Noch einmal zurück in die Zeiten des Aufbruchs? Zu Pascal Merciers «Der Fluss der Zeit» (28)

In den drei vergangenen Stunden, in denen er uns durch das Haus geführt hatte, konnte man an Prager noch eine Art Spannung spüren, eine kleine Zukunft. Jetzt, als er mitten in seinem aufgeräumten, leblos wirkenden Atelier stand, war alles an ihm erloschen.

Lieber Gallus

Gestern ist mir dieses schmale posthum erschienene Werk begegnet, eine wahre Trouvaille! Vor meiner Abreise nach Riga muss ich dir daher noch schreiben. Ich habe das Buch begeistert gelesen; fünf berührende Geschichten mit Tiefgang in einer wunderbaren Sprache.

Wie gehe ich mit Dankbarkeit um? Was geht in mir vor, wenn das Haus, worin ich lebte, an Nachfolger übergeht? Wie gehe ich mit der Angst an den Tagen um, wo ich auf einen möglicherweise bösartigen Befund warten muss? Ein Mann besucht nochmals sein Studentenzimmer und erlebt, was sich dort, aber auch in ihm verändert hat.

Pascal Mercier «Der Fluss der Zeit», Hanser, 2026, 112 Seiten, CHF ca. 33.90, ISBN 978-3-446-28577-4

Ich würde gerne für eine Weile in meinem damaligen Zimmer sitzen, sagte ich. «Einfach so?», fragte Christa. Ich nickte und schloss die Tür. Ich machte das elektrische Heizgerät an und legte mich hin. Als ich die Wärme zu spüren begann, merkte ich, dass etwas mit mir geschah: Ich wollte nicht mehr weg.

Pascal Mercier stellt grosse Fragen an unsere Existenz auf literarisch überzeugende Weise. Ein würdiges Vermächtnis. Dieses Buch gefällt dir sicher auch.

Herzlich
Bär

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Lieber Bär

Ich reagiere sehr skeptisch, wenn Bücher aus dem Nachlass verstorbener AutorInnen veröffentlicht werden, vielleicht sogar mit einer gewissen Abwehr. Das war auch der Grund, weshalb ich das schmale Buch bis jetzt nicht zur Hand genommen habe. Weil ich aus einem Reflex heraus vermute, dass es sehr wohl im Interesse des Verlages sein muss, wenn man aus den einstigen Früchten den letzten Saft herauspressen will. Weil ich glaube, dass es Gründe zu Lebzeiten des Autors gegeben haben muss, dass die Erzählungen in Schubladen oder Dateien blieben.

Aber dein kurzer Brief vor deiner Abreise, ermuntert mich nun doch, die Erzählungen zu lesen. Nicht zuletzt darum, weil die Kritiken zum Buch durchzogen sind. Aber wie wir beide wissen; das Urteil jener, die sich im Literaturbetrieb das Recht geben, die Spreu vom Weizen zu trennen, entspricht nicht immer dem, was Leserinnen und Leser empfinden, die sich nicht nach dem Geschmack medienwirksamer LiteraturkritikerInnen richten.

Gute Reise nach Riga! Ich geniesse die Lyriktage in Basel!

Gallus

Pascal Mercier, mit bürgerlichem Namen Peter Bieri, wurde 1944 in Bern geboren. Er war an der Universität Heidelberg (1983–1990) und in Marburg (1990–1993) Professor für Philosophie. Von 1993 bis 2007 lehrte Peter Bieri an der FU Berlin Sprachphilosophie und Analytische Philosophie, dann verliess er den Lehrbetrieb. Sein Roman «Nachtzug nach Lissabon» (2004) wurde ein Weltbestseller. 2006 wurde Pascal Mercier mit dem Marie-Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet, 2007 in Italien mit dem Premio Grinzane Cavour für den besten ausländischen Roman geehrt. Er lebte in Berlin. Pascal Mercier starb am 27. Juni 2023.

Beitragsbild © Paula Winkler OSTKREUZ