«Ich habe mir erlaubt, meine Zügel ein letztes Mal zu greifen. Und um sicherzugehen, dass mir niemand meinen Gaul lahm- oder meinen Hintern weichreden konnte, habe ich gesattelt, ohne jemandem davon zu erzählen, und bin in eine Richtung geritten, in die mir niemand folgen kann.»
In Deutschland leben in mehr als 13000 Pflegeeinrichtungen Millionen Pflegebedürftige, Menschen, für die es in unseren Breiten unausweichlich scheint, sie in diesen Bahnhöfen zur letzten Reise zu sammeln. Grauzonen, oftmals schwarze Löcher, vor denen man sich ein Leben lang tunlichst fernhält, bis die Konfrontation mit einer solchen Institution unausweichlich ist.
Womit Christoph Simon 2011 in seinem wunderschön glänzenden Roman «Spaziergänger Zbinden» (Bilger Verlag) ein liebevoll, witzig-kritisches Licht hinter die für viele unbekannten Mauern brachte, kann Frédéric Zwicker mit seinem Roman «Hier können sie im Kreis gehen» noch um mehr als eine Komponente bereichern. Johannes Kehr ist 91. Und weil es irgendwann sowieso soweit sein wird, versteckt sich Kehr hinter einer vorgespielten Demenz in einem Pflegeheim der Stadt. «Ich habe das Gericht durch die Hintertür verlassen.» Nachdem ihm der Tod seinen Sohn, seine Frau und seinen Freund nahm und er dem verbleibenden Rest der Familie nicht zur Last fallen will, verkriecht er sich hinter seinem selbst gewählten Vorhang. Eine letzte Inszenierung, die gar nicht
so leicht zu spielen ist, akribische Vorbereitungen verlangte und keinen Fehler erlaubt. Endlich im Einzelzimmer in Ruhe gelassen kommentiert Kehr seine meist unfreiwillig mehr oder weniger anwesenden Mitbewohner und erzählt in kleinen Stücken die Geschichte seines Lebens. Als Waise ungeliebt bei Verwandten aufgewachsen hilft ihm der Zufall, aus den Mühlen von Armut, Stigmatisierung und Einsamkeit zu entfliehen. Er rettet das Leben eines Ertrinkenden, dessen Familie ihn am Ertrinken in seinem Unglück rettet. Er kämpft sich hoch, trotz einer verweigerten und nie überwundenen Liebe, durch ein Leben voller Arbeit und Pflichterfüllung, bis ihm am Ende nur noch Sophie bleibt, seine Enkelin. Aber auch Sophie weiht er nicht ein in seinen letzten Protest, seine Flucht nach innen. Ihr, ihrem Foto im Zimmer auf der Etage, erzählt er, ihr und dem Kater, einem Tier, das sich auch nicht einsperren lässt. «Am Ende bliebst mir nur du, Sophie. Aber ich hätte dir nicht so lange bleiben dürfen. Ich beklage mich nicht, aber das Leben hat mich abgenützt, hat seine Narben hinterlassen. Am Ende war es auch für mich zu viel. Ich habe die Kraft verloren, mich zu wehren. Ich wusste nicht mehr, wozu ich mich noch wehren sollte. Und ich sah keinen Ausweg. Ausser diesem hier.»
«Hier können sie im Kreis gehen» ist aber viel mehr als eine Sammlung von skurrilen Geschichten, auch kein abstruser Greisen-Abenteuerroman, kein Kasperletheater, das nichts zum Verständnis jenes Lebensabschnitts beiträgt, den wir geflissentlich vor uns herschieben. Zwickers Sicht auf den ganz eigenen Kosmos eines Pflegeheims ist offensichtlich nicht eine von aussen. Sorgfältig recherchiert (Frédéric Zwicker leistete seinen Zivildienst in einem Pflegeheim.) hadert der Autor mit einer Gesellschaft, die solche Einrichtungen in dieser Form nötig macht, ebenso mit der Gleichgültigkeit dem letzten Abschnitt des Lebens, dem Sterben, dem Tod gegenüber, der Tatsache, dass viele so tun, als gäbe es dieses Ende so nicht. «Es gelingt ihnen, nicht an den Tod zu denken, bis er vor der Tür steht und nicht mehr aufhört zu klopfen, bis sie ihm öffnen. Die Lebenden fürchten sich erst vor ihm, wenn sie seinen Atem im Genick spüren, wenn er ihnen auf den Rücken gesprungen ist und sich von ihnen herumtragen lässt.» Dass mir dieser Blick hinter die Mauern zuweilen weh tut, ist unvermeidlich und tut Buch und Thema gut.
Frédéric Zwicker ist jung, arbeitet als Redaktor beim St. Galler Kulturmagazin «Saiten». Zu hoffen ist, dass da noch mehr kommt. Ich freue mich schon jetzt.
Frédéric Zwicker, wurde 1983 in Lausanne geboren und wuchs in Rapperswil-Jona am Zürichsee auf, wo er heute wieder lebt. Während seines Studiums der Germanistik, Geschichte und Philosophie trat er regelmässig an Poetry Slams auf. 2006 gründete er mit dem Jazzmusiker Matthias Tschopp die Band Knuts Koffer, die seine Texte musikalisch umsetzt. Zwicker arbeitete als Werbetexter, Journalist, Pointenschreiber für die Satiresendung Giacobbo/Müller, als Moderator von Lesungen, Musiklehrer und Leiter von Literaturworkshops an Schulen. Während einer Afrikareise schrieb er für die Zeitung Südostschweiz den Blog „Zu Tee bei Mutter Afrika“.
(Titelbild: Sandra Kottonau)

Regierungen zu allerlei Beschwichtigungen zwingen, wird Zevs Angst zur lähmenden Paranoia. Die zunehmende Angst, was ein Satz auszurichten vermag, ein Anruf, eine Mail, selbst das geflüsterte Wort, das zu einem Dröhnen werden kann. Die Angst, jeden Satz bei jeder Gelegenheit abwägen zu müssen, weil unsichtbare Ohren zuhören, zerreisst den jungen Zev. Die Angst verändert auch das, was im Verlaufe der Sommerwochen eine Liebe wird. Zora del Buono offenbart in ihrem Roman aber noch viel mehr; den Klassenkampf zwischen Studenten und Dozenten, die allgegenwärtige Angst der amerikanischen Gesellschaft, nicht nur vor Terror, das Leben in der Wattewelt der Universitäten und die Unmöglichkeit einer Liebe zwischen einer «älteren» Frau und einem jungen Mann, ganz im Gegensatz zu deren Umkehrung. Das grosse Thema aber ist die Angst: «Vor einer Woche war mein Leben noch in Ordnung, ich bin jung, meine Zukunft war offen. Jetzt habe ich Angst. Ich leide an Lähmung durch Angst. Ich weiss zu viel über sie. Und sie wissen zu viel über mich.» Und nicht zuletzt ist der Roman das Protokoll des Sommers 2013, als die Welt aus ihrer lethargischen Naivität von mutigen Menschen wie Edward Snowden aufgeschreckt wurde. Das Protokoll einer «unmöglichen» Liebe aus der Sicht einer Frau für einen jungen Mann, «in dessen Nähe ich mich in Sicherheit fühlte, eigenartig geborgen, ich, die Vaterlose, die sich nie im Leben von einem Mann hat beschützen lassen wollen, die sich ins Bodenlose geschämt hätte, wenn sie auf einem Motorrad die Sozia hätte sein sollen, gelehnt an einen Mann, undenkbar…»
Zora del Buono, geboren in Zürich, lebt in Berlin und Zürich. Sie studierte Architektur an der ETH Zürich und der HdK Berlin, arbeitete vier Jahre als Architektin und Bauleiterin und war Gründungsmitglied der Zeitschrift «mare». Im mareverlag sind ihre Romane «Canitz’ Verlangen» (2008) und «Big Sue» (2010) erschienen sowie «Hundert Tage Amerika. Begegnungen zwischen Neufundland und Key West» (2011), bei Matthes & Seitz in der Reihe «Naturkunden» ihr Band «Das Leben der Mächtigen. Reisen zu alten Bäumen» (2015).
mit einer Charmeoffensive schlussendlich bis zu seinem neuen Zuhause lockt, denn sonst bleibt ihm, dem Städter, das Dorf fern. Er, der das Leben in der Metropole satt hat, der dem dauernden Stress und Konkurrenzkampf, dem Neid und der Gier entfliehen will. Das von ihm erschaffene Idyll ist bedroht, zum einen von Zeichen, wie dem Hakenkreuz aus Kornblumen mitten im Feld oder einer Versammlung von «aggressiv gebärenden Nazifuchteln» im einzigen Gasthaus. Jeder hat Angst vor dem Anderen, er vor dem rechten Mob, die ewig Gestrigen vor einer beginnenden Invasion von Stadtflüchtlingen, die das filigrane Ungleichgewicht auf dem Land destabilisieren könnten. Und als dann urplötzlich, nachdem Maja zum ersten Mal überraschend auftaucht und sich nicht ganz freiwillig zum Bleiben bringen lässt, ein Schlägertrupp auftaucht, Blut fliesst und alle Beteiligten knapp an der Katastrophe vorbei schrammen, droht der dünne Frieden in offenem Krieg auszuarten.
Bastian Asdonk arbeitete nach einem Studium der Philosophie und Kommunikationswissenschaft zunächst als Fernseh- und Radioautor für den WDR und berät heute Medienunternehmen in Fragen der digitalen Transformation. Mit dem von ihm gegründeten Online-Portal Hyperbole TV gab er bei Kein & Aber bereits das Buch «Typisch! 155 unverblümte Antworten auf Vorurteile» heraus. «Mitten im Land» ist sein Debütroman. Bastian Asdonk lebt in Berlin.
Winter spielt mit dem Leser, weiss genau, wie leicht er sich von Vermutungen und Misstrauen fesseln lässt, erst recht rund um die Geschehnisse um und nach 9/11. Wer nur ganz kurz im Netz seiner Neugier freien Lauf lässt, staunt, woran sich Millionen aufgeilen und klammern, wie minuziös man sucht und findet, wie leidenschaftlich man widerlegt und widerspricht.
h verliert in Spekulationen, wie das Kind in den Bauch gekommen sein soll und sich in eine Beinahe-Katastrophe hineinmanövriert. Alles ausserhalb von Paradies ist «ausserirdisch», Häuser, Strassen und Menschen genauso wie das Geschehen am und im eigenen Körper. Das Leben der Kinder ist losgelassen, bloss Reaktion auf Bedürfnisse. Die junge Autorin NoViolet Bulawayo erzählt aus einer Kindheit wie der ihren, einem scheinbar verlorenen Leben in den Slums, vergessen von einer desillusionierten, resignierten Mutter und einem aus Südafrika zurückgekehrten und an Aids erkrankten Vater. Paradies ist eine Welt, in der die Kinder gemeinsam überleben lernen, nicht im Ort zuhause, sondern in den Gemeinsamkeiten, der Gemeinschaft, der Freundschaft.
NoViolet Bulawayo, geboren 1981 in Simbabwe, zog im Alter von achtzehn Jahren in die Vereinigten Staaten. 2011 gewann sie den Caine Prize for African Writing. Ihr Romandebüt «Wir brauchen neue Namen» ist ein weltweiter Erfolg. NoViolet Bulawayo heisst eigentlich Elizabeth Zandile Tshele und lebte bis zum 18. Lebensjahr in Bulawayo in Simbabwe. Ihren Namen wählte sie sich in Erinnerung an die Stadt, in der sie aufwuchs, und an ihre Mutter: „Mit Mutter zu Hause“.
Aufs nächste Mal lesen wir wieder ein vielversprechendes Buch:



Michèle Minelli, 1968 in Zürich geboren, ist dort Dozentin für kreatives Schreiben. Sie hat Dokumentarfilme gedreht, Sachbücher, eine Reisereportage und einen Roman veröffentlicht, bevor 2012 ihre grandiose Familiensaga «Die Ruhelosen» erschien. 2013 folgte der Kriminalroman «Wassergrab» Sie erhielt verschiedene Preise und Stipendien. Ihr neuer Roman «Die Verlorene» (2015) erzählt die authentische Geschichte der Frieda Keller, die 1904 in St. Gallen in einem aufsehenerregenden Justizskandal verurteilt wurde. Ebenfalls im Jahr 2015 veröffentlichte Michèle Minelli zusammen mit der Fotografin Anne Bürgisser beim Verlag Hier und Jetzt den Foto- und Textband «Kleine Freiheit» zu den Jenischen in der Schweiz.
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wünschte mir, ich hätte meinen Vater als Kind auch eine zugefügt.“ Jens, Johannas Vater, ist aus der Familie ausgetreten, weggegangen und nie zurückgekehrt, als Johanna noch ein Kind war. Ein halbes Jahr nach seinem Verschwinden kam eine läppische Karte. Noch später blieben alle Zeichen aus. Johannas Vater ein Republikflüchtling? „Andere Kinder hatten imaginäre Freunde oder imaginäre Superhelden; ich hatte einen imaginären Vater.“ So wie ihre Mutter, die eigentlich das Zeug und die Ausbildung zur Tierärztin hätte, den Mist in den Gehegen des städtischen Zoos zusammennimmt, lernt sie im von der Mauer befreiten Berlin Strassenbahnführerin, von der Mutter unverstanden und bis zu ihrem Auszug mit Ratgebern aller Art bombardiert.
Paula Fürstenberg, Jahrgang 1987, wuchs in Potsdam auf. Nach einem zweijährigen Aufenthalt in Frankreich studierte sie von 2008 bis 2011 am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Seither lebt, schreibt und studiert sie in Berlin. Ausgezeichnet wurde sie u.a. mit dem Hattinger Förderpreis für Junge Literatur und dem Arbeitsstipendium des Landes Brandenburg; 2014 war sie Stipendiatin der Autorenwerkstatt am Literarischen Colloquium Berlin. «Familie der geflügelten Tiger» ist ihr erster Roman.



