Johanna Sebauer «Popóm», DuMont

Hendrik Popom ist festgefahren. Dabei wäre das Gefühl doch da, dass es seine Zeit sein müsste. Aber das Pendel schlägt nicht mehr. Bis er einen Mann trifft, doppelt so alt wie er, und sich die Überzeugung festsetzt; Dieser Mann ist er. Sein Doppelgänger, nur älter, im Leben weiter. Eine Obsession nimmt ihren Lauf.

Es hätte bloss eine Fassbrause und eine Tafel Erdbeerschokolade sein sollen. Es war Ende September und Hendrik war mit Flip-Flops zum Kiosk ums Eck gelaufen. Es hätte so etwas wie ein Liebesdienst sein sollen. Aber statt gleich wieder in der Wohnung aufzutauchen, sieht Hendrik in der Schlange vor der Kasse einen Mann mit Bundfalthose und langem, saharagelbem Mantel. Hendrik ist überzeugt, sein gealtertes Ebenbild zu sehen, sich selbst gereift. Hendrik verliert die Fassung und braucht Monate, um sie wieder zu finden. Die Überzeugung hakt sich nicht nur in seinem Kopf fest, sie nimmt von seinem ganzen Körper Besitz, treibt ihm den Schweiss auf die Stirn, beschleunigt den Puls, blockiert das Gehirn. Hendrik fasst sich ein Herz und spricht den Mann an, stammelt, bis er den einen Satz über die Lippen bringt: Sie sind ich. Einen Satz, den sein Gegenüber kaum aus der Fassung bringt, nicht einmal belustigt, eher nervt. Hendrik vergisst alles, auch Anja, die Frau mit der er zusammenlebt, die Frau, mit der er sich eine Zukunft hätte vorstellen können. Eines Morgens bleibt das Bett neben ihm leer.

Johanna Sebauer «Popon», DuMont, 2026, 224 Seiten, ISBN 978-3-7558-0079-8

So sehr er vom Gedanken besessen ist, seiner selbst gegenübergetreten zu sein, seinem älteren Selbst begegnet zu sein, so sehr entfremdet er sich Anja. Bis diese die Wohnung und ihn verlässt, bis sie ihn abschüttelt und er sie an der Seite eines anderen findet. Auch im Büro, einer Werbeagentur, in einem Beruf, den er mehr und mehr äzend findet und das, was man Bürokultur nennt wie eine klebrige, stinkende Haut, die man am liebsten für immer und sofort abstreifen will, beginnt sein eh schon brüchig gewordenes Dasein zu kippen. Jeder Gedanke, jede Handlung ist auf diesen Mann ausgerichtet, einen Mann, der sich abweisend zeigt. Nicht nur dass der Mann fast genau so heisst wie er, der einzige Unterschied ist der Accent aigu auf dem zweiten o; Popóm. Er zeigt noch viel mehr Gemeinsamkeiten. Aber auch ebenso viele unerklärliche Geheimnisse. 

Hendrik folgt dem Mann, findet heraus, dass dieser ein Takakwarengeschäft in der gleichen Stadt führt, nicht weit davon wohnt. Hendrik zeigt sich im Geschäft, bleibt hartnäckig, auch wenn sich sein Gegenüber zurückhält, eine Zurückhaltung, die im krassen Gegensatz zu seiner Obsession steht, seinem unstillbaren Bedürfnis, in der Nähe dieses Mannes zu sein. Hendrik trinkt mit Popóm Tee in dessen Kammer hinter dem Laden, hilft ihm Waren in den Regalen nachzufüllen, bleibt, wenn dieser mit einem Mal verschwindet, ohne Erklärung wohin und wann er zurückkehren würde.

Hendrik verliert sich. Da hilft auch die Neue im Büro nicht. Fritzi, mit der er aus purer Not anzubändeln versucht, die ihn aber mit den eigenen Problemen auf Distanz hält. Auch seine Tante Karin, die einzige, die ihm die Stange hält, die sich nicht abschütteln lässt.

Johanna Sebauers Roman „Popóm“ ist ein vergnüglich zu lesendes Buch, das Fragen stellt, existenzielle Fragen. Wir, die wir alle so sehr auf unsere Individualität getrimmt sind, unsere Einzigartigkeit, unsere Originalität; Was passiert, wenn ich einem gealterten Ich begegnen würde? Welche Fragen stellen sich? Welche Fragen würde man stellen? Würde, wäre mein Leben anders verlaufen? Wäre ich weniger blind gewesen für die Anfänge vom Ende und weniger feige, etwas dagegen zu unternehmen? Johanna Sebauer spielt gekonnt mit pfiffiger Fantasie, mit dem Was-wäre-wenn, das sie auf die Spitze treibt.

Johanna Sebauer, 1988 in Wien geboren, ist im Burgenland aufgewachsen. Ihr Roman «Nincshof» wurde mit dem Debütpreis des Harbour Front Literaturfestivals ausgezeichnet und stand auf der Shortlist für das Hamburger Buch des Jahres 2023. Ihre Kurzgeschichte «Das Gurkerl» erhielt beim Bachmann-Wettbewerb 2024 den 3sat-Preis und den Publikumspreis. Nach vielen Jahren in Hamburg lebt Johanna Sebauer heute wieder in einem kleinen Dorf im Burgenland.

Beitragsbild © Pamela Russmann