Alexandra Lavizzari «Was Alina sah», PalmArtPress

Nicht nur das Blau ihrer Augen machte Alina zu etwas Besonderem. Vielleicht die Tatsache, dass sie nicht in die Familie hineingeboren wurde, in der sie aufwächst, aber ganz sicher die Fähigkeit, Dinge zu sehen, die allen andern verborgen bleiben. „Was Alina sah“ ist ein perfektes Stück Erzählkunst.

Alexandra Lavizzari schreibt seit bald vier Jahrzehnten Erzählungen und Romane. Ob historisch oder ganz im Jetzt, Alexandra Lavizzari taucht tief ein. Genauso in der Geschichte um Alina, ein Mädchen, eine junge Frau, die die Fähigkeit hat, hinter die Dinge zu sehen, die das Unglück kommen sieht, die das Leid anderer in sich aufsaugt und den Schmerz zu ihrem eigenen macht, mit ihren tiefblauen Augen nicht nur ihre Gegenwart bezaubert, sondern durch die Zeit hindurchsehen kann. Vielleicht ist genau diese Fähigkeit auch die von Schreibenden; durch das Erzählen ein Leben zum eigenen werden lassen. Erzählen, als ob es das eigene Leben wäre. Und uns Leserinnen und Lesern die Möglichkeit geben, mitzuleben, so sehr, dass man zwischen zwei Buchdeckeln ins Geschehen eingreifen möchte.

Judith bekommt eine kleine Schwester. Alina ist nicht ihre tatsächliche Schwester, nicht einmal ihre Halbschwester. Weil Judiths Mutter wegen „Unterleibsproblemen“ nicht noch einmal schwanger werden sollte und sich die Eltern ein Einzelkind nicht vorstellen will, eine Monopolstellung in der Familie undenkbar ist, fahren die Eltern eines Tages weg und kommen mit Alina zurück. Die Stunde des Teilens hatte für mich geschlagen. Alinas Start ins Leben ist ein ganz anderer als der von Judith. Judiths Eltern, gut situiert, ohne wirtschaftliche Sorgen, der Vater hat gar Zeit für das kostspielige Hobby des Erfindens, ist Alinas Ort ihrer Geburt eine öffentliche Toilette. Alina kommt aus dem Heim in ihr neues Zuhause, ein Zuhause, das nie ganz ihr Zuhause sein würde, ein Nest, in dem sie sich immer fremd fühlt. Nicht weil es an der Liebe ihrer neuen Eltern oder an der Zuwendung von Judith gefehlt hätte, sondern weil Alina schon als kleines Mädchen spürt, dass nicht nur ihr Herz in einem anderen Takt pulst. Ihr Inneres sieht Dinge, die allen anderen verborgen bleiben, sie trägt einen Schmerz mit sich herum, von dem andere nicht einmal etwas erahnen.

Alexandra Lavizzari «Was Alina sah», PalmArtPress, 2025, 218 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-96258-226-5

Zum ersten Mal wird es spürbar, als die kleine Alina den Tod eines befreundeten Nachbarn voraussieht, man ihre Prophezeiung aber viel mehr als schlechtes Omen sieht, als Störung einer Ordnung, als eklatante Einmischung in den Lauf der Dinge. Während Alina in ihren schulischen Leistungen alles andere als reussiert, müssen nicht nur die Eltern erfahren, dass ihre Adoprivtochter ein verborgenes Leben führt. Erst sind es Gelegenheitsjobs, organisierte Hilfen, die ihr Taschengeld aufbessern, später mehr und mehr Abwesenheiten, die die Familie mit Sorge erfüllen und Judith, die Erzählerin zur pflegeleichten, beinah unsichtbaren Nebensache machen. Während es sich in der Stadt mehr und mehr herumspricht, dass Alina den besonderen Blick hat, drohendes Unglück sehen kann, wird auch mehr und mehr klar, wie sehr die werdende Frau darunter zu leiden hat. Vor allem dann, wenn das Unglück doch eintritt und Alina nicht verhindern kann, was sie mit ihrem Blick durch Zeit und Raum hindurch schon einmal miterleben muss.

Niemand kann Alina helfen, auch Judith nicht. Auch ihre Eltern nicht, die alles Erdenkliche tun, um Alina vor sich selbst zu schützen. Während Alina mehr und mehr zum Medium wird, sich das Geld auf ihrem Bankkonto sammelt, Vater mit seiner Erfindung eines zusammenklappbaren Wohnwagens nicht nur wegen Alinas Geschichte immer wieder ins Stocken gerät und die Mutter sich in ihren anerzogenen Selbstverständlichkeiten bedroht sieht, verliert sich Alina im Bann ihres Blicks.

Man kann „Was Alina sah“ durchaus als Parabel darüber lesen, was mit Menschen geschieht, die über ganz spezielle Fähigkeiten verfügen. Was von aussen wie ungerechtfertigtes Übermass an Glück erscheint, kann für die Betroffenen zur lebensbedrohenden Bürde werden. Aber Alexandra Lavizzaris Roman ist einfach gut erzählt. In einer Unverkrampftheit, wie man sie sonst viel eher im Angelsächsischen antrifft. Ein Roman, der mit Bildern spielt, die mitreissen. Ein Buch, das nicht loslässt. Köstlich und mit viel Können!

«Malen und Schreiben sind bei mir zwei vollkommen verschiedene Welten, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben», erklärt Alexandra Lavizzari (Pastell).

Alexandra Lavizzari, 1953 in Basel geboren, Studium der Ethnologie mit anschliessendem zweijährigem Praktikum am Rietberg Museum, Zürich. Sie lebte von 1980-2000 in Nepal, Pakistan und Thailand und ist nun, nach einem längeren Aufenthalt in Italien, mehr oder weniger in Südwestengland ansässig, wo sie sich neben dem Schreiben auch als Kunstmalerin betätigt. 1999 erschien bei Zytglogge ihr erstes literarisches Werk, die Novelle ‚Ein Sommer‘. Es folgten viele Romane und Erzählungen, auch biografische Essays über Künstlerinnen und Schriftstellerinnen. 

«Silke», ein Romananfang

Beitragsbild © privat

Alexandra Lavizzari «Silke», ein Romananfang

Seit Tagen herrschte mieses Wetter. Ich meine, wirklich mieses Wetter. Nicht grollender Donner und blendende Blitze, das wäre ja noch aufregend gewesen, auch stürzten keine golfballgrossen Hagelkörner runter, nein, es tröpfelte nur leise, dafür anhaltend. Das war eine Weile in Ordnung, tut ja den Blumen im Garten gut, aber als es dann am nächsten und übernächsten Tag immer noch leise und anhaltend tröpftelte, wurde es langweilig, zumal das Grau über den Dächern sich auch nie veränderte oder, wenn man genau hinschaute, höchstens mal von asch- zu mausgrau wechselte und umgekehrt.
Mies eben.
Als ich jung war, verliefen meine Launen und Gemütsschwankungen unabhängig vom Wetter. Ich konnte im tiefsten Winter die glücklichste Schneeprinzessin sein und im Hochsommer ein Häufchen Elend. Mit zunehmendem Alter begann ich jedoch, mein inneres Klima dem äusseren anzugleichen, ich weiß nicht, warum das so ist; vielleicht waren es die Hormone, es sind ja immer die Hormone, wenn man nicht weiß, warum einem so oder so zumute ist, jedenfalls funktionieren wir inzwischen fast schon in vollkommener Harmonie, das Wetter und ich, womit ich letztlich sagen will, dass es mir damals seit Tagen mies ging.
Wenn es mir mies geht, schlurfe ich entweder ziellos durchs Haus oder verkrieche mich mit einem Buch ins Bett, das ich nach drei Seiten weglege, um mich unter der Decke zu verstecken. Das Herumschlurfen tue ich im Bademantel, denn zur miesen Befindlichkeit gehört, dass ich den Sinn des Duschens, Haarekämmens und Ankleidens nicht einsehe und es mir auch egal ist, was Martin von mir denkt. Jene Tage aber waren anders. Ich fühlte mich mies, keine Frage, doch duschte ich morgens, kämmte mich und zog auch was einigermaßen Hübsches an. Ich konnte sogar mit Martin einen Spaziergang machen und die Kirschblüten bewundern – wir waren im Mai – , und wenn es sein musste, führte ich auch ein Gespräch mit ihm. Es waren keine tiefen Gespräche, nichts Philosophisches oder Politisches, aber besprechen, was wir einkaufen sollten und wer diese Woche den Rasen mäht, das ging. Alles andere war verlorene Mühe, ich war einfach nicht dabei. Wer redete, war weit weg von mir, und ebenso erging es mir, wenn ich Nachrichten oder einen Film schaute. Bilder und Wörter bedeuteten rein gar nichts, und da sass ich dann Abende lang neben Martin auf dem Sofa und hatte keine Ahnung, was ablief.
Immerhin wusste ich diesmal, warum ich in diesem Zustand war. Das Wetter spielte sicher eine Rolle. Jedesmal wenn ich aus dem Fenster blickte, schlugen mir das leise, anhaltende Tröpfeln und ewige Himmelgrau ein bisschen mehr aufs Gemüt, aber der eigentliche Grund lag anderswo, nämlich buchstäblich in der obersten Schublade des Flurmöbels zwischen Schlüsselbund und Sonnenbrillenetui. Dort hatte ich Silkes neue Ansichtskarte versorgt. Ad acta gelegt sozusagen.
Wobei ich mir keine Illusionen machte; nach unzähligen ähnlichen Karten wusste ich, dass ich sie nicht so ohne weiteres würde ad acta legen können. Die Karte blieb in meinem Kopf eingraviert, ob sie nun im Flurmöbel lag oder im Papierkorb landete. Einstweilen hatte das Flurmöbel den Vorteil, dass die Ansichtskarte unsichtbar und gleichzeitig in Reichweite blieb. Ich konnte daneben stehen und es beim Zuknöpfens der Jacke bei einem flüchtig unangenehmen Gefühl belassen, oder, auch möglich, vor dem Hinausgehen die Schublade ziehen und mich der Ungeheuerlichkeit stellen. Letzteres wagte ich selten und nur, wenn ich allein war. Das unangenehme Gefühl war schwer genug zu verkraften, es schwankte zwischen Wut und Hilflosigkeit und machte mich grantig, doch mit etwas Glück lenkte mich Martin ab, weil er gerade den Mantelärmel nicht erwischte oder den Schirm nicht fand, so dass ich beim Helfen auf andere Gedanken kam.
Besagte Ansichtskarte war nicht irgendeine Ansichtskarte, sondern Silkes Ansichtskarte. Der Name stand gut lesbar am unteren rechten Rand hinter den herzlichen Grüssen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt gewesen, dass sie mir welche schickt. Überhaupt gab sich diese Karte verglichen mit früheren ziemlich harmlos. Keine Ansicht von Weimar mit tiefgründigem Goethezitat, keine Reproduktion von Magrittes ‚Die durchbohrte Zeit‘, über deren Bedeutung ich mir den Kopf zerbrechen musste, nichts Verfängliches diesmal, sondern bloss ein Strand, weit und golden wie auf Werbeprospekten, dahinter ein Streifen Meer, in das eine Seebrücke hineinwächst, und das Wort ‚Ahlbeck‘ in Kursivschrift quer über den Himmel gezogen. Ich hatte noch nie was von Ahlbeck gehört, doch dank Google war ich bald im Bild: Ahlbeck liegt auf der Insel Usedom nahe der polnischen Grenze, zählt zusammen mit Heringsdorf und Bansin zu den drei sogenannten Kaiserbädern und besitzt eine der imposantesten Seebrücken der Ostsee. Ein eleganter Bade-, Ferien- und Kurort also: Das passte zu Silke. Wenn ich mich nicht täusche, kam sie sogar von dieser Ecke.
Martin habe ich nie von Silke erzählt. Selbst am Anfang nicht, als wir uns noch für unsere Vorgeschichten interessierten. Ich beichtete ihm damals ein paar Ladendiebstähle und Tändeleien mit Unikollegen, erwähnte vielleicht auch diese oder jene Schulfreundin, mit der ich nach der Matur eine Weile in Kontakt blieb, aber über das letzte Schuljahr, jenes, in dem Silke zu uns stieß, habe ich stets geschwiegen. Hätte die Karte im Flurmöbel doch mal Martins Neugier geweckt, was ich bezweifelte, hätte ich versucht, so gelassen wie möglich zu antworten: „Silke? Ach, das ist eine ehemalige Schulkameradin von mir. Keine Ahnung, warum sie mir immer wieder Karten schreibt. Ich schreibe jedenfalls nie zurück, wüsste nicht einmal, wohin.“ Es wäre nicht gelogen gewesen – aber die Wahrheit wiederum auch nicht. Wie auch immer, ich brauchte mir deswegen keine Gedanken zu machen, Martin fragte nicht. Er stellt mir kaum Fragen, über meine Vergangenheit schon gar nicht. Vielleicht fürchtet er, ich könnte mit etwas Unerhörtem aufwarten, das ihm sein Bild von mir zerstört; er schaut mich manchmal ganz unauffällig von der Seite an und beisst sich dabei auf die Unterlippe, das tut er immer, wenn ihn etwas beschäftigt, aber wenn ich ihn frage, was los ist, ob ich Zahnpasta im Mundwinkel habe oder meine Wimperntusche schmiert, sagt er immer „nichts, Schatz, alles ist in Ordnung“ und blickt auf den Boden. So einer ist Martin. Ein Verschlossener, nach innen Gewandter. Einer, den ich an guten Tagen ‚mein stilles Wasser‘ nenne und an schlechten ‚die Wand‘.
An dem Tag war er irgendwie beides. Wir schwiegen während der ganzen Dauer unseres Spaziergangs zum Fluss und anschliessenden Einkaufsbummels. Daran ist an sich nichts Aussergewöhnliches, wir schweigen fast immer, wenn wir nebeneinander gehen, aber der Einkauf nahm dieses Mal mehr Zeit in Anspruch, weil ich im Bioladen Sanddornsaft und in der Papeterie Pauspapier kaufen wollte, und dort kam Martins zwiespältiges Schweigen plötzlich zu voller Geltung. Im Bioladen war es noch das klassische Stilles-Wasser-Schweigen, an das ich mich über die Jahre gewöhnt habe, aber als ich mir in der Papeterie noch das neu eingetroffene handgeschöpfte japanische Papier zeigen liess, spürte ich, wie sich Martin hinter meinem Rücken versteifte. Beim vierten Papierbogen war die Verwandlung vollzogen und es herrschte Wandschweigen. Klar, einkaufen ist nicht Martins Ding, ich weiß das, er kommt nur mit, um die Taschen zu tragen und mir nicht das Gefühl zu geben, dass ich immer alles allein machen muss. Vielleicht war es sogar meine Schuld, das Wandschweigen. Weil ich seine Geduld strapazierte, weil ich mich zu sehr ablenken liess, weil ich zu neugierig auf neue Produkte war, will heissen ‚zu kapitalistisch veranlagt‘, meinetwegen. Ich habe das alles, und mehr, schon hundert Mal aus seinem Schweigen herausgehört. Da Martin seine Vorwürfe jedoch nur im Extremfall ausspricht, kann ich nicht sicher sein, was ihn genau stört, und an jenem Morgen, da ich nicht bei der Sache war, schon gar nicht.
Immerhin hatte ich mir mit einem japanischen Papierbogen eine kleine Freude gegönnt. Es brauchte wenig, um meine Laune um ein paar Grad und ein paar Stunden zu heben, ein mit Goldpailletten durchzogenes Stück Washi, keine zehn Gramm schwer, und schon verzog sich ein Wölkchen am dunklen Horizont. Die schwerste Wolke aber drückte weiter auf meinem Gemüt. Als ich den Papierbogen im Atelier auspackte und mir schon ausmalte, wie der nächste Holzdruck darauf wirken würde, überrollte mich die Ungeheuerlichkeit von Silkes Karte wie ein Tsunami. Ich spürte, wie das Blut mir in den Kopf raste, sah für den Bruchteil einer Sekunde schwarz, ja, ich schwamm plötzlich in einem Meer unendlicher, tiefster Schwärze, schwankte haltlos, bevor ich irgendwie die Stuhllehne erwischte, mich setzen konnte und langsam wieder klar sah. Silke! Sie war vor neununddreissig Jahren gestorben! Sie konnte mir gar keine Karten schreiben, weder aus Ahlbeck noch aus Weimar. Und aus dem Jenseits schon gar nicht. Diese Einsicht war natürlich nicht neu, ich wusste in jeder Minute meines Lebens, dass Silke tot ist. Aber es gibt wissen und wissen. Wie beim eigenen Tod. Man weiß, dass man irgendwann drankommt, doch dieses Wissen dringt gewöhnlich nicht durch, es bleibt beim vagen Irgendwann, das kann man aushalten, und dann gibt es wie aus heiterem Himmel Momente, in denen die Einsicht tiefer dringt und unseren ganzen Körper, unser Denken und Fühlen schlagartig mit Grausen erfüllt.

Alexandra Lavizzari, 1953 geboren in Basel, studierte sie Ethnologie und Islamwissenschaft. Nach langjährigen Aufenthalten in Nepal, Pakistan und Thailand lebt sie seit 1999 in Rom, in der Schweiz und in England. Sie schreibt für Schweizer Zeitungen und ist Autorin von zahlreichen belletristischen, kunstgeschichtlichen und literaturkritischen Werken. Für ihr Schaffen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Bieler Literaturpreis, dem 13. Würth Literaturpreis, der Poetik-Dozentur der Universität Tübingen und dem Feldkircher Lyrikpreis.