Susanne Schanda «Möwen über der Scala dei Giganti», edition bücherlese

Triest war und ist eine multiethnische Stadt, die seit Jahrhunderten immer wieder in den Brennpunkten ihrer Unterschiedlichkeiten zu kochen beginnt. Unrühmlicher Höhepunkt solcher Konflikte war 1920 der Brand des slowenischen Kultur- und Geschäftszentrums mitten in der Stadt. Susanne Schanda beschreibt, was grassierender Nationalismus, aufgerissene Wunden und ungesühnte Schuld anrichten können.

Ob 1920 das Kulturzentrum der slowenischen Bevölkerung von Triest, Narodni dom (Volkshaus), 1933 der Reichstagsbrand in Berlin oder 2001 die Flammen aus den Twin Towers in New York; brennende Gebäude, Tod und Verwüstung, brandstiftende Ideologien, Wunden, die aufgerissen werden und auch dann nicht geheilt sind, wenn an ihrer Stelle neu aufgerichtet und versöhnliche Worte gesprochen werden. Was blinder Nationalismus anrichten kann, beweisen Kriege, schwelende Konflikte und blanker Hass bis in die Gegenwart. Selbst dann, wenn man oberflächlich glaubt, die Wogen seien geglättet, die ehemaligen Kontrahenten versöhnt. Oft braucht es nur ein Streichholz und schwelende Glut flammt wieder auf.

2020 wurde das Narodni dom in Triest feierlich wiederöffnet und seiner ursprünglichen Bestimmung als slowenisches Kulturzentrum zurückgeführt. 100 Jahre zuvor ging der beeindruckende Bau mit Vereinsräumlichkeiten, Büros, einem Theater, einer Bibliothek und einem Hotel nach wilden Ausschreitungen in Flammen auf. Brandstifter waren die Schwarzhemden, italienische Faschisten, die in den 25 Jahren danach Italien unter Benito Mussolini zu rechtsextremen Diktatur werden liessen. 
Dass Triest, über Jahrhunderte ein Musterbeispiel einer europäischen Stadt, die eben wegen seiner Multikultur zu grosser Bedeutung wuchs, 1920 mit dem Brand jener Stätte der Kultur zum Beginn einer lange brennden Lunte wurde, ist nicht zufällig. Neben der italienischen Mehrheit der Triesti lebten in der Stadt Slowenen, Deutsche, Österreicher, Kroaten, Serben, Griechen und viele mehr. Genau dieses Gemisch machte die Stadt aus, ein Gemisch, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und wirtschaftlicher Krisen zu kochen begann und mit dem Brand jenes Kulturzentrums einen ersten negativen Höhepunkt erfuhr.

Susanne Schanda «Möwen über der Scala dei Giganti», edition bücherlese, 2026, 220 Seiten, ISBN 978-3-03981-031-4, ab 10. September im Buchhandel

Susanne Schanda erzählt von damals und heute. Marfalda Marini ist eine junge Frau, die den Traum, Meeresbiologin zu werden, wegen eines traumatischen Zwischenfalls bei einem Tauchgang aufgeben musste. Ausgerechnet sie, die sich in keinem Zustand freier und geborgener fühlt als in der Schwerelosigkeit des Wassers. Sie ist Teil jener Organisation, die sich um die feierliche Wiedereröffnung des Narodni dom kümmern soll. Sie soll mit einer Rede gar Teil der Eröffungsfeierlichkeiten werden. Alles gut, wenn da nicht die Ahnung, der Verdacht wäre, dass ausgerechnet in ihrer Familie Verwandte zu finden sind, die sich 100 Jahre zuvor beim faschistischen Brandanschlag an eben diesem Gebäude schuldig machten. Marfalda sieht sich genötigt, Nachforschungen voranzutreiben. Nicht weil sie sich reinwaschen, sondern weil sie Verantwortung übernehmen will. Nicht für die Schuld jener, die mit der Brandstiftung für den Tod vieler Menschen verantwortlich waren, sondern um ihr eigenes Bewusstsein zu schärfen, mit ihrem Tun das Resultat einer Geschichte zu sein.

Susanne Schandas Roman ist auch die Geschichte von Rozalija, einer jungen Frau, die vor dem unheilvollen Brand im Narodni dom dort Bibliothekarin wurde, stolz über ihre Arbeit, stolz auf ihre Stadt ist, in der James Joyce und Rainer Maria Rilke und viele andere Künstler der Stadt Glanz einbrachten. Sie beginnt ein eigenständiges Leben, bezieht ihre erste eigene Wohnung, lernt einen jungen Mann, Lorenzo, kennen, der zusammen mit ihrem Bruder Stanko als Ingenieur im Hafen der Stadt arbeitet. Sie lernt aber auch den Wiener Architekten August Neubauer kennen, einen Schüler jenes Mannes, der das Narodni dom entwarf. Ein junger Mann, der zu Recherchen durch die Stadt streift, auch immer wieder über die ausladenden Treppen der Scala dei Giganti. Es entwickelt sich eine Liebesgeschichte, die in den Wirren jenes 13. Juli 1920 eine dramatische Wende findet.

Susanne Schanda entwirft die Leben zweier junger Frauen, die untrennbar mit der Geschichte jenes Brandes verbunden sind. In einer Stadt, die gleichzeitig die Stadt von Giuseppe Verdi ist und gleichzeitig Kulminationspunkt eines faschistischen Flächenbrands. „Möwen über der Scala dei Giganti“ ist ein faszinierender Roman in einer historischen Kulisse, der man hierzulande viel zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. In der Schweiz, einem Land, das sich (mit Recht) viel einbildet auf ihr Miteinander von Kulturen und Sprachen, ist man sich selten genug bewusst, wie filigran und brüchig ein solches Gefüge sein kann. Wie schnell wirtschaftliche, politische und in Zukunft wohl auch klimatische Veränderungen ein Gleichgewicht aus den Angeln heben können. Susanne Schandas Roman ist ebenso spannend und klug erzählt wie erhellend und mahnend.

Als Österreicherin in Holland geboren und später in der Schweiz aufgewachsen, hat Susanne Schanda die Begegnung mit dem Fremden über Grenzen hinweg zu einer Konstante ihres Schreibens gemacht. Sie hat in Bern und Salzburg Germanistik und Philosophie studiert, als Literatur- und Theaterkritikerin sowie als Reporterin gearbeitet. Aus zahlreichen Aufenthalten im Nahen Osten sind Reportagen, Essays und Porträts hervorgegangen. 2013 erschien ihr Buch Literatur der Rebellion über gesellschaftliche Aspekte des Schreibens im Kontext des Arabischen Frühlings und 2018. Susanne Schanda lebt als freie Autorin und Journalistin in Bern.

Beitragsbild © Ayse Yavas