«Marlene, meine Mutter, deine Grossmutter, ist in der Post verlorengegangen. Nicht, weil sie sich in einem riesigen Bürogebäude verlaufen hätte, nicht, weil sie alt und verwirrt war. Sie wurde nicht alt, und sie war ganz klar bis kurz vor ihrem Ende, als das Morphium ihr waches Bewusstsein trübte. Nein, als ordentliche und versicherte Postsendung ging sie verloren, ging die Urne mit der Asche verloren, die von ihr übrig geblieben war.»
Ben sitzt in einem Hotelzimmer in Amsterdam und schreibt einen Brief an seinen Sohn, der ihn aber erst in 44 Jahren öffnen und lesen soll, dann so alt wie er jetzt und vielleicht fähig, die Geschichte zu verstehen, in der Ben seinem Sohn sein Leben zu erklären versucht. Während Ben auf die Urne seiner Mutter wartet, blickt er zum einen zurück und zum andern katapultieren ihn ein Plakat eines nackten Mannes und die Treffen mit einer alten Frau, die ihm verschlossene Türen zu seiner Familie öffnen, aus der so vermeintlich fixen Umlaufbahn. Schon das, was er von seiner Familie wusste, war genug, um damit zu hadern: Grossmutter Elly, die nach dem Krieg als Deutsche nach Holland kam und dort als Deutsche nie heimisch, dafür geschnitten und belächelt wurde und sich mit Tio Pepe einen lebenslangen flüssigen Hausfreund zulegte,
den sie schon morgens in die Arme nahm. Seine Mutter Marlene, die ihren Namen hasste, weil er ein Programm sein sollte, der Beginn einer Karriere wie die der Dietrich. Mutter Marlene, die dann ausbrach und sich in der linken Szene Hamburgs Henk angelte, der dort in langen Nächten mit allerlei Wilden, darunter auch Ulrike Meinhof, sich in neue Sphären diskutierte und daraus irgendwann Nachwuchs wurde, er, Benedict, mittendrin. Bis sein Vater als Journalist während eines Auftrags für ein deutsches Nachrichtenmagazin im kolumbianischen Rebellengebiet verschwand und als entführt und umgekommen erklärt wurde. Seine Mutter entfloh damals der Welt, nahm ihren Sohn Ben mit und gab ihrem einzigen Kind jene Vergangenheit, von der sie meinte, es wäre die einzig richtige.
Aber in den Tagen in Amsterdam, wo er sich auch über die Zukunft mit seiner Frau klar werden will, überstürzen sich die Ereignisse. Während er schreibt, taumelt er durch die Stadt und seine eigene Geschichte. «Ich habe versprochen, ehrlich zu sein in diesem Brief, dir die Dinge zu erzählen, während sie sich noch entwickeln, während sie mir noch spitz im Fleisch stecken, bevor sie zu dem Geröll abgeschliffen werden, das alle Flüsse mit sich herumtragen, rundgewaschene Steine der Erinnerung.» Es ist nach dem letzten Kampf mit der Mutter, die sich bis zum letzten Atemzug nicht der Realität stellen wollte, dem unausweichlichen Tod, einer Mutter, die er mit dem Sterben doppelt verlor, endgültig als Mutter und mit ihr die Hoffnung auf eine Vertraute, auch als Schlüssel zum eigenen Leben, der Kampf mit der eigenen Geschichte.
Philipp Blom erzählt nicht linear. Er erzählt, wie diese wenigen Tage in Amsterdam verlaufen, flirrend, voll mit Träumen in der Nacht und jenen die den Taumel sonst vervielfachen, scheinbar zementierten Gewissheiten, die zerbrechen und eine Vergangenheit zerbröseln wie unendlich viele Hölzwürmer die Einrichtung der Gewissheiten. Ich als Leser werde Zeuge, wie sich ein Leben aus Lügen verliert, wie der Sturm alle Fundamente unterspült und nichts bleibt ausser der Wunsch von jetzt an wahrhaftig zu sein.
«Bei Sturm am Meer» ist Philipp Bloms erster Roman. Bisher veröffentlichte er hauptsächlich geschichtliche Werke wie bei Hanser «Der taumelnde Kontinent. Europa 1900 – 1914 (2009) oder «Die zerrissenen Jahre. 1918 – 1938 (2014). Als Journalist hat Blom in Zeitungen und Zeitschriften in Grossbritanien (The Guardian, The Independent, Financial Times, Times Literary Supplement) und im deutschsprachigen Raum (Die Zeit, Neue Zürcher Zeitung, Frankfurter Allgemeine, Süddeutsche Zeitung, Der Standard) publiziert. Im österreichischen Kultursender Ö1 moderiert Blom regelmäßig die Diskussionssendung «Von Tag zu Tag».
Am 25. Oktober und 12. November liest Philipp Blom aus «Bei Sturm am Meer» in Wien!
(Titelbild: Sandra Kottonau)

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Obwohl persönliche Erfahrungen Eingang in meine Bücher finden, würde ich nie eine Autobiografie schreiben. Das ist mir zu sehr Seelenstriptease. Auch würde ich keinen Roman schreiben, bei dem man mir ein Thema vorgibt, und als Coautorin für Prominente wäre ich ebenfalls eine Fehlbesetzung.
Dominique Anne Schuetz, geboren in Winterthur, aufgewachsen in St. Gallen, ist Mutter von zwei Söhnen und lebt in der Nähe von Zürich. Sie war Creative Director und hat zahlreiche Preise erhalten. Heute ist sie erfolgreich als Künstlerin und Autorin tätig und wurde für ihr literarisches Schaffen ausgezeichnet.
Reinhard Kaiser-Mühlecker schreibt in grossen Bögen, aus der Sicht der beiden scheinbar ungleichen Brüder, die sich bloss noch durch Zufälle näher kommen, und dann viel näher, als sie erahnen.






Molly Brodak, wurde 1980 in Michigan geboren und lebt heute in Georgia, wo sie an der Augusta University Englische Literatur unterrichtet. Bislang veröffentliche sie Gedichte in literarischen Periodika und in der Presse. 2009 erhielt sie für ihren Lyrikband A Little Middle of the Night den Iowa Poetry Price.
Am vergangenen Mittwoch beehrten uns die Schriftstellerin und Leiterin des Aargauer Literaturhauses Bettina Spoerri mit ihrem neusten Roman «Herzvirus» (Braumüller Verlag) und ihr Mann, der Filmregisseur, Produzent und Drehbuchautor Matthias von Gunten. Zuerst draussen im Garten bei einem Glas Weisswein und später in der Stube am grossen, reichlich gedeckten Tisch entwickelte sich schnell ein sehr angeregtes, offenes Gespräch, bei dem die Schriftstellerin Bettina Spoerri sehr schnell spürte, wie sehr und
unterschiedlich ihre literarische «Liebeserklärung» und Spurensuche an eine verlorene Mutter die Gäste rundum bewegte. So nah man im Gespräch der Autorin und ihrem Buch kam, so sehr schien es Bettina Spoerrri zu gefallen, ihr Buch, ihr Schreiben und ihre Sprache zum Gegenstand einer wirklichen Auseinandersetzung werden zu lassen. Vielen Dank an Bettina Spoerri!
«Wenn ein Buch einen anspricht, beim Lesen unzählige Bilder entstehen, die sich unauslöschlich im Kopf festsetzen, und die Sprache immer wieder die Seele berührt, sind das Glücksmomente. Bei „Herzvirus“ und der Begegnung mit Bettina Spoerri ist noch eine Dimension dazugekommen: Das ungezwungene Gespräch an der Verwöhntafel bei Irmgard und Gallus hat aufgezeigt, welch ein vielschichtiger und begabter Mensch mit viel literarischem Können hinter diesen Zeilen steckt. Das hat mich beeindruckt und bereichert. Vielen herzlichen Dank für diesen wunderbaren kulinarisch-kulturellen Abend!» Friedericke Züllig
Und ich als Leser bin mit gebundenen Händen Zeuge eines Zerfalls, eines Abfalls in die Tiefen von Persönlichkeitsverlust, Wahnvorstellung, Paranoia. Was zu Beginn des Buches wie der Bericht über eine «einfache», für die Betroffene aber katastrophale Schreibkrise beginnt, entpuppt sich immer deutlicher als Psychothriller im Kopf des Lesers, den genau jener Zwiespalt zwischen Realität und Fiktion in die Tiefe zieht, der dem Buch das Thema gibt. Schon erstaunlich, welcher Sog sich da entwickelt und wie meisterhaft die Autorin mit mir als Leser spielt, ohne das ich mich «verschaukelt» fühle. Eine raffinierte Berg- und Talfahrt durch die Psyche des Menschen!
Delphine de Vegan (1966) lebt mit ihren beiden Kindern in Paris. Während sie tagsüber in einem Meinungsforschungsinstitut arbeitete und ihre Mutterrolle erfüllte, schrieb sie spät abends und nachts an ihren ersten Romanen. Seit 2007, nach dem großen Erfolg ihres Romans «No & ich», lebt sie vom Schreiben. In «No & ich» schildert sie das Leben einer jungen Obdachlosen aus Sicht eines hochbegabten dreizehnjährigen Mädchens. Der Roman wurde vielfach ausgezeichnet, in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und verfilmt.
Beat Brechbühl ist Schriftsteller, Dichter und Verleger, unermüdlicher Kämpfer für die Poesie und seit seiner Erstveröffentlichung «Kneuss» 1970 bis zu seiner neusten Veröffentlichung «Farben, Farben» 2015 ein ganzes Leben in Sachen Literatur unterwegs. 1939 in Oppligen, Kanton Bern, geboren, lernte er zuerst Schriftsetzer, wurde dann Redakteur und Verlagsmitarbeiter. Heute lebt Beat Brechbühl als Schriftsteller von Lyrik und Prosa, als Gestalter und Verleger (Waldgut Verlag) in Frauenfeld im Thurgau, Schweiz. Für sein schriftstellerisches Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Schweizerischen Schillerstiftung, dem Bodensee-Literaturpreis, dem Kulturpreis des Kantons Thurgau und dem Buchpreis der Stadt Bern. Zuletzt erhielt er den Anerkennungspreis der Stadt Frauenfeld (2009).
Das Gedicht geht noch viel weiter und entstammt seinem Gedichte-Band «Böime, Böime! Permafrost & Halleluja! Erschienen 2014 beim