Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand

Alva ist Mutter zweier Kinder zweier Väter. Alva steigt auf einen Berg, den Calanda, den Churer Hausberg, im Nordwesten der Stadt. Sie braucht den Weg hinauf für eine Antwort. Sie braucht den Weg hinauf, um über die Ränder zu blicken. „Calanda oder Alvas Antwort“ ist der Weg hinaus aus beissenden Fragen.

Dieser Roman ist nach „Ein Winter in Istanbul“ und „Unschärfen der Liebe“ der letzte einer Graubünden-Istanbul-Trilogie. Romane, die thematisch zusammengehören, die man aber unabhängig voneinander lesen kann. Angelika Overath, Wahlengadinerin, kennt beide Landschaften wie ihre Westentasche. Zum einen weil sie in der Stadt am Bospurus mehrfach lange schrieb, zum andern weil sie eine der SchriftstellerInnen ist, für die die Recherche fester und unausweichlicher Bestandteil des Schreibens ist. Eine Recherche, die in ihren Büchern nicht mehr zu spüren ist. Eine Recherche, die der Autorin jene Trittsicherheit gibt, die ihr beim Schreiben eigen ist.

Sie wusste nicht genau, warum sie es jetzt tat. Manches weiss man nicht, auch wenn man es weiss.

Alva schleppt eine Diagnose mit sich, eine Diagnose, von der sie noch niemandem in ihrem Umfeld erzählt hat. Eine Diagnose, von der sie weiss, dass der Tod schon nach wenigen Jahren unausweichlich sein wird, dass sie ihre beiden Kinder viel zu früh zurücklassen muss. Sie steigt auf den Berg, wie sie es schon früher tat, mit Cla, dem Vater von Florinda und Baran, dem Vater von Mavi. Damals, als sie auf dem Weg hinauf zum Calanda Holz unterwegs einsammelten, auf dem Berg aus Steinen einen Windfang bauten, am kleinen Feuer ihr Abendbrot verzehrten und nebeneinander in ihren Schlafsäcken die Nacht im Freien verbrachten. Als alles noch offen war. Als Cla noch der war, mit dem eine Zukunft offenstand. Als ihr am nächsten Morgen, als sie auf die beiden schlafenden Männer sah, klar wurde, dass da zwischen den beiden mehr war als eine Männerfreundschaft.

Angelika Overath «Calanda oder Alvas Antwort», Luchterhand, 2026, 160 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-630-87786-0

Alva muss sich in Bewegung setzen, verlässt in aller Frühe das Haus, um mit dem Marschieren eine Antwort zu finden. Auf all die brennenden Fragen, die sich mit der Diagnose ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) nicht mehr in die Zukunft schieben lassen. ALS ist eine tödliche Muskelkrankheit, die Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark zerstört. Eine Krankheit, die nicht aufzuhalten ist, eine Krankheit, die sie bewegungsunfähig machen, die die Atmung lähmen wird. Alva muss sich mit dem Gang hinauf Luft verschaffen, auf die Frage eine Anwort bekommen, ob es Sinn macht, ein solches Leben weiterzuführen oder irgendwo hinauf zum Calanda oder auf dem Weg zurück einen Ausrutscher zu provozieren.

Als sie Baran in Istanbul kennenlernte, war sie mit Cla schon 10 Jahre zusammen. Cla Mitte vierzig und sie noch eine junge Frau. Sie war damals schon nach Istanbul gereist, hatte sich aufgemacht, um Antworten zu finden, hatte Cla in Istanbul besucht, um ihm von der Schwangerschaft zu erzählen. Antworten, wie es weitergehen sollte, denn Cla hatte nicht wie erhofft auf die Vaterschaft reagiert. Statt dessen lernte sie Baran, Clas Freund kennen. ALS wird ihr den Atem rauben.

Alva lebt sterbend. Im Grunde tun das ja alle.

Auf dem Weg hinauf zum Berg ziehen Erinnerungen an ihr vorbei. Erinnerungen an ihre Herkunft, an ihre aus Schlesien stammende Grossmutter, die Geschichte ihrer Flucht und Vertreibung, an ihre Mutter, die Begegnungen mit den beiden Männern ihres Lebens. Angelika Overath schildert das Aufsteigen mit vielen Beschreibungen der Natur, Nahaufnahmen, dem Bewusstsein, dass man Antworten erst dann findet, wenn der direkte Fokus auf die Frage genommen wird, wenn Perspektiven dazukommen, wenn einem bewusst wird, dass man Teil eines ganz Grossen ist. Jene so wichtigen Anworten holt man sich nicht, sie werden einem geschenkt.

„Calanda oder Alvas Anwort“ ist ein ganz zarter Roman.

Interview

Alle, die wandern und dabei einen Hügel, einen Bergkamm oder gar eine Bergspitze erreichen, wissen von dem Gefühl, das einen unweigerlich einnimmt, wenn man es geschafft hat und den Blick schweifen lässt. Man steht darüber. Nicht nur über der Landschaft, irgendwie auch über den Dingen, die einen sonst mit aller Kraft am Boden fesseln. Alva hat mit sich und ihrer Diagnose zu kämpfen. Mit dem, wie sie den Rest ihrer Zukunft sieht, das langsame Sterben, mit dem, was sie zurücklassen muss. Dass einem das Gehen Klarheit verschafft, erfährt man schon, wenn man im Gehen Probleme diskutiert. Weil es eine Form des Aufbrechens, weil es Bewegung, weil es Dynamik ist. Auch in Alva bricht vieles auf, vermischt sich mit Erinnerung. Wieviel Gehen ist Schreiben?

Wandern wie Schreiben haben beide mit dem Erinnern zu tun. Im Gehen kommen erlebte Szenen unwillkürlich zurück, Gedanken bilden sich, führen zu neuen Bildern. Das ist auch beim Schreiben so. Erinnerungen stossen Gedanken an, Gedanken führen zu Bildern, zu Szenen. Beim Wandern wie beim Schreiben ist eine gewisse Ich-Abwesenheit oder Ich-Leere prägend. Ich sage manchmal, die Sprache schreibt mit. Ein guter Text ergibt sich nicht allein durch die rationale Strategie. Er braucht auch ein gewisses Mass an Zulassen. Beim Wandern vergessen wir uns ja auch, wir setzen Schritt vor Schritt, atmen. Und in dieser Selbstvergessenheit wächst etwas in uns. Beim Schreiben kommt dann der Prozess des Korrigierens. Der ist wichtig. Aber der Stoff hat auch mit dem Unbewussten zu tun. Kreativität ist nie nur reines Kalkül.

© Angelika Overath

Ihrem Roman ist ein Zitat der polnischen Dichterin Wisława Szymborska (1923 – 2012) vorangestellt: «Ein erstbestes Wunder: / Kühe sind Kühe. // Ein zweites, nicht geringeres: / dieser und kein anderer Garten / in diesem und keinem anderen Obstkern». Wie leicht vergessen wir mit unserer Sicht auf Dinge und Zustände die eigentlichen Wunder. Alvas Sorgen drohen alles zuzudecken, zu vergiften, nicht zuletzt die Liebe in ihrer Familie. Das Zitat nimmt aber auch Bezug zu Alvas Grossmutter, einer Vertriebenen, die zu Lebzeiten mit Apfelkernen Halsketten auffädelte. Eine Geste der Einfachheit, eine Geste der Naturverbundenheit, eine Geste, die sich tief in Alvas Bewusstsein eingegraben hat. Sind sie dort oben in Sent, im Engadin, wo sie zusammen mit ihrem Mann leben und arbeiten, tiefer als im deutschen „Unterland“, anders der Natur, dem Leben ausgesetzt?

Wir leben in den Bergen und mit den Bergen. Wir schauen auf Gesteinsformationen, die vor uns da waren und die nach uns da sein werden. Wir leben mit der atemberaubenden Schönheit von Schneegipfeln, von hüfthohen Blumenwiesen und unter einem Himmel, der oft so tiefblau ist, dass er schon wieder erschreckt. Wenn ich am Schreibtisch nicht weiterkomme, gehe ich hinaus. In wenigen Schritten bin ich am östlichen Dorfrand. Dort beginnt ein Rundweg durch Wiesen und Felder von etwa einer Stunde. Ich kann ihn verlängern und noch ein Stück weiter durch den Wald gehen. Meist fällt mir beim Laufen ein, wie es am Schreibtisch weitergeht. Einfach weil ich loslasse und nicht bewusst an den Text denke. Ich laufe, pflücke vielleicht Blumen und dann kommen, wenn ich alles vergessen habe, die Ideen.

Nebst der Auseinandersetzung mit einer niederschmetternden Diagnose ist ihr Roman auch eine Auseinandersetzung mit fixen Vorstellungen von Ehe, Familie und Partnerschaft. Passiert tatsächlich eine Aufweichung oder ist das, was wir in gewissen Kreisen feststellen, nicht bereits eine Gegenbewegung?

«Calanda oder Alvas Antwort» ist nach «Ein Winter in Istanbul» und «Unschärfen der Liebe» der abschliessende Teil meiner Istanbul-Trilogie. Am Anfang war keine Trilogie geplant, sondern nur der erste Teil. Ich war Stipendiatin in Istanbul für fast ein Jahr. Immer wollte ich etwas über Nikolaus von Cues, Cusanus, den mittelalterlichen Universalgelehrten, schreiben. Cusanus war ein früher Lessing, für den der Toleranz-Gedanke prägend war. Er hat in Istanbul bzw. dem damaligen Konstantinopel mit den Dominikanern den Koran diskutiert! Ich finde seine Prosa wunderbar. Er sagt zum Beispiel, wenn sich ein Löwe einen Gott vorstellen würde, hätte der Gott ein löwenähnliches Antlitz, wenn sich ein Adler einen Gott vorstellen würde, dann ein adlerähnliches. Für ihn ist Gott vom Menschen nicht begreifbar. Menschliches Denken und Empfinden kann sich immer nur annähern. Je mehr der Mensch Gott fassen möchte, umso mehr wird sich Gott dem Menschen entziehen.  Als ich in Istanbul mehr oder minder zufällig erfuhr, dass Cusanus im Winter 1437/38 den byzantinischen Kaiser und das Oberhaupt der orthodoxen Kirche auf Galeeren von Konstantinopel nach Venedig begleitet hat – es sollte in Italien ein Konzil geben, auf dem sich die Ostkirche wieder mit der Westkirche versöhnen sollte – da hatte ich den Kern meines Romans. Und da es keine Religionstoleranz ohne die Toleranz in geschlechtlichen Dingen gibt, erfand ich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Männern dazu. Cla, der Engadiner Lehrer, und Baran, der Lebenskünstler mit griechischen und türkischen Wurzeln, verlieben sich ineinander und werden ein Paar. Alva, die Verlobte von Cla, akzeptiert diese Liebe und gibt ihn frei. Und verheimlicht Cla zunächst, dass sie ein Kind von ihm austragen wird.

Als der Roman zu Ende war, spürte ich aber, dass ich noch bei den Figuren bleiben wollte. Und so entwickelte sich in den beiden folgenden Romanen eine neue Form von Liebe und Familie. Alva hat am Ende zwei kleine Kinder von zwei Männern, die einmal ein Paar waren und noch ab und an eine Nacht zusammen verbringen. Die aber auf ihre Art zwei verantwortliche Väter sind. Und Alva in Liebe und Freundschaft verbunden sind. Ich glaube, was liberale gesellschaftliche Beziehungsformen angeht, gibt es kein zurück. Gleichgeschlechtliche Ehen sind heute zunehmend akzeptiert, auch offene Familien. Und das ist gut so. Die strenge bürgerliche Kleinfamilie war ja kein Erfolgsmodell.    

© Angelika Overath

Alva provoziert zumindest gedanklich auf ihrem Gang auf den Calanda den Suizid, einen Bergunfall, einen Fehltritt. Nur schon gedanklich tun wir es immer wieder. Was wäre wenn? Davon zehren Schriftstellerinnen. Spielen sie nicht immer wieder mit Fehltritten, Katastrophen?

Vielleicht haben Schriftsteller (bitte entschuldigen Sie, dass ich nicht gendere, ich kann das begründen, aber hier ist nicht der Ort) eine sehr wache Phantasie. Vielleicht leben sie stärker mit dem Tod. Die Krankheit ALS ist im Roman real, aber sie ist auch eine Metapher für unsere Sterblichkeit. Wir wissen, dass wir sterben werden und leben doch oft oder meist so, als seien wir ewig. Auch unsere Berge sind nicht ewig. Aber im Vergleich zu ihnen sind wir ein Hauch. 

In Fritz Zorns autobiografischem Bericht „Mars“, der 1977 posthum veröffentlicht wurde, steht (sinngemäss) der Satz „Das Leben ist eine Krankheit mit tödlichem Ausgang.“ Ein Satz, der eigentlich nur wegen seiner Radikalität erschreckt. Für Alva muss die Auseinandersetzung mit ihrer unabwendbaren Diagnose ähnliche Radikalität auslösen. Wie weit ist ihr Roman der Versuch eines Aufbrechens, eines Bewusstmachens? Oder scheitert Literatur, wenn sie etwas will?

Ich bin keine dezidiert politische Autorin. Aber ich habe eine Haltung. Ich habe schon was zu sagen. Und ich will verständlich sein. Meine Texte sollen Erlebnisqualität haben, den Leser mitnehmen. Wer liest, ist ganz nah an Alva, geht mit ihr zusammen, atmet mit ihr. Ich lege Wert auf sprachliche Intensität. Und sicher will ich manches bewusst machen. Zum Beispiel, dass das Leben kostbar ist. Dass auch ein verletztes Leben kostbar ist. Hier kommt die Grossmutter ins Spiel (unter anderem), die zwar nach einem Hirnschlag reduziert ist, aber für das Kind Alva lebenswichtig war. Diese Kette aus Apfelkernen ist eine Kette aus Apfelkernen. Aber sie ist auch ein Symbol dafür, dass das Kleine kostbar sein kann und dass Sorgfalt vieles, was übersehen wird, wertvoll macht.

Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane „Nahe Tage“, „Flughafenfische“, «Sie dreht sich um», «Ein Winter in Istanbul» und zuletzt „Unschärfen der Liebe“ geschrieben, mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert war. Für ihre literarischen Reportagen wurde Angelika Overath mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden. Zusammen mit ihrem Mann Manfred Koch lebet sie in Sent in Graubünden und betreibt dort neben ihrer Schriftstellerei eine Schreibschule.

Beitragsbild © Heike Bogenberger