Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann

Per liegt im Sterben. Alina, seine Nichte, tut sich schwer mit der Unausweichlichkeit. Es stirbt mehr als ihr Onkel. In ihrer Suche nach dem, was bleiben muss und soll, findet Alina bei dem was dereinst stofflich bleibt, Anworten, die sie trösten, die sie mit dem Sterben und dem Tod versöhnen.

Alina ist hin- und hergerissen. Sie schreibt in ihrem Atelier in der Stadt, nicht weit vom Spital, in das man Per eingeliefert hatte. Man hat ihr versprochen, Zeichen zu geben, wenn sie Per besuchen darf, wenn sie sich verabschieden soll. Per ist der Bruder ihres Vaters. Per und er waren als Kinder Brüder und Freunde in einem, unzertrennlich. Und dann, Alina war noch nicht einmal zwölf, begann sich ihr Vater von der Familie zu lösen. Bis zu jenem Moment, als er seiner Frau, Alina und ihren Geschwistern einen Brief schrieb, in dem er erklärte, er werde an der Seite einer anderen Frau ein neues Leben beginnen, ein Leben in Erleuchtung. Während ihr Vater sich aus dem Staub machte, unerreichbar wurde, war es Per, der geblieben war, der in ihre Nähe rückte, der wurde, der ihr Vater hätte sein können. Der mit ihr die Berge erwanderte, der mit ihr für ein paar Tage nach London fuhr, nur mit ihr.

Und nun liegt Per nicht weit von ihrem Schreibzimmer in einem Spitalbett. Unerreichbar wie ihr Vater, aber nicht weggegangen, sondern weggenommen. Alina versucht mit der Situation zurechtzukommen, so wie sie mit ihrem Leben zurechtzukommen versucht; als Mutter zweier Kinder, als Familienfrau, als Geliebte, als Schriftstellerin, als Suchende, als Fragende. Sie versucht es mit ihrem Schreiben. Sie versucht es mit Therapiegesprächen. Mit Recherche. Im Dazwischen, zwischen all dem, was sie umgibt. Sie versucht es mit Fragen.

Per ist einer der Ersten, der mich je gesehen hat.
Und ich bin die Letzte, die ihn sieht.

Laura Vogt «Das Jahr des Kalks», Dörlemann, 2026,
192 Seiten, CHF ca. 30.90, ISBN 978-3-03820-186-1

Wenn ein Mensch eingeäschert wird, bleibt wenig übrig. Eigentlich nur Kalk. Genau das, was Materie ausmacht, aus der Leben gebaut ist, genau das, was Leben braucht, um zu gedeihen. Genau das, was über die Zeit bleibt, eingeschlossen als Fossil, über Jahrmillionen zu Stein gepresst, als Pulver das, was die Pflanze braucht. Ein Schritt in permanenter Metamorphose.

Obwohl es schon lange her ist, seit sich ihr Vater aus dem Staub machte, mit der Familie den Kontakt abgebrochen hatte, hemmt das Alinas Leben noch immer, als wäre ein Stein an ihrem Sein. Nachdem mein Vater gegangen ist, war ich wie begraben … jahrelang wie gelähmt … irgendwo tief eingeschlossen. Etwas, was nie zu einem Ende fand, was sie immer mit sich herumträgt. Das Verlassenwerden, die Frage nach der Schuld, umso mehr als dass sie für ihr eigenes Schreiben, ihre Recherchen ihre Kinder immer wieder einmal zurücklassen muss.

Sie meldet sich für einen Kurs in einem Sauriermuseum; die Techniken des Freilegens. Sie nimmt Kontakt auf mit einem Verein, der sich um einen der letzten Kalköfen bemüht, schreibt einen literarischen Bericht zu Kalk und Familie, erinnert sich an ihren Grossvater, der sich in seiner Freizeit ganz intensiv mit Mineralien, mit Steinen auseinandergesetzt hatte, der sie bearbeitete, hämmerte und schlug, um seinen Vorstellungen Gestalt zu geben.

Laura Vogts vierter Roman ist ein ungemein zarter, ein tastender. Eine literarische Erkundung, ein Erspüren, ohne sich in schwer zu definierenden Schattengegenden zu verlieren. Ein grosses Fragestellen, das mir keine Antworten liefern will, sondern jene mitnimmt, die sich ähnlichen Fragen stellen. Was bleibt? Ist das Menschsein bloss ein Schritt in einer ewig dauernden Metamorphose? Wo sind die Verkrustungen, die Versteinerungen in meinem eigenen Leben? „Das Jahr des Kalks“ ist beinahe durchscheinend, von grosser Ehrlichkeit.

Laura Vogt, geboren 1989 in der Ostschweiz, studierte Kulturwissenschaften an der Universität Luzern und Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel. Bisher erschienen von ihr die Romane «Die liegende Frau» (2023), «Was uns betrifft» (2020) und «So einfach war es also zu gehen» (2016). Ihre Arbeiten wurden mit diversen Werkbeiträgen und Stipendien ausgezeichnet und teilweise auf Englisch übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von St. Gallen.

Beitragsbild © Ayse Yavas