Gabriela Cheng-Voser «bittersüess» – Die Lücke 7/7

dis parfüm esch 
es rosarots gsi
s fläschli met
acht eggä
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

mech packt
blues
wänn ech
dech schmöck
hey, heey, heeey
s esch en
eländä 
herzschmerz 
wo mech plagt
achterbahn
met mer fahrt

häsch din zeigfinger
gern i d höchi greckt
gseit was z machä esch
well du liäber
umägsässe besch
chom hol mer das
breng mer no säb
s esch wörkli wechtig
weisch es doch
alles för dech
söllsch s mol 
besser ha
wiä ech

häsch sand 
verschtreut
wo gwörkt hät 
wiä charisma
bem schwätzä 
schteili kurvä 
gnoh – usäglah 
du wössisch
wiä s lauft
heissi luft
am meter
verchauft

hey, heey, heeey
wänn ech a dech dänk
überchond mech dä blues
nagt a minä chnöchä
möcht so gern wössä
wo du etz ächt besch
wiä s döt so esch
met funkelndä augä häsch
dis chrüsimüsi verzellt
mech badet i dim schmuus
ech sig dini prinzässin
häsch mer gschmeichlet
mech met dinä
märli gschtreichled

ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

of s achslezuckä häsch dech
guät verschtandä
met em chopf herrischi
bewegigä gmacht
dini gangart hät signalisiert
platz do – etz chom ech

besch einzigartig 
aaschträngend gsi
emmer z schpot 
äs betz protzig
häsch chönnä bländä
ond verschwändä

besch gsellig gsi
bsuech häsch gliäbt
met gummigä
gschichtli brilliert
han s gern ghört
wiä häsch mögä lachä

esch din bodä
is gwagglä cho
häsch d luft
nach obä gno
vo nüt chond nüt 
häsch du so verschtandä
dass au z vell 
no z wenig esch

worum ech so fescht 
a der ghangä ben
chan ech mer sälber 
au chum erklärä
wenn mech öpper 
aso frooged wiso
lauf ich eifach dävo
muäss ech en antwort druuf ha
dass ech dech nöd han chönna la gah?
hey, heey, heeey
ha s nöd gschafft
dech hockä z lah
mis läbä hät sech 
numä um dech trüllt
hey, heey, heeey
bes mis eignä
g schtänkered hät 
nemmsch dr au mol
zyt för mech?

be nömm d füürwehr gsi
öber dini minefälder tänzled
han mini sach 
is rollä brocht
be fürschi cho
doch esch s äso 
dä chummer um dech
esch mer nachä gschwänzlet

sit mini lockä
grau wordä send
gnau äso wiä dini 
begriff ech jedes 
wort vo der
no emmer
numä
schier

bevor du ab dä bühni besch
häsch mer no söttigs gseit
wo mer öppis bedüüted
bittersüess 
dä näbel vo der
han di i dä nase

hey, heey, heeey
ond wänn mech en huuch
vo bergamottä streift
aprikosä ond chli rosä
lueg ech schnäll
öb s ächt du
gsi besch 
wo a mer
vorbii g weht esch

Gabriela Cheng-Voser: In den letzten Monaten kämpfte ich mit einer Schreibblockade, so habe ich oft darüber nachgedacht, warum ich schreibe. Immerhin habe ich herausgefunden, dass ich mit meinen Texten Mitgefühl wecken möchte und dass mir die Menschen besonders am Herzen liegen, deren Ausgangslagen eher schwierig sind. Zudem habe ich eine Neigung zu Rollenprosa. „bittersüess“ ist der erste Text, den ich nach meinem Schreib-Stau für den Adventswettbewerb vom Literaturblatt eingereicht habe. 

Adventsgeschichten 2024

Adventsgeschichten 2023

Adventsgeschichten 2022

Die Illustration von Lea Le ist ein Geschenk von literaturblatt.ch und der Künstlerin als Preis für einen der 7 ausgewählten Texte.

Béatrice Bader «Die Lücke» – Die Lücke 6/7
Tina Wodiunig «Wenn Weine und Bücher Glückssache sind» – Die Lücke 5/7
Ruth Loosli «Vom Esel, der sich Flügel wünschte und Sprudeltabletten erhielt » – Die Lücke 4/7
Alexandra von Arx «Vermisst» – Die Lücke 3/7
Gabriela Caponio «Die Saxerlücke» – Die Lücke 2/7
Im kalten Advent von Helmut Blepp 1/7

Gabriela Cheng-Voser «d frau mit em bürzi» – Scheinheilig 6/7

d frau mit em bürzi

was nöd bruchsch
sind diä lüüt 
wo dir säged
so gahts nümm
als ob du das
nöd sälber wüsstisch

din geischt isch
am schimmlä
s herz en lumpä
wirsch s überwindä müessä 
dis verlotteretä ich
wo dir zämezimmeret häsch
wiä das halt passierä chan
wänn dis dähei i dä 
looser-truppe isch

bisch vellecht lätz i dä familiä 
tiggisch im falschä takt
s mag si dass du 
kei frage schtellsch
wänn en mänsch dis herz eroberet
es isch wiit und offe
in en raschter zwänge
laht sich s herzchlopfä nöd

nur du weisch um das
was du ushaltä muäsch
häsch afah lüga
um z verzellä 
was gern ghört wird vo dir 
dich um jedä 
schtacheldraht
gwundä

häsch dir dänkt 
i machä nachä
was guet aachund
be denä lüüt 
wo dir gseit händ
da chan mer nüt machä
da muäsch du durä
das isch halt äso

bisch immer meh
is trudle cho
dini psychä 
hanged i fätzä
niemert überraschts
scho klar
mit so emene 
schräge charakter

jedä schiint z wüssä
wer du bisch 
nur nöd du 
dä gedankä 
isch der au 
scho cho
öbs ächt chönti sii
das d lüüt dich 
mit sich sälber 
verwächslet 

dähei isch vell diskutiert wordä
über das was du nöd bisch und chasch
s hät einiges gäh
wo du vo dir 
zeigä hesch wellä
was diis gsi wär
isch nöd 
d usbildig gsi
bim kolleg vom vater
im reisebüro
wo im chef sin chiifer 
so sältsam gschnapped hät

de chefin ihri blick
händ dich zum biberä bracht
häsch s nöd emol meh packt
d proschpäkt z büschelä 
– eggli of eggli – 
wiä sie s hät wellä 

dringend gsuächt
häsch nach em exit
d türe aber nöd gfundä
abä gumpä 
häsch au 
vo nienäd 
wellä
anerbote hät sich en option
vo dere du ghört häsch 
si machi dicht

vo null of hundert
häsch dich gfühlt 
als öb verpackt wärsch
inerä watte 
met emene panzer gäge alles 
was vo ussä inä chund

highly untouchable 
häsch du gmeint
sigisch worde
s isch dir alles am arsch vorbii

dis ich
wo nöd 
du gsi bisch
hät sich 
schicht für schicht
verchleided

jetzt sitzisch uf dem bänkli
irgendwo am fluss
vo dir gflüchted sind alli
wo dich
no cool 
gfundä händ
isch doch geil 
händ sie gmeint
chli zue zäme z hockä
bis dis herz s erschtmol
schtill gschtandä isch

im schpital hät de dökti sini schtirnä g runzled
abschuum wie du hät em notfall nüt verlorä
da git s anderi wo eusi hilf meh verdiened
mir händ wichtigers z tuä 
als lumpepack z reanimierä
bös bisch ihm nöd gsi
häsch scho längschtens verschtandä
wiä wärtlos du bisch
belämmeret häsch dich aahgleit
bisch dänn no go schaffä 
häsch ghofft 
s langarm ti-schi 
verrutschi nöd

uf dem bänkli 
irgendwo am fluss
risset d monschter 
wie verruckt
a dinä 
schlotternde 
chnochä
öppis chrücht 
dir dur dä buuch 
naged am fleisch
wo vo dir 
no übrig isch

en mänsch wär guät
dänksch für en momänt
wo mit dir schwiigt
und doch ghörsch ihn sägä
dass du nonig verschwundä bisch

häsch kei ahnig wiä 
lang si scho näbä dir sitzt 
d frau mit em bürzi
sie packt en chuechä uus 
und warmä tee
nimmt dini hand 
du zucksch es bitz
weisch nöd so rächt
was etz söllsch machä

da seit si liislig
lass alles lah gah 
nur nöd dich
wenn du das 
möchtisch
zeigt sich dir 
diä chraft
wo en schtohufmänsch 
us dir macht

muesch numä eis wüssä 
seit sie wiiters
dass dis ändi 
au wieder 
din aafang isch

ich weiss – 
a dich z glaubä
fallt dir schwer
han kei ahnig 
wer du bisch 
worum s mit dir
so isch wiä s isch
lass alles la gah nur nöd dich
chönntisch eini vo denä werdä 
wo weiss was würklich wichtig isch

bisch nöch am lätschä 
so fescht hät sie dich tüpft
d frau mit em bürzi
wo die ganzi nacht be dir blibä isch

häsch dich uufgrapplet
afah probierä
obenabä z cho
häsch meh als einmol
en aalauf brucht
um diä hordi vo affe z vertriebä
wo i dir grumoret hät

dänn
irgendwänn 
isch s passiert
öppis 
psychodelischs
esoterischs
spirituells…
häsch luscht übercho
unbändigi luscht
ufs läbä 
d wärmi i dir gfundä
um z akzeptierä
was lätz gmacht häsch
siither bisch am werde

lass dich nöd beirre 
vo denä 
wo meined
hegisch dä zug 
scho längschtens verpasst
dä zug bisch du
und er fahrt los
wänn dis ändi 
au wieder 
din aafang isch

lass alles lah gah nur nöd dich – hät d frau mit em bürzi gseit.

Gabriela Cheng-Voser, schreibt vor allem in Mundart lyrische Texte, 2022 mit «Acht Gramm» in der Shortlist des 27. Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerb, 2022 Literaturblatt.ch „gluät of dä huut“, unschöne Weihnachtsgeschichten, 2023 «Realisierbar Steinen», erstmalige musikalisch untermalte Lesung im Duo Iggy&Nic, 2024 Texte von 10 Autor:innen zum Thema „Generationen“.

Scheinheilig 1 – 7 sind ausgewählte Weihnachtsgeschichten, prämiert mit einer Zeichnung der Künstlerin Lea Le.

Beitragsbild © leale.ch

Gabriela Cheng-Voser «gluät of dä huut», 8. unschöne Weihnachtsgeschichte

häsch mer gseit
i söll doch bliibä
mögischs nöd verliidä
wänn i nümm
um di umä ben

besch chli vorbi cho
chli gange
i dä zwöscherüüm
häsch mi
lang
la hange

weisch
häsch gseit
wänns druf aah chond
besch mis nummero eis
das hät mer en bode gäh
sesch sowiit cho
wiäs niä hätti dörfä

mängisch seisch
au wänns weisch
was nöd meinsch
das esch halt ä so besch chli vorbii cho
chli gange
i dä zwischerüüm
häsch mi
la hange

dänn han i der gseit
i chöng das nöd verträge
teilziitliäbi seg nöd so miis
du häsch gmeint
das liess sich nöd änderä
es seg dini verpflechtig
das müesst i doch wüssä
dänn esch mer i sinn cho
dass du eine besch
wo mängisch seid
au wänn er s weiss
was er nöd meint
das esch halt ä so

besch einä wo siis
verspräche haltet
au wänn er s scho
längschtens
brochä hät chli cho
chli gah
chli hange lah
chli bliibä
chli liäbä
chli pfupf uselah

han dech gfröged
öb sech dis konzept
nöd gäge dech richtet
öb das diä art esch
wiä du läbe wellsch
s gaht no om vell meh
esch dini antwort gsi
wellisch nöd alles verlüre
was du der uufbaut hegsch

verschtah di scho
han i zu der gseit
was hätti au soscht
no wellä

weht tuäts mer scho
ond öppe so
wiä gluät of dä huut
ha de glii afaah chränkelä
der versuecht z erkläre
wiä s mer so gaht
häsch gfundä
nemms doch locker
mach der kei gedankä
so wiä ech
han i probiert
häd nöd funktioniert

mängisch seisch
au wänns weisch
was nöd meinsch
zwingsch dis muul
öppis z plapperä
wo i der drinn nöd esch
kei ahnig wiä du
of so en idee cho besch

diä schpuur wo du mer gleit häsch
han i falsch verschtandä
wiä du seisch
ond wänn du öppis seisch
dänn esch es gültig
nemmä alles of mini chappä
s tuät öberall öppä glich fescht weh
wiä gluät of dä huut

han mini lippä wond küsst a der
mech i der neu geboräh
han glaberet
vo geborgäheit
ond vertrouä
be blend gsi
taub
ond resischtänt
han zu der gseit
was i nöd gwüsst han
aber gmeint
han mis glück
wellä erzwingä
met dem
was i der inne
nöd esch

schön gsi
so en momänt lang
wie zäme flüügä
mit tuusigä vo schmätterling
well mi no einmol met der betrügä
mech a dech verschänke
i der umächrüchä
a der schnupperä
met der zäme schnuufä
ond du seisch mer
was nöd meinsch
ond ech meine
was i nöd weiss
ond wänn du dänn
chli gasch
esch es för emmer
soscht würdsch
weder
chli cho
chli bliibä
chli liäbä
chli pupf uselah
för langi ziit
mech hange lah
würdsch mer
de schmuus bringä
am telefon
e paar pics vo der schickä
ond so
mini gfühl wäred
nöd so wechtig
wie dini verpflichtig
vo mir chli träume
häsch immer gseit
sig doch au no schön

han dech lieb
du mech au
nur nöd so richtig
verbring dis läbe
met dinä träum
s esch bald wiehnachtä
han s etz begriffä
lah dech la gaah
besch nöd min maah

s tuet öberall öppe
glich fescht weh

wiä
gluät
of
de
huut

säge der zum abschied
wird dech niä vergässe
dänn mängisch seisch
obwohl das weisch
nöd was meinsch
zwingsch dis muul
öppis z plapperä
wo i der drinn
nöd esch
kei ahnig
wiä du
uf so en idee
cho besch.

 

Gabriela Cheng-Voser ist fasziniert vom Schreib-Sog. Veröffentlichung von Prosa in Anthologien und als Gastautorin seit 2014. Lesungen u.a. 2019 Brüche im Literaturhaus Zürich, „Albert“ Hörgang München, 2021 mit „Acht Gramm“ Shortlist Deutscher Kurzgeschichtenwettbewerb (publiziert auf storyapp.de). Beschäftigt sich aktuell intensiv mit lyrischmusikalischen Reisen. Wird hierbei von Nic Niedermann an der Gitarre begleitet. Arbeitet mitunter neu unter dem Pseudonym Iggy. Führt weiters einen Roman im Gepäck, den sie schon viermal neu begonnen hat. Die Verzettelung wartet auf sie in einem Karton, den sie erst wieder öffnet, wenn sie genügend Zeit dafür hat, den Roman so zu schreiben, wie er geschrieben werden will.

https://www.storyapp.de/ (Die Namen der gewünschten Autorinnen und Autoren können in der Suchfunktion eingegeben werden).
https://www.qultur.ch/artikel/lila