Was will man(n) noch mit 70? Lohnt es sich, doch noch einmal aus seinen Gewohnheiten auszubrechen? Einen Faden aufzunehmen, den man einst losgelassen hatte? In Hans-Ulrich Treichels gewohnt unspektakulärer Erzählart spürt der Autor einem Leben nach, das sich letztlich nicht traut. Ein feiner Roman, subtil und grundehrlich.
Bernhard ist 70 und hat sich in seinem Leben einigermassen beschaulich eingrichtet. Auch wenn vieles nicht nach seinen Vorstellungen gelaufen ist. Am meisten das, was mit seiner Frau, seiner Ex. passiert ist. Hatte er doch die Absicht, zusammen mit ihr seinen Lebensabend zu planen und zu geniessen. Aber statt mit ihm tut sie es mit einem anderen, mehr oder weniger aus heiterem Himmel. Mit einem, dessen Brieftasche dicker ist, der Bauch flacher. Die Trennung von seiner Frau, der er sich noch immer verbunden fühlt, schmerzt. Ein permanenter Schmerz, eine Niederlage, eine finale Zurückweisung. Ob es an der Tatsache liegt, dass sie nie eine Familie gründeten, dass da vielleicht doch etwas fehlt, weiss Bernhard nicht. Dinge anzusprechen war nie sein Ding.
Bis ihn aus Salerno in Italien eine Nachricht von Alfredo, der vor 40 Jahren sein Student war, erreicht. Damals, kurz nach Abschluss seines Studium, unterrichtete Bernhard ein paar Monate in der Stadt unweit von Napoli „Deutsch als Wirtschaftssprache“, einen Freikurs an der Universität Salerno. Alfredo vermittelte ihm damals eine Wohnung nicht weit vom Meer, seine eigene Wohnung. Bernhard lernte Alfredo besser kennen, besuchte ihn und seinen Vater Luciano immer wieder. Beide betreiben dort ein Strandbad der Kategorie B2, kaum besucht von Touristen, gerade so erfolgreich, dass es zum Leben reicht.
Auf seinen Spaziergängen tauchte Bernhard immer wieder am Strandbad auf und lernte auch die schöne Arianna kennen, die ihn gleichermassen faszinierte und verunsicherte, die ihn nach den Monaten in Salerno mit dem Gefühle einer verpassten Chance nach Deutschland zurückkehren liess.

Jetzt, 40 Jahre später, Bernhard hofft damit, seinem Leben die Möglichkeit einer Neuorientierung zu geben, reist er zurück an den Ort, der auch der Beginn eines alternativen Lebens hätte sein können. Alfredo und er waren über all die Jahre in losem Kontakt geblieben.
Sie sind alle älter geworden. Alfredo, dessen Vater Luciano gestorben war, bastelt noch immer an einem einstmals günstig erstandenen Karussell herum, seit Jahrzehnten mit der Absicht, dass es dereinst eine Attraktion neben seinem Strandbad werden sollte. Auch Arianna ist noch da, sie längst Mutter geworden, geschieden, Ingenieurin, noch immer schön, noch immer bezaubernd. Schafft es Bernhard nun? Bringt er die Maschinerie zum Laufen? Zusammen mit Arianna? Zusammen mit Alfredo?
„Das Karussell“ ist ein seltsam melancholischer Roman über einen Mann, der seinem eigenen Leben stets nur zur Seite steht, der nie den Mut aufbringt, echte Initiative zu übernehmen, der sich von seinem Schicksal treiben lässt und immer hofft, immer wartet – bis es irgendwann zu spät ist. Man möchte während des Lesens den Mann schütteln, weil das Karussell, das erst im Schuppen steht, mit Blachen zugedeckt, 40 Jahre später tatsächlich neben dem Strandbad und sogar die eine oder andere Runde mit Ach und Krach in Betrieb, doch nie richtig zum Laufen kommt. Es steht da, all die wunderbaren, phantasievollen Figuren, und bleibt stehen, kommt nie in Schwung.
„Das Karussell“ ist eine einzige Metapher über jene Sorte Mensch, die vor den Möglichkeiten des Lebens steht und sie doch zerrinnen sieht. Ein ganz ruhiger Roman, klar gezeichnet, ganz nah an Erfahrungen, die alle mit sich herumtragen. Ein typischer Treichel!
Hans-Ulrich Treichel, am 12.8.1952 in Versmold/Westfalen geboren, lebt in Berlin und Leipzig. Er studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Er war Lektor für deutsche Sprache an der Universität Salerno und an der Scuola Normale Superiore Pisa. Von 1985-1991 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und habilitierte sich 1993. Von 1995 bis 2018 war Hans-Ulrich Treichel Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Seine Werke sind in 28 Sprachen übersetzt.
Rezension zu «Schöner denn je» auf literaturblatt.ch
Beitragsbild © Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag
