Ahojana 9 – «Am Brunnen» – Eine Postkarte aus Saleban von Owida N. Woiax

«Das ist nur die Hitze, du hast kein Fieber», sagt sie und führt die Rückseite ihrer rechten Hand an seine Stirn.
Er zuckt zusammen. «Was für kühle Finger du hast.»
Sie schließt die Augen, konzentriert sich. «Nein, das ist kein Fieber», entscheidet sie dann und streckt ihm ein Tetrapak mit Eistee hin. «Trink etwas. Oder tauch den Kopf kurz in den Brunnen.»
Er dreht sich um, schaut über den runden Steinrand ins Innere des marmornen Trogs, auf dessen Sockel sie sitzen. Aus einem rostigen Rohr tröpfelt Wasser auf eine kleine Insel aus Algen und Moos, die mitten auf einem Halbmond aus sumpfiggelbem Wasser treibt.
«Padjus?», keucht er, «machst du Witze?»
Sie lächelt, reicht ihm ein Taschentuch. «Wir sind in Saleban! Das sieht nur giftig aus.»
«Schimmel?», röchelt er und tippt ihr mit dem Zeigefinger an die Stirn.
«Das ist kein Schimmel», erwidert sie und zieht den Kopf zurück. «Das sind Pilze.»
«Und wenn ich doch Fieber habe?»
«Ach, vergiss es, trink!»
«Es fühlt sich eher wie Fieber an.»
«Was?»
«Na, die Hitze, sie ist so.»
«Wie so?»
«So mehr von innen als von außen.»
«Das kannst du unterscheiden?»
«Ja, es ist eine Hitze, die nur zu mir spricht, eine Stimme in mir, die auf mich einredet, mit Nachdruck, als habe sie mir etwas ganz Wichtiges mitzuteilen. Während die Hitze hier im Dorf, die spricht zu allen. Die ist mehr wie ein Radio, das vor sich hin plärrt … »
«… und alle nervt. Was sagt sie dir denn, deine innere Stimme?»
«Nichts. Sie zeigt nur, dass sie da ist.»
«Sie zeigt?»
«Ach, ich weiß auch nicht, da ist einfach etwas, nicht nichts.»
«So etwas wie ein Gott?»
Er lässt sich nach hinten sinken, bis sein Kopf den Brunnenrand berührt. «Ich glaube nicht, dass Gott ein Fieber ist. Eher ist er ein Aspirin, das dir den Kopfschmerz nimmt.»
«Ui. Wollen wir was trinken gehen? Da drüben hat es ein Café, die Tische stehen schön im Schatten unter alten Bäumen, das wird dich erfrischen. Und vielleicht haben die ja einen Ingwertee. Komm, ich zieh dich hoch.»
Sie setzt sich ihren Strohhut auf, stützt die Fäuste auf seine Oberschenkel, wuchtet sich hoch und streckt ihm ihre Linke hin.
«Wenn du meinst», sagt er, hebt den linken Arm und schüttelt matt die Uhr zurück, die ihm über den Rist gerutscht ist. «Geh schon mal vor. Ich komme gleich nach. Ingwertee ist gut. Magis, jeroub, taskura pa inal twa, jokæn? Aber bitte, bestell doch gleich für alle drei, ja?»

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Ahojana 1 – 8

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Edition Frida, 2025

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt. Zuletzt erschien bei Rotpunkt der Episodenroman «Der Verlag», geschrieben von Romana Ganzoni, Samuel Herzog, Lis Künzli und Karin Rey.

Beitragsbild © Samuel Herzog