob, die ewig Gestrigen vor einer beginnenden Invasion von Stadtflüchtlingen, die das filigrane Ungleichgewicht auf dem Land destabilisieren könnten. Und als dann urplötzlich, nachdem Maja zum ersten Mal überraschend auftaucht und sich nicht ganz freiwillig zum Bleiben bringen lässt, ein Schlägertrupp auftaucht, Blut fliesst und alle Beteiligten knapp an der Katastrophe vorbei schrammen, droht der dünne Frieden in offenem Krieg auszuarten.

Bastian Asdonks Roman passt in die lange Reihe jener Bücher, die die ländliche «Landliebe»-Idylle genauso entlarven wie den naiven Glauben daran. In seinem Debüt baut der junge Autor gekonnt Spannung auf, auch wenn sie zuweilen absackt, wenn zu viel platte Ideologie Handlung und Dialoge belasten. Dabei kann ich mich als Leser durchaus mitfreuen über all die kleinen Siege im Garten vor dem Haus. Aber es ginge auch ohne den Schuss Ideologie, den mir Bastian Asdonk serviert. So bleibt ein aktueller Dorfroman mit explosivem Potential, eine schwierige Liebesgeschichte, gut erzählt, auch wenn sie zu viel auf der Strecke lässt. Zum Beispiel die Gründe, warum der vom Stadtleben Verbrämte, abgeschnitten von seinem alten Leben, sein Glück in einer neuen Existenz sucht. Sie bleiben im Dunkeln. Und weil dieses Dunkel unbeabsichtigt und als Leerstelle erscheint, fehlt mir trotz der angeregten Lektüre etwas. Fazit: Trotzdem lesenswert.

dbe7d386c8e9647c6e95481b452a5ef6Bastian Asdonk arbeitete nach einem Studium der Philosophie und Kommunikationswissenschaft zunächst als Fernseh- und Radioautor für den WDR und berät heute Medienunternehmen in Fragen der digitalen Transformation. Mit dem von ihm gegründeten Online-Portal Hyperbole TV gab er bei Kein & Aber bereits das Buch «Typisch! 155 unverblümte Antworten auf Vorurteile» heraus. «Mitten im Land» ist sein Debütroman. Bastian Asdonk lebt in Berlin.

Webseite Bastian Asdonk

(Bild: Sandra Kottonau, Güttingen, CH)

Leon de Winter «Geronimo», Diogenes

Ich gebe zu, ich kaufe und lese jedes Buch von Leon de Winter, auch wenn sich die Presse mockiert über seinen Stil, fehlende «Subtilität» und Spuren von Kitsch. Vielleicht ist es genau das, was sein Schreiben ausmacht; das unverkrampfte Erzählen. Er tut dies, ohne sich einem Genre verschreiben zu wollen. Was den einen zu viel U ist, ist den andern oder den selben zu wenig E. So ist der Wankelmut in der Kritik nicht zuletzt Zeichen der grassierenden Verkrampfung in der Deutschsprachigen Literatur. Unvermeidbar wird sein, dass Leon de Winter weiter schreibt, trotz aller Mäkeleien, ganz zu meiner Freude.

Leon de Winter erzählt Geschichten, die bestens unterhalten, nicht bloss betäuben und wegtragen, sondern Anlass geben zu Auseinandersetzungen. «Geronimo» lautete der Auftrag jener us-amerikanischen Elitetruppe, die in einer spektakulären und minuziös geplanten Aktion im Mai 2011 Osama bin Laden in seinem pakistanischen Versteck eliminierten. Leon de Winter erzählt aber nicht einfach die Geschichte dieser von der Weltöffentlichkeit gefeierten Heldentat. Er mischt geschickt Realität und Fiktion, stellt Fragen, z. B. jene, was es für einen Sinn gehabt haben muss, jenen Mann zu töten. Der Leser kippt unmerklich aus der Realität in die Fiktion, wird in eine Welt katapultiert, die pulsiert von Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Leon degeronimo-9783257069716 Winter spielt mit dem Leser, weiss genau, wie leicht er sich von Vermutungen und Misstrauen fesseln lässt, erst recht rund um die Geschehnisse um und nach 9/11. Wer nur ganz kurz im Netz seiner Neugier freien Lauf lässt, staunt, woran sich Millionen aufgeilen und klammern, wie minuziös man sucht und findet, wie leidenschaftlich man widerlegt und widerspricht.

Dabei will Leon de Winter am wenigsten Öl ins Feuer giessen. Er erzählt bloss eine Geschichte, eine spannende Geschichte. Eine Geschichte, die sich in weiten Teilen an Tatsachen, an dem von der ganzen Welt ertragenen Terror der al Qaida hält. Es ist die Geschichte von vier Menschen und die nie schlüssig zu beantwortenden Fragen: Wer trägt die Schuld? Wie viel Freiheit braucht der Mensch? Wie sehr darf der Mensch des Westens nach seinen Massstäben eingreifen? Tut nicht der islamische Extremist genau das gleiche, wenn er seine Welt zur weltumspannenden Atmosphäre machen will? Gewalt gegen Terror, Terror gegen Gewalt.

Apana ist ein afghanisches Mädchen, das seine Familie verlor und zuletzt Schutz in einem us-amerikanischen Militärcamp findet. Dort hört sie Musik, die Goldberg-Variationen von Bach, Musik, die ihr wie Stimmen aus dem Himmel erscheinen. Tom, ein Seals-Soldat, nimmt sich ihrer an, ist aber genau dann nicht im Camp, als dieses von Taliban beschossen und das Mädchen verschleppt wird. Tom fühlt sich schuldig, eh schon mit viel Blut an seinen Händen und versehrt durch den Tod seiner kleinen Tochter. Während der Soldat Tom auf der einen Seite der Erde im Kampf gegen den Terror wütet, stirbt seine kleine Tochter in den Armen ihrer Mutter an den Folgen des Terrors. Und die Geschichte Jabbars, eines pakistanischen Jungen. Er ist eigentlich Christ, versteckt sich hinter einem muslimischen Namen und lebt zusammen mit seiner Mutter in der Nachbarschaft jenes Scheichs, der in Abbottabad hinter hohen Mauern zum grossen, finalen Schlag gegen die Ungläubigen ausholt. Nach «Geronimo», jener Nacht, die Jabbars Leben urplötzlich in den Brennpunkt lebensgefährlicher Interessen versetzt, verweben und verbrennen sich die vier in der Glut «Geronimos».

Leon de Winter mischt sich ein, hält sich nicht zurück in seinen Ansichten darüber, was die westliche Welt tun müsste, um zu verstehen und die östliche, um sich wirklich zu öffnen, nicht für den Westen, aber für die wirklichen Bedürfnisse des Menschen. Vielleicht auch das ein Grund, warum der Autor nicht nur antisemitischen Angriffen des Publizisten und Satirikers Theo van Goghs ausgesetzt war, sondern weil er sich nicht scheut, einen Dialog kontrovers anzuheizen. Gerade als Zeichen persönlicher Freiheit. Im Tagesanzeiger Magazin Nr. 39 schrieb Leon de Winter unter dem Titel Die Israelisierung Europas: «Im Weltbild des Islamisten gibt es immer einen Gegner, einen Widersacher, einen Feind, der besiegt werden muss; ein Kalifat kann nicht anders, als die Herrschaft über alle Muslime anzustreben und wird prinzipiell versuchen, die ganze Welt unterwerfen.»

Nederland, Bloemendaal, 06-06-2002 Schrijver Leon de Winter. Foto Marco Okhuizen / HH (Bildtechnik: sRGB, 11.62 MByte vorhanden)
Leon de Winter.
Foto Marco Okhuizen

Leon de Winter, geboren 1954 in ’s-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden, begann als Teenager, nach dem Tod seines Vaters, zu schreiben. Er arbeitet seit 1976 als freier Schriftsteller und Filmemacher in Holland und den USA. Seine Romane erzielen nicht nur in den Niederlanden überwältigende Erfolge; einige wurden für Kino und Fernsehen verfilmt, so «Der Himmel von Hollywood» unter der Regie von Sönke Wortmann. Der Roman «SuperTex» wurde verfilmt von Jan Schütte. 2002 erhielt de Winter den Welt-Literaturpreis für sein Gesamtwerk, und 2006 wurde er mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet. Leon de Winter ist verheiratet mit der Schriftstellerin Jessica Durlacher.

Leon de Winter dreht momentan die TV-Serie «Brüssel», das Pendant zum us-amerikanischen «House of Cards».

NoViolet Bulawayo «Wir brauchen neue Namen», Suhrkamp

Bastard, Chipo, Godknows, Sbho, Stina und Darling ziehen durch eine der unzähligen Blechhüttensiedlungen Simbabwes. Die Kinder, nicht älter als 12, sind sich selbst überlassen, verlassen von Vätern, die spielen oder ihr Glück im Ausland versuchen, vergessen von Müttern, die stumpf wurden in der Sorge ums Überleben. ‚Paradies‘ heisst die Siedlung der Vertriebenen, Gestrandeten und Gescheiterten, eine Siedlung im Nichts, permanent bedroht, nicht zuletzt von der Willkür des Staates oder der Wut des Mobs.

Weil die einzige Regel dieses Literaturzirkels ist, dass niemand in der Runde das Buch bereits gelesen haben soll, las ich dieses Buch, das sonst wohl leider an mir vorbeigegangen wäre – und bin tief beendruckt!

Paradies; Was für die Erwachsenen Endstation aller Hoffnungen ist, ist für die Kinder trotz permanentem Hunger alles, was sie besitzen; «Wir sind zusammen, und wir sind zu Hause, und alles ist süsser als Nachtisch.» Sie verlassen für Streifzüge die Siedlung, ziehen durch benachbarte Gegenden, die ihnen wie fremde Erdteile erscheinen, plündern Gärten, versuchen in der Gruppe wenigstens die Mägen zu füllen. Schulen gibt es keine mehr, weil die nicht bezahlten Lehrer längst das Weite suchten. Und die Hilfe der NGOs ist ein Hohn, denn sie verschenken Plastikgewehre und Süssigkeiten. Bei den wirklichen Problemen sind die Kinder ganz auf sich selbst zurückgeworfen, erst recht mit Chipo, so alt wie sie, schwanger, stumm, traumatisiert durch die Vergewaltigung in der eigenen Familie, rätselhaft für die Kindergruppe, die helfen will, sic42451h verliert in Spekulationen, wie das Kind in den Bauch gekommen sein soll und sich in eine Beinahe-Katastrophe hineinmanövriert. Alles ausserhalb von Paradies ist «ausserirdisch», Häuser, Strassen und Menschen genauso wie das Geschehen am und im eigenen Körper. Das Leben der Kinder ist losgelassen, bloss Reaktion auf Bedürfnisse. Die junge Autorin NoViolet Bulawayo erzählt aus einer Kindheit wie der ihren, einem scheinbar verlorenen Leben in den Slums, vergessen von einer desillusionierten, resignierten Mutter und einem aus Südafrika zurückgekehrten und an Aids erkrankten Vater. Paradies ist eine Welt, in der die Kinder gemeinsam überleben lernen, nicht im Ort zuhause, sondern in den Gemeinsamkeiten, der Gemeinschaft, der Freundschaft.
Aber Darling wird herausgerissen zu Verwandten in den USA. Was von Aussen wie eine Rettung erscheint, ist schlussendlich die Vertreibung aus dem Paradies. Darling bleibt Flüchtling, bleibt fremd in einem Land, dass sie als Geflohene in die Illegalität drängt, nie ankommen lässt.

«Wir brauchen neue Namen» ist ein Buch, das mich zweifelnd zurücklässt, ein Buch, das schmerzt, nichts beschönt und angesichts der Kraft, die aus dem Roman spricht, mehr als nur nagt angesichts der Massen, die in Bewegung sind! «Wir brauchen neue Namen» beschreibt die Willkür und den Zerfall in Simbabwe nach der Befreiung «von der weissen Herrschaft», zeigt aber gleichzeitig das Elend des Fliehens, das Unverständnis der Zurückgebliebenen und die Scham, es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten nicht übers Kloputzen – Scheissjobs hinaus geschafft zu haben. Das Dilemma des Vertriebenen und Geflohenen und nie Angekommenen, von niemandem Willkommenen. Es genügt längst nicht ein Mensch zu sein!

12828_bulawayo_noviolet-1NoViolet Bulawayo, geboren 1981 in Simbabwe, zog im Alter von achtzehn Jahren in die Vereinigten Staaten. 2011 gewann sie den Caine Prize for African Writing. Ihr Romandebüt «Wir brauchen neue Namen» ist ein weltweiter Erfolg. NoViolet Bulawayo heisst eigentlich Elizabeth Zandile Tshele und lebte bis zum 18. Lebensjahr in Bulawayo in Simbabwe. Ihren Namen wählte sie sich in Erinnerung an die Stadt, in der sie aufwuchs, und an ihre Mutter: „Mit Mutter zu Hause“.

NoViolet Bulawayo über «Wir brauchen neue Namen» (Video)

Webseite der Autorin

img_1062Aufs nächste Mal lesen wir wieder ein vielversprechendes Buch:

 

literaturblatt.ch fragt, Teil 7, Michèle Minelli antwortet.

Hoch über dem Thurtal mit weitem Blick auf die Alpenkette leben die Schriftsteller Michèle Minelli und Peter Höner in einem alten Bauernhaus, dass sie nicht nur für sich als Wohn- und Arbeitshaus benutzen, sondern dieses mit einem Coachingangebot für Schreibende zu einem Schreibhaus werden lassen. Michèle Minelli war bereits einmal Gast in Amriswil zu einer Hauslesung aus ihrem neusten Roman «Die Verlorene».

Peter Höner und Michèle Minelli
Peter Höner und Michèle Minelli

Es gibt Schreibende, die Geschichten erzählen wollen, mit Spannung fesseln. Andere, die politische und gesellschaftskritische Inhalte und Meinungen in literarisches Schreiben verpacken. Was willst du mit deinem Schreiben? Ganz ehrlich!
Mich treibt die Dringlichkeit der Geschichte. Aber wenn ich genauer hinschaue, ist da in jeder Geschichte die Geschichte eines Bruchs, und wenn ich den Bruch anschaue, dann sehe ich, dass es das ist, was ich erzählen will. Wie Menschen mit Brüchen umgehen. Mag sein, dass eine Tiefenpsychologin darin etwas Spannendes sieht, über das sie schreiben würde mit der ihr eigenen Dringlichkeit. Mir reicht es, die Geschichte, angetrieben durch den Bruch, schreibend zu erfahren und erfahrbar zu machen.

Die authentische Geschichte der Frieda Keller. Ein Justizskandal. Als Friedas Dienstherr die Tür verriegelt und sich an sie drängt, ist sie verloren. Hinter ihr liegt eine unbeschwerte Kindheit im thurgauischen Bischofszell, vor ihr die jahrelange Schmach einer unerlaubten Mutterschaft. Im aufstrebenden St. Gallen kann sie in der Anonymität der Stadt untertauchen, das Kind hält sie vor allen in einer Kinderbewahranstalt versteckt. Weil der Junge dort aber nicht bleiben darf und sie nicht für ihn sorgen kann, ergreift allmählich ein düsterer Plan von ihr Besitz …
Die authentische Geschichte der Frieda Keller.
Ein Justizskandal:
Als Friedas Dienstherr die Tür verriegelt und sich an sie drängt, ist sie verloren. Hinter ihr liegt eine unbeschwerte Kindheit im thurgauischen Bischofszell, vor ihr die jahrelange Schmach einer unerlaubten Mutterschaft. Im aufstrebenden St. Gallen kann sie in der Anonymität der Stadt untertauchen, das Kind hält sie vor allen in einer Kinderbewahranstalt versteckt. Weil der Junge dort aber nicht bleiben darf und sie nicht für ihn sorgen kann, ergreift allmählich ein düsterer Plan von ihr Besitz …

Wo und wann liegen in deinem Schreibprozess der schönste oder/und der schwierigste Moment? Gibt es gar Momente vor denen du dich fürchtest?
Für mich ist der schönste Moment, wenn ich die Schlussszene in einem Manuskript schreibe. Ich spare sie mir auf. Ich spare mir diesen Moment auf und will ihn mit viel Zeit geniessen. Den Schluss sehe ich wie auf einer Leinwand vor mir, auf den Schluss schreibe ich zu, und wenn er dann vor mir steht, ist da immer auch ein Moment voll Ehrfurcht, Atemlosigkeit.

Lässt du dich während des Schreibens beeinflussen, verleiten, verführen? Spielen andere Autorinnen und Autoren, Bücher (nicht jene, die es zur Recherche braucht), Musik, besondere Aktivitäten eine entscheidende Rolle?
Ja, ich höre Musik. Jedes Buch, das ich geschrieben habe, jede Geschichte, hat ein besonderes Lied. Ich lasse mir jeweils Zeit, es zu finden, bevor ich mit dem Schreiben beginne. Und wenn ich es habe, höre ich es in Endlosschlaufe im Hintergrund. Sobald ich also in mein Schreibzimmer gehe, mich hinsetze, den Tee neben mir, und diese Musik einschalte, weiss mein Gehirn: Aha, es geht wieder los! Und dann geht es los.

Inwiefern schärft dein Schreiben Sichtweisen, Bewusstsein und Einstellung?
Ich glaube, ich denke klarer, wenn ich schreibe. Scharf genug?

Das Wohn- und Schreibhaus auf dem Iselisberg TG
Das Wohn- und Schreibhaus auf dem Iselisberg TG

Es gibt die viel zitierte Einsamkeit des Schreibens, jenen Ort, wo man ganz alleine ist mit sich und dem entstehenden Text. Muss man diese Einsamkeit als Schreibende mögen oder tust du aktiv etwas dafür/dagegen?
Wenn damit der Ort in meinem Inneren gemeint ist, an dem ich an mein entstehendes Werk glaube und nicht zweifle, dann ist dieser Ort tatsächlich keine Festhalle. Und doch gibt es Menschen, mit denen ich mich über das Schreiben austauschen kann, die an diesem Ort zugelassen sind, auch wenn die Dinge noch im Prozess sind; das sind dann eben gute Freunde, die wissen, wie man sich an einem solchen Ort benimmt. Das sind, wie ich: Schreibende, die das Schreiben als eine Mischung aus Zauber und Arbeit verstehen und genau wissen, dass Schreiben Bewegung ist, Prozess.
Das wäre eine erste Antwort.
Eine zweite lautet: Ja, diese Einsamkeit gibt es, es ist aber viel mehr ein Alleinsein mit sich und dem Text, denn eine Einsamkeit. Da ist keine Trauer, da ist nur Konzentration.

Zähl bitte drei Bücher auf, die dich prägten, die du vielleicht mehr als einmal gelesen hast und in deinen Regalen einen besonderen Platz haben?
Geprägt haben mich in meiner Jugend die Bücher von Jakob Wassermann («Christian Wahnschaffe» oder «Caspar Hauser» oder die Trilogie «Der Fall Mauritzius», «Etzel Andergast» und «Joseph Kerkovens dritte Existenz»; Joyce Carol Oates (einfach alles, was ich auf Deutsch oder Englisch in die Hände bekam)) und Philippe Djian mit seiner „Betty Blue“. Hin und wieder blättere ich in diesen Büchern auch heute noch und entdecke darin die Michèle von 15, von 17, von 20 Jahren.

headerMichèle Minelli, 1968 in Zürich geboren, ist dort Dozentin für kreatives Schreiben. Sie hat Dokumentarfilme gedreht, Sachbücher, eine Reisereportage und einen Roman veröffentlicht, bevor 2012 ihre grandiose Familiensaga «Die Ruhelosen» erschien. 2013 folgte der Kriminalroman «Wassergrab» Sie erhielt verschiedene Preise und Stipendien. Ihr neuer Roman «Die Verlorene» (2015) erzählt die authentische Geschichte der Frieda Keller, die 1904 in St. Gallen in einem aufsehenerregenden Justizskandal verurteilt wurde. Ebenfalls im Jahr 2015 veröffentlichte Michèle Minelli zusammen mit der Fotografin Anne Bürgisser beim Verlag Hier und Jetzt den Foto- und Textband «Kleine Freiheit» zu den Jenischen in der Schweiz.

Homepage von Michèle Minelli

9. Hauslesug mit Dominique Anne Schuetz

Sie sind eingeladen!

image[1] (2)

Am Samstag, 22. Oktober, von 11 bis ca. 12.30 Uhr, liest die Schriftstellerin Dominique Anne Schuetz aus ihrem Roman «Von einem, der auszog, die Welt zu verschieben» an der St. Gallerstrasse 21 in Amriswil. Sie sind herzlich dazu eingeladen.

image[1]

Die Platzzahl für die Hauslesung ist begrenzt. Melden Sie sich bitte an mit dem Kontaktformular oder unter der Telefonnummer 071 695 36 69 oder unter gallus.frei-tomic@gmx.ch.

 

Paula Fürstenberg «Familie der geflügelten Tiger», Kiepenheuer & Witsch

Jeder braucht eine Geschichte, eine Spur der Gewissheit, wer man ist und woher man kommt. Mit Sicherheit ist die Ungewissheit über das Woher schwer zu ertragen, erst recht dann, wenn aus der Not ein Konstrukt entsteht, dass einen zu erdrücken droht, zum Alp wird, über den Abgrund zieht, sich wie ein kalter Nebel in alles hineinschleicht.

Seit ein paar Wochen prangt an einer Wand in Johannas Wohnung die Ebsdorfer Weltkarte, eine illustrierte Ansicht der bekannten Welt aus dem Mittelalter, mehr Abbild von Vorstellungen und kollektiven Ängsten als Abbild von Wahrscheinlichkeiten. Genauso ist Johannas Blick auf ihre eigene Geschichte. Doch so sehr sie Landkarten aller Art liebt und sammelt, so sehr wird die Suche nach dem Abbild ihrer eigenen Herkunft und Geschichte zu einem Feldzug gegen die Familie. „Ich bin die einzige Narbe am Körper meiner Mutter, dachte ich und 9783462048759wünschte mir, ich hätte meinen Vater als Kind auch eine zugefügt.“ Jens, Johannas Vater, ist aus der Familie ausgetreten, weggegangen und nie zurückgekehrt, als Johanna noch ein Kind war. Ein halbes Jahr nach seinem Verschwinden kam eine läppische Karte. Noch später blieben alle Zeichen aus. Johannas Vater ein Republikflüchtling? „Andere Kinder hatten imaginäre Freunde oder imaginäre Superhelden; ich hatte einen imaginären Vater.“ So wie ihre Mutter, die eigentlich das Zeug und die Ausbildung zur Tierärztin hätte, den Mist in den Gehegen des städtischen Zoos zusammennimmt, lernt sie im von der Mauer befreiten Berlin Strassenbahnführerin, von der Mutter unverstanden und bis zu ihrem Auszug mit Ratgebern aller Art bombardiert.

Und dann, wie aus dem Nichts, ruft Johannas Vater an. Mit einem einzigen Anruf aufs Band bringt ein verschollen Geglaubter die zusammengeschusterte Gegenwart Johannas durcheinander. Er liegt im Krankenhaus, hat Krebs im Endstadium. Urplötzlich taucht Vergangenheit auf und droht sich durch eine lebensvernichtende Krankheit schon wieder aus dem Staub zu machen.

Johanna will wissen, was geschah, traut sich ins Krankenzimmer mit den vielen Schläuchen, um erneut fürchten zu müssen, dass sich ihr Vater absetzt, ohne ihr das zurückzugeben, was ihr ein Leben lang fehlte – Gewissheiten. Und wieder rammen Vermutungen Pfähle ins Herz Johannas, so sehr, dass sie sich gänzlich zu verlieren droht.

Was Paula Fürstenberg mit ihrem ersten Roman schafft, ist ganz erstaunlich. Sie erzählt ein Stück deutsche Geschichte, die Ausgrenzung, den Mauerfall in einer Familie. Eigenwillig konstruiert begleite ich eine junge Frau durch die emotionale Achterbahnfahrt auf der Suche nach Geschichte, nach Wurzeln, der Sehnsucht nach Gewissheit.

„In einer Familie gibt es keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten.“

autor_1814Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, wuchs in Potsdam auf. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Frankreich studierte sie von 2008 bis 2011 am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Seither lebt, schreibt und studiert sie in Berlin. Ausgezeichnet wurde sie u.a. mit dem Hattinger Förderpreis für Junge Literatur und dem Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg; 2014 war sie Stipendiatin der Autorenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin. «Familie der geflügelten Tiger» ist ihr erster Roman.

Lesevideo

Jan Philipp Sendker «Am andern Ende der Nacht», Bilder

Ein paar Fotos von Manuel Nagel von der Lesung Jan Philipp Sendker im Amriswiler Kulturforum:

man_0939
Jan Philipp erzählt von seinen Recherchen in China.
man_0885
Der Autor zusammen mit der ehemaligen Amriswiler Buchhändlerin Marianne Nagel
man_0866
300 Gästen eine Signatur, ein kurzes Gespräch und ein ehrliches Gegenüber
man_0991
Luzia Stettler, Bücherfrau und Literaturredaktorin bei SRF im Gespräch mit dem Autor
man_1054
Eine letzte grosse Runde mit Käse und Wein

Auf Wiedersehen in Amriswil zur Buchtaufe des letzten Teils der Burma-Trilogie!

Matthias Zschokke «Die Wolken waren gross und weiss und zogen da oben hin», Wallstein

Obwohl Matthias Zschokke kein Exot ist und seine Romane auch nie an exotischen Schauplätzen spielen, obwohl seine Geschichten unspektakulär sind und man den Mann im langen Mantel auf der Strasse wohl leicht übersehen würde, ist der Autor Matthias Zschokke sehr wohl ein Exot. Ein Schriftsteller, der nicht in erster Linie gefallen will, ein Autor mit ganz eigener Stimme, ein Mann der sein Schreiben zur grossen Bühne macht.

9783835318755lEin Mann wohnt in Berlin, zusammen mit seiner Geliebten – und doch allein. Vielleicht ist genau das jenes Gefühl, jene Einsicht, die bleibt, wenn man Matthias Zschokkes neuen Roman «Die Wolken waren gross und weiss und zogen da oben hin» liest. Auch wenn da im Roman noch andere gehen, warten, zögern, stören, mich als Leser interessieren, denen ich in verschiedenen und sie mir mit verschiedenen Qualitäten begegnen. Aber der Mann, man bleibt allein, schlendert durch die Stadt, kauft am Kiosk die Zeitung, die man mehr des Kaufes wegen kauft, als dass er, der Mann, man interessiert wäre, was darin steht. Roman lebt in Berlin, trägt in seinem Kopf Geschichten und Theater mit sich herum, besucht an den immer gleichen Tagen seine Mutter ein paar hundert Kilometer weit entfernt, die ihn mehr oder weniger flehentlich darum bittet, ihrem Leben ein Ende zu bereiten, genau wie Freund B., der es auch nicht scheut, Roman zu beauftragen, Grill, Kohle und genügend Klebeband zu kaufen und zu schicken, das wäre eine sichere Sache. «Menschen ist es nicht erlaubt, lebensmüde zu werden. Sie müssen jauchzen und springen bis ans Ende ihrer Tage, auch wenn das Jauchzen in Wahrheit ein Winseln ist und das Springen eins auf glühenden Kohlen.»
Zschokkes Roman erinnert mich an Filme von Fellini; Handlung, die nicht in Bildern, sondern in Sprache badet und Menschen, die wie Marionetten mit schlacksigen Bewegungen Leben vorführen, das in vielem dem Alltag viel näher ist als all das Vorgegaukelte, mit dem Geschichtenerzähler sonst zu bezaubern versuchen. Zschokkes Helden pflegen die Gewohnheit, über Dinge nachzudenken, die sich nicht durch Wichtigkeit aufdrängen.  So wie der Blick auf Dinge fällt, fallen Romans Gedanken, mäandert sein Leben durch die Grossstadt, den Häusern ebenso entlang, wie den Menschen, denen er begegnet wie die weisse Kugel beim Billardspiel. Zschokkes Welt kümmert sich nicht um Moden, höchstens dass er über sie und ihre Sinnlosigkeit in der Schräglage ihrer Handlung lacht. Ein Buch, ein Roman wie ein Theater, das schlussendlich auch in ein solches gipfelt, denn Roman, ein erfolgloser Autor «hätte» eines, ein Theater, hätte Dramaturgie, hätte, wenn nur nicht dauernd gestorben würde.

358ff3b7b9c054d48182fd1b2fcbcb82_f53Matthias Zschokke, geb. 1954 in Bern, aufgewachsen in Aargau und Bern, lebt seit 1980 als Schriftsteller und Filmemacher in Berlin. 1982 debütierte er mit dem Roman «Max», für den er den Robert-Walser-Preis erhielt. Zschokke veröffentlichte zahlreiche Romane, Theaterstücke und Spielfilme. Er wurde mit renommierten Preisen gewürdigt, darunter der Gerhart-Hauptmann-Preis, der Solothurner Literaturpreis und der Prix Femina étranger für den Roman «Maurice mit Huhn».
Für seinen Roman «Der Mann mit den zwei Augen» wurde Matthias Zschokke mit dem Eidgenössischen Literaturpreis 2012 ausgezeichnet und 2014 mit dem Großen Literaturpreis der Stadt und des Kantons Bern.

«Leute unseres Schlages mag man nicht sonderlich. Wir sind zu harmlos.»

(Titelbild: Sandra Kottonau)