Spannend war es heute in Stockholm nicht. Nach dem Ungarn Krasznahorkai war 2026 «eine Frau dran», und so kam es: Der Literaturnobelpreis geht an Anne Carson.
Ein Kommentar von Evelina Jecker Lambreva
Die Süddeutsche Zeitung schreibt es offen: «Nach dieser Logik gibt es nun erneut eine Literaturnobelpreisträgerin». Zehn Jahre wechseln sich Mann und Frau nun lückenlos ab, seit Ishiguro 2017. Die Akademie behauptet, sie folge keinem Proporz. Bei diesem Ergebnis ist das schwer zu glauben.
Den Preis dafür zahlt, meines Erachtens, Georgi Gospodinov. Die FAZ nannte ihn gestern an erster Stelle unter sieben Würdigen: «Das ist grosse Literatur. Sie verdient unbedingt den Nobelpreis». Er erhielt den ersten International Booker für ein bulgarisches Buch. «Zeitzuflucht» zeigt Europa als Alzheimer-Patienten, der in sein Lieblingsjahrzehnt flüchtet. «Der Gärtner und der Tod» gewann erst vor einem Monat den Jean-Monnet-Preis. Gospodinov verbindet melancholische Ironie mit politischem Ernst und schreibt aus einer kleinen Sprache. Eine Akademie, die weniger eurozentrisch sein will, hätte kaum ein besseres Argument finden können.
Anne Carson ist keine Quotenfrau. Ihre Sappho-Übertragungen und «Autobiography of Red» werden als gelehrte Meisterstücke gefeiert. Gerade deshalb trifft sie das Muster am härtesten: Jede Preisträgerin muss sich nun anhören, sie sei bloss «dran gewesen».
Was als Gerechtigkeit gedacht war, ist zur Buchhaltung über Identitäten geworden. Wer Literatur nach dem Geschlecht ihres Autors gewichtet, stellt den Körper vor den Text. Das ist genau das, was der Feminismus einst bekämpft hat. Die Folgen kennt der Westen gut: Lager bilden sich, Ideologie wird gegen Ideologie gestellt, und Männer gelten als strukturell verdächtig. Nobel wollte «das Herausragendste» auszeichnen. Eine Reihenfolge hat er nicht verlangt.
Das ist die traurige Erkenntnis des heutigen Tages: dass der ursprüngliche Sinn des Nobelpreises für Literatur inzwischen politisch verschoben wird.
