Tim Krohn «Bigna und die Berge», Atlantis

Er lebt mit seiner Familie im Val Müstair, im vorletzten Dorf Richtung Grenze zu Italien. Er schreibt, verdient sein Geld mit Schreiben. Nicht ganz einfach, sich die nötige Ruhe zu nehmen, erst recht dann, wenn eine Sechsjährige aus der Nachbarschaft Fragen stellt, auf die er irgendwann beinah zu warten scheint.

Bigna ist die Tochter einer Weberin aus der Nachbarschaft. Bigna geht noch nicht zur Schule, hat genügend Zeit, durch Dorf zu streifen. Selbst die Autos, die sich durch die engen Gassen des Dorfes drängen, sind nicht sicher vor ihr. Von grenzenloser Neugier getrieben begegnet sie immer wieder dem Erzähler, der sich in der Stille seines Gartens einen Platz sucht, um einen Faden in seinem Schreiben zu finden. Dann hockt Bigna mit einem Mal auf der Steinmauer, nimmt sich die letzten Himbeeren aus dem Strauch und beginnt zu fragen, unverfänglich, ungefiltert, schamlos und auf ihre Art respektlos. Fragen, die man als Erwachsener zu stellen vergessen hat, Fragen, die die meisten Kinder so gar nie über die Lippen bringen. Fragen, die der Erzähler immer mehr auch für das eigene Denken und Schreiben braucht, Fragen, die ihn auf Fährten bringen, die unentdeckt geblieben wären, hätte er sie nur in seinem eigenen Kopf gesucht. Fragen, die Anstand und Rücksicht verboten hätten. Fragen, die ihn aufrütteln, Selbstverständlichkeiten und Normen bröckeln lassen.

Tim Krohn «Bigna und die Berge», Atlantis, 2026, 192 Seiten, ISBN 978-3-7152-5067-0

Die einzelnen Kapitel aus „Bigna und die Berge“ erschienen über viele Monate in der Zeitschrift „Reformiert“ unter dem Titel „Kindermund“. Also kein Romanprojekt mit einer fortlaufenden Spur, die Tim Krohn selbst gelegt hat. Zum einen reagierte er auf die Rektionen der Leser*innen der regelmässigen Beiträge und zum andern auch auf das aktuelle Geschehen während des Schreibens selbst. Letztlich beschreibt er sich selbst. Einen Schriftsteller mit Familie. Einen Mann, der in seinem Selbstverständnis erschüttert ist, nicht zuletzt als Schriftsteller, der glaubt, dass man sich immer weniger für das interessiert, wofür eigentlich sein Herz brennt. Einen Mann, der an der Schriftstellerei ebenso zweifelt wie an den Mechanismen der Buchbranche. „Bigna und die Berge“ ist aber auch die Auseinandersetzung mit der Zeit, mit den Sorgen eines Vaters, eines Ehemanns, eines Dorfes, dass im Strom des Verkehrs zu ersticken droht. Aber vorallem die Geschichte eines Kindes, das die Welt mit ganz eigenen Augen sieht. Mit Sicherheit jenen eines hochbegabten Kindes, das Leser*innen zu Auseinandersetzungen zwingt, denen sie sich lieber nicht aussetzen möchten, die unbequem, manchmal gar störend sind – aber nie sinnlos. Fragen, die dem Leben eine andere Färbung geben. Antworten, über die ich staune, weil es die Antworten eines Mannes sind, die ebenso klug, weise, überraschend wie witzig sind. Zwei Welten, die aufeinanderprallen, die sich im Gespräch auf eine ganz eigene Art und Weise annähern. Ein Kind, getrieben von unendlicher Neugier, und eine alternder Schriftsteller, der sich mit Vergnügen aus der Fassung bringen lässt.

„Bigna und die Berge“ ist köstlich. Geschichten, die gut tun. Geschichten, die mir ans Herz wachsen. Geschrieben von einem Mann, der sein Handwerk versteht, auch wenn mitunter Enttäuschungen durchscheinen. Enttäuschungen eines Schriftstellers, dem der Boden unter den Füssen wegzurutschen droht.

Tim Krohn (*1965) wuchs als drittes Kind einer Hamburger Familie im Glarnerland auf, wurde nach einer wilden Jugend als Freejazz-Saxofonist und ewiger Student freischaffender Schriftsteller und lebt mit der Schriftstellerin Micha Friemel und ihren vier gemeinsamen Kindern im Dreihundertseelendorf Santa Maria Val Müstair, gleich an der Grenze zum Südtirol. Zu seinen literarischen Werken gehören neben Romanen wie «Quatemberkinder», «Vrenelis Gärtli», «Irinas Buch der leichtfertigen Liebe», «Ans Meer», der Trilogie «Menschliche Regungen» und «Die heilige Henni der Hinterhöfe» auch zahlreiche Theaterstücke und einige Opernlibretti. Unter dem Pseudonym Gian Maria Calonder schrieb er ausserdem acht Krimis, die im benachbarten Engadin spielen. Für Jugendliche schrieb er den Roman «Wir entern ein Engadinerhaus» und, gemeinsam mit dem Zeichner Chrigel Farner, die Graphic Novel «Pippin der Nichtsnutz».

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Beitragsbild © Nina Mann