Ein literarisches Geschenk zum Jubiläum von Thomas Kunst, Dichter aus Sachsen-Anhalt:
«Ich sage nur Halbrosa. Ich sage nur Suederhavjeln.»
Ich sage nur Adventsmarzipan. Ich sage nur Wintergarten mit Gott.
Ich sage nur keine Bescheidenheit. Natürlich sage ich nur Chelsea. Nur Long Island. Nur Chocorua. Ich sage nur kein Europa der Welt. Ich sage immer nur.
Ich sage nur Visconti. Ich sage nur häng nicht so an mir. Ich sage nur
Engel des Wassers. Nur Wickelmünzen. Nur Villa rustica. Ich
Sage immer nur. Ich sage nur Küchentisch. Ich sage nur
Elefanten in den Wäldern. Nur Glück. Nur Lametta. Nur trink
Dieses Glas noch aus. Ich sage nur deine Haare bei Schostakowitsch.
Nur jetzt leider nicht. Nur mach dein Berlin noch aus. Dein Appenzell.
Dein Arizona. Ich sage nur der Hudson. Ich sage nur die Docks. Ich sage nur
Schwesterchen. Nur kann ich mich auf deine Brüste auch verlassen.
Ich sage nur Schneenutten. Ich sage nur Schwarz-Butter. Ich sage nur
Ultimativ. Nur ferne Länder. Nur Kafka und Kennedy. Nur Schaum.
Nur Familienunterbrechung. Ich sage nur lass mich in Ruhe. Lieb mich
Nicht mehr. Ich sage immer nur. Ich sage nur Hass. Nur Tagebuchhotels.
Ich sage nur Stolz. Nur Tod. Nur Liebeslässigkeit. Ich sage nur Filme
Im Winter. Nur Filme im Winter. Die Filme im Winter. Nur Filme.
Nur Winter. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht.
Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch einfach sein. Ich rede mit dir.
Siehst du nicht diese ultimativen Zugeständnisse an den Flüssen.
An all deinen Meeren. Die sture Hilflosigkeit einer vereinzelten Zuneigung.
Die späte Anteilnahme der Verlegenheit am Trost. Diese unüberwindlichen
Zugeständnisse einer wirklichen Liebe. Siehst du sie denn nicht. Du.
Ich rede mit dir. Wo auch anders als an den Flüssen. Und an jedem deiner Meere.
Kein Mut hört zu. Kein Gott der Gegenseitigkeit gibt acht.
Kein Wunsch hält eine zweite Fieberkurve ein. Nicht die geringste
Orchidee von dir benimmt sich in den Nächten auch nur halbwegs proletarisch.
Woran ich das merke. Woran ich das merke. Siehst du sie denn nicht.
Es könnte doch immerhin sein. Ich rede mit dir. Über die unvermeidliche
Schönheit zufriedener Fabriken. Über die jüdische Gelassenheit von allgemeinen
Bäumen. Blut und die Reste von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und
Jazz. In den hohen Steinen deiner Städte hat sich mein Bureau verkantet.
Holzgeflechte. Strom und selbst die abgebremste Leidenschaft zu großer.
Ungestümer Seidenwürfel. Wenn ich mal Zucker brauche. Gehe ich runter.
Wenn ich mal Pferde brauche. Gehe ich hoch. Du schläfst doch noch nicht.
Du hast doch noch eine Drehung für mich. Mein Stern. Ein Zucken. Und
Ein Schweifen. Ein Schleifen. Ohne Lässigkeit und Ende. Aus Nüchternheit.
Aus Stolz. Und Sinnlichkeit. Und Stil. In den fatalen Möglichkeiten zögerlicher Gier.
Die Musik wackelt nicht mehr. Mein Kopfende hat schon für weniger Sätze gespielt.
Du sagst doch immer. Bis die Tage mal. Und im Moment. Mein Gott.
Du siehst sie nicht. Du siehst sie nicht mehr. Diese warmen Kamillengitter. Blau
Auf den Stühlen. Deine Haare bei Schostakowitsch. Wo kommen sie her. Wo
Kommen. Aber wo kommen die Winde her. Diese Ähnlichkeiten im Winter. Die
Kinder. Die Kinder in Filmen. Wo kommen sie her. Die Erfinder der Winter.
Die Behinderer der Winde. Louise an den kleinen Tagen. Doch in den Nächten
Lasvishuna. Wenn ich mal Milch brauche. Gehe ich runter. Wenn ich mal
Milch brauche. Gehe ich hoch. Ich war die Fee für dich. Ich war auch Engel.
Schwesterchen. Und Stern. Nur noch Kalendermut. Zisternen. Jahreszeiten.
Und du wirst sehen. Ich wäre niemals gerne deine Frau gewesen.
Du sagst doch immer. Bis die Tage mal.
Und leider immer wieder im Moment. Mein Gott. Du siehst sie nicht.
Wo kommen sie her. Wo kommen. Aber wo kommen die Kinder her.
Die Behinderer der Winde. Wo kommen sie her. Ich hab sie zuerst in
Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den unüberwindlichen Schiffen.
Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Die Schiffe in Asien.
Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern an Deck.
Ich hab sie gesehen. Siehst du sie nicht. Das Schlimmste am Tod
Ist sicherlich. Daß alles nach dir sinnlos weitergeht. Was nützen da
Noch Gleichgewicht und Gier. Und eine souveräne Täuschung ohne Dauer.
Die Augen waren schon immer so. Und das. Was meine Augen nicht
Mehr wiederholen. War nie da. Aber das Krankenhausmesser
War da. Deine hochgekrempelte Sonnenbrille war da.
Die hellbraunen Autobahndecken waren doch da. Für die Stühle im Hof
Da draußen. Im Winter. Ein für alle Mal. Sie waren da. Siehst du sie
Nicht. Siehst du sie denn nicht. Du. Ich rede mit dir. Es könnte doch immerhin
Sein. Ich rede mit dir. Verlass dich bloß nicht mehr auf deine Briefe.
Und halt von mir aus gern die Unterschiede ein. Du bist nicht gerade
Wesentlich mit deinem Mund. Wenn du an Sätze denkst. Die ich nicht einmal
Schreiben würde. Die einzige Möglichkeit, dich zu lieben, ist die, dich
Zu belästigen. Die einzige Möglichkeit, mich zu belästigen, ist die, mich
Zu lieben. Und du wirst sehen. Was deine Briefe nicht mehr wiederholen.
Geht vorbei. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen.
Auf den unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie
Gesehen. Ich schwöre. Bei deinen Lederabdrücken im Flur. Und dem gleichen
Monat deiner Hände beim Verzeihen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie
Gesehen. Ich hab die ganzen Jahre meiner Blicke noch nie für unachtsames
Glück gehalten. Aber meine Augen haben auch schon für weniger Sätze gespielt.
Ich hoffe. Meine scheue Ausgeglichenheit enttäuscht dich nicht. Denn ohne die
Enttäuschung gibt es keinen Trotz. Und ohne Trotz gibt es nicht gleich die
Ungeteilte Schönheit anderer. Ich habe dir zuliebe das Wort jemals benutzt.
Jemals zu Weihnachten. Jemals versprochen. Und jemals in Asien. Und Rom.
Ich bete einmal am Tag warm. Ich gehe nicht mehr ans Fenster. Ich fahre nicht mehr
Für umsonst. Ich lasse keine Assistenten mehr in die Fabriken. Ich höre deine Musik nicht
Mehr allein. Meine Augen waren schon immer so. Sie wiederholen nichts. Was sich
Nicht lohnt. Die Hydraulik deines Wagens beim Losfahren lohnt sich nicht.
Die allgemeinen Bäume lohnen sich nicht. Die Lässigkeit deiner Sehnsucht
Beim Betrinken lohnt sich nicht. Siehst du sie nicht. Siehst du sie denn nicht.
Lässigkeit. Und Wehmut. Ohne Ende. Jemals in Asien. Aber auch jemals in Rom.
Meine Straße spielt nicht mehr mit. Mein Telefon spielt nicht mehr mit.
Die Entfernung zwischen Vertrautheit und Juni spielt nicht mehr mit. Was soll ich
Dir denn noch alles zumuten. Damit du endlich begreifst. Daß meine Sehnsucht nichts.
Aber auch rein gar nichts mit deiner Hingabe an meine Zurückhaltung zu tun hat.
Ich habe sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen, gesehen. Auf den unüberwindlichen
Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen. Deine Hingabe.
Auf den Schiffen. Mit den gründlichen Kindern an Deck. Bedeutet dir das alles
Gar nichts. Sag nicht. Du hast nicht aufgepasst. Sag nicht. Du hättest dir den breiten
Schnee der Adern meiner Brüste fast noch schöner vorgestellt. Blut und die Reste
von Schnee. Jazz und die Reste von Blut. Schnee und Jazz. Sag nie wieder Visconti.
Sag jemals Rom. Deine Kinder. In Asien. Gründliche Kinder. Die Erfinder der Winter.
Die Winter in Filmen. Meine Schiffe nur bei Wind wohl. Und nur bei Wind.
Und allgemeinen Sternen. Ich kann noch immer nicht glauben. Daß wir es
Wirklich geschafft haben sollen. Geschafft mit den Kindern. Siehst du sie nicht.
Siehst du sie denn nicht. Die Kinder bei Wind. Die Kinder in Filmen. Wo kommen
Sie her. Ich hab sie zuerst in Asien. Auf den Schiffen gesehen. Auf den
Unüberwindlichen Schiffen. Ich war nie in Asien. Aber ich hab sie gesehen.
Die Schiffe in Asien. Auf dem Lande. In der Stadt. Mit gründlichen Kindern
An Deck. Ich hab sie gesehen. Ich habe auch die Müdigkeit gesehen.
Die Müdigkeit der losen Männer an den Flüssen. Ich hab mir nichts dabei gedacht.
Ich habe ihre stumpfen Finger in mich reingeknickt. Ich weiß ja. Daß ich mich
Auf dich verlassen kann. Denn ich allein bin deine Frau aus einer Schneeausgabe.
Ich bin die Frau von einer Seltenheit der Briefmarken im Flur. Hast du gehört.
Ich kann nicht mehr. Kannst du dir vorstellen. Wie die Sommer gehen.
Wie ohne Hilfestellung unsere Sommer gehen. Ich muss mich wohl auf das
Beschränken. Was ich kann. Ich wirklich kann. Ich kann noch ohne Selbstmitleid
An einem großen Wasser stehen. Ich habe unterwegs nur eine Kleinigkeit
Getrunken. Mach mir nichts vor. Ich kann auch ohne dich an großen Wassern
Stehen. Und das. Das konnte ich schon immer. In einem Jahrzehnt der Schauspieler,
Kondome und Ameisen. Mach das nochmal. Mach das ruhig nochmal. Konntest
Du deine Probleme denn nicht anders lösen. Ich kann mir vorstellen. Was ich will.
Es geht nicht mehr. Es geht einfach nicht mehr. Meine eingeübten Modelle versagen.
Die Herbergen. Der Strand. Und auch die öffentlichen Kinodämmerungen.
Die Bankreihen. Am Stadtrand. Die Stühle. In den Wäldern. Die Haare nie allein.
Und selbst die Strumpfhosen. Schon nicht mal mehr im Liegen. Dein langes
Unterhemd beim Stadtteilfest. Ich glaube. Unter all den Decken.
In den Häusern. Gibt es keine Sicherheiten mehr. Führe die Ameisen aus.
Sei gut zu den Schauspielern in deiner Region. Führe sie weg von den
Hoheitsansprüchen. Und den anderen Gewohnheitsrechten. Sie haben es nicht
Anders verdient. Die Schauspieler. Und die Ameisen. Deiner Heimatstadt. Ich habe
Unterwegs schon eine Kleinigkeit getrunken. Nur eine Kleinigkeit. Ich schreibe
Gern nur eine Kleinigkeit beim Trinken. Eine Kleinigkeit. In einem Jahrzehnt der
Schauspieler. Kondome. Und Ameisen. Ich kann mich nicht daran erinnern. Etwas
Falsches gesagt zu haben. Aber die Ameisen. Die Ameisen haben es bei dir
Gut. Bestimmt gut bei dir. Wo auch immer du sein magst. An den Hauswänden.
Auf dem Teppich. In der Steppe. Und in den laschen Wülsten derber Segeltücher.
Aber die Schauspieler. Die Schauspieler haben es bei dir gut. Bestimmt gut bei dir.
Die Schauspieler. Und die Ameisen. Die Müdigkeit. Die Kinder. Und die
Schiffe in Asien. Die Ameisen. Auf den Bühnen. Die Behinderer der Winde.
Die Erfinder der Kleinigkeiten. Aber was weißt du denn schon. In einem
Jahrzehnt der stundenlangen Liebe. In einem Jahrzehnt altmodischer
Umarmungsgifte. In einem Jahrzehnt der ansteckenden Termine. Der
Speichelarten auf halber Höhe. Der bis zur Unerbittlichkeit erkalteten
Verwandtschaftsgrade. Bleib solange. Bis ich deine Unentschlossenheit verkraftet
Habe. Warum nimmst du nicht ein wenig frei. Das war keine Frage. Angst vor
Haarsträhnen und Bodenluken kannst du auch auf einem karierten Geschirrtuch
Haben. Deine Übergangszeit von mir zu ihm steht unter Eid. Ich habe kein
Verständnis mehr für das. Was übrigbleibt. Die Schauspieler. Die Ameisen.
Die Müdigkeit der Unanständigkeit. Ich sage nur halbrosa. Das Einsickern
Von Gestalten. In die Verschwiegenheit der Grasanlagen. Siehst du sie
Nicht. Siehst du sie denn nicht. Ich war noch nie bei den Briefmarken.
Den Zugeständnissen. Den Kleinigkeiten. Und Zurückweisungen.
Ich war noch nie in den Gärten der Menschen. Im Schatten der
Casuarinenbäume. Die Übergangszeiten. Die Bisse.
Die Säure. Ich war noch nie in Suederhavjeln.
In den Gedichten von Schauspielern.
Warum schreiben sie auch noch.
Und spielen nicht nur. Auf
Ihren Schiffen. In Asien.
Aber ich habe sie
Gesehen.

Thomas Kunst, geboren 1965, ist ein »gelehrter Dichter, ein leidenschaftlicher Leser, ein hochgebildeter Bibliothekar und ein bunter Vogel; ein Romantiker, den der Weltzustand beunruhigt und der es versteht, diese Beunruhigung durch die künstlerische Form in Einsicht zu verwandeln und den Mut der Fantasie ins Spiel zu bringen« (Hans Höller). Für seine Lyrik und Prosa wurde er zuletzt mit dem Kleist-Preis 2023 und dem Erich Fried Preis 2023 ausgezeichnet. Er lebt in Sachsen-Anhalt auf dem Land. Hier mehr zu Tomas Kunst.
