«Er schreibt wie sonst niemand.» Ein Abend mit Michael Stavarič im Kunstmuseum der Kartause Ittingen

Mit Michael Stavarič öffnet sich ein Kosmos. Nicht nur weil man angesichts der Fülle seiner Werke lange in den Büchern dieses Autors lesen kann, sondern weil er einem mit jedem neuen Buch eine weitere Tür öffnet, weil sich Michael Stavarič mit jedem Buch neu zu definieren, zu erfinden scheint, weil es somit nicht den typischen Stavarič gibt und ich mit jedem Buch riskieren muss, dass nicht das drinsteckt, was ich erwarte.

«Einen Abend mit Gallus Frei-Tomic und Cornelia Mechler im Kunstmuseum Thurgau verbringen zu dürfen, stellt wahrlich ein Privileg dar. Die Kartause Ittingen ist einer der bezauberndsten Orte, den man sich nur vorstellen kann, und mit Gallus und Cornelia trifft man dort auf Literaturliebhaber*innen, die ihresgleichen suchen, denn: es kann gar keine besser vorbereiteten Gesprächspartner geben. Es war tatsächlich so angenehm für mich über Literatur und Werk zu plaudern, dass ich beinahe aufs Lesen vergass. Selten genug hat man die Gelegenheit, sich intensivst mit Gleichgesinnten über die Literatur austauschen zu dürfen. Danke, lieber Gallus, dass Du der Literatur (und ihren Autor*innen) diesen Stellenwert einzuräumen vermagst, und du immer und überall für die Literatur einstehst. Auf ein Wiedersehen, sehr herzlich, Michael Stavaric»

Michael Stavarič, Anfang dieses Jahr ein halbes Jahrhundert alt geworden, dessen Familie einst aus der Tschechoslowakei fliehen musste, ist ein Tausendsassa. Vielleicht gerade wegen einer nicht ganz klaren Verortung einer Heimat, einer Herkunft. Als Lyriker ganz jung begonnen, ist Michael Stavarič Romancier, Übersetzer, Kolumnist, Kritiker, Essayist, Kinderbuchautor und mit Sicherheit auch ein Kulturvermittler, ein Agent des Wortes und nicht zuletzt ein Fürsprecher für Autorinnen und Autoren, die noch nicht im Licht des Ruhms stehen.


„Romane, wie sie Michael Stavarič schreibt, schreibt gegenwärtig sonst niemand.“ Frankfurter Rundschau

Zusammen mit Cornelia Mechler, Mitorganisatorin im Kunstmuseum der Kartause Ittingen, versuchten wir an diesem Abend einen Einblick in das überaus vielfältige Schaffen eines Autors zu bieten, der durchaus das Zeug hat, der Beginn einer langen Beziehung zu werden, einer langen Lesereise mit einem Autor, dessen Bücher das Leben erhellen.

Begonnen hatte sein Schreiben mit Lyrik. Einem Schaffen, in das er noch immer abtaucht, gerne mit einer gehörigen Portion morbidem Charme und groteskem Humor. In seinem 2017 erschienen Gedichtband «in an schwoazzn kittl gwicklt» kreist der Dichter in der Welt eines Haderers. In einer Art «Wiener Dialekt», den er aber wie sein grosses Vorbild H. C. Artmann seiner eigenen Zunge anpasste, stromert er durch die Welt eines Zweifelnden, eines Zweiflers, stets gut verständlich «übersetzt» ins Hochdeutsche.

 

waun d wöd amoi unta get
mechat i genau wissen wo i laund

gustirn wor i nailich am zendralfridhof
hob gschaut wos no a guats platzl gibt
und in wöche ekn i liaba net mog
do gabats anige

(aus «in an schwoazzn kittl gwicklt», Czernin)

 


Weil seine Familie in seinen Kindertagen aus der kommunistischen Tschechoslowakei nach Österreich flüchtete, wuchsen zwei Muttersprachen, ein Umstand, der sich ganz direkt in sein Schreiben auswirkte. In «Der Autor als Sprachwanderer» schreibt Michael Stavarič von einem Umstand, ohne den er wohl nie zu schreiben begonnen hätte.

So wie das Licht, das Feuer, das Meer Elemente seines Schreiben sind, scheint ein Element dafür, wie Geschichten entstehen, Texte entstehen, das Schreiben ein Motor, eine Motivation wird, der Schmerz zu sein. Erst mit Hilfe des Schmerzes komme er zur Erinnerung. 

Mit jedem seiner Bücher begibt er sich auf eine Reise ins Ungewisse. Er proklamiert das Unterwegssein, das Nomadische als Notwendigkeit seines Schreibens. Ein anderer Eckpfeiler seines Schreibens ist das Bemühen, nicht einfach in einem Klappentext nacherzählbares Unterhaltungsfutter schreiben zu wollen. Man müsse es sich Schicht um Schicht erarbeiten. «Lesen ist nicht einfach nur Unterhaltung. Literatur wird  verändern, sie kann Heimat sein, sie vermag Erkenntnisse zu eröffnen, die auf keinem noch so paradiesischen Baum gefunden werden kann.»

Neben „Erwachsenenliteratur“ schreibt Michael Stavarič auch für Kinder und nennst diese Gattung die eigentliche Königsdisziplin, die „Königsklasse der Literatur“, auch wenn es dafür keinen Literatur-Nobelpreis geben wird, auch wenn man in gewissen Kreisen für diese Literatur nur ein müdes Lächeln übrig hat. Michael Stavarič schreibe für jenes Kind, das er einst selbst gewesen sei, für all die Kinder, die dereinst zu Leserinnen und Lesern werden – vielleicht auch zu Leserinnen und Lesern seiner Bücher.

aus «Die Menschenscheuche» Stella Dreis & Michael Stavarič, Kunstanstifter Verlag 2019


In seinem neuesten 2020 bei Luchterhand erschienen Roman «Fremdes Licht» erzählt Michael Stavarič von zwei Frauen, einer in der Vergangenheit, einer in ferner Zukunft. Die eine erwacht als Letzte auf einem kalten Exoplaneten, allein mit ihren Erinnerungen, die andere, eine Inuit vor 100 Jahren als Erste im kalten Licht einer aufbrechenden Welt. Michael Stavarič hat die Kälte verinnerlicht und erzählt davon, dass weder Hitze noch Feuer, nicht einmal Wärme und Kraft das Leben in eisiger Kälte ermöglichen. Nur Leidenschaft und Hingabe. Grosse Erzählkunst!

Michael Sztavarič «Gretchen» auf der Plattform Gegenzauber 

Rezension «Fremdes Licht» auf literaturblatt.ch