Stimmt. Wir leben in Zeiten erhöhter Gefahr, auch wenn diese Wahrnehmung keine für die Gegenwart explizite ist. Vielleicht ist die grösste Gefahr jene, dass sich die Menschheit immer mehr von der realen Welt entfernt. Die Welt, die Umgebung, das Klima wird zum „Feind“. Julia von Lucadou beschreibt eine Welt, die unaufhaltsam ins Rutschen gerät – und tut das meisterhaft.
Im Vorsatz zu ihrem neuen Roman steht ein aufschlussreiches Zitat: Ausserdem sind die Zeiten zwischen Alarmierung und Eintreffen der Katastrophe so kurz, dass es in Zeiten erhöhter Gefahr notwendig sein wird, sich überhaupt dauernd, zur Ruhe und womöglich auch zur Arbeit, im Schutzraum aufzuhalten und diesen nur zu den wichtigsten Verrichtungen zu verlassen. (Aus „Zivilverteidigung“, hrsg. vom Eidg. Justiz- und Polizeidepartement im Auftrag des Bundesrates der Schweiz, 1969) Die Welt verharrte damals im kalten Krieg; Wett- und atomare Aufrüstung waren in vollem Gange. Heute, in Zeiten heisser Kriege, Kriege, die das Zeug haben, jederzeit ins absolut Unkontrollierbare zu mutieren, wo so viel Geld wie nie zuvor in Kriegsmateriel investiert wird, ist es erstaunlich genug, wie gelassen, wenn nicht fatalistisch die meisten Menschen auf die drohende Gefahr reagieren. Als ob man gezwungen wäre, angesichts der vielfältigen Bedrohung diese als gegeben zu akzeptieren.

Jot arbeitet in einer sehr erfolgreichen und expandierenden Firma, die sich auf die Planung und den Bau von Schutzräumen spezialisiert hat; Bunker für Superreiche. Selbstredend, dass in seinem Haus im Keller ein topmoderner eingebaut und eingerichtet ist. Überhaupt hat sich Jot auf alle Eventualitäten eingerichtet; sein absolut kontrolliertes Leben ist bis aufs Letzte durchgeplant und optimiert, im Keller lagert mehr als nur der empfohene Notvorrat, alles hat seinen Platz, alles Unvorhersehbare ist eingedämmt. Dazu gehört wohl auch sein Umfeld, seine Familie, oder das, was von seiner Familie übriggeblieben ist. Martha, seine Tochter, spielt kaum mehr eine Rolle, sein Leben ist ganz und gar auf Gegenwart und die Bedrohungen der Zukunft ausgerichtet.
Bis er auf seiner morgentlichen Joggingrunde, die ihn jeden Tag durch den nahen Steinbruch führt, auf die Leiche eines jungen Mannes trifft. An einem Tag der schon mit merklich eigenartigen Wahrnehmungen begonnen hatte. Auch wenn sich Jot später Vorwürfe macht, jenem Mann, von dem er angenommen hatte, er wäre tot, nicht lebensrettende Soforthilfe geleistet zu haben, meldet er die Begegnung unmittelbar der Polizei. Jot wird zu einem Zeugen, seine Aussagen werden zur Kenntnis genommen. Aber im Gegensatz zur Polizei, die von einem Suizid ausgeht, ist Jot überzeugt, dass hier ein Mord passiert ist, ein Gewaltverbrechen.
In der Folge rutscht Jot immer mehr ab. Nicht nur, dass er sich nicht ernst genommen fühlt. Jots Verunsicherung nimmt existenzielle Formen an, nicht nur, weil die Polizei ihre Beobachtungen ganz anders interpretiert als er die seinen. Irrt er? Ist seine Wahrnehmung getrübt? Warum? Auch bei der Arbeit schleichen sich in seine perfekt durchstrukturieren Arbeitsabläufe Dissonanzen ein, Verschiebungen, irgendwann Absenzen, Tagträume, Erscheinungen. Mit einem Mal brechen Bilder durch, die er in den Tiefen seiner Erinnerung verschlossen glaubte; Bilder aus seiner Kindheit, eines Vaters, der ihn schon als Kind zum Überlebensspezialisten machen wollte. Bilder seines Vaters mit den Händen um den Hals der Schwester. Bilder aus seiner Zeit im katholischen Internat, Bilder von einer Bluttat in seiner Vergangenheit, einer Untat, die er hätte vergessen sollen. Jot rutscht weg.
Etwas war in seinem Schädel aus der Fassung geraten, war lose geworden. Sein Gedächtnis wie überstimmuliert und ausser Kontrolle. Produzierte fingierte Erinnerungen.
Kein Wunder – ein Toter in einem Steinbruch. Nicht das einzige Bild, die einzige Verbindung in Julia von Lucadous Roman. Da ist noch jene zu Franz Kafkas Roman „Der Prozess“. Jots Gefühl, es sei nur eine Frage der Zeit, bis Wächter in seinem Leben auftauchen und ihn für ein Versäumnis, für versagte Hilfeleistung, für einen Tod zum Prozess abführen. Der Tote in einem Steinbruch, der in seinen Sedimenten Versteinungen eingeschlossen hat, die durch den Bruch freigelegt werden; Zeugnisse endlichen Lebens.
Jot lässt sich nicht helfen. Sein Leben gerät aus den Fugen. Eine Geschichte, die sich auf die ganze Gesellschaft übertragen lässt. Vielleicht hat mich Julia von Lucadous Roman auch deshalb so sehr fasziniert, weil er so viel in mir auslöst. Ein Roman über Wahrnehmung, der selbst mich an meinen Wahrnehmungen zweifeln lässt. Welcher Roman schafft das sonst!?
„Zeiten erhöhter Gefahr“ ist ein erstaunliches Stück Literatur, sehr beeindruckend. Ein Buch, das selbst die eigenen Einschliessungen freilegen kann!
Interview
Was Familie angeht, hat mich im Roman vor allem die Frage nach transgenerationalem Trauma interessiert, das zu Isolierung führen kann, zum Bruch von familiären Beziehungen. Jot ist in der Zeit direkt nach dem Zweiten Weltkrieg geboren, die Erwachsenen in seinem Leben durch den Krieg traumatisiert, aber unfähig, darüber zu sprechen. Jot selbst setzt dieses Muster des Schweigens und der Verdrängung fort, weil er nichts anderes gelernt hat, und gibt es an seine Tochter Martha weiter. Gleichzeitig verkörpert Martha aber eine neue Generation, die gewillt und besser ausgerüstet ist, sich mit Traumata auseinanderzusetzen und die richtigen Ressourcen hat, sie aufzuarbeiten. Das hat etwas sehr Hoffnungsvolles für mich.
Julia von Lucadou ist Filmwissenschaftlerin. Sie arbeitete als Regieassistentin, Redakteurin beim Fernsehen und als Simulationspatientin; sie lebt in Köln. Ihr erster Roman «Die Hochhausspringerin» (2018) stand auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis und wurde mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet. 2022 erschien der hochgelobte Roman «Tick Tack«.
Beitragsbild © Guido Schiefer
