Alisha Gamisch „Parasiti“, Voland & Quist

Wenn die Gegenwart mit einem Mal aufbricht. Wenn sich Fragen nicht mehr verdrängen lassen. Wenn all das Unverdaute, ewig Gärende, das Magma unter der Kruste des Schweigens durchbricht. Alisha Gamisch beeindruckendes Debüt sticht mitten hinein.

Ein Reiheneinfamilienhaus im bayrischen Fürstenfeldbruck ist der Schauplatz, an dem die Vergangenheit ausbricht, ein Bettelbrief mit daumengrossem Plastikembryo eine alte Frau derart erschüttert und erstarren lässt, dass Nichte und Enkelin sie nicht wiedererkennen. Grossmutter Lydia in Schockstarre der Stimme beraubt fängt Enkelin Rina erst recht zu fragen an. Fragen, denen auch Tante Valli am liebsten zeitlebens ausgewichen wäre.

So unmöglich es ist, Heimat und Herkunft durch Grenzen einzuzäunen, so unmöglich ist es seit jeher, Zugehörigkeiten zu kollektiven Erinnerungen und Landschaften vom seltsamen und streitbaren Gefühl der Heimat abzukoppeln. Nicht nur die beiden Weltkriege im vergangenen Jahrhundert haben Menschen entwurzelt, Familien auseinandergerissen, Familientragödien unter dem Mantel des Schweigens erstickt. Das Trauma bleibt, die in sich geschlossenen Kammern, in denen Geschichten gären, Mief, der irgendwann, der Anlass kann offensichtlich unbedeutend sein, mit zerstörerischer Kraft ausbricht.

Als die Studentin Gina zu Grossmutter und Tante, in ihr Zuhause zurückkehrt, ist ihre Grossmutter Lydia eine andere. Eingefroren in einen Schrecken, paralysiert, erstarrt. Gina, die in ihrem Leben von Unentschlossenheit gefangen ist, nimmt das Szepter in die Hand. Ihre Grossmutter muss zum Arzt, wenn nötig sogar in eine Klinik, auch wenn Gina weiss, dass Lydia das nicht zulassen würde. Und von Valli, ihrer Tante, will sie endlich Antworten.

Alisha Gamisch «Parasiti», Volant & Quist, 2026, 240 Seiten, ISBN 978-38-6-391466-0

Lydia wurde in den Wirren des Weltkriegs ins sibirische Nirgendwo deportiert, nach Novosibirsk, wurde „Russlanddeutsche“, die man während und nach dem Krieg nach Sibirien zwangsumsiedelte, denen man unter menschenunwürdigen Voraussetzungen blosses Überleben abverlangte. Dort wird sie die Frau von Sashka, einem gut aussehenden Nichtsnutz und Säufer. Mit ihm, ihrer Tochter Elvira und dem rotzigen Schwiegervater lebt sie in einer windigen Baracke, nur durch Tücher vor den Blicken anderer geschützt, permanent in Sorge ums Überleben und den Annäherungen ihres nach Alkohol stinkenden Gatten. Bis sie dann doch noch einmal schwanger wird und sich genötigt sieht, in einem sowjetischen Krankenhaus, das solche Frauen wie Dreck behandelt, ihr Kind auskratzen zu lassen. Ein Eingriff, der sie fast das Leben kostet, der ihr den Tod im Bett daneben vor Augen führt, die Wertlosigkeit einer Frau, die sich gegen das Schicksal stemmt.

Aber mit der Abtreibung hört der Schrecken, das Bedrängtsein, die Not nicht auf. Auch das Leid einer Mutter, einer Alleingelassenen, einer Bedrängten. Irgendwann schafft es Lydia mit ihrer Tochter mit Hilfe einer Rücksiedlungsinitative nach Deutschland. Ein Neuanfang mit den schlechtmöglichsten Vorzeichen, weil nicht nur Lydia die Vergangenheit im Schweigen erstickt.

Komisch, dass deine Muttersprache eine andere ist als meine – und die deiner Mutter eine andere als deine, und dass du als Kind eine Sprache konntest, die jetzt fast verflogen ist, und dass ich mich mit dir als Kind gar nicht hätte verständigen können.

Ein krasser Gegensatz zur zweiten Erzählebene, dem Leben ihrer Enkelin Gina. So sehr Gina ihr Leben selbst bestimmen kann, so sehr verliert sie sich im Unentschlossenen. So sehr sich Lydia gezwungen sah, sich dem Schicksal entgegenzustellen, so sehr verliert sich Gina. Bis sie das Schweigen, die Erstarrung ihrer Grossmutter aus der Lethargie schüttelt.

„Parasiti“ trifft. Lydia war fast ein ganzes Leben Fremde, Herumgeschobene. Männer wurden zu Parasiten, unmöglich abzuschütteln. Bei meiner Lektüre ein beklemmendes Gefühl. Nicht nur weil ich ein Mann bin, sondern weil die Geschichte nicht Vergangenheit ist, weil wir mit jedem Tag einen Schritt weiter wegrücken von der Hoffnung, dereinst würde gegenseitiger Respekt, aus welcher Seite auch immer, das Zusammenleben leichter machen. „Parasiti“ ist ein starkes Debüt, eine laute Stimme, ein mutiges Buch!

Alisha Gamisch studierte in München und London Anglistik und Germanistik und lebt heute in Berlin. Ihr erster Gedichtband »Lustdorf« (Verlagshaus Berlin, 2020) wurde vom Haus für Poesie zu den besten Lyrikdebüts des Jahres gewählt. 2022 erhielt sie den Nora-Pfeffer-Preis für Lyrik des Bayerischen Kulturzentrums der Deutschen aus Russland, 2023 war sie Stipendiatin der Romanwerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin. Sie ist Gründungsmitglied des feministischen Vereins ›Wepsert e.V.‹ sowie Mitkuratorin und Moderatorin der Lesungs- und Diskussionsreihe ›PostOst-Café‹ im Maxim Gorki Theater Berlin. Seit 2025 ist sie Teil der literarischen Girlband ›No Scribes‹. »Parasiti« ist ihr Debütroman.

Beitragsbild © Suzanne de Carrassco