Wie konzentriert sie ist. Ihr Körper aufrecht, angespannt, die Stirn leicht gerunzelt, die Augen geradeaus. Als spiele sie das Soloinstrument in einem klassischen Konzert, ein Symphonieorchester im Rücken, eine Dirigentin neben sich und vor sich im Halbdunkeln dreitausend Ohren. Dabei hält sie bloß eine Wasserpistole hoch, mit der sie den Putzschaum von meinem Auto spritz. Das Orchester sind zwei Hunde, die hechelnd einen hungrigen Habicht aus dem Hof vor der Werkstatt vertreiben. Für die Rolle der Dirigentin komme nur ich infrage. Und ich bin so musikalisch wie eine Tanksäule, «xeloan az on popom o bænzol», das sagt man so auf Lemusa. Aber die Ohren zuhalten, das kann ich gut. Denn die Wasserpumpe macht einen kruden Krach und wirkt dabei doch so, als müsse in jedem Moment ein Infarkt ihr störrisches Stottern zersprengen.
Vor einer Stunde hatte ich meinen Wagen auf einen kleinen Parkplatz im Westen des Hafens von Maizye gelenkt. Ich stellte den Motor ab und schaute den Wellen zu, die, von einem Gewitter angestachelt, mit Wucht gegen das Land schlugen. Mehrere Meter reckten sich die Fäuste aus Gischt in den Himmel, wo sie für zwei oder drei Sekunden in bizarren Verkrümmungen erstarrten, als überlegten sie sich, was jetzt zu tun sei, ehe plötzlich alle Kraft aus ihnen wich und sie wie willenloses Wasserfleisch auf die Kiesel des Strandes herunterbrachen.
Ich wunderte mich, dass kein anderes Auto auf dem Parkplatz stand. Einen besseren Ort, um das launische Spiel der Swatala, der lemusischen See zu genießen, konnte es kaum geben. Ich sass in der ersten Reihe, geschützt von einem stabilen Gehäuse und gewärmt vom warmen Gebläse der Heizung. Da aber türmte sich plötzlich eine Welle zu solcher Höhe auf, dass es dunkel wurde. Im nächsten Moment stürzte der Ozean über mir zusammen, packte eine Hand meinen Wagen, schüttelte ihn hin und her, wieder und wieder. Aus der Lüftung spritze mir salziger Schlamm ins Gesicht. Ich drehte den Zündschlüssel um, doch der Motor hustete bloß. Erst beim vierten oder fünften Versuch sprang er an, ich legte den Rückwärtsgang ein, das Getriebe krachte, ich setzte zurück, bis zur Einfahrt des Platzes. Endlich konnte ich wieder durch die Windschutzscheibe sehen. Mein Pullover und meine Hose waren nass, mein Gesicht fühlte sich ölig an. Ich suchte nach einem Taschentuch, rieb mir die Augenhöhlen trocken, die Stirn, das Kinn. Dann musste ich lachen.
Die Lüftung gab immer noch seltsame Geräusche von sich, immerhin aber spuckte sie kein Wasser mehr. Für die Karosserie war so ein Bad in Salzlake sicher nicht gut. Das Auto war neu. Ich sei die allererste Mieterin, hatte mir der Mann von der Firma Karavektur versichert. Ich befürchtete, bei der Rückgabe könnte es Ärger geben, wenn da Salzflecken oder gar Kristalle auf dem Lack säßen. Also hielt ich bei der nächsten Garage mit Waschplatz an.
Endlich war der ganze Schaum weggespült, nur über dem Abfluss am Eingang der Werkstatt schimmerten noch ein paar Blasen in der Luft. Es roch wie im Duschraum einer Fußballmannschaft nach dem Spiel. Die junge Frau trat etwas zurück, um ihr Werk in seiner ganzen glänzenden und triefenden Schönheit zu besehen. Sie legte sich die Wasserpistole über den linken Arm, wischte sich die Rechte an der Hose trocken. Ihr Körper entspannte sich, die Runzeln verebbten, die Augen wurden weicher und fast erschien ein Lächeln in ihrem Gesicht. Jetzt war sie ganz Solistin, die tosenden Applaus entgegennahm.
Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch



