Peter Weibel «Mensch Keun», edition bücherlese

Hannes ist alt und lebt abseits eines Dorfes. Nur noch selten geht er den Weg hinunter ins Dorf, weg von seinem Haus. Hannes ist Holzbildhauer, Künstler, schnitzt, haut, meisselt und raspelt seinen Mensch Keun, eine mannshohe Figur, die sich erhebt. Der Erzählung vorangestellt ist der Satz «Für Hannes – und für die unbekannten anderen, denen die Kraft zum Aufstehen fehlt.» Hannes steht auf, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Hannes sieht, was aus dem Holz werden soll, schon lange bevor die Figur und ihre Details sichtbar werden. Während die Erinnerungen an seine Frau, die der Krebs zerfrass, die er bis zuletzt in seinem Haus in den Tod begleitete, bleiben, dieses Gefühl von Einsamkeit, des Verlassen-werdens. Mensch Keun steht als Verwundeter, Gefallener wieder auf, so wie Hannes, der immer offensichtlicher mit den Tücken des Alltags zu kämpfen hat. Auch wenn ihm Judith, seine Tochter alle zwei Wochen zur Hand geht, Ordnung in das ins Stolpern und Stocken geratene Leben bringt und Nora, die Frau von der Pflege, die immer ein offenes Ohr hat, ihre Hilfe nicht als mechanisches Verrichten versteht. Überall im Haus hängen kleine, von Hand geschrieben Zettel. Sätze, die Hannes nicht einfach dem Vergessen preisgeben will. Erinnerungen daran, dass das Leben und die kleinen Verrichtungen des Lebens in ein grösseres Ganzes gehören, dass man leicht aus den Augen verliert. Aber die Besuche der Pflegerin Nora werden immer seltener, so wie alles immer weniger wird, auch die Sicherheit darüber, dass Mensch Keun jemals fertig  wird. Ob die Kraft ausreichen wird, seine Aufgabe zu beenden. Hannes humpelt seinem Leben immer mehr hinterher, immer mehr allein gelassen, umgeben vom Sterben, den schwindenden Kräften. Erst recht, als Übereifer und «Pflichterfüllung» das drohende Gespenst der Heimeinweisung zu einem handgreiflichen Überfall werden lassen und Hannes niederzustrecken drohen. Aus dem Former Hannes, umgeben von seinen Figuren und den Spänen auf dem Boden, wird ein in sich zerfallenes Häufchen Elend im Rollstuhl.

Peter Weibel macht die Entwurzelung eines alten Mannes zur literarischen Kampfschrift. Aber es ist eine Kampfschrift der leisen Töne. So wie der Holzbildhauer Hannes ins Wesen des Holzes hineinschlüpft, so sehr schlüpft Peter Weibel in den alten Mann Hannes. Er versteht ihn auch dann noch, wenn Alter, Verwirrung und Gebrechen ein altes Leben fast unerreichbar werden lassen. Peter Weibel beweist unendlich viel Feingefühl, sowohl für die Sprache, wie auch für den Menschen Hannes, seinen Mensch Keun, der sich wieder aufrichtet, dem während des Lesens alle Sympathie entgegenströmt. Aber auch sein Verständnis darin, aus einem Stamm Holz einen kunstvollen Körper entstehen zu lassen – so als ob Peter Weibel im Schreibtisch Holzhammer und Stechbeitel liegen hätte. Peter Weibel schreibt engagiert und trotzdem unaufgeregt, mit Distanz und grosser Empathie, auch wenn Wortmeldungen jener, die sich wegen Hannes Schicksal in die Haare geraten hölzern und steif wirken.

«Mensch Keun» ist ein Kunst- und Schmuckstück, nicht zuletzt, wenn man es in Händen hält. Die Verlegerin Judith Kaufmann gab der Erzählung einen Einband wie ein Stück Holz. Wer das Büchlein in Händen hält, fährt wie Hannes über das Holz von Mensch Keun. Ein Buch, das mitten ins Herz zielt.

Peter Weibel, geboren 1947, hat Medizin studiert und arbeitet seit vielen Jahren als Allgemein praktiker und in der Geriatrie. 1982 erschien ein erster Prosaband «Schmerzlose Sprache», seither veröffentlicht er regelmäßig Prosa und Lyrik. Für seine Werke wurde er verschiedentlich ausgezeichnet, zuletzt 2014 mit einem Buchpreis des Kantons Bern für den Erzählband «Die blauen Flügel» (2013). Peter Weibel lebt in Bern.

39. Solothurner Literaturtage: Manchmal heiss, manchmal lau

Freitag, erster Tag an den Solothurner Literaturtagen. Die Menschen strömen in Säle und Räume, obwohl draussen die Sonne scheint. Auch wenn dem Literaturfestival kein Thema voransteht, versucht man sich angestrengt, den drängenden Fragen der Zeit Raum zu geben; die aktuelle Flüchtlingskrise, wie viel Optimismus die Gegenwart erlaubt und was Fake-News, Populismus und Nationalismus mit der Welt anrichten.

Kathy Zarnegin, die mit ihrem ersten Roman «Chaya» die Geschichte eines jungen Mädchens erzählt, das Teheran verlässt, um in Zürich Schriftstellerin zu werden, sitzt zwischen Ilija Trojanow, dem engagierten Schriftsteller, Verleger und Sachbuchautor und Jonas Lüscher, der nicht erst mit seinem zweiten Roman «Kraft» in aller Munde ist. Ein Gespräch wie ein Paukenschlag zu Beginn der Literaturtage. Ein Gespräch, das klar macht, wie schmerzhaft die Position der Schreibenden sein kann, allein zwischen Geschehen, Fiktion und dem leeren Blatt Papier. Ilija Trojanow nimmt kein Blatt vor den Mund, gibt sich bissig und unnachgiebig, ist überzeugt davon, dass die meisten Politiker von den wahren Problemen der Menschheit ablenken, dass wir in einer Dauerhysterie leben, angestachelt von Politikern und Demagogen, die Ängste schüren. Ausgerechnet in Europa, einer Weltgegend, die sich wie keine andere in nie dagewesener Sicherheit und unanständigem Reichtum abschottet. Trojanow ist klar und unmissverständlich, versteckt sich nicht hinter Begriffen und geschliffenen Sätzen. Er sprudelt, ohne Gespenster an die Wand zu malen. In seinem Buch «Nach der Flucht» erzählt er aus der Perspektive eines ewig Flüchtenden. «Der Flüchtling ist meist ein Objekt. Ein Problem, das gelöst werden muss. Eine Zahl. Ein Kostenpunkt. Ein Punkt. Nie ein Komma. Weil er nicht mehr wegzudenken ist, muss er ein Ding bleiben. Es gibt ein Leben nach der Flucht. Doch die Flucht wirkt fort, ein Leben lang.»

Ebenso eindringlich und beeindruckend der Autritt von Dina Sikirić mit ihrem Debütroman «Was den Fluss bewegt». Dina Sikirić kam zusammen mit ihrer Mutter als kleines Kind von Zagreb nach Basel. In ihrem Roman schreibt sie aus der Sicht eines fünfjährigen Mädchens, äusserst behutsam. Sie schreibt vom schmerzhaften Pendeln zwischen Heimat und Aufenthaltsland. Sie zeichnet Träume und Gefühle, die Welt eines Kindes, das es schafft, sich nicht zu verlieren. Die Geschichte eines Kindes, dem das Fremdsein mehrfach auferlegt wird und aus dem Kampf dagegen, der Sehensucht nach Nähe und Freundschaft einen Lebensmut entwickelt, den ich bis tief im Schreiben der Autorin spüre. Der Saal war so voll, dass man Besucher wegschicken musste.

Dass es aber auch schwierig sein kann, fast unmöglich, bewies ein Gespräch zwischen Jonas Lüscher, der jungen deutschen Schriftstellerin Olga Grjasnowa, die mit ihrem Buch «Gott ist nicht schüchtern» das Schicksal zweier Flüchtenden aus Syrien erzählt, dem Journalisten und Korrespondenten Peter Voegeli und dem Literaturredaktor Hans Ulrich Probst. Das Thema eigentlich wäre spannend gewesen: «Die Macht der Geschichten». Aber ganz offensichtlich liess sich das Gespräch nicht in jene Bahnen lenken, die das Publikum 75 Minuten in den Bann hätte ziehen können. Ein Gespräch, das übel dümpelte, bei dem niemand das Steuer herumzureissen wagte, dafür bis zur Unerträglichkeit in Banalitäten waberte. Ein voller Landhaussaal wartete auf engagierte Statements, darüber, was sich jeder Schreibende erhofft, mit Sicherheit die drei Autoren auf der Bühne, die von ihren Geschichten leben, auch von der Macht ihrer eigenen Geschichte.

Mein ganz persönlicher Favorit des ersten Tages ist Martina Clavadetscher mit ihrem ersten Roman «Knochenlieder», eben besprochen auf literaturblatt.ch. Martina Clavadetscher ist eine Entdeckung, ihr Roman ein sprachliches Kunstwerk, ihr Auftritt erfrischend.

André David Winter, Gedichte aus der Schublade

Die Farben

Als wären wir Entdecker
Suchen wir die Farben,
Die hier an den Rand
Wichen.
Schwarze Äcker
Liegen wie Narben
In den weissen Land-
Strichen.

Wo ist anderes Wetter?
Wo sind die Blätter,
Die mit ihren Farben
Um uns warben.

Sind sie in uns verschwunden?
In langen Abendstunden
Holen wir sie heraus
In irgendeinem Haus,
Und bringen die feuchten
Abende zum Leuchten.

Ein blauer Tag

Auf den Bergen liegt Schnee,
Kormorane spreizen ihre Flügel.
Licht funkelt auf dem See,
Nebel, noch hinter dem Hügel.

Von irgendwo kommt ein Weg,
Weit weg, ein einsamer Geher,
– Möwen auf dem alten Steg –
Seine Schritte kommen näher.

Dies stille Land
Im Wintergewand.
Wasser legt Wellen
In den hellen
Sand.

Ein blauer Tag!
Auf dem See
Ein Flügelschlag.
Die Kälte tut weh,
Greift jeden Duft
Aus der kalten Luft.

Langsam naht die Nacht,
Das Licht schon blasser,
Ein Schwan landet sacht
Auf dem dunklen Wasser.

Die Nacht wird dichter,
Aus weiter Ferne
Glänzen die Lichter
Unbekannter Sterne.

So viele Hände
Haben nichts mehr zu tun.
Ein Tag geht zu Ende,
Und alles darf ruh’n…

 

Zu «Jasmins Brief», André David Winters letztes Buch: Käthe, alt und müde, weiss, dass ihre Tage gezählt sind. Selbst die paar Scheiter für den Ofen werden zur Strapaze. Und jeder Gang nur erträglich, wenn sie die kleine Flasche mit Morphium in Griffnähe weiss. Käthe ist allein. Ihr Mann, vor Jahren gestorben, verriet ihr auf seinem Sterbebett, dass sie nicht seine Einzige war. Käthe muss feststellen, dass sie bloss Stellvertreterin war. Sie blieb kinderlos in einer Ehe, in der sie schnell spürte, «dass etwas nicht stimmte». Aber sie schickte sich hinein. Käthe räumt auf, liest endlich den Brief, den sie schon lange mit sich herumträgt. Den Brief von Jasmin, auch eine Stellvertreterin, eine für die Enkelin, die sie so gerne gehabt hätte. Und Käthe denkt an Tolstoi, dem es noch kurz vor seinem Tod gelungen war, aus einer Ehe zu entfliehen, in der es nicht stimmte. Aber Käthe blieb. André David Winter schlüpft mitten ins Herz einer Frau, die nichts bereut, auch wenn es in ihrem Leben Gründe genug gegeben hätte, zu hadern und zu brechen. Ein sprachlich feines Buch aus dem ebenso feinen Kleinverlag «edition bücherlese».

André David Winter, geboren 1962 in der Schweiz. Seine Kindheit verbrachte er bis zum achten Lebensjahr in Berlin. Mit vierzehn verlor er seine Mutter. Nach Abbruch einer Lehre arbeitete André David Winter auf Bauernhöfen in der Schweiz und in Italien. Es folgten die Ausbildung in der Psychiatrie sowie die Arbeit in Notschlafstellen und in einem rumänischen Kinderheim. Heute arbeitet Winter als Kursleiter und Erwachsenenbildner im Gesundheitswesen. 2008 erschien sein Roman «Die Hansens», der von den Medien und dem Buchhandel begeistert aufgenommen wurde. 2012 folgte «Bleib wie du wirst. Deine Demenz, unser Leben». Zuletzt erschien bei edition bücherlese «Jasmins Brief».
André David Winter ist verheiratet und lebt mit seiner Familie in Emmen bei Luzern.