Volha Hapeyeva «CAMEL TRAVEL», Plattform Gegenzauber

Meine Mutter hatte immer meinen Fuß in ihrer Handtasche dabei, nicht meinem richtigen natürlich, sondern die Umrisse, auf Pappe übertragen und ausgeschnitten. Zu Sowjetzeiten waren Kinderschuhe schwer zu bekommen (Erwachsenenschuhe auch), deshalb war Mama allzeit bereit. Mit meinem Fuß schaffte Mama es immer wieder, Sandalen, Hausschuhe und Stiefel für mich zu ergattern, ohne dass ich sie anprobieren musste. Leider sind diese Zeiten vorbei, und ich muss jetzt selbst durch die Läden ziehen auf der Suche nach dem idealen Schuh, den es genauso wenig gibt wie die Gewissheit, ob der x-te Schuh, den du gerade zweifelnd anprobierst, drückt oder nicht, oder vielleicht zu groß ist, am Ende nicht über dicke Strümpfe passt oder bei Feinstrumpfhosen zu locker sitzt.

Es ist einfach so: Auswahl verdirbt, beziehungsweise zwingt sie einen dazu, in sich hinein zu hören, dabei herrscht dort nur Unklarheit, keinerlei Präferenz, die schiere Unifikation. Manchmal komme ich mir vor wie eine Patientin mit Gehirnschaden, die einfach keine Entscheidungen treffen kann, weil die für das Emotionale zuständige Region beeinträchtigt ist, Entscheidungen aber eher emotionsbedingt als wissensbasiert gefällt werden. Präferenzen folgen (bei allen gleichrangigen Bedingungen) selten der Logik, sondern stützen sich auf das, was einem »lieb« ist, wo man auf die Frage Wieso hast du das ausgewählt? antworten würde: Es gefällt mir einfach. Das ist die schlüssigste Erklärung überhaupt, auch wenn viele sie nicht als Erklärung durchgehen lassen, da die »Argumentationsbasis« fehle, dabei ist das Argument im Grunde ganz simpel – es sind meine Empfindungen, Vorlieben und Neigungen.

Die Schulzeit hat mich und mein Bewusstsein nachhaltig geformt, wie das der meisten Kinder, die sie durchlaufen haben. Regeln, Regeln und noch mal Regeln. Aber dabei habe ich auch Folgendes gelernt: Manchmal kann man Regeln hinterfragen und sogar Schlupflöcher, Schliche und Schleichwege finden, um sie zu umgehen. Eine dieser Regeln, die ich um jeden Preis unterlaufen wollte, hatte wiederum mit Schuhen zu tun. Es gab dafür sogar ein eigenes Wort, ein richtiges Angstwort: Wechselschuhe. Es erklang meist in einem Fragesatz, geäußert von der Lehrerin oder der Pförtnerin, in erhöhter Frequenz mit einem Anklang von Entnervtheit und untergründigem, beiläufigem Hass: »Wo sind die Wechselschuhe?« Der blanke Horror für jede und jeden, die im Winter morgens in die Schule kamen. Um dieser Frage zu entgehen, lief ich in Sandalen oder leichten Sommerschuhen durch den Schnee und sprang von Bank zu Bank, damit ich nicht diese Wechselschuhe mitschleppen, in der Garderobe sitzen und sie anziehen und den Wechselbeutel mit mir herumtragen musste, der dann irgendwo liegenbleiben würde. Ich fand es viel einfacher, gleich in Wechselschuhen zur Schule zu gehen, Jahreszeiten interessierten mich dabei nicht die Bohne. Nun sollte man meinen, dass mir diese Haltung im Winter eine Angina und Grippe nach der anderen beschert haben muss, aber, o Wunder, ich war nicht häufiger krank als die anderen, vielleicht haben mir die Wechselschuhe sogar zur Abhärtung von Körper und Geist verholfen.

Überhaupt maßen wir uns gerne darin, wer wie viel Schmerzen ertragen konnte. Am beliebtesten war die Brennnessel. Jemand packte deinen Unterarm mit beiden Händen und verdrehte dann die Haut gegeneinander, dass es brannte wie von richtigen Brennnesseln. Es war eine Frage der Ehre, diese Folter über sich ergehen zu lassen, aber je mehr man ertragen konnte, desto beherzter wurde zugegriffen, als wollten sie überprüfen, wo nun die Schmerzgrenze lag, bei der du einknickst.

Weniger schmerzhaft als unterhaltsam-hypnotisch war dagegen die Spinne. Dabei musste man das Handgelenk einer Freundin richtig feste zusammendrücken (während sie die Hand zur Faust geballt hatte), nach ein paar Sekunden durfte sie die Faust dann lösen, du hieltest aber weiter ihr Handgelenk fest umschlossen. Mit deiner freien Hand spannst du dann von ihren Fingerspitzen aus unsichtbare Fäden nach oben, um sie dann – Achtung, jetzt kommt’s – gebündelt aufwärts zu bewegen, während du das Handgelenk freigabst. Dann konnte deine Freundin die unsichtbaren Fäden spüren, die du aus ihr gesponnen hattest. Ein Stückchen Magie, für jeden zu haben.

Ein weiterer Ausweis von Mut und Tapferkeit waren aufgeschlagene Knie und Ellbogen. Fast die gesamte siebte Klasse hindurch ging ich mit flammend roten Flecken auf Knien und Ellbogen in die Schule, ohne. mir deswegen einen Kopf zu machen. Im Gegenteil, ein aufgeschlagenes Knie verhieß ja stille Freuden, unter anderem die spezielle Kruste, die sich über die Wunde legte, wenn sie verheilte, gab es doch nichts Schöneres, als die knusprige Kruste abzuknibbeln und die rosige Haut darunter freizulegen. Einen Haken hatte die Sache allerdings doch, der mir immer am Samstag wieder bewusst wurde, wenn die Badewanne anstand. Mit aufgeschürfter Haut in heißes Wasser zu steigen, ist nämlich richtig unangenehm, und mein Badewasser war nicht nur heiß, sondern kochend heiß, ich weiß nicht, wieso Mama es auf solche Temperaturen brachte, vielleicht meinte sie, so ginge der Dreck, den ich über die Woche angesammelt hatte, besser ab, vielleicht empfand sie die Wärme aber auch gar nicht so. Und dann weichten bei dieser Prozedur auch noch die Krusten auf, sodass man nicht mehr knibbeln konnte. Die Unmenge heißen Wassers forderte ihren Tribut, und ich entstieg der Wanne wie ein gekochter Krebs, leuchtend rot und verzehrfertig. Seither hege ich eine Abneigung gegen Wannenbäder, duschen ist viel angenehmer, da gibt es Bewegung und Fortschritt und nicht nur Herumgesitze und Gewarte. Vielleicht mag ich deshalb Flüsse lieber als Seen.

(aus «CAMEL TRAVEL» von Volha Hapeyeva, aus dem Belarusischen von Thomas Weiler, Literaturverlag Droschl 2021, Kapitel 8, «Schuhe und Abhärtung»)

 

dort wo heut schnee fällt
werd ich nicht sein
dort wo schweigen ein bekenntnis versucht
werden die absichten anderer unklar
man kann sich lange im fenster spiegeln
sich mit kurzhaarschnitt vorstellen
statt der langen haare
und doch nicht zur schere greifen

ich fahre dorthin wo schnee geboren wird
tag für tag
wo er die unvollkommenheit des seins verbirgt
dieser schnee ist humanist
er verspricht nichts
er ist bloß
wird geboren und stirbt

er könnte überall fallen
Armenien oder Koktebel
mit der last seiner zwangsläufigkeit
und ebenso rasch schmelzen
er reicht das staffelholz seiner flüchtigkeit weiter
und staunt warum ich so kalte hände und füße habe
er taut meine finger auf mit seinem atem

angesichts eines solch sinnlosen verhaltens
vertreiben sich mein schnee und ich die zeit im bett
ohne uns einzugestehen
wie einsam wir sind

 

am morgen danach versuchst du dich an mich zu erinnern
als sei ich eine halb vergessene grammatische regel
was wie war und was dir weswegen leid tut
was und wer gebeugt werden muss was dir nach mir
im gedächtnis bleibt
sind falsche endungen
die betonung stimmt nicht
die aussprache schleift
wie meine lust
in jedem brief zu fordern
dass man mich nicht groß schreibt

 

wie nicht eingelaufene schuhe
drückt mich mein herz
wenn es nicht die größe ist
woran liegt es dann?
wein tee bier
manchmal kaffee
so eine sohnonymie tochteromie kinderlosigkeit
oder ausser der ehe – meine sind es nicht
i c h  k a n n  n i c h t  l i e g e n
(so passend dass „b“ und „g“
fast nachbarn sind auf der tastatur)
viel näher als wir
und die galgen der baukräne
an denen ich jeden tag meine einsamkeit hänge
(schluck du deine runter)
mittags werd ich die trauer schänden
in einem verlassenen park
und
selbst ein verlorener ohrring kann nicht beweisen
dass ich
der verbrecher
bin

 

die gegenwart fällt mir schwer
die vergangenheit kann ich besser
deshalb lebe ich dort
wäre es doch wie im film
erst geht das gedächtnis verloren
dann die menschen die darin ohne
meine zustimmung eingetragen waren
danach hebe ich jede erinnerung auf
wie das haar von der schulter des mantels
von dem ich nicht mehr weiß
wessen

 

heute muss ich ein neues gedicht schreiben
sagst du am morgen

eines über den schwarzen hund
der meine einsamkeit war

schreib lieber über die ente
die war deine freude
rate ich dir
und sehe wie sie teil des gedichts wird

aber heute bist du melancholisch
lachst kaum über witze
kannst eine ente nicht als hauptcharakter sehen
so ein tölpelhaftes ding
so ein unbeholfener blödsinn
nur gut für wiegenlieder und limericks
und du willst einen ernsten nachdenklichen text schreiben
also bleiben die ente und ich auf der einen seite
der unvorstellbaren realität
während du mit deinem hund auf der anderen bleibst
und der einzige ort an dem wir zusammenkommen
ist dieses gedicht

 

manifest der gedichte

gedichte können unterschiedlich sein
sie können hoch sein oder nicht ganz
frauen sein oder nicht ganz
gedichte können wachsen
auch ohne blumenwasser
sie sind keine bäume
und auch ihr seid kein wasser
damit ein er- oder sie-gedicht wächst muss es gewogen werden
auch kommen gedichte zur welt mit nur einem bein oder arm
kein grund zur sorge sie wachsen nach
wie das bei echsen der fall ist
die ihre schwänze verlieren und neue erfinden
zugegeben einigen gedichten
wachsen niemals flügel und wenn
so fallen sie ab das liegt am kalziummangel in ihren leibern
nicht wahr?
doch das alles kommt später
zuerst muss ein gedicht gefangen werden
gedichte … lieben es wegzulaufen sie spielen verstecken
tragen masken verkleiden sich als prosa
auch das kommt vor
es ist gut einen kescher bei sich zu tragen
es ist nicht ihre art zu klammern
es sei denn man läuft oder fährt
sie verfangen sich wie wind im haar oder an den wangen
sie kleben an dir wie an einer windschutzscheibe
du musst sie nur rechtzeitig aufschreiben
magst du keine bewegung an frischer luft
wird es kompliziert: dann solltest du
etwas zum anlocken bereit legen
räubergedichte lieben blut
naschgedichte lieben dünne fäden von honig
die vom löffel ins glas tropfen …
und so kannst du ihre winzigen leichen
(wenn sie eine sammlung ausmachen
und aufbewahrt werden müssen)
auf papierblätter nageln ein buch daraus machen
und dir so einen friedhof erschaffen
andere vorgehensweisen mit genaueren klassifikationen
sind durchaus zu empfehlen:
gedichte sind menschen und zu enge kontakte
sind zu meiden sie lösen einen orgiastischen
oder psychopathischen zustand aus

(aus «Mutantengarten» von Volha Hapeyeva, Gedichte, übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf, mit einem Nachwort von Matthias Göritz, mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser, Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020)

 

Volha Hapeyeva, geboren in Minsk, Belarus (1982), ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin, Künstlerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den English PEN Translates Award für das Buch «In My Garden of Mutants» (2021), den Wortmeldungen-Literaturpreis 2022, Rotahorn-Preis 2021 und den manuskripte-Preis 2025.
2019-2020 war Volha Hapeyeva Stadtschreiberin von Graz. 2021-2022 Writer-in-Exile den PEN-Zentrum Deutschland, 2022-2023 Stipendiatin des Berliner Künstlerprogramms DAAD und 2023-2024 erhielt sie das Clara und Eduard Rosenthal Literaturstipendium (Jena).
Volha Hapeyevas Gedichte wurden in mehr als 15 Sprachen übertragen. 2020 erschien auf Deutsch «Mutantengarten«, 2023 «Trapezherz». Ihr Debütroman «Camel Travel» erschien 2021. 2024 erschien ihr Roman «Samota. Die Einsamkeit wohnte im Zimmer gegenüber«. 
Seit 2020 schreibt Volha Hapeyeva auch auf Deutsch und wohnt als Nomadin in Österreich und Deutschland.

Wortmeldungen-Preis 2022: »Hapeyevas kunstvoll arrangiertes Plädoyer für eine widerständige Poesie gewinnt vor dem Hintergrund des Krieges gegen die Ukraine an bedrückender Aktualität. Hapeyeva tut, was eine Autorin im Angesicht von Gewalt und Unterdrückung zum Besten tun kann: mit starken Worten wirken.«, so die Jury in ihrer Begründung.

Beitragsbilder © Volha Hapeyeva