Klein und bescheiden? Ganz und gar nicht. Wer sich vom 22. bis 25. Januar in Basel zur Lyrik verführen liess, wunderte sich oft über die aufmerksame Stille und das lebhafte Gedränge im Literaturhaus Basel in den Pausen zwischen den Veranstaltungen. Der Durst war gross!
Das Festival überzeugt durch seine Konzentration, die Art und Weise, wie sich ModeratorInnen und GesprächsteilnehmerInnen vorbereiten und in die Werke der Eingeladenen vertiefen. Das Programm besticht durch Qualität, nicht durch Quantität. Wenige Veranstaltungen, dafür Atempausen. Immer wieder Möglichkeiten, sich mit Dichterinnen und Dichtern auszutauschen oder Gelegenheiten mit anderen BesucherInnen bei einem Kaffee oder einem Glas Wein dem nachzugehen, womit das eben Gehörte den Nerv trifft, weit weg von Oberflächlichkeiten, Chauvinismus und Selbstinszenierung.
wenns dich nicht gäb
ich würde dich erfinden
ausdenken
erdichten
errichten
vorstellen
so hielt ich dich in meinem kopf
in der hosentasche im schränk und fest in der hand
legte dich an die wange oder die stirn
wenn der kopf schmerzt
aber du bist und alles was mir bleibt
ist mich selbst zu erfinden
(Volha Hapeyeva «Mutentengarten», Edition Thanhäuser, S. 55)
Die belarussische Dichterin Volha Hapeyeva war eine der Eingeladenen am diesjährigen Lyrikfestival. Eine Frau, die wegen politischer Repressionen gezwungen wurde, 2020 ihr Heimatland zu verlassen, die ihre Heimat in ihrer Sprache sucht, ihrer Fähigkeit, all die Leerstellen mit Worten zu füllen, Worte, die nicht erklären, nicht deuten, aber eine Spur hinterlassen auf der Suche nach Gewissheiten. Eine Frau, die sich energisch gegen die Schulbladisierung «Flüchtling» wehrt und sich als Nomadin bezeichnet und ihren Weg durch die Lande damit zur Haltung, das «Fremdsein», die Einsamkeit, das Verlorensein und den Schmerz zu ihren grossen Themen macht. Die wahre Heimat gibt es nur im Traum, sagte sie im Gespräch. Poesie als ihre Art des Denkens, eine Wahrnehmung, die neue Räume schafft. Ihre Lyrik nimmt das Gesellschaftliche ins Visier, misst sich aber stets an der Realität. Als Linguistin spürt die Autorin den Wörtern nach, ihrer Bedeutung, ihrer Mehrdeutigkeit. Ihre Mehrsprachigkeit, Volha Hapeyeva übersetzt ins Deutsche, Englische, Chinesische, Japanische, Ukrainische, Lettische prägt nicht nur ihr Denken, ihre Poesie, sondern ihren Blick auf die Welt, aus der Distanz der Vertriebenen, Ausgeschlossenen.
Eine andere Dichterin, die mit ihren vielseitigen Publikationen immer wieder für Überraschungen und Aufsehen sorgt, ist die sprachliche Tiefenforscherin Esther Kinsky. In einem feinsinnigen Gespräch mit dem Moderator und Dichter Rudolf Bussmann unterhielten sich die beiden über «gestörte Gelände», einen Begriff aus der Naturkunde. «Gestörtes Gelände» beschreibt eine Fläche, die einst vom Menschen genutzt wurde und der Natur wieder überlassen wird, von der Leblosigkeit zurück in die Vielfalt. Ein Gelände, in dem die Nutzung eingeschrieben bleibt, wie Schrift, wie eine Erzählung. Nebst naturkundlichen Streifzügen durch solches Gelände, ist vieles in ihrer Dichtung das Erforschen der Sprache über Natur selbst. Sie erkundet Schichten (in ihrem gleichnamigen Band, 2020 bei Suhrkamp erschienen), das Übereinandergelegte, Zugedeckte, das Verborgene, schon lange nicht mehr Sichtbare. Als stünde sie an einer Bruchstelle des menschlichen Seins, wo all die Segmente, die sonst nie mehr ans Licht kommen, Klärung fordern.
Wir
sagen die kiesel
wären auch gerne wort
wir sagt der schotter
(was heisst er kennt
seine grenzen nicht)
wir halten auch was von der zeit
wie sollten wir nicht
dünn entflockt der sauerklee
das sinken der blüten
hat nichts gemein mit dem fall.
(Ester Kinsky «FlussLand Tagliamento», S. 48)
Aber es gab wie jedes Jahr auch Namen, die ich nicht kannte, deren Bücher mich in den kommenden Monaten begleiten werden, wie die der frisch mit dem Basler Lyrikpreis 2026 ausgezeichneten Dichterin Barbara Hundegger. Gedichte, über die der Festredner Sascha Garzetti sagte: Die Grösse eines Gedichts bemisst sich daran, wie oft man sich bei dessen Lektüre auf das Bein klopft und flucht vor Glück, dass so etwas möglich ist.

Weitere Gäste waren Anna Frey, Jens Friebe, Franziska Füchsl, Elias Hauck, Nina Hurni, Vera Kappeler, Judith Keller, Martina Kuoni, Thomas Lehmkuhl, Mira Mann, Valerie-Katharina Meyer, Julia Rüegger, Tobias Pfister, Lisa Pottstock, Nadine Reinert, Monika Rinck, Jan Röhnert, Nathalie Schmid, Carlo Leone Spiller und Michael Spyra.
Grossen Dank an die Lyrikgruppe Basel mit Rolf Bussmann, Claudia Gabler, Sascha Garzetti, Ariane von Graffenried, Alisha Stöcklin, Simon Lappert und der operativen Leitung von Maria Marggraf. Ich freue mich auf die 23. Internationalen Lyrikbasel 2027!







Alisha Stöcklin (1990) gründete 2012 den Verein Poesietag, rief den Tag der Poesie, der in den Jahren 1979–1988 von Matthyas Jenny durchgeführt wurde, wieder ins Leben und führt die Veranstaltung bislang jährlich jeweils am zweiten Samstag im September durch. 2014 hat sie das Basler Poesietelefon nach rund 30 Jahren reaktiviert und spricht seitdem regelmässig Gedichte auf Band. 2016 pflanzte sie im Kannenfeldpark einen neuen Baum der Poesie. Seit 2016 ist sie Mitglied der Fachgruppe der GGG Förderstelle für junge Kulturprojekte und betreut dort die Sparte Literatur. 2018 wurde sie in die Lyrikgruppe aufgenommen, die das Internationale Lyrikfestival Basel organisiert, welches jeweils im Januar im Literaturhaus stattfindet und in dessen Rahmen auch der Basler Lyrikpreis verliehen wird
Simone Lappert (1985) studierte Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und lebt in Basel. 2014 erschien ihr Debütroman «Wurfschatten» im Metrolit Verlag Berlin. Simone Lapperts Arbeit wurde mehrfach gefördert und ausgezeichnet. «Wurfschatten» stand auf der Shortlist des ZDF-aspekte-Preises für das beste deutschsprachige Debüt sowie auf der Shortlist des Rauriser Literaturpreises. Derzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Buch, der im kommenden Herbst bei Diogenes erscheinen soll.
Katharina Schultens (1980) studierte Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Literatur in Hildesheim, St. Louis und Bologna. 2013 erhielt sie den Leonce-und-Lena-Preis und 2015 den Schweizer Spycher: Literaturpreis Leuk. Neben Veröffentlichungen von Lyrik und poetologischen Texten in Zeitschriften und Anthologien erschienen von ihr vier Lyrikbände: «Aufbrüche» (2004) «gierstabil» (2011), «gorgos portfolio» (2014) und zuletzt «untoter schwan» (2017).