Schuss und schon kommen Menschen um eine Wegbiegung, Schuss, tragen ein längliches Etwas auf ihren Schultern, Schuss, Schuss, ein „big man“ sei gestorben, sagt eine Frau, meint sie „tall“ oder „big“, immerhin ragt ein weisser Haarschopf hervor, noch ein Schuss, auf einem Strommast klebt die Todesanzeige, 90 Jahre ist er geworden, der Weg ins Jenseits muss ihm freigeschossen werden.
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Alice Grünfelder, 1964 im Schwarzwald geboren, aufgewachsen in Schwäbisch Gmünd – studierte nach einer Buchhändlerlehre Sinologie und Germanistik in Berlin (FU, Magister Artium) und Chengdu (China), war 1997–99 Lektorin beim Unionsverlag in Zürich, für den sie 2004–2010 die Türkische Bibliothek betreute. Vermittelte und übersetzte von 2001-2010 Literaturen aus Asien. Seit 2010 unterrichtet sie Jugendliche, leitet Workshops rund ums Schreiben, Lektorieren und Übersetzen und ist als freie Lektorin tätig. Von Februar bis Juli 2020 war sie für ein Sabbatical in Taipei (Taiwan). Sie ist Herausgeberin mehrerer Asien-Publikationen, schreibt Essays, Erzählungen und Romane, zuletzt bei dtv «Jahrhundertsommer«. Das Buch «Wolken über Taiwan» (Rotpunktverlag) stand 2022 auf der Hotlist der Unabhängigen Verlage. Diverse Auszeichnungen, u.a. nominiert für den Irseer-Pegasus-Literaturpreis 2019, Werkjahr der Stadt Zürich 2019.
Was mag die Essenz des Felskletterns sein? Wenn ich die gesamte Zeit bilanziere, von 1994 bis heute, könnte die Antwort lauten: das Licht.
Licht, das mich die Wand emporträgt wie ein Aufwind. An einem sonnigen, nicht zu heißen Tag, an einem abgelegenen Felsen.
Licht dringt durch Stirn und Schädeldach in mich; erhellt die Nacht, die dort über Jahre geherrscht hat, bis ich nur mehr Licht bin; Licht, Licht, Licht, ein unendliches Strahlen und Gleißen.
Doch ist das Dunkel nun außen, fast überall, jenseits der Felsen; als wäre es in die Welt emittiert.
Wenn ich damals, während meines kurzen Studiums, etwa durch einen Korridor an der Uni gehe, in irgendeinem Hörsaal sitze, scheint Mangel an Licht mein Denken zu beeinträchtigen; ich merke, wie ich in dem Dämmer um mich her nur immer wieder „ja, ja, ja …“ sage – man hält mich für einen Idioten.
Lange Zeit später ist dann – aber nun werde ich gleich pathetisch – das Dunkel mein Schicksal geworden. Mein Augenlicht schwindet. Ich bin fast blind. Trotzdem klettere ich noch immer.
Wie geht das überhaupt? Und vor allem: Wie kam es dazu? Dass ich zu klettern anfing und weiterhin klettere. Davon handelt dieser Blog.
Er handelt allerdings in ein Dunkel hinein, wie jenes, das mich mehr und mehr umgibt. Wer werden seine Leser sein? Wird es welche geben? Liest jemand noch längere Texte oder scrollt man nur durch Newsfeeds?
Noch kann ich am Computer arbeiten. Weiße Buchstaben auf schwarzem Grund, zwei bis drei Zentimeter hoch. Aber lange werde ich es nicht mehr können, es sei denn, ich erlerne die Blindenschrift. Dagegen sträube ich mich. Ein Behinderter will ich nicht sein. Doch wenn man eine eigens für Behinderte erdachte Schrift benutzt, ist man es dann nicht unleugbar und endgültig? Behinderte sind weder alt noch jung, weder Mann noch Frau. Sie sind einfach nur behindert. Sie gehen nicht auf Herren- oder Damentoiletten, sie gehen auf Behindertentoiletten. Sie parken nicht im Parkverbot, sie parken auf Behindertenparkplätzen. Jedoch: Ich schweife ab.
Was ich sagen wollte, ist: Mir bleibt nicht mehr viel Zeit für meinen Bericht. Einen Blog könnte man prinzipiell unendlich fortsetzen; das Web ist geduldig. So aber werde ich mich aufs Wesentliche beschränken müssen.
Ich habe vor, die Namen aller Personen, die hier vorkommen werden, zu ändern. Eine Ausnahme bilden berühmte Kletterer. Man würde ja auch nicht schreiben: „Gerald Röder“ oder „Der Kanzler, der Deutschland von 1998 bis 2005 regierte“. Das wäre ebenso albern wie verwirrend.
Ich selbst werde mich, einer Eingebung folgend, Markus Dengler taufen. Das klingt erdverbunden und mein Lebensweg mag zeigen, dass dies tatsächlich eine Facette meiner Persönlichkeit ist. Der Name im Impressum dieser Seite ist – allen Schlaubergern sei es gesagt – natürlich nicht meiner, sondern der eines entfernten Bekannten, der sich damit einverstanden erklärt hat, dort genannt zu werden. Er liest seine Mails übrigens nicht, geschweige denn Briefe.
Doch tue ich all dies nicht aus Angst vor Verwicklungen, juristischen oder auch nur privaten. Ich hoffe lediglich, auf diese Weise unbefangener schreiben zu können. Vielleicht kann ich überhaupt nur so schreiben, über mich selbst und im Internet. Entweder weil ich ein zurückhaltender Mensch bin oder, wahrscheinlicher, weil ich zur Zeit der Floppy Disks und Wählscheibentelefone geboren wurde, im Jahr 1977. Solche wie mich nennt man heutzutage „digital immigrants“. Und es stimmt: Das Internet ist uns etwas fremd geblieben.
Aber bin ich nicht andererseits ein Inbild des Zeitgeists? Der Unbekannte mit seinem Drang, sich einer virtuellen Öffentlichkeit zu präsentieren, um sich – ja, was? – seiner selbst zu vergewissern?, sich zu behaupten?, darzustellen?, vielleicht gar zu überhöhen? Der letztlich ungreifbare, geradezu unkörperliche Einzelne. Dieses Sich-Zeigen und Doch-nicht-zeigen-Wollen. Ob jemand sich dabei namentlich zu erkennen gibt, mag nicht der entscheidende Punkt sein. Denn ob einer durch Masken spricht, das wissen wir im Netz ja ohnehin nie.
Ihr könnt mich also für lächerlich modern oder peinlich altmodisch halten – das bleibt ganz euch überlassen.
[Der Text ist geplant als eines der ersten Kapitel des in Arbeit befindlichen Romans „Die Nüchternheit der Nullerjahre“. Dieser spielt in der Subkultur der Felskletterer und erzählt die Geschichte einer schwierigen Jugendfreundschaft. Der Roman hat die Form eines fiktiven Blogs.]
Arno Dahmer wurde 1973 in Frankfurt am Main geboren. Heute lebt er in Mainz. Er studierte Germanistik, war danach u. a. journalistisch tätig und arbeitet zurzeit als Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität in Frankfurt. Er veröffentlichte kurze Prosa in Anthologien und Literaturzeitschriften sowie den Erzählband Manchmal eine Stunde, da bist Du (Mirabilis, Klipphausen/Miltitz, 2017). Arno Dahmer nahm an der von Kurt Drawert geleiteten Darmstädter Textwerkstatt teil und erhielt für seine literarische Arbeit einige Stipendien sowie einen Sonderpreis beim Uslarer Literaturpreis. Bei kul-ja! publishing erschien im März 2023 sein Roman «Ein Mythos von mir». Aktuell arbeitet Arno Dahmer an seinem neuen Roman, der voraussichtlich 2026 bei kul-ja! publishing erscheint.
Mein erstes Interview gab ich mit zehn. Ich weiss nicht mehr, wo es war, ob im Garten, im Wohnzimmer oder im Bad vor dem Spiegel, aber ich weiss noch den Anlass: Ich hatte soeben meinen ersten Roman geschrieben. Der Held meiner Geschichte hiess Tschivers Cambel und suchte einen grossen Schatz. Der «Tages-Anzeiger» widmete Tschivers Cambel oder vielmehr mir die Titel-Schlagzeile der Wochenendausgabe:
«Bub schreibt Buch!»
Und so wurde ich selbst zu einem Schatz, nämlich zu dem meiner Mutter, die mich auf ein Podest hob und von unten bis oben anhimmelte – ein Gefühl wie tausend Glühwürmchen im Bauch, selbst wenn man es sich nur vorstellte.
Seither verging kein Tag ohne Interviews. Ich gab sie auf dem Schulweg, auf dem Arbeitsweg, im Fernsehen, im Bett und im Radio. Am liebsten im Radio. Ich beantwortete hundertmal Herrn Schawinskis Frage, wer ich sei, und war so oft zu Gast in der Sendung «Musik für einen Gast», dass derRedaktion die Platten ausgingen.
Dass ich einmal berühmt werden würde, ahnte ausser mir niemand. Obwohl es schon früh Anzeichen gab, schon mit acht. Ich ging in die zweite Klasse, und die Lehrerin sagte, wer wolle, dürfe nach vorn kommen und ein Märchen erzählen. Sie meinte eines, das man mal gehört hatte, zum Beispiel «Der Froschkönig» oder «Das hässliche Entlein», aber ich hatte nicht aufgepasst und redete einfach drauflos. Als ich fertig war, fragte die Lehrerin, woher ich die Geschichte hätte, die sei neu für sie, und ich sagte, ich hätte sie soeben erfunden. Und dann bat ich, noch einen anderen Schluss erzählen zu dürfen, der mir gerade eingefallen war, und sie war einverstanden, obwohl es geklingelt hatte.
Als ich 18 war, blitzte meine Geniehaftigkeit ein zweites Mal auf. Wieder in der Schule. Wir nahmen gerade den Dadaismus durch, und ich behauptete, solche Gedichte könnte ich auch schreiben, mit links. Mein Deutschlehrer, ein untersetzter, humorvoller Mann, sagte:
«Beweisen Sie es!»
In der nächsten Stunde hatte ich zwei Dada-Gedichte an die Tafel geschrieben und bat den Lehrer, herauszufinden, welches ein echtes Dada-Gedicht sei und welches von mir. Er las und sagte, ihm gefielen beide Gedichte, aber das links sei von mir. Ich musste ihm recht geben. Ich wollte wissen, woran er das erkannt habe, und er sagte, das echte Dada sei eben noch eine Spur raffinierter. Er ging die beiden Gedichte Zeile für Zeile durch und zeigte die Unterschiede auf. Dann wollte er wissen, von wem das echte stamme, von Hans Arp, Max Ernst, Hugo Ball? Ich sagte: auch von Tom Zürcher.
Ich musste 30 werden, bis ein Verlag sich für eine meiner Geschichten interessierte. Er hiess Eichborn, was sich reimt auf: a Star is born. Als der Roman dann im Buchladen stand, wurden auch spezialisierte Kreise auf mich aufmerksam. So lud mich das Literarische Quartett ins ZDF ein, weil Herr Reich-Ranicki mich und mein Werk persönlich in die Mangel nehmen wollte. Doch statt energisch den Kopf zu schütteln und miserabel, ganz miserabel! zu schimpfen, hielt er das Cover in die Kamera und sagte, Mann, krass wie Grass, und es war das erste Mal, dass er krass im Fernsehen sagte.
Ich wollte nie ein Schriftsteller werden. Ich wollte immer ein Texter sein. Während Schriftsteller unter der Bürde wohlformulierter Intelligenzigkeit mit der Zeit bitter und finster werden, bleiben Texter unbekümmerte Handwerker, die alles texten können, was sie wollen. Wenn sie Geld haben, texten sie Theater, Comics und Romane, wenn sie kein Geld haben, texten sie für teures Geld billige Reklame. Aber auch Texter wollen berühmt werden. Ganz besonders, wenn sie schon mit zehn ihren ersten Roman ins Schulheft gekritzelt haben.
Ich wollte einen Bestseller texten, den man nicht mehr weglegen konnte. Ich wollte in aller Munde sein mit einem Buch, das man von der ersten bis zur letzten Seite frass. Ich wollte einen Hit landen, der mich berühmt machte. So berühmt, dass ich auch mal ausserhalb meines Kopfes ein bedeutendes Interview geben konnte. Wo es auch andere hörten, allen voran meine Mutter, die dann sagen würde:
«Nun hat er doch noch etwas Vorzeigbares geschafft, wer hätte das gedacht, ich nicht.»
Im Februar letzten Jahres, kurz bevor mein neuer Roman herauskam, starb meine Mutter und machte ihn damit zu meinem letzten. Denn nun gab es keinen Grund mehr, Bücher zu texten, das Feuer war erloschen unter der Asche meiner Mutter. Wozu noch berühmt werden? Das Leben war auch so anstrengend genug, ich war mittlerweile 55. Die fixe Idee, die mich seit klein auf begleitet hatte, löste sich in einem verheissungsvollen Regenbogen auf, an dessen Ende ich endlich Ruhe und Bescheidenheit fand.
Und nun kommt der kulturtipp und bietet mir die Carte blanche an. Die grüne Wiese. Die freie Bühne! Ich dürfe machen, was ich wolle, und natürlich weiss ich sofort, was ich machen will. Ein Interview. Mit mir:
Tom, das ist einfach unglaublich. Du im kulturtipp! Nun scheinst du doch noch berühmt zu werden.
Tja. Wo ich es nicht mehr brauche.
Das nehme ich dir nicht ab.
Ist aber so. Ich bin geheilt.
Du träumst kein bisschen mehr vom grossen Erfolg?
Nö. Sonst würd ich ja weiterschreiben.
Du hast also nicht irgendwo noch ein Manuskript versteckt, an dem du heimlich rumdokterst?
Echt nicht. Ich habe meinen Traum in eine Eisenkiste gepackt und so tief vergraben, dass nicht mal Tschivers Cambel sie finden würde.
Tom Zürcher, 1966 geboren, ist freier Texter. Meistens textet er in Zürich. Er textet alles, was das Leben von ihm verlangt, doch am liebsten textet er Romane. Keine Mitgliedschaften, keine Jurys, keine Pläne. In festen Händen. 2019 war er mit «Mobbing Dick» für den Deutschen Buchpreis nominiert. Im Picus Verlag erschien 2021 sein neuer Roman «Liebe Rock».
D Chilchenuhr hett churz vor achti und im Chinderzimmer chäibet myni Chlyyni no immer uf em Chinderbett umme wie en chäärige Chirsichlöpfer. E Chilbi isch das, säg ich euch. Chääferig wie si isch, chrääsmelet si us eigener Chraft uf en umgcheerte Chratte näb em chriesböimig Chaschte, chniempet sich cherzegraad aane und chalbernäärscht denn wie nes chaabisdrööligs Chäigeli über s chloobige Kchaanapee derap ufe Chacheliboode, zmitz is Chlötzli-Chrausimausi, dezwüüsche Chrükcherli und verdrukcheti Chröömli, alles chrüzwyys. Wie das chäibed, chläppered und choldered, chasch chuum glaube. Es Chrippischrappis het si gmacht bim ummechalbere und ummechuugele, das Chrüüschelihäxli.
„Mach kchäi Chabis, Chnüschperli“, hani chooblig gchäibed und ha ufe Liechtschalter drükched und s Chämmerli isch dutzwytt chäibemeesig choolbrandschwarz worde.
Do isch dä chlyy Chnopf z Chopfede ufs Chopfchüssi gchläädered wie ufe Chanzle, het sich haupthööchlig und z chnüünlige aaneghökchled und het mit syyne Chueöigli so gross wie Choolchöpf gkchlimpered und gchüüscheled:
„Chunnsch mi cho chrüüfzere, Mami?“
Ui, was cha das Chutschi chüenzle und chüüderle noch allne Noote.
„Du chrampfchruttige Chnüüderi“, hani drum gchittered und däm Chnööpflibyyger s chruushöörige Chöpfli gchrääbeled. „Es isch doch scho chyttig. Und was zum chöödrige Chrottestächer isch denn ‚chrüüfzere‘ für es chäibs Chäppelerzügs? Isch das Chuuderwältsch?“
„Chrüüfzere isch e chäibe chöischtligi Sach“, isch es choo wie us dr Chäpselibischtoole und debyy isch mir das Chützli ufd Schänkchel gchläädered und het sich zhächligedikch an mich aanegchnuuschded wie ne Chlette. „Chasch mi drum bissoguet so lang chrüüfzere wies bruucht, um mit eme Chüechliseechter e Chrueg Chrälleliwasser zchluuribelze?“
„Äch chumm, du chlyyne Chluuri“, hani gchlööned, „chasch nid äifach chly chrööse. Und was isch denn das Chogechäibs, das Chrüüfzere?“
S Chindle het chatzefrüntlig syn Chambe uf mini Chittelfäkchte gchiered. Do hani in deere chäibe chaltlächtige Chäldnacht aagfange, sys Chruuseltschüppli z chnöötsche und z chüüderle. Jo, die ganzi chrooschpelig Chüürpse vo däm chlyyne Chlaus hani gchrööieled und gchräsmeled.
„Isch das chrüüfzere“, hani gchüüscheled und ha mit myne Chlööpe die chöischtlige Chaabisblätter gchrüüseled, gchriibeled und gchramsled.
„Chasch dänkche“, het dä chyydigi Chnoorzchopf gkchichered.
„In däm Fall isch das chrüüfzere“, hani gchischpered und ha s chnuschprig Chyyni gchnätted und gchrüüscheled und mit myne chnöpfige Chlöpfer, fascht scho Chnölpifinger syys, e chlyy uf em Chiifer ummekchlympered.
„Chaabis, Mami, het dä chatzenöigligi Chaschper gchäischbered. Hesch Chuuder in de Oore? Chrüüfzere söllsch mi, chumm.“
„Chas ächt syy, dass das chrüüfzere isch“, hani fangs chäibedäig gchyyschtered und ha die chäche Chnüü vo däm chummlige Chnülli gchlütterled, gchnutted und gchnöötscht und die verchruschtete Chlekch hani gstryychled.
Jo s ganze chöischtlige, gschmökchige und choge choschtbaare Chind hani phäkched und gchnuddled und churzschpitz chreftig an mi aaanegcheesed und ha gchlischpled:
„Oder ächt das? Isch das churzamänd das chrüüfzere, Chindgottes?“ Chöit dir euch voorstelle, was mir dä chlyy Chrott churz vor Mitternacht ändlich chogechäibelyys zur Antwoort gchuuched het?
Chhh.
Chhh.
Chhh.
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Rebekka Salm besuch den Lesekreis Literaturhaus St. Gallen mit ihren Romanen im Gepäck. Wer Interesse an diesem Lesekreis hat, kann sich hier (Literaturhaus St. Gallen) oder hier (Veranstaltungen literaturblatt.ch) informieren und anmelden.
Rebekka Salm, geboren 1979 in Liestal und wohnhaft in Olten, studierte Islamwissenschaften und Geschichte in Basel und Bern, arbeitet als Texterin, Moderatorin und Erwachsenenbildnerin. Mit ihrem bemerkenswerten Debütroman «Die Dinge beim Namen» (2022) schaffte sie es in die Bestsellerlisten und wurde bereits zu über hundert Lesungen eingeladen. Rebekka Salm wurde mit diversen Preisen ausgezeichnet: Förderpreise der Kantone Solothurn und Basellandschaft, Dreitannen-Förderpreis der Hans und Beatrice Maurer-Billeter-Stiftung.
Hagebutten und Kastanien auf dem Schreibblock schweben, von oben fotografiert, über dem linienlosen Weiß. Der Kopf. Sein Hängen. Das Klicken des Kugelschreibers.
Flur
Der Tunnel ist mir fremd, und ich habe Angst. Nicht aber, dass ich allein bin, ängstigt mich, nicht die vielen nur vage auszumachenden, geschlossenen Türen zu beiden Seiten, nicht die Unkenntnis dessen, was sich hinter ihnen wohl befinden mag, auch nicht die Abwesenheit meiner Schritte auf dem lautlosen Teppich, sondern allein, in diesem Augenblick, der Umstand, dass hinten, ganz weit hinten eine Tür sich öffnet und wieder schließt zu einem Licht, das mich auffordert, ja zwingt, nicht stehenzubleiben und immer weiter darauf zuzugehen.
Nur darum drossele ich meinen Gang, tausche Neugierde und düstere Erwartung ein gegen Achtsamkeit, spüre meine Füße in den Socken, in den Schuhen, die Sohlen auf dem Teppich, das Abrollen der Ferse erst links und dann rechts und wieder links und wieder rechts, spüre meine Hände in den Seitentaschen meiner Jeans, mit der einen ein Feuerzeug umfassend, mit der anderen einen glatten, nicht ganz runden Stein, spüre ein leichtes Jucken an drei Stellen meiner Kopfhaut, einen leicht bitteren Geschmack auf der Zunge, aufsteigende Luft im Magen, ein nervöses Drücken im Darm. Und obwohl das alles nicht angenehm ist, versuche ich, es mir einzuprägen und es zu bewahren, während der Tunnel mich dunkel umgibt und das Licht dort hinten immer kleiner wird und sich immer weiter, mich an sich ziehend und mich nicht loslassend, von mir entfernt.
Fahrt
Alle Erwartung frisst sich zurück in meinen Bauch, und ich wende, mit bereits geschlossenen Augen, den Blick ab, den ersten und anhaltenden durch das Fenster hinter dem Schreibtisch, wende ihn ab von den Ställen und der Schmiede, der Wiese, dem Zaun, dem Rest einer Mauer. Ich verstaue das Schreibzeug, den Walkman, alles Umherliegende in Tasche und Rucksack, streife die Jacke über, streiche erneut und erstmalig mit der Hand über den blassgelben und beigen Frotteebezug des Kopfkissens und der Decke, sauge den Geruch nach starkem Waschmittel ein und nach kaltem Staub, sauge den blaugrauen Teppichblick ein, den Blick auf Furnierholz, die Schublade des Nachttischs, das Milchglas der Lampe, das Kreuz darüber, sauge das alles, kaum wurde es vor mir ausgeschüttet, ein, denn nichts soll zurückbleiben, alles sei rückwärtig, bis sie mir übergehen, Augen und Hirn, und ich das Zimmer verlasse, den Flur, die Wohnung, das Treppenhaus mit den hölzernen, nicht endenden, ächzenden Stufen.
Draußen schiebe ich meine Sachen auf den Rücksitz des Wagens, schließe alle Türen, auch den Kofferraum, steige ein, starte und fahre los, im Rückwärtsgang, den schmalen Weg entlang durch den Garten und den Park mit seinen Gemüse- und Blumenbeeten und alten Bäumen, vielleicht sind es Linden, vielleicht auch Kastanien, rolle vorbei an Schmiede und Töpferei, einem Seiteneingang, einem geparkten dunkelblauen VW Golf, passiere rechts das sich jäh und wie von selbst öffnende Eisentor, passiere die verlassene Pforte, die lange weiße Frontseite des Klosters, das rotgeklinkerte Gästehaus, den Parkplatz, die Obstwiesen, die Schule, rolle weiter zurück bis zur Kreuzung, biege nach links ab, schaue auf das Gelb einer Telefonzelle, auf die bunten Auslagen eines Kiosks, nehme den Fuß von der Bremse, gebe Gas und schlängele mich über etliche Kurven den Berg hinab. Fahre den Klosterberg hinab. Bewege mich dabei rückwärts und verschwinde, den Blick wiederum auf Gelb, doch diesmal des Ortsschildes, gerichtet, in einem Wald, einem dunklen Tannenwald, auf den nach langer Zeit braune Äcker folgen, dann wieder ein Wald, Hügel mit grauen Stoppelfeldern, Wald und wiederum Hügel, die Straße in Schlangenlinien den Fluss entlang und irgendwo dort hinten, jenseits des Tales und steil herauf, in schwindender Ferne, mir schwanend: das Dorf und das HAUS.
Ich stelle jetzt, Pauls Wunsch gemäß, vieles vor mich hin, als käme es einer Sichtung gleich, bedenke die Zeit und ihre Lügen, unzählbare Versuche, mir weißzumachen, dass sie vergehe.
Ich entkomme nicht und komme auch nie an. Und unterwegs werde ich mich nicht verlieren im schönen Detail. Denn das schöne Detail ist nicht schön, und ich verliere mich nicht in, sondern ich kralle mich fest an ihm.
Flur
Ich stehe vor einer hellen Tür und weiß nicht, ob ich sie öffnen soll. Das Tageslicht, das für mich ganz plötzlich von außen durch die obere und untere Glasscheibe dringt, sorgt dafür, dass ich abrupt die Augen schließe und sie nur zögerlich und blinzelnd wieder öffne. Hinter mir weiß ich einen langen dunklen Flur, dessen Ausgangspunkt mir in diesem Augenblick entfallen ist.
Ich habe Angst in beide Richtungen.
Die Tür hat, glaube ich, im Gegenlicht einen sehr dunkelgrünen Rahmen.
Wenn ich wüsste, ob und hinter welcher der vielen abgehenden Türen in meinem Rücken sich ein Ort des Unterschlupfs befindet, vielleicht ein dunkler und enger Wäsche- oder Putzraum, eine Dusche oder eine Toilette, würde ich mich, vielleicht, jetzt, in diesem Augenblick, umdrehen, um ihn aufzusuchen. Mich einzuschließen in einer der Kabinen. Vielleicht auch zwischen den Eimern und Geräten einer Abstellkammer. Um Zeit zu gewinnen.
Die Tür verfügt über einen Stoßgriff, rechteckig, aus schwarzem Kunststoff. Keine Klinke. Zum Aufschieben oderziehen, je nachdem. Sie ist nicht verschlossen. Sie führt nach draußen, kein Zweifel.
Wie mit der Nase eines Kindes am Glas mit Blick von drinnen nach draußen: Dort sitzen und bewegen sich große Menschen, wie viele, ist von hier aus nicht zu erkennen. Etwas trübt die Sicht, Nebel oder Rauch. Akustisches nehme ich nicht wahr.
Welche Art des Öffnens, frage ich mich, wäre das, öffnete ich die Tür ganz langsam oder versuchte ich, sie aufzustoßen, ruckartig, und welchen Ausmaßes wäre dieses Öffnen, und was würde sein, und was würde folgen.
Ich umfasse den Griff, gebe mir einen Ruck: der allerdings nicht oder nur halb nach vorn, nach draußen, sondern zugleich nach hinten losgeht, ins Dunkle, wo ich mich rasch verkrieche, in irgendeiner Ecke, fort bin und unauffindbar, während ich im selben Augenblick und etwas ungelenk nach vorne kippe und mich und einen nicht leicht zu bestimmenden Teil von mir wiederfinde am Ein- oder Ausgang eines Hofes.
Kabine
Ich sitze im Dunkeln und gehe davon aus, dass ohne Licht die Zeit nicht vergeht. Dass sie anhebt und vergeht, nur wenn es hell ist.
Wenn ich an die Fahrt denke, dann nur an ein stehendes Bild, vielleicht auch mehrere, aber immer stehend. Dass keine Gefahr ausgehe von ihnen.
Was, frage ich mich, werde ich tun, wenn jemand kommt und das Licht anschaltet? Mich auf keinen Fall räuspern, nur nichts zu erkennen geben, nichts, das sich zurückverfolgen, sich einfordern ließe. Ich werde die Luft anhalten, den Herzschlag herunterfahren, mir die Fluchtwege vor Augen führen, auch das Heimweh verdrängen, es mir verbieten, wonach auch. Nur im Dunkeln entfällt die Frage, in welche Richtung ich denken oder schauen und mich bewegen werde.
Doch wenn das Licht angeht, seltsam, wird Paul dann denken, dass die Tür der Kabine verschlossen ist. Dann wird er wissen, was los ist, was ich getan habe, wird, nur kurz und ohne sie nach unten zu drücken, die Hand auf die Klinke legen, wieder heben, mit den Fingernägeln fast und doch nicht, aber fast schon hörbar, über die glatte Furnierschicht der Tür streichen, um sich dann, mit leichtem Rauschen, wieder zu entfernen. Das Licht zu löschen. Und seine Schritte auf dem Teppich des Flures und die Richtung seines Fortgehens werden nicht mehr auszumachen sein.
Oft, denke ich, wird von jetzt an diese Kabine der Ort meines Rückzugs sein.
Hof
Als wäre ich, gerade jetzt, an einem trüben Tag und in fremder Umgebung aufgewacht. Es ist weniger hell, als es der Übergang von Schlaf zu Nichtschlaf vermuten ließ. Ein kühler, etwas milchiger Nachmittag ist dies. Rauch und Nebel weiten die Grundfläche des Hofes, die in vermeintlicher Ferne eingefasst scheint von einer vage verlaufenden, in blassem Rot sich verlierenden Mauer.
Die Welt ringsum ist nicht vorhanden, innerhalb der Mauer jedoch nehme ich gleichzeitig Verschiedenes wahr: vorne einen Grill, qualmend, darauf graue, braune oder geschwärzte Würstchen, zwei Bierkisten, einige Flaschen Cola, Becher, zwei Bierbänke und einen Tisch.
Die Personen zu zählen, liegt mir jetzt fern, es scheinen viele, aber mir fällt auf, dass sie alle Jacken tragen und dass doppelt so viele Augen sich jetzt, womöglich, auf mich richten und mir zu sagen scheinen: Jetzt musst du etwas tun oder etwas sagen. Noch stehe ich abseits, aus Scham, dass sie mich sehen, doch schon höre ich eine Stimme, die ich kenne, dann sehe ich ihn auch: Bruder Paul.
„Da bist du ja.“ Und prompt werden mir, viel zu schnell, die vorgestellt, denen ich zugeordnet werde, die mich einarbeiten und von nun an begleiten sollen, es sind vier: Tom, Liv, Chris und Ka.
Dann sitze ich etwas krumm auf einer der Bänke, eine Bierflasche in der Hand, zwischen ihnen. Das Bier macht die unruhigen Hände, macht den nervösen Magen kalt. Stimmen erfasse ich, doch keine Worte. Paul befindet sich nicht weit von mir. Von oben ragt der Ast irgendeines Baumes ins Bild, das hin und wieder flackert, wie unentschieden zwischen Farbig und Schwarzweiß.
„Vergiss nicht“, höre ich ihn durch das Blättergewirr und die Stimmen der anderen hindurch zu mir sagen, „morgen, um halb acht.“
(Der Roman „Klosterberg“ erscheint im Herbst 2025.)
Boris Hoge-Benteler, geboren 1979 in Marburg, aufgewachsen in Büren (Westf.), studierte Neuere deutsche Literatur, Italienisch und Geschichte in Berlin und Wien und promovierte in Münster über Russland-Konstruktionen in der deutschen Gegenwartsliteratur. Er arbeitet als wissenschaftlicher Bibliothekar in Jena und lebt in Weimar. 2022 erschien sein Debütroman „Sonnenstadt“, 2023 folgte sein Briefroman „Liebe Dunkelheit“.
Der Alte kniete auf dem Platz vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude, in dem jetzt die Anderen wohnten. Er arbeitete immer hier, wenn die Galeerensklaven mit ihren brüllenden Gesängen aufzogen. Sie fingen schon wieder an, die Pflasterung aufzureißen, als er unten auf der Straße angekommen war. Vom Balkon aus hatte er den Platz im Blick, nur kam er nicht mehr so schnell die Treppe runter. Es war nicht der erste Aufzug vor dem Gebäude und er kannte den einen und die andere. Nachbarssöhne und Töchter. Er war selbst ein Galeerensklave gewesen, damals, er kannte sich aus. Wenn sie kamen, ging er mit seinem Fäustel auf die Straße. Ermusste wieder in Ordnung bringen, was sie anrichteten. Einer musste die Löcher flicken, die sie rissen. Einer musste das alles wieder heil machen. Wozu war er Steinsetzer gewesen. Einer der Besten. Er räumte auf, setzte Stein um Stein an seinen Platz zurück, und kümmerte sich nicht um die
Vorwärts! vorwärts!
Schlacht, die um herum tobte. Er hörte nicht hin, langte nach einem weiteren Basaltstein, der lose herumlag, und drückt ihn in ein Loch. Dann nahm er den Fäustel und klopfte Stein um Stein im Sandbett fest. Ein Knallkörper zischte dicht an seinem Ohr vorbei, eine Weile hörte er nichts mehr. Er sah nicht auf. Er arbeitete weiter, immer weiter, von Loch zu Loch, während um ihn herum neue aufgerissen wurden. Er wollte das nicht sehen, auch dann nicht, als die Polizei kam und alle aufforderte, den Ort zu verlassen. Niemand hörte darauf. Ein Wasserwerfer schleuderte einen Strahl über ihn hinweg. Harte Tropfen regneten auf seinen Rücken nieder. Er bückte sich nach einem weiteren
mögen wir auch untergehn
Stein, obwohl sein Kreuz schmerzte. Berufskrankheit. Er war längst zu alt zum Kriechen, aber er hatte Schuld zu begleichen. Ein junger Kerl riss ihm den Stein aus der Hand, den er gerade
Mann für Mann!
aufgehoben hatte. Einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke und er sah sich selbst, seinen alten Hass, die Angst und Wut. Er wusste noch gut, wie sich das angefühlt hatte. Der Junge mit dem Stein war in dem Alter, in dem er selbst einGaleerensklave geworden war. Er packte den Jungen am Handgelenk. „Ich kenne dich.“ „Fresse halten!“ Der Junge riss sich los, nahm Anlauf, streckte sich, holte in einer eleganten Bewegung aus, als ob er das tausend Jahre geübt hatte, und
durch unsere Fäuste
schleuderte den Stein gegen das brennende Haus. Ein Tier im Sprung, blutberauscht, schön und abscheulich. Das dachte der Alte, obwohl er sich das Denken lange abgewöhnt hatte. Der Stein prallte gegen die Wand aus Plexiglasschilden, hinter der sich die Ordnungshüter so schnell verschanzt hatten. Dahinter turnten die Anderen schutzlos auf den Simsen und Balkonen, einer hing wie eine Bettdecke von einer Brüstung, Scheiben barsten und Flammen schlugen aus Fensterlöchern. Das Haus schrie. Ein Feuerwehrwagen blieb im Gewühl stecken. Eine sprang aus dem dritten Stock, angefeuert noch und beklatscht. „Immer schön runter! In den Dreck. Dreckspack!“ Er hatte nur kurz hingesehen und den Kopf dann wieder gesenkt. Er hatte besseres zu tun, er flickte
durch Nacht und durch Not
die Löcher, die gerissen wurden und auch diejenigen, die gerissen worden waren. Alle Löcher dieser Welt zu flicken, etwas Besseres hatte er nicht zu bieten.
„Fünf Millimeter, wenn´s recht ist. Ein deutscher Mann sieht nicht aus wie ein Zigeuner oder Jud!“ Der Friseur, der einen Kerl aus ihm machen sollte, war ein schmächtiges Bürschchen gewesen, einer mit flottem Führerbärtchen und zackiger Pose. Er selbst hatte auf dem Stuhl im Herrensalon gesessen, die Haut klebrig vom Schweiß, das rissige Kunstleder kratzte im Rücken. Im Spiegel lief ein Film mit ihm als bestem Nebendarsteller. Wie ich zu dem wurde, was ich zu sein habe. Sein Vater hatte hinter ihm gestanden, stramm auf den Beinen, während der Friseur auf dem Jungenflaum tänzelte, der auf den Boden schneite. Als er ihm schließlich den Nacken ausrasierte, wurde ihm kalt. In der Geschichtsstunde hatte der Lehrer Bilder von römischen Galeerensklaven gezeigt.Abbildungen alter Ölgemälde. Die Sklaven hatten ausgesehen, wie er jetzt, wie sein Vater schon lange. Wie alle. Der Lehrer hatte gesagt, der geschorene Kopf sei das Mal der Unterwerfung unter die römischen Herren gewesen. Bestimmt hatte er gelogen, denn sein Vater behauptete doch, sie seien jetzt und immerdar
Kamraden, dir!
die Herren der Welt. Ein leiser Zweifel hatte ihn damals befallen, der bohrte seitdem in ihm, ob er nämlich Worten trauen konnte. Je nachdem, wer sie aussprach und wer sie hörte, bedeuteten sie mal dies und mal das. Dazu kamen die Spitzfindigkeiten, die er nicht begriff.Also war er lieber Steinsetzer geworden, denn ein Stein ist ein Stein. Heute wusste er, dass selbst das nicht immer stimmte. Er kroch auf Knien weiter und sammelte einen Armvoll ausgerissener Balastquader ein. Sorgfältig reihte er sie neben dem Loch auf, das er zu flicken begonnen hatte. Er erkannte mit bloßem Auge, dass alles passen würde, denn er hatte schon zu viel geflickt, da konnte ihm niemand etwas vormachen. Jemand stieß ihn in den Rücken. Sirenen heulten. Gelbblaues Licht zuckte über den Platz. Er arbeitete bedächtig. Sein Herz schlug im Takt des Fäustels. Er atmete ruhig. Aus dem Dach schlug
die neue Zeit
das Feuer. Balken krachten, Scheiben klirrten und er hob für einen Moment den Blick, um zu sehen, was da los war. An einem Fenster stand eine Frau, ihr Umriss zeichnete sich vor den Flammen ab, die hinter ihr loderten. Unten breitete die Feuerwehr Sprungtücher aus. Sie hielt ein Kind im Arm. Wie damals, dachte er und verfluchte sich fürs Hinschauen, aber es war nicht mehr zu ändern. Die Bilder schoben sich übereinander. Die alten und die neuen. Es gab ein Hier und ein Da. Die Frau von damals hatte auch ein Kind gehalten, Flammen im Haar, die heilige Barbara, während unten die Galeerensklaven Löcher rissen. Die Frau hatte ihn angesehen und das Kind
flattert uns voran
geworfen. Und er?
Der nächste Stein passte in das nächste Loch. So ist es gut, dachte er. Sein Herz schlug wild, denn der Führer persönlich hatte ihm damals die Hand geschüttelt, war aus seinem Bunker gestiegen, hatte ihm zugelächelt mit zuckenden Mundwinkeln, ihm und ein paar anderen Jungs, die eilig zusammengekratzt worden waren, den Krieg noch zu gewinnen, so kurz vor dem Ende, Kanonenfutter, das man dem Schüttelgelähmten vor die Füße stellte, um seinen Tremor zu besänftigen. Ein schöner Frühlingstag war das gewesen und so voller Hoffnung, denn die Kirschbäume hatten geblüht. An diesem wunderschönen Frühlingstag verlieh
wirst leuchtend stehn
der Führer ihnen Orden. Warum hatte die Frau damals ausgerechnet ihn angesehen? Er war nur ein kleiner Galeerensklave gewesen, der von nichts gewusst hatte. Seine Knie schmerzten. Der Stein, den er gerade hielt, fiel ihm
als der Tod
aus der Hand. Er hob ihn auf und legte ihn in das Loch, das er für den Stein vorgesehen hatte, aber er passte nicht hinein. Alles tat ihm weh, der Nacken am allermeisten. Er streckte seine schmerzenden Glieder. Die Frau mit dem Kind stand immer noch da. Sie blickte ihn in
Ewigkeit!
an.
Helga Bürster, geboren 1961, ist in einem Dorf bei Bremen aufgewachsen, wo sie auch heute wieder lebt. Sie studierte Theaterwissenschaften, Literaturgeschichte und Geschichte in Erlangen, war als Rundfunk- und Fernsehredakteurin tätig, seit 1996 ist sie freiberufliche Autorin. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Sachbücher und Regionalkrimis, zudem wurden von Radio Bremen/ NDR sowie vom SWR Hörspiele von ihr ausgestrahlt. 2019 erschien ihr literarisches Debüt «Luzies Erbe» und 2023 ihr Roman «Als wir an Wunder glaubten«, beide bei Insel/Suhrkamp.
Sie blickte auf dieses kleine Mädchen in Schuluniform, das sie einmal gewesen war. Ein altes vergilbtes Schwarzweißfoto. Ein kleines Mädchen mit offener Wunde. Die Nachricht, sie müsse früher als geplant in die Schule. Sie war noch nicht sechs Jahre alt, da begann im Spätsommer der neue Lebensabschnitt. Die Nazis trieben die Kinder mit sechs in die Volksschule. Die Schule war im Tal, die Wege führten mitten durch den Wald und waren lang. Keine Straße, kein Bus. Nur schmale Wege, durch Dunkelheit und finsteren Wald. Sie und zwei andere Kinder vom Berg. Der Ton der Menschen änderte sich, eine unsichtbare Bedrohung trug sie jeden Tag als Last. Sie hörte die Erwachsenen, das neue Grüßen, die Fröhlichkeit im Dunkeln versteckt. Das Dunkle war ihr Wegbegleiter, und die Angst. Der Weg durch den Wald, finster noch im Morgengrauen, die Schule unten im Tal, der Schnee knirscht unter den Tritten, die ihr Echo in eine graue unbewältigte Vergangenheit werfen. Der Morgen könnte bald ein Ende finden, deine Gedanken jagen sich selbst in Angst vor den Wölfen, vor den Jägern, vor den unbekannten Männern, die deine Wege kreuzen könnten, schon gekreuzt haben, dir schon in deine klammen Angstaugen geblickt haben, keine Zeit zu vergeuden, der Weg geht weiter, du bleibst starr in deinem Schreck, siehst nach, hörst die schwer Atmenden, siehst ihre Spuren, die Linien im Schnee sind rot, dein Herz macht einen Sprung mit deinem Körper vorwärts, an klaren Tagen ist es leichter, den Weg zu finden, im Dunklen, ins Tal, dort unten, wo die Lehrerin mit Stäben in den Händen dein Kommen überwacht, im Hintergrund die Uniform, die fragen wird, was war auf deinem Weg, und du keinen Ton aus deinem kleinen Kindeskörper an die Oberfläche lässt, keinen Ton, keinen Ton.
Das Vorhandensein der weißen Kreide, die auf der Ablage der Schiefertafel ruhte, beruhigte dich. Gleich würdest du die Kreide in deinen kleinen Fingern halten und die Schwärze weißen. Die Vermessung der Tafel war dein Werk, Auftrag und Sehnsucht gleichermaßen, das Dunkle abzuschütteln, die Schwärze der Nacht auszulöschen, den Schnee wieder in seiner weißen Pracht erscheinen zu lassen, der Helligkeit, die der Dunkelheit folgt, die Richtigkeit abzutrotzen. Das Weiße, nicht jedes, war deine Rettung.
Die Lehrerin erklärte mit seltsam aufdringlichem Stolz, was die Kinder zu lernen hatten. Die Kreide in deiner Hand war weiß und fest, bei jedem Wort der Frau vor der Tafel zermalmtest du ein kleines Stück davon, sie sprach von dem Bekenntnis zur Heimat und deine Finger umfingen die Kreide fester, ihr Ton wurde hoch und schnappte beim patriotischen Deutschtum und der Heimkehr ins Reich fast über, deine Finger krallten sich tiefer in das Weiß, lösten mit dem Schweiß jeden Partikel und verfingen sich im Klebrigen, deine Gedanken lösten sich und flogen in die Berge, zu den Leuten in den Wäldern, zu den Feuern, die nur kurz wärmten, weil sie viel zu schnell gelöscht wurden, der staubige Rauch im Nu erstickt, die Äste darüber, die Landschaft ohne Spuren verlassen.
Was konnte dein Kinderherz ahnen, von all dem Grauen rundherum, dem menschenverachtenden, dem bestialischen Abschlachten, dem Töten zur Auslöschung unwerten Lebens. Du grubst deine Finger in die weiche weiße Kreidemasse, das Wort zu Ende gesprochen und deine Finger holten sich schnell die andere Weiße von der Tafel, schrieben auf ihr wie gehetzt, Wort um Wort, Sprache vergib, was ich hier zu schreiben habe.
Karin Prucha «Anderland druga dežela», der wolf verlag, 216 Seiten, Klappenbroschüre ISBN 978-3-903354-07-4
Karin Prucha, geboren 1964 in Wien, Studium der Germanistik, Kultur- und Kommunikationswissenschaften, Coaching-Ausbildung. Lebt und arbeitet in Klagenfurt/Celovec freiberuflich als Schriftstellerin, Dramaturgin und Regieassistentin und Kulturvermittlerin. 2020 Literaturstipendium des Landes Kärnten, Finalisierungsstipendium für die zweite eigenständige Publikation «Anderland».
Derzeit Arbeit am Roman «Das Salzige an den Rändern», Lyrikprojekt «Medea», Stück «Anderland I druga dežela» für Poesie, Tanz und Musik.
Die Kieler Schriftstellerin Zara Zerbe bietet mit ihrem Debüt-Roman PHYTOPIA PLUS elegante und kluge Unterhaltung. Nebenher nimmt sie sich das Genre der ‚Climate Fiction‘ zur Brust.
Gastbeitrag von Frank Keil Der Journalist lebt und arbeitet in Hamburg und Norddeutschland, Schwerpunkte Kunst und Kultur, Geschichte sowie Bildung und Soziales.
Das hätte auch schiefgehen können! Hätte ein Anklagestück werden können, schwer und düster, das man bald halbgelesen liegen lässt: wo wir doch alle wissen, das es nicht gut aussieht mit den Gletschern, den Polarkappen, den Regenmengen, die auf uns niederprasseln und den Südsee-Atollen, an denen der wachsende Meeresspiegel nagt – also mit dem Klima und der Zukunft, um mal zu untertreiben. Doch das Gegenteil ist der Fall: Man liest Zara Zerbes dystopisches Roman-Debüt schnell ein wenig wie früher, als man erstens Bücher las, um sich zu unterhalten, zweitens um den Kopf weit hinaus in die Welt zu strecken und drittens um sie unbedingt weiterzuempfehlen. Was alles auch an dem präzisen und gleichzeitig so lockeren Erzählstil liegt und überhaupt an dem dramaturgischen Geschick, mit dem Zerbe zu Werke geht.
Der Clou und vielleicht auch der Trick: Zara Zerbe führt uns in eine durchweg vertraute Welt wie der von heute, nur ist sie einige Jahrzehnte in die Zukunft verlagert, so dass alles ein bisschen schief und verdreht ist und doch zugleich vertraut.
Die Stadt, in der wir nun eine Zeitlang lesen lebend, Hamburg nämlich, ist dabei in einem durchaus desolaten Zustand: Das Vorland hat sich in eine sumpfige Elbuferlandschaft zurückentwickelt, entsprechend drückt das Flusswasser beständig in die Straßen, unterhöhlt die Straßen und Gebäude, weshalb im Süden die Menschen leben, schon immer nicht zu den Gewinnern unseres Wirtschaftssystems gehörten. „Ich fand es sehr eindrücklich, als ich mir mal den Überschwemmungsstatus von Hamburg angeschaut habe; also was wäre, gäbe es all die Deiche nicht“, sagt Zara Zerbe. Längst gibt es dort mehr Waschbären als Menschen; die Waschbären randalieren des Nachts in den Hinterhöfen, holen sich aus den Mülltonnen, was zu holen ist; so sieht das also aus, wenn das, was wir Natur nennen, aus den Fugen geraten ist.
In den im doppelten Sinne höheren Norden der Stadt dagegen haben sich die der zurückgezogen, die genügend Geld und gesellschaftliche Kontakte und damit Beziehungen haben, um auch in schwierigen Lebenslagen nicht ganz verzagen zu müssen; leben hier hinter hohen Mauern in gut abgesicherten Wohnquartieren, wortkarges Wachpersonal sorgt für zusätzliche Sicherheit; an den Pforten kreiseln die Überwachungskameras.
Und wie eine Art Zwischenwelt, fast wie eine Schleuse fungiert der Gewächshäuserkomplex der Drosera AG, ein fiktives Biotech-Unternehmen, in dem es sprießt und wächst (und wer jetzt kurz an den Science Fiction Film „Lautlos im Weltall“ von 1972 denkt, der ist zumindest atmosphärisch auf keiner falschen Spur).
Zara Zerbe «Phytopia Plus», Verbrecher, 2024, 300 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-95732-581-5
Doch es geht dem Unternehmen, dass wir anhand seiner MitarbeiterInnen nach und nach kennenlernen, nicht alleinum die Pflege oder der Erhalt der Pflanzenwelt: Man vielmehr ein Verfahren entwickelt und erprobt es jetzt, um das menschliche Bewusstsein so zu digitalisieren, dass es sich in der DNA ausgewählter Pflanzen speichern lässt. „Länger bleiben mit Phytopia Plus“, lautet entsprechend der Werbespruch, der ein Weiterleben auf einer mehr als bedrohten Erde verspricht, denn wer weiß, was in den nächsten Jahrzehnten noch alles passiert. Und das mit dem Weiterleben funktioniert so: Noch zu Lebzeiten wird dem Speicherwilligen ein Bio-Chip in die Hirnrinde implantiert, der nach dem Ableben dann in den Gewebeteil einer Pflanze wechselt, der das Pflanzenwachstum steuert.
Heldin des Geschehens ist Aylin. Eine junge Frau, die bei der Drosera AG als Aushilfsgärtnerin arbeitet, sich um Setzlinge kümmert, deren Wurzeldichte scannt, sie vor Pilzbefall schützt, für den entsprechend kargen Mindestlohn, bis ihr etwas Besseres einfallen sollte. Ein bisschen verpeilt ist Alyin, wie wir Norddeutschen das nennen, wenn jemand sehr engagiert sein kann und es zuweilen auch ist, aber sich zugleich ständig verzettelt und daher nicht zu Potte kommt, auch das eine lokale Formel. Oft kommt sie zu spät und leicht zerzaust zum Arbeitsbeginn, ermahnt von der KI-Stimme Bella, die alles im Blick hat und entsprechend schwer auszutricksen ist. Und um all das gut auszuhalten, um zugleich wenigstens finanziell ein bisschen besser über die Runden zu kommen, hat sie sich eine Art Nebenerwerb ausgedacht: Sie knipst hier und da den einen und anderen Trieb ab, pflanzt ihn daheim ein, zieht das Gewächs groß und verkauft es unter der Hand weiter. Ist das streng verboten, könnte das Konsequenzen haben, wenn es auffliegt, stände der Rauswurf bevor oder würde sich der Ärger in Grenzen halten, so ganz genau weiß Aylin das nicht. Und diese diffuse Spannung wird uns bald durch die Seiten tragen.
Und weil ein Mensch eine Familie braucht, auch in der Zukunft wird das so sein, bleibt Aylin nicht ganz allein. Und Zara Zerbe lacht: „In einer meiner frühen Geschichte taucht gleich im ersten Satz meine Mutter gleich auf, aber ich wollte meine arme Mutter nicht noch mal nerven; also dachte ich, ich gönne es mir mal, die Elterngenerationen auszulassen.“ Dabei ist ihre Mutter Gärtnerin! „Ich wollte den Stoff in der Zukunft ansiedeln, aber ich wollte auch gerne eine Figur aus der gegenwärtigen Generation haben; Elternbeziehungen sind ja immer so schwer, sind nicht mein Ding, mit einem Großvater kann ich ganz gut arbeiten, wobei der mit meinem tatsächlichen Großvater nichts zu tun hat“, setzt Zara Zerbe hinzu.
Und so muss den familiären Bindungsjob Aylins Großvater übernehmen, ein einstiger Gärtner, ursprünglich hat er Philosophie studiert, doch dann ist er vor langer Zeit aus Kroatien nach Norddeutschland eingewandert, hat hier sein Leben lang hart gearbeitet und muss sich nun Mühe geben, mit Aylins jugendlichem Tempo mitzuhalten. Jedenfalls mögen sich die beiden, und wieder einmal klappt das Spiel mit dem Aufeinandertreffen der jungen und übernächsten Generation, entwickelt sich aus dem Aufeinandertreffen von von Opa und Enkelin immer wieder ein munteres Geschehen.
Erst recht weil Aylin sich um ihren Großvater nicht nur sorgt, sie will auch sein durch Lebenszeit und -sinn gewonnenes Wissen nicht kampflos dem Vergessen übergeben, nur kostet es flotte 350.000 Euro, sein Bewusstsein in eine pflanzliche Form zu überführen – wobei Aylin als Mitarbeiterin der Drosera AG auf einen Rabatt von 50 Prozent zählen könnte, was immer noch 175.000 Euro wären! Und was nun passiert, wird facettenreich und spannend, wird so kunst- wie humorvoll erzählt, auf ein durchaus offenes Ende hin. Und Zara Zerbe sagt: „Oh, ob es eine Fortsetzung gibt, das werde ich immer wieder gefragt“, und wenn dem so ist, dann scheint es dafür ja gute, wenn nicht beste Gründe zu geben.
Zara Zerbe lebt und schreibt und arbeitet in Kiel, immerhin eine bundesdeutsche Landeshauptstadt, die Ostsee fast vor der Tür, davor verbreitert sich nur die Förde, gesegnet mit erstem Wind und Wellen; Kiel ist eine lebenswerte Stadt, die zugleich einen schlechten Ruf hat: verbaut und langweilig, ach wie provinziell und dergleichen mehr hört man, wenn man etwa in Hamburg oder Berlin bekennt, dass man gerne nach Kiel fährt und sich dort auch noch wohlfühlt. Mag alles sein, doch zugleich und vor allem ist Kiel ein Ort, von Fläche und Einwohnerzahl nicht zu klein und nicht zu groß und damit geradezu geschaffen, sich einigermaßen anstrengungsfrei durchzusetzen, wenn man ein junger Mensch ist, den es nun mal ins Kreative verschlagen hat. Und so sagt Zara Zerbe mit der ihr eigenen Lässigkeit: „Kiel als Literaturort, das passt schon.“ Und dass der Nachteil, dass man das, was man kulturell erleben möchte, selbst organisieren und auf die Beine stellen müsse, sofort durch den Vorteil ausgeglichen werde, dass man dieses in Kiel auch könne und wenn man das ein paar Jahre mache, dann kenne man alle interessanten Leute. Von daher gelte auch: „Die Leute, die meine Konkurrenten sein könnten, mit denen bin ich eh befreundet.“ Mithin: Die Wege sind kurz und vor allem sind sie nicht versperrt. Also gehört sie auch zum Team der Kieler Literaturzeitschrift „Der Schnipsel“, auch das ein Name, der in Berlin, Hamburg oder München sofort Spott und Hohn auslösen würde, in Kiel geht er aber sowas von in Ordnung. 23 Nummern hat man so seit 2012 realisiert. Und nebenher hat sie in den vergangenen Jahren alle lokalen Literatur-Preise eingeheimst; für das Schreiben an ihrem Debüt etwa konnte sie zuletzt auf das Arbeitsstipendium der Kulturstiftung Schleswig-Holstein zurückgreifen.
Und so strahlt sie die gelassene Zufriedenheit einer jungen Autorin aus, die wichtige Schritte gegangen ist: Die Kritiken waren durchweg positiv, erste Lesungen hat sie hinter sich, nächste sind verabredet, auch wenn es sich noch immer ein wenig unwirklich anfühle, dass nach diversen einzelnen Erzählungen nun ihr erster Roman tatsächlich gedruckt und gebunden vorliege. Und der will ja auch verkauft werden, will unter die Leute, und so geht sie regelmäßig bei sich um die Ecke zum Buchladen ihres Herzens, schaut dort vorbei, signiert weitere Bücher und hilft gelegentlich auch dem Buchhändler, einem Herrn alter Schule, mit dem Genre der Online-Bestellung besser klarzukommen, auch das ist Kiel.
Zara Zerbe wurde 1989 in Hamburg-Harburg geboren, hat Literatur- und Medienwissenschaften studiert und lebt als freie Autorin in Kiel. Sie ist Mitherausgeberin des Literaturmagazins „Der Schnipsel“ und veranstaltet die „Lesebühne FederKiel“ in der Hansa48 in Kiel. Ihre Erzählung „Limbus“, für die sie mit dem Preis Neue Prosa Schleswig-Holstein 2018/2019 ausgezeichnet wurde, ist 2020 im Sukultur Verlag erschienen. 2021 erschien die Novelle „Das Orakel von Bad Meisenfeld“ im stirnholz Verlag. 2022 wurde sie mit dem Kunstförderpreis des Landes Schleswig-Holstein ausgezeichnet. „Phytopia Plus“ ist ihr Debütroman.
Es gab eine Unzeit, in der mein schmal gewordenes Fenster zu einer fremdbestimmten Außenwelt in einem ungewollten Briefschlitz in einer fremden Halbstadt ohne Hafen, in einem noch fremderen Rathaus bestand. Als Strandgut war ich zunächst unerwartet angespült worden, und es gab Menschen, die mich über den Schlitz fütterten.
Währenddessen bewohnte ich ein mir zugeschriebenes Zimmerquadrat, einen Container in Beton auf Zeit in einem Hinterhaus, vor dem das zweigeteilte Rathaus stand, in dem alle Mitbewohner einen ständigen Wechselreigen vollzogen, der einem absurd bedrohlichen Tanz ohne Syntax glich. Nur ich blieb, weil das vertraglich eben so geregelt war, und schrieb um mein Leben. Andere hatten dieses bereits abgeschrieben. Das Rathaus stand auf einer steinernen Brücke, unter der ein träge reißender Fluss floss, der seine Fließrichtung dem politischen Geschehen anpasste. Wann und wie das geschah, entschied allein der Fluss. Ich aber ernährte mich von verzweifelten Briefen.
Nachts wurden Stimmen als Gewirr an mir laut. Alles kratzte an Beton. Sie von außen, ich von innen. Strukturen und Risse bekamen einen eigenen mitternachtslangen Atem. Die Verlebendigung der Dinge lauerte in jeder Ecke, und an den vier Betonquadratflächen wuchs ein vielstimmiges Brummen aus männlich anmutenden Hohlkörpern, die ein dissoziatives Klangkollektiv bildeten, von dem ich wusste, dass es mich mit der Zeit auflösen würde, je näher es kam. Jemanden abschreiben ist ein pathologischer Prozess. Das wusste auch der Fluss unter der steinernen Brücke, in den ich mich nicht stürzen konnte. Unter-Wasser-Sein war einer meiner wenigen, völlig freien Gedanken, den ich gleichzeitig auf meinem Trommelfell tanzend fühlen konnte. Wenn die Stimmen aufrückten, begann ich, bereits ausgelesene Briefe unbeantwortet in mich hineinzustopfen. Meine Stopfbewegungen während des Fressvorganges waren wie alles andere hier streng durchchoreographiert. Gut, dass das niemals irgendjemand zu sehen bekam. Papier war wertvoll, Zeile-für-Zeile-Zweifel. Ich-hungrig. Hunger-Ich. Hungrich. Zurück blieb alles Einverleibte, Schalldämmung, als sei ich ein luftloses Gummiboot, dem man weder Pumpe noch Atem hätte spenden können.
Ich erblickte das Licht der Welt unter Wasser an einem Freitag, dem 13. Es war der Tag, an dem meine Schwester an mir ertrank. Ich habe vergessen, wie Schwimmen geht, wie man sich oben, den Kopf über Wasser hält. Alle erinnerten Bewegungen, die damit in Zusammenhang stehen, sind ohne Hoffnung auf Bergung hinter meiner Stirn verschwommen. Wasserwege kennt auch die Urgroßmutter im Mittelmeer. Nur noch ein halber Mensch, vielmehr im Unterleib schon eine weiterhin sinkende Fürstin zur Tiefsee. Wir trieben voreinander her, immer dann, wenn ich meine Gedanken an den Fluss trug.
Jetzt halte ich ein Meermahl mit Briefen ab, und wir verschlingen einander, bis es um uns stiller wird. Bis ich ganz voll bin und mit dem Platzen drohe, Wortfetzen spuckend, so will es das Bild. Ich sehe ein, der Schlitz ist mir nur ein halber Freund, das Rathaus gar keiner, der Fluss ein ferner Geliebter auf Reisen, wie die verschleierte Sonne, aber manchmal mit Perlenkoffer und dann mit für immer verschlossenen Süßwassermuscheln in den Geheimtaschen eines verwaschenen Fracks. In Salz reingewaschen, kann man nicht lügen, das ist wie Tränentrinken.
Neben mir war das Quadrat von Büchern bewohnt. Ein wackliger Turmbau-zu-Babel-Versuch wankte in jeder der vier Zimmerecken eigenmächtig rufend vor sich hin. Ich war und blieb nicht mehr als ein Geist unter ihren durchsichtigen Stimmen, mit denen sie unaufhörlich auf mich einsprachen, um Berührung baten. Man wollte mich zum Lesen bewegen. Keinen einzigen Brief hatte ich verdaut, am schwersten aber wogen die Handschriften in mir, die hatten, so ahnte ich es, ganze Schiffe versenkt, aber was sonst hätte ich hier essen können? Schließlich wusste man nie, was der Fluss trieb und wie weit.
Ein einziges Wochenende im Jahr stand der Fluss in bunten Flammen, war nach oben und unten hin in allen Farben verspiegelt und die betrunkenen Gummiboote meiner Erinnerung trieben munter und völlig unkoordiniert durch das von Nord- und Südseerauch begleitete Feuerwerk des Flusses. Das Feuerwerk war ein menschgöttlicher Frevel und strebte wie die Buchtürme meines Containers dem Himmel entgegen, bevor es ganz in sich zusammenfiel, bevor alles auslief. Mir war es dann, als würde die Urgroßmutter, die ich liebevoll „Tiefsee“ nannte, den spitzen, dauerhaft aufgeweichten Zeigefinger heben. Ich stellte mir vor, wie ihr alle Fische gehorchten, selbst die auf dem Wasser treibenden, wenn sie auf ihrem Thron aus Knochen und Gräten saß, eine eigene Ahnenlinie aus Fischen und Menschenleibern in jeder Silberschuppe. Mit diesem Gedanken schlage ich die Augenlider nieder, und meine Wimpern werden mir selbst ein fadenscheiniger Vorhang aus feinsten Haarkurven, das ein oder andere Mal sogar lückenlos und wasserfest getuscht. Ich weiß es nun ganz sicher: In Salz rein gewaschen, kann man nicht lügen, das ist wie Tränentrinken.
Die Zeit floss träge an mir vorüber, solange ich gut zu schweigen übte. Die Stimmen verschwanden nicht, vielmehr fanden sie einander und kreierten neue Geschichten aus unbelebten Texten. Jedes Buch war ein Zuschlag, Briefe von Fremden, gelandet im Briefschlitz mehr oder weniger schmackhafter Nachschlag. Wie hätte ich auch nur an Befreiung aus dem Betonquader denken können, jetzt, wo mir nachts die Tiefsee sang? Jetzt, wo mir unser aller Urgroßmutter den Kopf höchstpersönlich schüttelte?
Es ist nicht so, dass ich das Schwimmen inzwischen neu hätte erlernen können. Alles, was ich tat, waren Übungen auf dem Trockenen, oft ohne Sinn und Verstand. Ich wusste mit aller Klarheit, dass selbst ein sehr kleines Aquarium im Zimmer mir eine Art Rettung hätte bedeuten können. Natürlich hätte die Grundform ein Quadrat sein müssen. Es wäre bestenfalls ein Schweigen mit befreundeten Fischen geworden, alles hinter Glas, durchsichtig, wie ich. Mondscheinfadenfische oder Mosaike wäre schön gewesen, eine Kommunikation über Fäden und Finger, über Augenpaare und glänzende, zuckende Leibeigenschaft. Wie gut, dass es hier um mich keine Spiegel gibt. Es ist seltsam, wenn auch der Wasserhahn zu krähen aufhört, im Schweigen ist er lauter geworden, rostig gar und kalkig verhärtet war sein Gesang. Jedem Fisch hätte ich einen quarzigen Stein der Anbetung geschenkt, und gemeinsam hätten wir alle Gebete geschwiegen.
Ich hätte weiter von Weltenflucht träumen können, wäre da nicht eines Tages plötzlich das Boot gewesen …
Eines Tages steckte man durch den Briefschlitz des inzwischen modernisierten, aber noch immer geteilten Rathauses ein sehr eng zusammengefaltetes Gummiboot. Es passte nach der Entnahme genau auf meine linke Hand, die sich der Welt durch ungewollte Wassereinlagerungen beachtlich angeschwollen darbot. Man verschloss wie im Vorübergleiten meine Sicht mit dieser freundlich anmutenden Geste ganz, ich sah noch die fremde Hand, wie sie an einem schwarzen Anzug herabhing und im Schlendergang von mir ging. Auch das Boot war ein Geteiltes: Die Unterseite war von himmelblauer Farbe, die obere gab sich wie ein weites, gelbstinkendes Rapsfeld. Ich könnte Teil des Flusses werden, wenn mir nur nicht zu früh die Puste ausginge, schoss es mir augenblicklich durch den Kopf. Der spitze, aufgeweichte Zeigefinger meldete sich daraufhin kurz. Ich erinnerte mich an ein Bild der Urgroßmutter, Tiefsee, mit knöchellangen, schwarzfließenden Haaren auf einem durchnässten Kleid. Das Boot kam überraschend und ohne Zubehör, aber mit eindeutigem Slogan: „LASST UNS ALLE DIE ZÄHNE FLETSCHEN!“ stand in serifenlosen Capital Lettern zwischen falschem Himmelblau und stinkendem Rapsgelb als wasserfeste Wortgrenze in drohend glänzendem Schwarz auf dreieinhalb Metern weichgemachtem PVC geschrieben. Ich wusste; die Tiefsee hatte bis zu ihrem Tod alle Weisheitszähne behalten.
Übereilt beschloss ich eine Flucht in Wortfetzen, von mir gesponserter Atemluft und in mir gelagertem Wasser, denn ein eigenes Aquarium, so musste ich einsehen, blieb ein unerfüllbarer Traum vom artübergreifenden, allumfassend gemeinsamen Schweigeerleben. Ich befürchtete, einem aufgeblasenen Tierkörper Leben einzuhauchen, das Boot hatte Zähne, das wusste ich bereits. Jeden Tag befüllte ich das Rettungsmittel, bis ich keinen Atem mehr hatte. Ich würde schwimmfähig werden durch Luftverkehr. Es kam der Tag, an dem das Boot beinahe mein ganzes Zimmer füllte. Ich aber war weniger als ein luftloses Geistwesen, das noch immer schwere Briefe zu verdauen hatte. Mit der Atemluft waren Buchstaben aus den Briefen aus meinem Verdauungstrakt in das Innere des Schlauchbootes gewandert, Rapsgelb und Himmelblau hatten einander buchstäblich eingetrübt. Die Wortgrenze verschwamm. Doch ich war sicher, alles unter mir würde dem Flusswasser standhalten. Meine Befreiung gestaltete sich unerwartet leicht. Der Vertrag lief aus, und man gestattete mir nicht länger, ein „überteuertes Pensionszimmer“ hinter dem Rathaus zu bewohnen, auch die Büchertürme müssten schnellstmöglich verschwinden, sagte eine Altfrauenstimme hinter dem mir zugeteilten Briefschlitz barsch, während sie einen letzten unverdaulichen Brief in meinen Rachen einwarf. Ich trennte das Zimmerquadrat auf die sanfteste Art von mir ab und ließ nichts zurück, das man mit mir hätte verbinden können. Ich war nicht traurig, denn in Salz reingewaschen, spricht man die Wahrheit, das ist ein Tränentrocknen. Befreit trug ich alle meine Bücher im Schlauchboot auf den Fluss hin zu. Die Tiefsee aber schwieg in mir.
Julia Kulewatz studierte Literaturwissenschaft, Philosophie, Modezeichnen, Choreografie in Erfurt und Seoul. Sie ist Dozentin für Kreatives Schreiben an verschiedenen Universitäten und Volkshochschulen sowie Verlagsleitung von kul-ja! publishing. Sie veröffentlichte Kurzgeschichten, Lyrik, wissenschaftliche und literarische Essays und Romane. 2022 wurde sie mit dem Stadtschreiberstipendium von Neu-Ulm ausgezeichnet, 2023 mit dem KUNO-Essay-Preis.
Kratzer vom Windspiel an der Haustüre ein verstopfter Tränenkanal & Treppenhausgeschwätz. Von irgendwo die Erinnerung an Wacholder. Wirst du mich auch lieben wenn ich das Gedächtnis verliere? Über die Küchenablage flattern Dämonen wie kleine schwarze Schmetterlinge ihre Schuppen fächern auf. Nie weiss man wo als nächstes das Licht hin fällt und was im Schatten liegen bleibt aber man bittet weiter um die Zuversicht des Himmels.
(aus dem Gedichtband «Gletscherstück»)
In Spuren
Am späten Sonntagnachmittag ist es still in der Siedlung man hört nur selten eine Stimme die etwas ruft ein schwaches Zirpen von einem Vogel. Die Septembersonne wärmt noch einmal kräftig und die Sonnenblumen der Nachbarin leuchten. Von Weitem hörst du das Knattern eines Mopeds bis es sich am Waldrand verliert du denkst an deine Schwiegermutter wie sie auf ihrem Solex über die Grenze fuhr um sich eine Dauerwelle machen zu lassen vor über sechzig Jahren. Du besuchst sie oft in diesem Herbst du kannst ihre verbleibende Zeit sehen ein Haufen Schnee der in der Septembersonne glitzert. Sie würde noch immer all deine Pflanzen retten das hat sie schon oft getan mit Stirnrunzeln und grosser Hingabe. Gebt mir noch einen Frühling und einen Sommer in diesem Haus sagt sie seit Jahren. Ich halte doch alles in einem tadellosen Zustand. Eine Hornisse knallt gegen das Fenster und von irgendwo kommt Glockengeläut. Du denkst an die Karpfen im Lengnauer Weiher wie langsam sie an die Oberfläche schwimmen fast bewegungslos lassen sie sich treiben im Sonnenlicht. Du versuchst dir vorzustellen wie sie Zeit wahrnehmen die Tage im Regen fallende Blätter die Dunkelheit. Wieder Tage. Eisschichten auf dem Weiher die unterschiedlichen Temperaturen von Wasser. Du hast es gesehen ganz nahe kommen sie einander als folgten sie einer Spur als vergewisserten sie sich ständig um die Anwesenheit des Anderen.
(aus dem Gedichtband «Gletscherstück»)
mutters legende grace
mit vornehmer distanz wollte sie für ihren vater von bedeutung sein im gegensatz zu ihrem vater war sie mehr eine künstlernatur versprühte mal eleganz mal insektenmittel ein neuer formtyp grace hat eine schwäche für vaterfiguren bringt diese aus dem gleichgewicht wenn das brave mädchen plötzlich im nachthemd und das war diese art von heldin ich brauche damen die im schlafzimmer zu nutten werden
man hält an sich mit disziplin wird es möglich einen leibhaftigen fürsten für den vater wie gross ist monaco? 4 schrankkoffer 56 weitere gepäckstücke 72 verwandte freunde und 110 journalisten hat sie besondere gedanken wenn sie ihre heimat verlässt? sie muss viele qualitäten haben weil er einen fürchterlichen charakter hat
überflüssig und unterbeschäftigt und einfach kein glücksgefühl mehr fällt zur staatskrise das comeback aus bleiben gepresste blumen einer liebenden aber strengen mutter auf bettwäsche und tapeten es gab keinen grund für diesen unfall es gab den ersten trauergottesdienst für eine frau der im fernsehen übertragen worden ist
(aus dem Gedichtband «Die Kindheit ist eine Libelle»)
Nathalie Schmid, geboren 1974 in Aarau (CH). Sie studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und arbeitet als Schriftstellerin und Erwachsenenbildnerin. Bisher sind von ihr drei Gedichtbände erschienen, zuletzt «Gletscherstück» (Wolfbach, 2019), «Atlantis lokalisieren» (Wolfbach, 2011); davor «Die Kindheit ist eine Libelle» (Lyrikedition 2000, 2005).. «Lass es gut sein» (Geparden Verlag) ist ihr Debütroman. Für ihre Texte hat sie u.a. den Publikumspreis des MDR-Literatur-Wettbewerbs und ein Aufenthaltsstipendium der Stiftung Landis & Gyr in London erhalten.