Christine Fischer «Schwindlig», orte

Es sind die Geschichten von Eva und Franz. Sie lernten sich kennen, waren verheiratet, trennten sich und begegnen einander wieder. Schnell erzählt. Christine Fischer formt zwei Leben, die sich finden, abstossen und doch nie zur Ruhe kommen. Sie tut dies, in dem sie von den Zwischenräumen erzählt, von dem, was andere weglassen würden – ganz zart.

Eigentlich ist es die Geschichte zweier Leben, die der Zufall zusammenführt, einmal in jungen Jahren, ein zweites Mal, als die beiden schon daran zweifeln, dass ihr Leben noch eine Zukunft zu bieten hat. Eva und Franz waren ein Paar, trennten sich, weil Franz für Eva nicht der Partner war, der der Vater ihrer Kinder hätte sein sollen. Eva bricht nach der Trennung aus, erinnert sich an einen Freund aus jungen Jahren, der in den Staaten lebt und in den sie sich damals unsterblich verliebte. Eine Liebe, die nicht wie erhofft erwidert wurde, aber Jahrzehnte doch reicht, um ihr den Wunsch nach einem Kind zu erfüllen.

Eva und Franz sind alt geworden, über 80. Eva lebt in einem kleinen Studio in einer Alterssiedlung, Franz in der gleichen Stadt in einer kleinen Wohnung. Das Leben hat sich für sie beide nicht so geformt, wie sie es sich fürs Alter ausgedacht hatten. Eva muss mit dem Entscheid ihrer Tochter leben, dass diese schwanger mit ihrem Mann in die Staaten auswandern will und sich ihre Zukunft als Grossmutter nicht so leben lässt, wie sie es sich gewünscht hätte. Und Franz ist zu einem einsamen, alten Wolf geworden, obwohl er in sich doch noch jene Kraft zu spüren glaubt, die es braucht, um sich noch einmal aufzubäumen. Eva ist müde geworden, Spaziergänge ohne Gehhilfe unmöglich. Franz ist einsam, nicht zuletzt darum, weil er es auch im Alter nicht schafft, sich für sein Gegenüber, und sei es auch nur sein einziger Freund, zu öffnen.

Christine Fischer «Schwindlig», orte, 2026, 160 Seiten, ISBN 978-3-85830-357-8

Was damals vor Jahrzehnten geschah, jene Trennung, die sie gegenseitig gänzlich aus den Augen verlieren liess, schwebt noch immer wie ein Trauma über ihnen. Sie ist sich ihrer Härte damals, der Trennung und der Unversöhnlichkeit bewusst. Ihn schmerzt noch immer die nicht genutzte Chance. Und die Tochter; sie wuchs damals auf, ohne jemals den Namen des Vaters zu erfahren. Als er dann doch ausgesprochen war, drohte Eva, ihre Tochter zu verlieren.

Und dann laufen sie sich zufällig in der Stadt über den Weg. Eva weiss nicht, wie ihr geschieht, ist hin- und hergerissen zwischen Gefühlen, die sie nicht einzuordnen weiss und dem Wunsch, etwas von dem zu glätten, was in ihrem Leben aufgeworfen wurde. Franz wird unvermittelt wieder zum Jäger. Vielleicht, weil er weiss, dass es leichter sein muss, die Restglut eines alten Feuers zu entfachen als ein neues zu entzünden. Vielleicht weil er spürt, dass er etwas Absolution holen kann für ein Leben, das in der Sackgasse zu enden scheint. Aber auch weil er von Evas Tochter erfährt, ihrem Schmerz und Antworten will, warum er nicht der Vater sein konnte, der er doch eigentlich gerne geworden wäre.

Christine Fischer schildert im ersten Teil die Kindheit der beiden. Sie wachsen in ganz unterschiedlichen Familien auf. Eva in einer Familie, die ganz für das Geschäft im Erdgeschoss lebt, Franz als Augapfel seiner überfürsorglichen Mutter. Beide in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als Kindsein noch viel mehr zwischen Erwartungen, Pflichten und Bravsein eingefasst war und man sich seine Freiheiten nur dann holen konnte, wenn man sich diese nahm. Eva und Franz haben sich damals nur selten geholt, was zu holen gewesen wäre. Christine Fischer springt von einer Geschichte zur andern, wechselt die Perspektiven, spiegelt und offenbart jenen unausgeleuchteten Zwischenraum, der zwei Leben, die miteinander zu tun haben, aneinander reiben lässt. Christine Fischer leuchtet nicht aus, zeichnet dafür mit feiner Feder die Zwiespältigkeit zweier Menschen, die sich letztlich verfehlen, obwohl es hätte die grosse Liebe sein sollen. Ein Roman über das Altern, das Alter und die Angst, irgendwann resümieren zu müssen, dass man unverzeihliche Fehler beging.

Interview

Dein Roman ist zweigeteilt; zwei Kindheiten und zwei Perspektiven im Alter. Das „Reich der Mitte“ ist nur angetönt und doch eigenartig schwergewichtig. Vieles ist nicht auserzählt, bleibt skizzenhaft als aufblitzende Bilder. Du hast dich auch konsequent an die beiden Perspektiven von Eva und Franz gehalten – und doch in der dritten Person geschrieben. Eigenwillig und eindrucksvoll, weil durch das stückhafte Erzählen erst mit der Zeit ein fassbares Ganzes entsteht. War dieser Aufbau von Beginn weg Plan oder hat er sich im Lauf des Schreibens aufgedrängt.

Die Zweiteilung Kindheit/Alter drängte sich im Prozess des Schreibens auf: Zu Beginn stand der Plan, die Leben der beiden Protagonisten als «Zettelerzählung» zusammenzustückeln. Gemäss meinem Logbuch, das ich parallel zum Roman führte, visionierte ich «herausragende Stalaktiten», zwei «Lebensübersichten in Fragmenten», keines davon umfangreicher als eine Buchseite. Das machte zuerst sehr viel Freude beim Schreiben, es verlangte mir Präzision und Dichte ab. Als ich dann bei der Adoleszenz von Eva und Franz angelangt war, begann mir zu schwindeln. Ich spürte deutlich; So kann und will ich nicht weiterfahren, nicht mich mittels Hunderten von weiteren Fragmenten durch diese beiden Lebensgeschichten schreiben. In meinem Logbuch finde ich den Eintrag: «Bald wird sich das Erwachsenenalter auftun, diese dunkle Materie, eine kompakte, unstrukturierte, dunkle Masse der sogenannten produktiven Jahre mit dem fetten Fleisch am Knochen, dieses Blindwüten und Blindtappen, ein erratischer Block! Wo ist der Zugriff, wie mich orientieren? Mir stinkts!» Ich beschloss also, diesen erratischen Block von rund 60 Lebensjahren zu überspringen und gleich ins Alter überzuwechseln. Von dort aus in die Mitte zurückzublicken «in einigen wenigen Streiflichtern aus der Warte des Alters.» Das Alter sollte eine Erzählung im Präsens sein und nur ungefähr zehn Tage umfassen und sich im Sprachgebrauch und im emotionalen Zugriff stark von Teil 1 unterscheiden.

Journal 1 © Christine Fischer

Im Buchtitel das Wort „schwindlig“. Ein Adjektiv, das seltsam antiquiert klingt. Ein Zustand im Taumel, nicht rauschhaft, manchmal von innen kommend, aber auch von aussen überstülpt. Manchmal durchaus positiv, sehr oft aber als unangenehm empfunden, nahe am Kontrollverlust. Kam dieser Zustand auch während des Schreibens über dich?

Ja, wie gesagt, das ursprüngliche Unterfangen, zwei ganze Lebensläufe parallel mittels Kurztexten in einen tragfähigen und spannenden Gesamttext unterzubringen, erwies sich als schwindelerregend. Es dennoch zu versuchen, wäre wohl eine Fleissarbeit gewesen, hätte aber vermutlich das Scheitern bedeutet – der Zusammenhang, die Möglichkeit, sich beim Lesen zu identifizieren, wäre wohl zerflattert. Nur schon beim Schreiben der ersten 40 Seiten, aber auch des Teils 2, hatte ich oft das Gefühl, einen Ameisenhaufen zu hüten. Wer will und kann schon aus einem solchen Haufen einzelne Krabbeltiere herauslösen? Ich habe es versucht.

Eva und Franz erlebten Kindheiten, die sich grundlegend von jenen heute unterscheiden. Kleine Erwachsene, die zu funktionieren hatten, die sich die kleinen Freiheiten nehmen und holen mussten, zwischen Erwartungen, Disziplin und Tradition. Kindheiten, die nicht nur in deinem Roman bis ins Alter wirken, auch wenn beide, Eva und Franz, selbst im Alter seltsam gefangen sind. Entspricht das auch deiner Erfahrung?, 

Ja, das Gefühl, in einem Korsett aufgewachsen zu sein, beengt und gebremst durch die Erwartungshaltungen von Eltern und Gesellschaft, teile ich mit meinen beiden Hauptfiguren, aber auch mit sehr vielen Menschen dieser Generation, was ich von vielen Interviews her kenne, die ich mit Menschen in der letzten Lebensphase geführt habe. Ich denke beispielsweise an die Berufsfindung, an Ausbildungsmöglichkeiten, an die «Geschlechterschmiede», wo genau vorgeschrieben war, was ein Mädchen-, was ein Knabenmuster war. Dem gegenüber stand aber – wenigstens bei Landkindern – meist eine grosse Freiheit in der Gestaltung von Freizeit und Spiel. Das Dorf mit seinen Gärten und Schuppen und Höfen und Strassen, die Umgebung mit ihren Wiesen und Wäldern und Bächen stand den Kindern damals offen – eine schwindelerregende Vielfalt mit schwindelerregenden Möglichkeiten. Sie wurden in ihrer Freizeit von den Erwachsenen kaum kontrolliert, aber gleichzeitig auch kaum beschützt. Die Eltern waren froh, ungestört ihrer Arbeit nachgehen zu können.

Journal 2 © Christine Fischer

Franz ist kinderlos geblieben. Eine Tatsache, die er im Alter als Makel empfindet. Eva hat eine Tochter, von der Franz gerne die Vaterrolle übernommen hätte. Eva wollte nicht. Eva wollte vieles nicht, schon gar keinen Mann, der ihr ihre Rolle streitig gemacht hätte. Und doch zerrt das Schicksal Eva und ihre Tochter auseinander. Ausgerechnet jetzt, wo Eva bereit wäre, aktiv Grossmutter zu sein. „Schwindlig“ ist auch ein Roman über Versäumnisse. Ist es nicht doch manchmal „zu spät“?

Das sehe ich nicht so. Versäumnisse gibt es dort, wo Vorstellungen partout durchgesetzt werden wollen. Für mich ist es eine Frage des Blickwinkels: Man kann das Leben als offenes Riesenspiel, bei welchem vieles «schieflaufen» oder «zuwiderlaufen» kann, oder aber als Planspiel, welches man strategisch zu beherrschen versucht, verstehen. Mir ist das Offene, vielleicht auch das Zufällige, die wilde Mischung von Elementen, die sich im Werden ordnen, nicht schon vorhergezeichnet sind, näher. Aus allem, was ist, wird wieder etwas. Etwas anderes, neues … diese Kette zieht sich durchs ganze Leben – das macht es ja gerade so faszinierend. Das Leben ist für mich keine «Erfüllung der Schrift», sondern ein unentwegtes Suchen und Finden, ein Erfinden auch. Darum: Es ist wohl nie «zu spät», es ist bloss «anders, als gedacht. Anders, als beabsichtigt.» Das Leben macht laufend Vorschläge.

Was „Schwindlig“ nicht ist; dein Roman ist keine Liebesgeschichte. Höchstens die einer vorsichtigen Annährerung. Das tut dem Roman gut. Keine Sentimentalitäten. Aber auch ein Roman über Starrsinn, eine Eigenschaft, die sehr oft im Alter zu Verkrustungen führt. Ist Schreiben eine Möglichkeit, empfindsam, empatisch und „weich“ zu bleiben?

Eine schwierige Frage! Ich denke, das Alter selbst ist ein letzter, starker, unüberhörbarer Aufruf, empfindsam, empathisch, weich zu bleiben! Nicht zu verknöchern, eine Grosszügigkeit entweder zu behalten oder aber zu entwickeln, sonst nehmen die Gespenster des Alters überhand. Wo der Körper in seinen Möglichkeiten starrer und eingeschränkter wird, gilt es, mit den Mitteln des Geistes, des Fühlens und der Empfindung, das Leben offen zu halten: Offen für das Andere, die Anderen, offen für Zumutungen, für Schicksalsschläge, für das Näherrücken des letzten Wegabschnitts mit seinem grossen Abschiednehmen. Durch das Mittel der Sprache, des Schreibens, des Lesens kann vielleicht «das zunehmende Befremden» statt als Bedrohung – wiederum! – als eine Chance zur Veränderung, zur Wandlung erlebt werden … dies ist ganz einfach mein Credo als Schriftstellerin, aber einfach auch als alternder Mensch.

Christine Fischer, 1952 in Triengen in der Schweiz geboren, studierte Logopädie am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg und war vierzig Jahre lang als Sprachtherapeutin tätig. Sie wohnt in St.Gallen und hat diverse Bücher veröffentlicht: «Eisland» (1992), «Lange Zeit» (1994), «Augenstille» (1999), «Solo für vier Stimmen» (2003), «Von Wind und Wellen, Haut und Haar» (2004), «Vögel, die mit Wolken reisen» (2005), «Nachruf auf eine Insel» (2009), «Els» (2014), «Lebzeiten» (2015) und «Der Zweifel, der Jubel, das Staunen» (2017), «Im Mai am Montag» (2019), «Herz-Kranz-Gefäss» (2021). Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mit verschiedenen Förder- und Werkpreisen ausgezeichnet, zuletzt 2024 mit dem Kunstpreis der St.Gallischen Kulturstiftung.

Beitragsbild © Andreas Butz