von Iris Wolff zu 10 Jahren literaturblatt.ch

Ich bin eine langsame Leserin, eine zweiflerische, wortgrüblerische, ungeduldige zuweilen, meist genießerische, versunkene. Mir fällt es schwer, ein Buch aus der Hand zu legen, selbst wenn es mir nicht gefällt. Weil ich weiß, wie viel einem das Schreiben abverlangt, hoffe ich, dass sich die Erzählung noch entwickeln, runden wird. Selbst wenn dies auf Seite 200 noch nicht geschehen ist, bin ich vom Gegenteil nicht leicht zu überzeugen. Viel Lebenszeit geht dahin, wenn man Bücher nicht einfach zuklappen kann. Umso wichtiger sind Empfehlungen. Wenn der Lieblingsbuchhändler den bestellten Büchern noch eins hinzufügt, wenn eine Freundin den Imperativ «Lies!» verwendet, wenn irgendein Zufall einem eine Lektüre zuspielt. Im besten Fall nicht irgendein Buch, sondern eines, in dem man etwas wiederfindet, einen Glauben, ein Glück, eines, das die Welt weit werden lässt. Man muss aber nicht auf solche Zufälle und Zurufe warten – man kann auch einfach Dein Literaturblatt lesen, lieber Gallus! Iris Wolff

Über literaturblatt.ch:

Am 4. Januar 2016 schickte ich meinen ersten Beitrag, eine kurze Rezension zu Anthony Doerrs Roman «Memory Wall», in den Äther. Es war ein Abenteuer. Nichts und niemand wartete auf das, was einer über seine Lesespur schreibt. Meine analog gezeichneten Literaturblätter, die ich per Post an ein paar Dutzend AbonnentInnen schicke, gab es zwar schon ein paar Jahre, aber man schüttelte den Kopf, wenn man sich mit mir über die Wirksamkeit meiner «Literaturvermittlung» unterhielt.

Bis eine Schriftstellerin während eines langen Spaziergangs meinte, ich müsse etwas tun, etwas wagen. Es brauche so einen wie mich. Bis mir mein Schwiegersohn ungefragt die Domain literaturblatt.ch schenkte und versprach, mir eine Webseite so einzurichten, dass ich sie bloss noch zu füllen brauchte. Bis die ersten Rezensionsexemplare in meinem Briefkasten eintrafen und der Kasten dort jeden Tag zur Wundertüte wurde.

In diesen 10 Jahren sind es fast 1900 Beiträge, die erschienen sind; Rezensionen, literarische Gasttexte, Veranstaltungshinweise und -berichte, Schwärmereien, Kommentare und Auseinandersetzungen. Alles rund ums Buch, mitten in der Literatur.

Mein Engagement schenkte mir ein paar Jahre als Programmacher im Literaturhaus Thurgau, als Mitorganisator eines Literaturfestivals, holte mich als Moderator unzählige Male auf die Bühne an die Seite spannender SchriftstellerInnen und überraschte mich unzählige Male mit Reaktionen Schreibender und Lesender.

Ein Abenteuer ist es noch immer, weil ich nicht weiss, wo mich dieses noch hintragen wird. Dankbar bin ich für all die wunderbaren Begegnungen, die Freundschaften, die Einblicke, den Blick durch das Buch hindurch in die Leben jener, die mit ihren Texten Welten formen. Lesen und das Darüber-Schreiben ist zu einem Lebenselexier geworden, einem grossen Stück meiner selbst. literaturblatt.ch zu einem Schlüssel zu diesen Welten.

Gallus Frei

Iris Wolff, geboren in Hermannstadt, Siebenbürgen. Die Autorin wurde für ihr literarisches Schaffen mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt, darunter mit dem Eichendorff-Literaturpreis, dem Marieluise-Fleißer-Preis sowie dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis und dem Solothurner Literaturpreis für ihr Gesamtwerk. Zuletzt erschien 2024 der Roman »Lichtungen«, der mit dem Uwe-Johnson-Preis und dem Spycher: Literaturpreis Leuk ausgezeichnet sowie für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert wurde. Die Autorin lebt in Freiburg im Breisgau.

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