Lisa Elsässer «Vögel beschriften die Luft – Gedichte und Kurzgeschichten»- Lesung in St. Gallen am Donnerstag, 17. September 2026, 19:00 Uhr

Immer diese kleinen Geschichten 

Nicht beliebt, das höre ich seit Jahren. Aber was scheren mich die Jahre, das Hören. Wozu soll ich dreissig Sätze bemühen, wenn ein Satz reicht, oder zwei oder drei! Vier sind auch gut, fünf, sechs, sieben, acht, neun – warum nicht! Zehn ist eine schöne Zahl! 

Im Baum vor dem Haus, der im vollen, neuen Grün steht, haben Elstern unermüdlich im Wipfel ein Nest gebaut! Ich lese, dass Elstern Anfang April ihre Eier legen! Tagelang sah ich, wie ein Rabe immer wieder das Nest umkreiste, vom Elternpaar attackiert, wieder vertrieben wurde. Trotzdem sass dieser schwarze Vogel wiederholt auf der Lauer! Und immer hörte man das Gespräch der Elstern und ihre Flügelschläge wirkten wie verzweifelte Versuche, sie pickten am schwarzen Körper, erfolglos. Als hätte er bloss eine Ohrfeige erhalten, von der er sich in seinem Flug erholte, sass er kurz darauf wieder nestnah da wie ein König, der über den Besitz seiner vermeintlichen Untertanen beschied. Ein heller Mittag brach mir fast das Herz! Ich sah den Raben, wie er mit seinem harten Schnabel ins Nest pickte, die Eier zertrümmerte, sah ihn fressen, während zwei Äste tiefer die Elstern ihre Brut auf immer verschwinden sahen! Ich weiss nicht, was in ihnen vorging. Ich weiss nur, was in mir passierte. Plötzlich war es nicht mehr nur das Vogelnest, ich sah die gegenwärtige Welt vor mir, statt Nester Schlachtfelder, statt Vögel Menschen. Jeder weitere Satz ein Griff ins leere Nest!

Und immer wieder eröffnet sich da dem allzu Flüchtigen ein ganz unerwarteter Reflexionsraum, der weit über das Gesehene ins bedeutungsvoll Existentielle hinausweist.
aus einer Rezension von Severin Perrig

Berlingedicht III

unter den linden

leise rieselt das laub
die bäume riechen schnee
unter den linden
fegen giftige winde
verlassen wirkt die allee
meine gedanken suchen halt
als wäre ihr straucheln
das gebot der stunde
wie oft liefen wir da
über die herbstlichen zeichen
nur ahnungen quälten das laub

«Es ist die Kunst dieser Gedichte, Lebensmomente festzuhalten, sie einzuwecken wie köstliches Obst, das uns hinter Glas entgegenleuchtet, schön und unberührbar. Immer nah an allem Sinnlichen, ausgelöst von der Augenblickswahrnehmung, stiften sie zum nachdenkenden Mitvollzug an…» aus dem Vorwort von Norbert Hummelt

mehr von und über Lisa Elsässer

Lisa Elsässer, geboren 1951 im Kanton Uri, schreibt Lyrik und Prosa. Von 2005 bis 2008 studierte sie am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Hauptpreis der Zentralschweizer Literaturförderung 2018. Zuletzt erschien «Vögel beschriften die Luft» bei bildfluss.

Beitragsbild © Gallus Frei