Wenig überraschend, aber dafür überzeugend, steht Dorothee Elmiger im Blitzlicht auf der Bühne zum Schweizer Buchpreis. Für einmal werden sich alle Kommentare einig sein. Der Preis ist verdient!
Sie habe sich sehr lange geweigert, zu erzählen.
Das sind erstaunliche Worte einer Schriftstellerin.
Vielleicht denken Sie, ich rede jetzt von jener Schriftstellerin, die in dem Roman Die Holländerinnen in einer Poetikvorlesung von ihrem Scheitern im Erzählen spricht.
Ja, auch diese fiktive Schriftstellerin misstraut der Sprache. Aber genauso tut es Dorothee Elmiger. Sie ist es, die das Erzählen nach eigenen Aussagen verweigert habe. Aber Dorothee Elmiger wäre kaum Schriftstellerin, wenn sich das Erzählen nicht doch aufgedrängt hätte.
In Die Holländerinnen schickt sie eine zusammengewürfelte Theatergruppe, angeführt von einem exzentrischen Theatermacher, in den mittelamerikanischen Urwald. Die Truppe folgt den Spuren zweier verschollener Studentinnen. Doch hier wird kein Kriminalfall gelöst. Stattdessen erlebt die Reisegruppe, wie im Dickicht des Dschungels jeder rote Faden ausfranst und abreist und wie das vertraute Erzählen unmöglich wird.
Nicht erzählen können – ein Horror-Szenario, nicht nur in der Literatur. «Der Horror liege naturgemäss ausserhalb der Sprache», heisst es im Roman. Es grenzt also an Verzweiflung, dass sich die Theatergruppe grauenerregende Geschichten erzählt, um den Schrecken zu bannen. Es sind Geschichten ohne Pointen und ohne Erkenntnis von verendenden Ziegen, einem brutal gebändigten Pferd oder verschwundenen Menschen. Dorothee Elmiger umkreist die Gewalt, zu der unsere Gesellschaft fähig ist und sie beschwört das Unheimliche, das sich jeder Darstellung entzieht.
Zurück bleibt das beklemmende Gefühl, dass die Bedrohung lauert. Es ist ein Gefühl, das für unsere Gegenwart steht. Somit gelingt Dorothee Elmiger das Meisterstück, mit Sprache, die Wirklichkeit spürbar zu machen, indem sie «nicht» aufzeigt und «nicht» erzählt.
Das muss man sich als Schriftstellerin erst einmal trauen.
Auch mutig in der Gegenwartsliteratur: der Konjunktiv I. In der indirekten Rede schildert eine Erzählinstanz, wie die Schriftstellerin darüber spricht, was jemand gesagt habe, was anderen widerfahren sei. Was in der Theorie verschachtelt klingt, erzeugt beim Lesen einen Rausch.
Und: der Konjunktiv öffnet Assoziations-Räume – ganz ähnlich den Nachtaufnahmen zweier verschollener Frauen: Wie haben sich die Dinge tatsächlich zugetragen? Könnte alles ganz anders gewesen sein? Mit der Möglichkeitsform tastet sich die Autorin an die Grenzen dessen, was Sprache fassen kann.
Zu Hilfe kommen herbeizitierte Wegbegleiter: Adorno und Horkheimer, Benjamin und Bernhard, Herzog und Coppola. Dorothee Elmiger tritt klug und mit einer Spur Ironie in Verbindung mit dem Kanon. Aber ist ihr Roman deshalb nur Lektüre für Fachleute aus Germanistik, Soziologie und Filmwissenschaft?
Nein. Denn ob mit oder ohne Rückgriff auf intellektuelle Traditionen ist dieser Roman vor allem eines: extrem spannend. Die Holländerinnen zu lesen, ist ein sinnliches Erlebnis. Die «Furcht», die «atmosphärische Störung» und das «Gefühl, es sei etwas aus dem Lot geraten» spüren wir Leserinnen und Leser körperlich.
Über Die Holländerinnen wurde in den letzten Monaten viel gesagt und viel geschrieben. Vor allem lobendes. Es hiess aber auch, in diesem Roman stecke wenig Zuversicht. Dem möchte ich widersprechen: Dorothee Elmiger durchbricht das runde, schlüssige Erzählen. Damit schafft sie Grund zur Hoffnung, dass wir der Wirklichkeit näherkommen, wenn wir das Geschichtenerzählen hinterfragen, neudenken und weiterentwickeln.
Liebe Dorothee Elmiger, ich gratuliere Ihnen im Namen der ganzen Jury herzlich zum Schweizer Buchpreis.
Tim Felchlin, November 2025

Illustrationen Lea Le / literaturblatt.ch



Dorothee Elmiger, geboren 1985 in der Schweiz, lebt als freie Autorin und Übersetzerin in New York. Ihre Bücher «Einladung an die Waghalsigen» (2010), «Schlafgänger» (2014) und «
Glaubwürdigkeit eines solchen Prädikats „bestes Buch“ noch mehr in Frage stellen. Aber das beste Buch gibt es nicht. Die Frage scheitert an mehreren Punkten. Auch wenn es Leute aus dem Literaturbetrieb gibt, die der Überzeugung sind, dass es unauslöschliche Kriterien für gute Literatur gibt. Gute Literatur zeichnet sich durch ihre Fähigkeit aus, tiefgründige Wahrheiten über die menschliche Erfahrung zu vermitteln, starke emotionale Reaktionen hervorzurufen und die Zeit zu überdauern. Sie zeichnet sich durch gut entwickelte Charaktere, fesselnde Handlungen und eine reiche, nuancierte Sprache aus. Aber wer bestimmt, was tiefgründig ist? Ist es nicht so, dass emotionale Reaktionen ganz unterschiedlich ausfallen können, nicht nur in der Kunst. Was ist „nuancierte“ Sprache? Wülstig mit Sicherheit nicht. Schon gar nicht sichtbar durch die Anzahl von Adjektiven.
Vielleicht muss ich ganz persönlich auf die Frage antworten, was gute Literatur zumindest für mich sein kann: Sie muss mich fesseln. Sie muss mich überraschen. Sie muss mich in irgend einer Form provozieren. Sie muss in mir einen Nachhall erzeugen, muss sich in mir festhaken. Der Sound muss musikalisch sein. Ich soll bewegt werden… Ich könnte die Liste noch weiterführen, ohne je den Anspruch zu haben, eine solche Liste habe Allgemeingültigkeit. Robert Walser wurde wie Franz Kafka zu Lebzeiten nur von wenigen beachtet und geschätzt, am wenigsten vom Buchmarkt. Oder umgekehrt; Kennen sie John Knittel? Der Schweizer Schriftsteller war zu Lebzeiten sehr erfolgreich, starb 1970. Heute kennt ihn kaum mehr jemand. Vergessen. Kennen sie Ruth Blum? Die Schaffhauserin starb 1975. Ich kaufte alle ihre Bücher in Antiquariaten und war hell begeistert. Vergessen. Noch so eine lange Liste.
Das beste Buch! Warum ist unter den Nominierten nicht „Sommerschatten“ von Urs Faes? Oder „Walzer für niemand“ von Sophie Hunger? Oder „Sechzehn Monate“ von Fabia Andina? Hört die Schweiz an den Sprachgrenzen auf?Schweizer Buchpreis? Oder „die spinne“ von Eva Maria Leuenberger? Warum nicht einmal Lyrik in der Liste der Nominierten? Weil man der Lyrik kein Scheinwerferlicht zutraut? Weil sich damit keine Verkaufszahlen generieren? (Hut ab vor allen Verlagen, die sich noch immer tapfer trauen, Lyrik zu drucken!) Die Liste jener Bücher, die es auch verdient hätten, wird mit der Intensität des Lesens nicht kürzer. Auch das Unverständnis über diese Versäumnisse. Zudem muss man wissen, dass sich etliche Grössen der hiesigen Literatur durch ihre Verlage gar nicht mehr zur Wahl stellen wollen.
Immerhin stehen für einmal keine Debüts in der Liste. Wie soll ein Debüt eine Chance haben neben einem Buch eines literarischen Schwergewichts? Und Schwergewichte sind in der Liste der Nominierten sehr wohl vertreten: Mit Sicherheit die erst 40jährige Dorothee Elmiger, die mit ihrem Roman „Die Holländerinnen“ auch in der Shortlist zum Deutschen Buchpreis steht. Und zweifelsohne Jonas Lüscher. Meral Kureyshi schaffte es mit ihrem Debüt „Elefanten im Garten“ vor 10 Jahren auf die Liste der Nominierten und gilt seither als wichtige Stimme der CH-Literatur. Von Melara Mvogdobo las ich vor ein paar Jahren ihr Debüt „Von den fünf Schwestern, die auszogen, ihren Vater zu ermorden“ und konnte mich nicht wirklich begeistern lassen, genauso wie vom

