Ich war definitiv nicht für den Krieg geboren, ich war als Kirsche auf dem Sahnehäubchen geboren, nicht für das hier. Aber ich wusste es. Ich wusste, verdammt nochmal, dass ich gehen würde. Wir gehen alle.
Lieber Gallus
Philipp Tingler hat im vergangenen Literaturclub dieses aus meiner Sicht hochaktuelle und wichtige Buch vorgestellt. Artem Tschech analysiert ehrlich und schonungslos, was dieser Krieg aus ihm als Soldaten unwiderruflich macht. Das Tragen einer Uniform, die ständige Angst vor dem Tod, das Leben im Schützengraben neben getöteten Mitkämpfern und ein Verlust des Zeitgefühls verändern die Soldaten derart, dass sie auch im Urlaub und ausserhalb der Front definitiv andere Menschen geworden sind.
Einer der Jungs sagte bei seiner Rückkehr aus dem Osten, dass er lieber tot wäre, denn jetzt habe er Angst, weiterzuleben.
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil erfahren wir, wie der Autor, der schon einmal ein paar Monate an der Front war und den Krieg hasst, sich doch entscheidet, noch einmal als Soldat an die Front zu gehen und sein Land zu verteidigen. Dort hilft ihm ausgewählte Musik – von Kopfhörern gehört – seiner Angst und der oft öden Langeweile im Schützengraben zu entfliehen. Musik von Chopin und Miles Davis bis zu den Beatles und Edith Piaf, von Mylène Farmer bis zu Blondie bringen menschliche Wärme und etwas Hoffnung in die Todeszone.
Musik macht aus einem Soldaten einen Menschen und pflanzt den wertvollen Wunsch ein zu leben. Sich zu erinnern und zu träumen, zumindest gelegentlich die Kraft zu finden, sich und die Welt zu lieben.
Im zweiten Teil, wo er von Kyjiw an die Ostfront nach Bachmut und Slowjansk verlegt wird, spielt die Musik zunehmend keine Rolle mehr. Eindrücklich wird der durch das Kriegsgeschehen verursachte Prozess der inneren Zerstörung des Menschen geschildert. Menschliche Gefühle, Musikhören oder das Schreiben verblassen, körperliche und seelische Strapazen beherrschen alles. Todesangst überall.
Ich erfuhr, wie eine verbrannte Stadt riecht, wie mehrere Tage alte Leichen riechen und wie schnell man sich an diese Gerüche gewöhnt. Der Tod der anderen ist nicht angsteinflössend, Angst macht das Unwissen, auf welche Weise der Tod dich ereilen wird.
Die inneren Veränderungen der Soldaten im Krieg können nicht, wie die Uniform, zuhause einfach abgelegt werden. Die Begegnung mit Menschen, die nicht an der Front waren, wird zu einer schwierigen Herausforderung. Daran zerbrechen Familien und Freundschaften.
Erschütternde Einblicke in das Innenleben eines Soldaten an der Front!
Herzlich
Bär
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Lieber Bär
Leider habe ich das Buch noch nicht gelesen, aber nach deinem Schreiben auf meine Liste gesetzt. Nur schon deshalb, weil ich nicht die Augen verschliessen will, weil ich nicht wegschauen will, weil die Bilder in den Medien längst nicht mehr reichen, um mir immer und immer wieder ins Bewusstsein zu rufen, was dort und überall, wo Kriege und Gewaltexzesse wüten, passiert. Weil Literatur für mich die einzige Möglichkeit ist, mir diesen Krieg immer und immer wieder in meine Emotionen zu mischen. Weil ich in meinem Brotberuf zwar immer wieder mit den Schrecken dieses Krieges konfrontiert werde, aber mit einem stummen, unausgesprochenen Schrecken. So wie bei dem Jungen, der seit ein paar Tagen an unserer Schule ist. Obwohl die Flucht seiner Familie aus der Ukraine schon Monate zurückliegt, traut sich der Junge keinen Schritt ohne seine Mutter. Er spricht kaum, macht einen aufgeweckten Eindruck, ist aber heillos eingeschüchtert und verunsichert.
Vor einiger Zeit las ich «Himmel über Charkiw. Nachrichten vom Überleben im Krieg» von Serhij Zhadan. Als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, traf ich mich mit einem Freund, den ich schon fast mein ganzes Leben kenne. Er behauptet allen Ernstes, die Bilder eines angeblichen Krieges in der Ukraine seien Fake, inszeniert, Propaganda. Dass wir in einer Welt leben, in der man das Geschehen von den unmöglichsten Seiten her beurteilen und interpretieren kann, wissen wir spätestens seit selbst amerikanische Präsidenten an alternative Fakten glauben und uns PredigerInnen in den schillerndsten Farben im Netz die Welt erklären.
Ich traute mich nicht, diesem Freund die Stirn zu bieten. Ich war zu feige und ertrug dessen verquere Sicht der Dinge schlicht nicht. Mir wird nur schon beim Gedanken schlecht, mich seinen Behauptungen stellen zu müssen. Angesichts dessen, was die Betroffenen dieses Krieges selbst zu ertragen haben, eine Peinlichkeit.

Serhij Zhadan gehört wie Artem Tschech zu den wichtigsten literarischen Stimmen der Ukraine. Ich erlebte Serhij Zhadan 2015 an mehreren Veranstaltungen am Literaturfestival in Leukerbad. Damals las er aus seinem 2012 auf Deutsch erschienen Roman „Die Erfindung des Jazz im Donbass“, der zwei Jahre zuvor unter dem Titel „Vorošilovgrad“ in der ukrainischen Stadt Charkiw erschien. Neben Romanen schreibt Serhij Zhadan aber vor allem Lyrik, Lyrik, die sich nicht erst seit dem Einmarsch der Russen in sein Land, politisch gibt. Eine kämpferische Stimme, die sich seit dem Ausbruch des Vernichtungskriegs des einstigen „Brudervolkes“ sehr aktiv in der Unterstützung all jener Kräfte zeigt, die sich gegen die Brutalität der Aggressoren stemmt.
„Himmel über Charkiw“ ist ein Manifest. „Himmel über Charkiw“ sind gesammelte Facebook-Posts von Serhij Zhadan, die er zwischen dem Einmarsch der russischen Truppen und dem ersten Kriegssommer in den Äther schickte. Selbstvergewisserungen, Beschwörungen, Aufrufe, kleine Berichte eines Mannes, der in seiner Stadt geblieben ist. Einer Stadt, die permanent von russischen Geschossen erschüttert und getroffen wird, damals und noch immer. Aus einer Stadt, die für einen Beobachter aus der Ferne längst den Eindruck einer zerstörten Stadt macht. Aus einer Stadt, die sich mit allem gegen den Untergang, gegen die Launen brutalster Willkür stemmt, einer Stadt, die seit dem Einmarsch der Russen in eine Starre verfiel, keiner Starre, die lähmt, aber einer Starre, die kämpferisch, starrsinnig macht.
„Himmel über Charkiw“ will keine «Literatur» sein, sondern Zeugnis. Eine Stimme aus dem Innern des unverschuldeten Höllenfeuers, eine Stimme des Trotzes, eine Stimme, die um keinen Preis dieses eine verlieren will; die Hoffnung, dass dereinst der Krieg vorbeisein wird, dass die Gerechtigkeit siegen wird. Begriffe wie „Sieg“, „Helden“, die der Autor vor dem Einmarsch, selbst nach der Annexion der Krim, nie in den Mund, schon gar nicht ins Netz geschickt hätte. Ein Facebook-Tagebuch des offenen Widerstands.
Ich freue mich auf unseren gemeinsamen Besuch bei «Zürich liest»!
Liebe Grüsse
Gallus

Artem Tschech, geboren 1985 in Tscherkassy, gehört zu den wichtigsten Autoren der ukrainischen Gegenwartsliteratur. Für sein literarisches Schaffen wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Gogol-Literaturpreis und dem Joseph-Conrad-Korzeniowski-Literaturpreis. Artem Tschech veröffentlichte bereits mehrere Romane. Für »Nullpunkt« (2017) wurde er auch international gefeiert.
Alexander Kratochvil ist Literaturübersetzer aus dem Ukrainischen und Tschechischen und Slawist an der LMU München. Unter anderem übersetzte er die Werke von Oksana Sabuschko, Jurij Wynnytschuk, Oleksandr Irwanez, Artem Tschech und Sofia Andruchowytsch, sowie den Klassiker der ukrainischen Moderne, Walerijan Pidmohylnyj. 2024 wurde er mit dem Internationalen Hermann-Hesse Preis ausgezeichnet, zusammen mit Maria Weissenböck und Sofia Andruchowytsch.
Maria Weissenböck, Studium der Sprachwissenschaft und Slawistik in Wien, St. Petersburg und Lwiw. Seit 2004 ist sie freie Übersetzerin aus dem Ukrainischen und Belarussischen, dolmetscht im Kulturbereich und moderiert Lesungen. Sie übersetzte Werke u. a. von Taras Prochasko, Ljubko Deresch, Sofia Andruchowytsch, Lesja Ukrajinka, Artem Tschech und Tanja Maljartschuk ins Deutsche. 2024 wurde er mit dem Internationalen Hermann-Hesse Preis ausgezeichnet, zusammen mit Alexander Kratochvil und Sofia Andruchowytsch.

Serhij Zhadan, 1974 im Gebiet Luhansk/Ostukraine geboren, studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für Die Erfindung des Jazz im Donbasswurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«. 2022 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Zhadan lebt in Charkiw und ist seit Mai 2024 Soldat.
Sabine Stöhr, 1968 geboren, studierte Slawistik in Mainz und Simferopol. Juri Durkot, 1965 geboren, studierte Germanistik in Lemberg und Wien. Claudia Dathe, geboren 1971, studierte Übersetzungswissenschaft (Schwerpunkt Russisch und Polnisch) am Institut für Angewandte Linguistik und Translatalogie der Universität Leipzig sowie in Pjatigorsk (Russland) und Krakau. Zusammen übersetzen sie seit 2007 das Romanwerk von Serhij Zhadan.
