Vera Zischke «Pina fällt aus», List

Pina ist Mutter, Leo ihr Sohn. Pina und Leo wohnen in einer Stadt. Leo ist 20. Wäre er wie alle anderen, wäre der Satz Ihr müsst langsam miteinander zurechtkommen, die Welt und du eine Selbstverständlichkeit. Nicht bei Pina und Leo, denn Leo ist Authist.

Das, was wir als unsere menschgemachte Welt wahrnehmen, ist genormt. Genauso wie die Menschen, die sich in dieser Welt bewegen. Abweichungen passen nicht ins Gefüge. Treppenstufen sind genormt, Ausbildung ist genormt, auch unsere Vorstellung von Familie, selbst jene romantische Norm von Liebe. Wir sind bestrebt, uns in diesen Normen zu bewegen. Wer es nicht tut, gilt als unangepasst, Querulant oder Störefried. Wer den Normen nicht entspricht, wird ein- oder ausgesperrt. Wer schon bei seiner Geburt nicht den Normen entspricht, durchläuft eine Maschinerie der Anpassungen – oder fällt durch die Maschen.

Pina ist Mutter, so wie die Schriftstellerin Vera Zischke. Pina ist Mutter eines authistischen Sohnes, so wie die Mutter, die die Geschichte geschrieben hat. Pinas Sohn ist 20. Wenn Leo nicht zuhause ist, dann ist er in einer betreuten Werkstatt, wenn er es denn schafft, rechtzeitig morgens am Strassenrand in den Bus zu steigen. Pinas Leben ist ganz und gar auf die Bedürfnisse ihres Sohnes ausgerichtet. Leos Vater spielt keine Rolle und Pinas Vater Bernd versteckt sich hinter seiner Spelunke, seiner Arbeit, seinen Pflichten. Leo lebt in seiner ganz eigenen Welt. Wenn ihm die Welt zu viel wird, steht er im Licht des offenen Kühlschranks, weil sich dort nichts bewegt. Seine Tage verlaufen immer gleich, jede Abweichung wird zum Stress, nicht nur für ihn.

Vera Zischke «Pina fällt aus», List, 2026, 304 Seiten, ISBN 978-3-47137-006-3

Alleinerziehende, in einem Call-Center arbeitende Mutter mit authistischem Sohn; Was als Setting schon schwierig genug ist, weil Pina alles tut, um in steter Regelmässigkeit zu funktionieren, weil Pina ganz genau weiss, dass es kaum Alternativen gibt, implodiert die Kleinfamilie, als Pina eines Morgens beim Einkaufen auf der Strasse zusammenbricht. Eine Katastrophe mit Ankündigung, hatte Pina doch schon lange mit grossen Bauchschmerzen zu kämpfen und schluckte Schmerztabletten wie Bonbons. Während Rina mit Magendurchbruch bewusstlos auf der Intensivstation liegt, ist Leo zuhause sich selbst überlassen. Und weil nach und nach alle Dämme brechen, wird das ganze Haus an der Hansastrasse unfreiwillig aktiviert. Während man sich im Krankenhaus wundert, dass sich niemand um die kranke Frau zu interessieren scheint, weil sich Pina über die Jahre fast ganz aus ihren sozialen Kontakten zurückgezogen hatte, setzt Leo im Mehrfamilienhaus, das er mit seiner Mutter bewohnt, die ganze Belegschaft in Bewegung; Die über 80jährige Inge, die ein halbes Jahrzehnt nach dem Tod ihres Mannes jeden Lebensmut verloren hat und in der Wohnung, die sie nicht mehr verlassen will, auf ihr Ende wartet. Den noch jungen Nerd Wojtek, der mehr oder weniger isoliert in seiner Klause in seiner ganz eigenen Welt vegetiert. Und die Schulabbrecherin Zola, deren Vater das Miethaus gehört, die man dort abgestellt hatte und sich aufführt, als wäre sie der Hausdrache höchstselbst.

Schnell wird klar, dass sich der Sohn von Pina nicht selbst helfen kann. Was sich in den ersten Stunden nach Pinas Verschwinden zur Katastrophe mit unabsehbarem Ausgang auswächst, wird zum Tsunami, der alles und jeden durcheinanderwirbelt. Ein ganzes Haus im Ausnahmezustand. Selbst Inge bricht noch einmal auf, Wojtek übernimmt Verantwortung und Zola nimmt Leo an der Hand.

Vera Zischke schildert, was Mütter leisten, wenn sich alles im Leben einer Frau auf die Bedürfnisse eines Kindes ausrichten muss, erst recht, wenn das Kind bereits 20 geworden ist und nicht absehbar ist, dass es irgendwann auf eigenen Füssen stehen wird. Sie schildert, wie Leben zu kollabieren droht, wenn das fragile Netz einer Kleinstfamilie durch Ausserordentliches bedroht ist. Einmal mehr ein Buch, dass sich mit der Ausweglosigkeit Alleinerziehnder auseinandersetzt, jenem Kleinstgefüge, dass eben nicht der Norm entspricht, aber längst zur eigentlichen Norm geworden ist.

Sie alle im Haus sind durch Einsamkeit und Isolation Bedrohte. Sie, die mitten in einer Stadt wohnen, jeder für sich hinter sonst verschlossenen Türen. Vera Zischkes Roman ist aussergewöhnlich, weil er eine Innenwelt offenbart, die leicht übersehen oder ausgeblendet wird. Mag sein, dass das eine oder andere an diesem Roman klischiert erzählt ist. Nichts desto trotz hat er mich berührt.

Interview

Es gab Zeiten, da fuhr ich nachts mit dem Zug immer wieder die selbe Strecke. Nicht selten blieb dieser vor einer Häuserreihe stehen, bei der man aus dem Zug in die Zimmer der Wohnungen sehen konnte. Wie oft klebte ich an der Scheibe, um einen Moment aus dem Leben der Bewohner*innen zu erhaschen. Zugegeben, vielleicht etwas voyeuristisch. Ihr Buch gibt Einblicke in meist verborgene Leben; sei es jenes der alleinerziehenden Mutter und ihres autistischen Sohnes, einer einsamen, alten Frau, das eines Nerds oder das einer Minderjährigen, die man sich selbst überlassen hat. Leben, die sonst im Verborgenen existieren. Wie viel an ihrem Roman ist Aufklärung? Was muss man als Schriftsteller*in schaffen, um nicht bloss der Neugier zu genügen?
Ich möchte nicht aufklären. Ich möchte, dass sich meine Geschichten echt anfühlen. Ich möchte, dass man Menschen beim Leben zuguckt und sich fragt: Wie hätte ich in der Situation reagiert? 
Mit „Pina fällt aus“ wollte ich erreichen, dass man sich zumindest einen kurzen Moment lang vorstellen kann, wie es ist, für einen jungen Mann mit einer seelischen Behinderung verantwortlich zu sein. Im besten Falle schaffe ich mit meinen Geschichten eine Begegnung zwischen echten und fiktiven Menschen. 

Sie schreiben aus eigener Betroffenheit. Wobei doch eigentlich jeder Schreibende aus Betroffenheit schreibt. Stört es nie nicht manchmal, dass man sie mit Fragen in die Ecke einer Fachfrau drängt?
Das ist eine schwierige Gratwanderung. Mir ist bewusst, dass persönliche Betroffenheit häufig überhaupt erst der Grund ist, warum Medien bereit sind, über meine Bücher zu berichten. Manchmal denke ich: „Ich habe 300 Seiten über das Thema geschrieben, warum muss ich jetzt trotzdem über mein eigenes Leben reden?“ Andererseits habe ich aber nunmal einen starken persönlichen Bezug als pflegende Mutter. Und durch mein Autorinnensein bekomme ich überhaupt erst die Möglichkeit, öffentlich Kritik am Hilfesystem und fehlender Inklusion zu äußern.

Gegenwartsliteratur kämpft sich ganz offensichtlich ab am über Jahrhunderte hochstilisierten Begriff der Familie, einem Idealzustand, der auch in der aktuellen Politik immer wieder als Argrumentationshilfe herhalten muss. Vieles in unserer Gegenwart orientiert sich noch immer an diesem Idealzustand; Mutter, Vater, Kind(er). Dabei spicht die Realität eine ganz andere Sprache. Davon erzählt ihr Roman ganz direkt und ungeschönt. Hängen wir Träumen nach?
Wir sind vielleicht ein bisschen aus der Übung, was (Wahl-)Familien anbelangt. In meinem Buch lasse ich Jurika sagen: „Ihr habt eine Welt, in der ihr euch zu wenig braucht. Ihr könnt alles aus eigener Kraft schaffen. “ Ich glaube, unsere Effizienz ist unser Problem. Wir haben für alles Navis, Lieferservice und Apps. Es ist zum Ideal geworden, alleine klarzukommen. Das bedeutet aber auch, dass wir Gelegenheiten auslassen, uns zu begegnen und zusammen zu tun. Bei Leo warten zunächst auch alle darauf, dass irgendwelche Profis kommen, die sich mit ihm auskennen. 

Alle Protagonist*innen in ihrem Roman kämpfen in verschiedenster Weise in ihrer Einsamkeit. Sie alle sind allein, mitten in der Gesellschaft, mitten in einer Stadt, mitten in einem Haus mit vielen Türen. Türen müssen sich öffnen, eine Symbolik in ihrem Roman, die ganz stark ist. Auch der zwanzigjährige Leo ist allein, weil er in kein gesellschaftstaugliches Muster passt. Auch die alt und einsam gewordene Inge passt nicht mehr. Und so tut jede(r) alles, um einer Passform zu genügen. Genügt das?
Die Menschen in meinem Buch haben alle unbewusst das Gefühl, nicht dazuzugehören. Sie passen nicht in unsere aufs Funktionieren ausgerichtete Welt. Es gibt immer mehr Menschen, die von den Anforderungen unserer modernen Welt so überfordert sind, dass der komplette Rückzug einfacher erscheint. Im Buch muss Inge der Rentenkasse beweisen, dass sie noch lebt, weil sie seit zehn Jahren keinen Arzt mehr aufgesucht hat. Anstatt jemanden zu suchen, der ihr eine Lebensbescheinigung ausstellt, fälscht sie das Formular lieber. Das ist für sie leichter, als vor die Tür zu gehen und Kontakt aufzunehmen. Und dann kommt Leo daher, kann sich nicht anpassen, mutet sich den anderen radikal zu. Also wagen es auch Inge und Co. immer mehr, sich zuzumuten. 

Aus Zola spricht viel Wut. Mehr als verständlich in einer Welt, in der der Jugend mehr und mehr Zukunft mit Hoffnung genommen wird, weil sich Zukunft mit existenzieller Angst paart. Spricht aus dem Ende ihres Romans die Sehnsucht nach Hoffnung?
Ich habe diesen Roman geschrieben, weil ich wissen wollte, was passiert, wenn eine pflegende Mutter ausfällt und jemand wie Leo allein zurückbleibt. Ich hatte anfangs wenig Hoffnung, dass das gut geht. Also habe ich mich auf die Suche nach Wahlfamilien und Schicksalsgemeinschaften im echten Leben gemacht und erstaunliche Beispiele gefunden. Ich habe zum Beispiel eine Nachbarschaft kennengelernt, die sich um eine betagte Frau ohne Krankenversicherung kümmert. Das hat mir Hoffnung gemacht, meine Geschichte zu schreiben. Zola kam als letzte Figur zu meinem Ensemble dazu und erst als ich sie dabei hatte, kam ich richtig ins Schreiben. Ich war selbst überrascht, dass ich eine 16-jährige Schulabbrecherin brauchte, um eine Wahlfamilie in Gang zu bringen.

Vera Zischke wurde 1980 im Rheinland geboren und ist ausgebildete Journalistin. Sie schreibt tagsüber für die Zeitung, nachts Romane und bezeichnet das als Glück. Sie behauptet, alles in ihren Geschichten sei wahr, nur die Figuren seien erfunden. Ihr Debütroman «Ava liebt noch» wurde tausendfach auf Social Media empfohlen und so zum geheimen Bestseller. Auf Instagram schreibt sie unter @verazischke über ihr Leben als »Tired Writing Mom«, manchmal auch über pflegende Elternschaft. Vera Zischke ist Mutter eines autistischen Kinds und lebt mit ihrer Familie im Ruhrgebiet.

Beitragsbild © Anna Schwartz