Montserrat, Conxita und Núria, drei Schwestern, erben das Haus ihrer Tante Julia, irgendwo in den spanischen Pyrenäen. Nur dieses Erbe führt die drei Schwestern nach Jahrzehnten zusammen. Als sie jung waren, nahm sie ihre Mutter mit nach Argentinien. Ein schmaler, aber äusserst atmosphärischer Roman des Meisters!
Weil es für die Mutter der drei Schwestern in Spanien keine Zukunft mehr zu geben scheint, nachdem der Vater gestorben war, werden die Schwestern von ihrer Mutter unfreiwillig nach Argentinien umgesiedelt. Dort muss das Glück stattfinden. Aber auch dort findet die Mutter den Tritt nicht. So sehr die Schwestern als Mädchen durch den Umzug wie Freundinnen aufwachsen, eine Einheit bilden, so sehr zerbricht diese Einheit, weil jede der Schwestern als junge Frau in einem eigenen Umfeld zu bestehen hat. Montserrat, Conxita und Núria brechen in Gegenwarten auf, die kaum mehr miteinander etwas zu tun haben. Núria, die Älteste, heiratet nach der Auswanderung in die besten Kreise Buenos Aires, hat schnell Kinder und lebt sie sich in Sphären aus, die nichts mit den Welten ihrer Schwestern zu tun haben. Conxita wird Gesellschafterin einer verschrobenen Dame und Montserrat, Montse, «das Nesthäkchen», arbeitet Jahrzehnte in einer Autowerkstatt. Aber Montse ist nicht die, für die die älteren Schwestern sie halten.

Jenes geerbte Haus ihrer verstorbenen Tante wurde kurz vor ihrem Tod renoviert. Die drei Schwestern treffen sich dort, zusammengeführt mit den verschiedensten Absichten, von Colm Tóibín inszeniert wie ein Kammerspiel. Montse ist der Mittelpunkt der Geschichte, jene Schwester, deren Leben bisher am unauffälligsten verlief. Sie ist die einzige, die nicht mit dem Plan, das Haus zu verkaufen, in die Pyrenäen gereist ist. Für sie bietet dieses Haus erstmals die Chance auf ein Stück Unabhängigkeit, ein Stück Glück, zumal man die Tante im kleinen Dorf schätzte. Es ist das Haus, in dem sie damals zusammen mit ihrer Mutter die Ferien verbrachten. Das Haus ist ein Stück Zuhause.
Colm Tóibín zeigt, dass das Erbe nicht nur in den Dingen steckt, sondern auch in den Leben, die enden, in den Leben der Eltern, in dem, was sie an erlebter Erinnerung zurücklassen. Hier das Haus mitten im Dorf, hier das Trümmerfeld zwischen den ungleich gewordenen Schwestern, die auch in den Wochen im Haus ihrer verstorbenen Tante wie gleichpolige Magnete auseinanderdriften. Man kann Colm Tóibín dafür bewundern, dass er sich traut, eine Geschichte zu erzählen, in der fast nur Frauen vorkommen. Zum einen kann er das, weil er ein Meister seines Fachs ist. Zum andern geht es nicht um geschlechterspezifisches Verhalten, sondern um den Zusammenprall menschlicher Existenzen überhaupt. Das andere Geschlecht deshalb, um den Figuren im Erzählen jene Distanz zu geben, die maximale Nähe erzeugen kann.
In „Die Schwestern“ geht es um Beziehungen. Um eine Mutter, die die älteste Tochter zur Leitfigur macht, ihre Schwestern zu Spielbällen, Rollen die den beiden jüngeren bleiben. Eine Mutter, die ihre Kinder wie Möbelstücke auf einen anderen Kontinent verpflanzt. Um einstmals Verschworene, die auseinanderbrechen. Um Leben, die nach ihrem Kern suchen. Um Leben, die alles der Fassade opfern. Montse ist die einzige, die immer bei sich selbst geblieben ist.
Es macht unglaublich Spass, dem Drama zuzuschauen!
Colm Tóibín, 1955 in Enniscorthy geboren, ist einer der wichtigsten irischen Autoren der Gegenwart. Bereits sein erster Roman «Der Süden» (1994) wurde von der Kritik enthusiastisch gefeiert. Sein Werk wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem IMPAC-Preis, dem David Cohen Prize for Literature und dem Würth-Preis für Europäische Literatur. Zuletzt erschienen «Long Island» (Roman, 2024) sowie «Vinegar Hill» (Gedichte, 2025). Er wurde für 2022 – 2024 zum Laureate for Irish Fiction ernannt.
Giovanni Bandini und Ditte Bandini arbeiten seit 1985 als Schriftsteller und freie Übersetzer. Unter anderem haben sie Seamus Heaney, Matt Ruff, Cathleen Schine, Kiran Nagarkar und Neel Mukherjee ins Deutsche übertragen.
Beitragsbild © Emanuele Spina
