Han Kang «Der goldene Faden», Claassen

Manchmal legt sich das Gelesene wie eine warme Decke über mich. So wie bei «Der goldene Faden» der südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Ein Buch, das durch seine Schlichtheit und Eindeutigkeit besticht, das ich nach der Lektüre nachwirken lassen muss.

2024 vergab die Schwedische Akademie in Stockholm den Nobelpreis für Literatur der 1970 geborenen südkoreanischen Schriftstellerin Han Kang. Das Leben einer Autorin ändert sich mit einem solchen Preis grundlegend. Nicht nur weil mit einem Schlag alle finanziellen Sorgen weggewischt sind, sondern weil man permanenter Aufmerksamkeit ausgesetzt ist, dauernd im Fokus der Öffentlichkeit steht und wohl nie mehr als die gänzlich Unbekannte in einer Stadt spazieren kann. Und wie gross muss der Erwartungsdruck all jener sein, die auf eine Neuveröffentlichung warten, seien es dürstende Leser*innen, die Verlage, die das Glück und die Finanzkraft haben, jene Bücher präsentieren zu dürfen und die Veranstalter*innen, die mit einem solchen Namen im Programm wissen, dass die Menschen strömen werden. Ob László Krasznahorkai, Han Kang, Jon Fosse oder Annie Ernaux, um nur die Namen der letzten Jahre zu nennen; sie werden zu Leuchtfeuern.

Kann sein, dass die Erwartungen ins Unermessliche steigen, wenn sich ein neues Buch einer Nobelpreisträgerin ankündigt. Umso grösser ist das Potenzial einer Enttäuschung. Im deutschsprachigen Raum veröffentlichte Han Kang ihre Romane bislang bei Aufbau, neu nun in der Ullstein Verlagsgruppe. Wie eng, intim und freundschaftlich die Zusammenarbeit zwischen Schriftstellerin und Lektorin ist, zeigt die Tatsache, dass die Nobelpreisträgerin der Lektorin folgte, als sich Aufbau Verlag und Lektorin Friederike Schibach trennten.

Han Kang «Der goldene Faden», Claassen, aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee, 2026, 176 Seiten, ISBN 978-3-546-10174-5

Sehr gut nachvollziehbar, dass ein neuer Verlag dann auch gleich einen Pflock einschlagen will, ebenso nachvollziehbar, dass eine solche Aktion Risiken birgt, wenn nobelpreishohe Erwartungen nicht erfüllt werden. „Der goldene Faden“, eben erschienen, ist kein Roman. Ein solcher soll erst 2027 erscheinen. Im neuen Buch finden sich die Rede zu Verleihung des Nobelpreises, Betrachtungen, Gedichte und ein Gartentagebuch. Vermeintlich nichts Spektakuläres, war denn auch ihre Rede zur Preisverleihung kein lauter Polterer, viel mehr eine Besinnung auf das, was Han Kang zum Schreiben leitet. Was sie antreibt, was sie beabsichtigt. Der Titel des Buches bezieht sich auf ein Gedicht, dass sie als Mädchen geschrieben hatte und das sie in einer Schachtel beim Aufräumen wiederentdeckte.

Wo könnte die Liebe sein?
In meinem pochenden Herzen ist sie verborgen.

Was ist Liebe?
Ein goldener Faden, der Herz mit Herz verbindet.

Han Kang erzählt von ihrem Schreiben, ihrer so vorsichtig tastenden Art, sich einem Thema, einem Stoff anzunähern. Sie sucht nicht nach einem Plott, auch nicht nach Antworten. Sie stellt existenzielle Fragen, durch die sie sich selbst dünnhäutig macht, empfänglich für Bilder, die sowohl sie wie mich eintauchen lassen. Han Kang ist auf der Suche nach dem, was sie den „goldenen Faden“ nennt, jenes absolut Verbindende, selbst in Geschichten, die auf den ersten Blick nur das Zerstörerische, Hass und Gewalt, zeigen. So wie bei ihren Romanen „Menschenwerk“ und „Unmöglicher Abschied“, die sich explizit mit zwei Massakern aus der südkoreanischen Geschichte auseinandersetzen. Mit Sicherheit ein Grund, warum man in Stockholm auf die Autorin aufmerksam wurde. Nur durch Konfrontation mit den dunklen Kapiteln menschlicher Geschichte kann Versöhnung wachsen, können Einsichten, gerissene Fäden erneut verknüpft werden.

Selbst die Ausschnitte aus dem Gartentagebuch der Autorin offenbaren ihren Blick, ihre Absicht, ihre Sorgfalt, ihre Liebe. Und genau in Relation mit dem „Grossen“ erkenne ich ihre Leidenschaft, ihre Intension. Die glasklaren Sätze, die kurzen Einträge in ein Tagebuch des Wachsens und Gedeihens, aber auch der Kampf gegen Störungen, gegen die Macht der Zerstörung, der Kampf um das Licht, das Anbringen von Spiegeln, die das Sonnenlicht an die richtigen Stellen reflektieren – alles voller Metaphern, auch wenn sich die Texte federleicht lesen lassen.

„Der goldene Faden“ ist Balsam, Offenbarung, Ermutigung und Musik zugleich. Wie ich mich freue auf die Begegnung mit dieser wundersamen Autorin!

Han Kang liest und diskutiert am «Sprachsalz», den Internationalen Tiroler Literaturtagen in Kufstein vom 11. – 13. September. Mehr Informationen finden sie hier.

Han Kang wurde 1970 in Gwangju, Südkorea, geboren. 1993 debütierte sie als Lyrikerin, 1994 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Für ihren Roman «Die Vegetarierin» wurde sie 2016 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet. Ihr Werk, darunter «Menschenwerk» und zuletzt «Unmöglicher Abschied» erscheint in über 40 Sprachen und wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet. 2024 erhielt Han Kang den Nobelpreis für Literatur für ihre „intensive poetische Prosa, die sich mit historischen Traumata auseinandersetzt und die Zerbrechlichkeit menschlichen Lebens aufzeigt».

Ki-Hyang Lee, 1967 geboren in Seoul, studierte Germanistik, Pädagogik und Japanologie in Seoul, Würzburg und München. Sie lebt in München, wo sie als Übersetzerin und Verlegerin des Märchenwald Verlags arbeitet. Zudem ist sie Dozentin an der Universität. Unter ihren zahlreichen Übersetzungswerken finden sich Han Kangs «Die Vegetarierin» und Cho Nam-Joos «Kim Jiyoung, geboren 1982». Für die Übersetzung von «Der Fluch des Hasen» wurde sie mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2024 und mit dem Preis der Stiftung LTI Korea 2025 ausgezeichnet.

Beiträge zu «Weiss» von Han Kang auf literaturblatt.ch

Beitragsbild © Paik Dahuim