Florian Bissig «Spielen, was ist», die brotsuppe

Lyrik und Jazz – uff! Zwei Genres, an die sich selbst manch routinierte Leserin oder Leser kaum herantraut. Zu schwierig, zu intellektuell, zu anspruchsvoll, zu andeutungsreich und bedeutungsoffen, zu wenig zugänglich, zu wenig allgemeinverständlich, denken viele. Besonders die Kompositionen und Improvisationen von John Coltrane haben es in sich, gehören mit ihren rasend schnellen Läufen (bis zu 1’000 Noten pro Minute!), komplexen Akkordwechseln und avantgardistischen Harmonien zu den anspruchsvollsten, ja, gefürchtetsten Jazz-Werken überhaupt. Der Olymp (oder Mount Everest?) jedes Jazz-Musikers. 

Gastrezension von Sonja Bonin

Wie schön, dass der ein Jubiläum zum 23. September naht: Vor 100 Jahren wurde der legendäre Jazzkomponist und -saxophonist geboren – und starb leider bereits mit 40 Jahren an Leberkrebs. Der Schweizer Lyriker, Übersetzer und Kritiker Florian Bissig lädt  nun mit seinem neuen Gedichtband ein, es einfach mal mit beidem zu probieren: Jazz und Lyrik. In selbstironischer Bescheidenheit nennt er sein neues Werk, in dem er sich «an Coltrane entlang dichtet» ein «kreatives Scheitern».

Florian Bissig «Spielen, was ist», die brotsuppe, 2026, 116 Seiten, ISBN 978-3-03867-119-0

Die Rezensentin widerspricht. «Spielen, was ist» gelingt es ausgezeichnet, uns Leben und Werk von John Coltrane näherzubringen, indem er Schritt für Schritt dessen radikale Entwicklung imitiert: vom gefälligen Rhythm & Blues («Ein Rütteln und Schütteln/bis jeder Fuss wippt») über die Bandarbeit mit Miles Davis («Mit hartem Ton und leicht verstimmt […] eckig phrasiert/mit schroff-sensiblem Timbre») über «die raschen Rückungen», die er Thelonious «Monks chromatische[n] Morgenglocken» beifügt, bis zum verhalten-tragischen «Alabama». Dabei spiegeln Bissigs Gedichte kongenial entscheidende Elemente in Coltranes Musik. Etwa in «Anti-Jazz, schreiben sie», wo die «reinen Quinten» das alles durchziehende Leitmotiv bilden, um das sich in wiederkehrenden Schleifen die vernichtenden Kritikerkommentare ranken wie ein improvisiertes Saxophon-Solo und  in dem die Vokalkombinationen kontrastierend hin- und her springen wie die Klangfarben des Künstlers bei seinen berühmten «Coltrane Changes»: «ein wütender junger Tenor, schreiben sie […] «rufend und suchend/schreiend und jubelnd/kreischend und preisend».

Aufbau oder Komplexität der Musik stechen in ihrer lyrischen Spiegelung oft auch optisch direkt ins Auge, zum Beispiel beim Gedicht «Klangflächen»:

Florian Bissigs Gedichten folgt als «liner notes» ein vergnüglich-erhellender Essay des Autors über John Coltrane und seine Musik.
Knapp über 100 Seiten hat dieses schön gestaltete Bändchen aus dem Verlag Die Brotsuppe – doch es bietet Inspiration für Stunden. Warnung an die Leser: Sie werden sich mehr mit Lyrik und Jazz beschäftigen wollen, als Sie je geahnt haben!

Im Verlag Die Brotsuppe erschien bereits Florian Bissigs Lyrik-Debut «Anchises in Alaska». Bissig übersetzte und edierte zudem für die Friedenauer Presse das erste Buch einer Afroamerikanerin, Gedichte und Briefe von Phillis Wheatley.

«la marotte» Centralweg 10, 8910 Affoltern am Albis 044 760 52 62 kultur@lamarotte.ch

Florian Bissig, geboren 1979, ist Publizist und literarischer Übersetzer. Er studierte in Zürich, Berlin und Austin Philosophie und Englische Literaturwissenschaft. Als freier Journalist schreibt Florian Bissig für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften über Literatur und Musik. Er übersetzte ausserdem die Lyrik von S.T. Coleridge, verfasste dessen Biografie und besorgte die erste deutsche Übertragung der Werke von Phillis Wheatley. Florian Bissig lebt mit seiner Familie in Affoltern am Albis.

Sonja Bonin, geboren 1970, studierte Philosophie und Germanistik sowie Buch- und Medienpraxis in Mannheim, Frankfurt a. M. und Rutgers, New Jersey. Sie ist freie Journalistin und Übersetzerin und lebt, nach langjährigen Aufenthalten in Deutschland, den USA und China, in Zürich. Sie arbeitete u. a. für den Tagesspiegel, Spiegel Online, Aspen Institute Berlin und LiteraturReview. Zu den von ihr übersetzen Autoren gehört Howard Zinn «Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes» und «Rosa Parks. Meine Geschichte«

Beitragsbild: Fondation Jan Michalski © Tonatiuh Ambrosetti