Angelika Klüssendorf «Trost», Piper

Was ist Familie? Was passiert, wenn der Stern, um den die Planeten drehen, implodiert? Angelika Klüssendorf erkundet die feinen Risse, die zu Eruptionen werden, in einer Gegenwart, die in ihren Grundfesten erschüttert wird. Ihr neuer Roman „Trost“ hat die Kraft eines Tiefenbebens.

Rita wohnt allein. Nur zwischendurch lebt Joachim bei ihr, wenn er nicht in seiner Wohnung in Berlin ist. Ruth ist nach den Besuchen von Joachim gerne allein, gerne wieder allein, schon seit Jahren. Joachim und Ruth sind schon ein Jahrzehnt ein Paar, auch wenn beiden nicht so ganz klar zu sein scheint, was sie in der Beziehung hält. Gewohnheit? Die Angst vor dem Alleinsein? Vielleicht ist es für Rita Joachims Tochter Jane, mit der sie schon von Beginn weg eine seltsame Nähe verbindet. Jane steht kurz vor dem Abitur. Und weil alles, nicht nur die Familie, auch die Nachwirkungen der Pandemie und der angezettelte Krieg Russlands gegen die Ukraine, die junge Frau bis ins Mark erschüttert, wird die Frau an der Seite ihres Vaters zu einem Fixstern in ihrem Leben, das Haus zu einem Zuhause. Ihre Mutter, von der sich ihr Vater vor Jahren trennte, bei der sie noch immer morgens das Bett verlässt, um jeden Morgen der Einöde zu entfliehen, entfremdet sich ihr immer mehr, sinkt ab im Sofa für dem Fernseher. Ihr Halbbruder Eric, Vater geworden, verliert sich in der haltlosen Liebe zu einer Frau und ihre Freundin Lea, die einzige, der sie sich wirklich anvertrauen will, verliert sich hinter einem schweren Vorhang des Schweigens.

Und als Rita eines Morgens in ihrem Garten zusammenbricht und im Krankenhaus nicht mehr aus einem Koma erwacht, beginnt für Jane eine Zeit, die sie schmerzhaft in die Autonomie zwingt, ins Erwachsensein, in die Ernüchterung darüber, das die Welt sich nicht nach ihren Bedürfnissen dreht.

Angelika Klüssendorf «Trost», Piper, 2026, 208 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-492-07267-0

Jane besucht Rita regelmässig im Krankenhaus, die Frau, die nicht nur die Lebensgefährtin ihres Vaters wurde, sondern ihre Vertraute. Während ihr ihre Mutter mehr und mehr peinlich wird, gab ihr die Frau, die verloren im Krankenbett liegt, Sicherheit, erklärte ihr manchmal gar die Welt. Ritas Haus, ihr Garten, die Hühner, alles schien zu einem letzten Platz der Ordung zu werden. Bis ein Insekt Rita niederstreckte.

Joachim, Janes Vater, schwankt. Rita hat ihm in den letzten Jahren das noch einmal zurückgegeben, was er verloren glaubte. Aber statt sich um das Schicksal Ritas zu kömmern, kümmert er sich erstmal um sich selbst, seine Verlorenheit, seine emotionale Unterzuckerung, sein Elend, einmal mehr der Verlassene zu sein. Da kommt die Schwester von Ritas Nachbarn gerade recht. Man freundet sich an und mit einmal ist das Glück zurück, während Ritas Zustand im Krankenhaus medizinisch für hoffnungslos erklärt wird. Jane versteht ihren Vater ebenso wenig wie ihre Mutter. Aber noch viel weniger sich selbst.

Dieses Gewirr aus familiären und freundschaftlichen Banden, die sich aber nicht als das erweisem, was sie sein sollten, dröselt Angelika Klüssendorf gekonnt, aber auch schonungslos auf. Konsequent aus der Sicht von Vater und Tochter, Joachim und Jane erzählt, schildert Angelika Klüssendorf die komplexe Spiegelung zweier Welten, die sich aneinander reiben, zweier Wirklichkeiten, die unaufhaltsam auf die Konfrontation zusteuern, eines Kleinkosmos, der unaufhaltsam zu eiern beginnt, das schonungslose Abbild einer „modernen“ Familie, die sich der Fremdeinwirkung nicht entziehen kann.

Rita war bis zu ihrem Zustand im Koma, Kinderbuchautorin. Eine Frau, die es nie ganz schaffte, die zu sein oder zu werden, die sie gerne geworden wäre. Zuviele Existenzen um sie herum zerrten an ihr, nicht zuletzt immer und immer wieder die falschen Männer. Im ersten Kapitel, im einzigen aus der Sicht von Rita geschildert, manifestiert sich eine festgefahrene, in vielen Bereichen vergiftete Beziehung, vielmehr ein Zustand als eine Beziehung. Nach all den Romanen Angelika Klüssendorfs ein weiterer, der schonungslos zeigt, wie romantisiert und verklärt der Begriff „Familie“ ist. „Trost“ ist ein starkes Stück!

Interview

Liegt im Titel ihres Romans das Vertrauen, dass sich das mitunter wirre Gefüge der Gegenwart doch noch irgendwann und irgendwie klärt? Weder Rita, noch Jane oder Joachim sind dort, wo sie sich hinwünschen, höchstens für kurze Momente. Findet man Trost im Zurückschauen, in der Analyse, im Reflektieren? Ist nicht genau die Schriftstellerei ein Bedürfnis nach Trost?
Das Buch trägt den Titel «Trost». Wer es ließt, kann darin durchaus Trost finden und ich selbst finde manchmal in meiner Arbeit Trost. Vor allem aber in der Natur. Sie ist einfach da, bewertet nicht, zeigt sich nur und wird uns hoffentlich überdauern.

Alle Beziehungen in diesem familiären oder ausserfamiliären Geflecht sind beschädigt. Was Beziehungen letztlich immer sind. Ausgerechnet jene von Rita und Jane, die sich nicht ausgesucht haben, behält sich ein grosses Stück Vertrauen und Offenheit. Und ausgerechnet diese Beziehung wird durch einen allergischen Schock und das andauernde Koma auf eine harte Probe gestellt. Warum werden wir uns der Bedeutung einer Beziehung sehr oft erst dann bewusst, wenn sie unwiederbringlich zu Ende ist?
Ja, in der Rückschau wird uns vielleicht klar, was wir verloren haben: unsere Kindheit, unsere Jugend, und schließlich unser Leben. Doch als Schriftstellerin kann ich mich erinnern, was durchaus schmerzhaft ist, aber letztlich ist Erinnern unsere Identität. 

Jane wird nicht nur mit dem Koma ihrer Stiefmutter in die Wirklichkeit hineingerissen. Die Wirklichkeit zwingt sie zur Autonomie. Sei es die Wirklichkeit in ihrer Familie, jene in den Auswirkungen der Pandemie oder im Umgang mit den Folgen eines Krieges, der Flüchtende bis in ihre Stadt spült. Aber Jane nimmt den Kampf mit sich auf. Ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter, ihrem Halbbruder oder in grossen Teilen zu ihrem Vater. Sind wir letztlich immer allein?
Ja. Das klopfende Herz und ich. Doch auch hier wieder ein unendlicher Kosmos um uns herum. 

Jane und Joachim ringen. Die Art, wie sie es tun, reibt während des Lesens. Bei Jane ist es die Wut, bei Joachim seine Ergebenheit. Beides Charaktereigenschaften, die eine positive Entwicklung erschweren. Ist das Schreiben ihr Versuch, zwischen all den Reibungen aufrecht zu bleiben? Ihrem Teil Wut oder Ergebenheit entgegenzutreten?
Im Schreiben fühle ich mich zu Hause. Ich betrete darin die mir einzig verlässliche Welt. Und ich bin sehr froh, diesen Beruf ausüben so können. Denn dort bin ich eben nicht allein. 

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg, lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Sie veröffentlichte mehrere Erzählbände und Romane und die von Kritik und Lesepublikum begeistert aufgenommene Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“, deren Einzeltitel alle für den Deutschen Buchpreis nominiert waren und zweimal auch auf der Shortlist standen. Zuletzt wurde sie mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis (2019) ausgezeichnet. Die französische Übersetzung ihres Romans „Vierunddreißigster September“ stand auf der Longlist des Prix Femina 2022. Ihr Roman „Risse“ wurde für die Longlist des Deutschen Buchpreises 2023 nominiert.