Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat

Ein Mann wird mit der Geschichte, dem Schicksal seiner Familie konfrontiert. Erst der Tod seines Vaters, mit dem ihn nichts mehr zu verbinden schien, öffnet das Tor zu einem Teil eines verschlossenen Lebens. Usama Al Shahmani erzählt vom Schrecken der Geschichte und von der Macht der Verdrängung.

Geschichte, historisches Bewusstsein ist stets perspektivisch, das Resultat von Hervorheben und Verdrängen. Und wie sehr erlebte Geschichte mit ihren letzten direkt Betroffenen ins Vergessen abzurutschen, aus dem Bewusstsein einer Gegenwart zu verschwinden droht, erst recht wenn jene sterben, die unmittelbar mit den Geschehnissen in der Vergangenheit verbunden waren, daran erinnern all jene, die in irgend welcher Form auch immer gegen dieses Vergessen ankämpften. Bestes Beispiel war Margot Fiedländer, die sich bis zu ihrem Tod 2025 als eine der letzten Überlebenden des Holocausts als Zeitzeugin engagierte. Aber auch im Innerfamiliären, in der Verwandtschaft kann der Tod unliebsame Teile der Geschichte einer Familie, einer Kultur ins Vergessen reissen. Wissen wir, woher wir kommen? Kennen wir die Geschichte unserer Vorfahren? Sind wir uns dessen bewusst, woher das Wasser kommt, das unser Leben möglich macht?

Im neuen Roman von Usama Al Shahmani wird Gadi, der schon seit Jahrzehnten in Zürich als Dozent für hebräische Sprache lebt, von seiner Schwester ans Sterbebett seines Vaters Zakai Mieche in einem Spital in Jerusalem gerufen. Gadi fliegt, nicht wegen seines Vaters, schon eher wegen seiner Schwester und ganz sicher aus einem Pflichtgefühl seiner Familie gegenüber. Seit dreissig Jahren war nichts mehr zwischen ihm und seinem Vater. Selbst als sie noch eine Familie waren, war sein Vater keiner, der sich fürsorglich um die Familie kümmerte, der irgendwann aus der Familie verschwand. Irgendwann zerbrach das Band zwischen Sohn und Vater ganz.

Gadis Vater Zakai hinterlässt seinen beiden Kindern ein Testament und einen Stapel Aufzeichnungen, Dokumente, Briefe und Hefte und den einen, letzten Wunsch, man möge die Hälfte seiner Asche in den Tigris, den Fluss, der durch Bagdad fliesst, streuen.

Gadi nimmt sich der Asche und den Dokumenten an, reist zurück nach Zürich und beginnt schon im Flugzeug, in den Aufzeichnungen seines Vaters zu lesen. Anfangs mit Widerwillen, dann mehr und mehr mit der Ahnung, dass sich da etwas offenbart, von dem er keine Ahnung hatte. Die Aufzeichnungen erzählen die Geschichte seiner Familie, die Geschichte einer jüdischen Familie in der irakischen Hauptstadt Bagdad, die Leidensgeschichte der irakischen Juden. In den Wirren der Geschichte, unter Saddam Hussein, in Kriegen und unter amerikanischen Bomben drohten die Juden all das zu verlieren, was zuvor über Jahrhunderte das Leben in der Stadt ausmachte; ein friedliches, befruchtendes Zusammenleben vieler Religionen, die Auslöschung einer mehr als 2000jährigen jüdischen Tradition. Gadi liest von seiner Herkunft, seiner Geschichte. Mit einem Mal wird ihm bewusst, wie wenig er weiss, nicht nur von der Geschichte seiner Familie, auch von der Geschichte seines Herkunftslandes.

Usama Al Shahmani «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied», Limmat, 2025, 224 Seiten, CHF ca. 30.00, ISBN 978-3-03926-093-5

Gadi erfährt von seinem Grossvater, der in Bagdad eine Fabrik besass und sich massgeblich einmischte in die Geschicke eines Vielvölkerstaates. Er erfährt von einer einst blühenden jüdischen Gemeinde im Irak. Noch 1940 lebten in Bagdad 90 000 Jüdinnen und Juden, bildeten einen wichtigen Teil des irakischen Lebens. Aber weil sich die Machthaber im Land im Schatten eines tobenden Weltkriegs in einer Allianz mit den Nationalsozialisten Deutschlands auf der Siegerstrasse glaubten, schwappten Fremdenhass, grassierender Antisemitismus, Enteignung, Verfolgung, Willkür und Gewalt über und rissen die einst blühende jüdische Gemeinde in den Abgrund. Gadis Grossvater verlor alles, nicht nur seine Fabrik. Der Rest der Familie floh nach Palästina und es legte sich ein Mantel des Schweigens über die Familie.

Zusammen mit einem Freund macht sich Gadi auf nach Bagdad, im Gepäck die Asche seines Vaters. In der Stadt, von der nicht viel aus der Zeit seines Grossvaters geblieben ist, lernt er die 90jährige Myra kennen, die als eine der letzten Jüdinnen in Bagdad lebt, aber tunlichst vermeidet, sich als solche zu zeigen. Myras Erzählungen und die Aufzeichnungen seines Vaters setzen Gadis Selbstverständnis in ein ganz anderes Licht. Mit einem Mal fällt der Mantel des Schweigens.

Usama Al Shahmani konstruiert aus Erzählung und dokumentarisch angelegten Textpassagen einen Roman, der mich immer tiefer in die gewaltsamen Erosionen einer Stadt, eines Landes hineinzieht, dessen Geschichte mir so völlig unbekannt war. Sein präzise recherchierter Roman zeigt, wohin wir abdriften, wenn Ideologien über Menschlichkeit siegen, wenn die Gier nach Macht und Einfluss Volksgruppen zu Sündenböcken macht, die auszumerzen sind. Mag sein, dass der Schrecken aus Geschichte und Einsicht den Protagonisten etwas fahle Farben hinterlässt. Nichts desto trotz ist „In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied“ ein wichtiges, ein mahnendes Buch. Und glücklicherweise blitzt das bildhafte, poetische Erzählen des Autors immer wider auf.

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Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Er publizierte drei Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Seit 2021 ist er Literaturkritiker beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SRF. Sein erster Roman «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert.  Seither sind die Romane «Im Fallen lernt die Feder fliegen», «Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt» und «In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied» erschienen. 2022 nahm er mit seinem Text «Porträt des Verschwindens» an den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Usama Al Shahmani lebt in Zürich.

Usama Al Shahmani «Wo die Diktatur beginnt, liegt die Kultur im Sterben – Eine Kindheit zwischen dem Krieg und dem bewaffneten Frieden» auf der Plattform Gegenzauber

Beitragsbild © Ayse Yavas

Wortlaut – St.Galler Literaturfestival vom 27. bis 29. März 2026

Wortlaut ist das literarische Frühjahrsereignis der Ostschweiz. 2026 wird es zum 17. Mal durchgeführt und findet vom 27. bis 29. März 2026 statt. Sämtliche Veranstaltungsorte wie Lokremise, Bibliothek Hauptpost und Grabenhalle sind fussläufig erreichbar und liegen bahnhofsnah. Ziel des Literaturfestivals ist es, die vielfältige Welt der Literatur einem breiten Publikum bekanntzumachen.

Wir alle übersetzen tagtäglich das, was wir denken, in Worte. Im Rahmen der 17. Ausgabe des Wortlaut – St. Galler Literaturfestivals wollen wir nun diesen Prozess genauer anschauen: Was passiert, wenn Gedanken Form annehmen – erst in Worte, dann in Schrift? Oder wenn ein Buch in eine andere Sprache übertragen wird? Wie können komplizierte Themen vermittelt werden? Anders gesagt: Wie formulieren wir etwas, damit wir auch wirklich verstanden werden? Wir freuen uns sehr, genau darüber mit unseren Autor:innen am Wortlaut zu sprechen!

Es finden moderierte Lesungen mit Autor*innen aus der Schweiz und dem deutschsprachigen Raum statt. Darüber hinaus organisieren wir spannende Wortwechsel, Werkstattgespräche und eine Podiumsdiskussion. Das Publikum in St.Gallen wird ferner eingeladen, Gast des schon traditionellen Dialekt Poetry Slams in der Grabenhalle zu sein, sich an einem Literaturspaziergang durch die Gallusstadt zu beteiligen oder den Lesungen im öffentlichen Nahverkehr zu lauschen. Nicht zuletzt findet auf dem Vorplatz der Bibliothek Hauptpost ein sogenannter Silent Reading Rave statt.

Wortlaut ist ein Fest, das Sie auch in diesem Jahr zu literarischen Entdeckungen und Grenzüberschreitungen einlädt. Freuen Sie sich mit uns auf ein reichhaltiges und entdeckungsfreudiges 17. St.Galler Literaturfestival!

Advents-Überraschung: Early Bird Festivalpässe ab jetzt erhältlich!

Du suchst noch ein passendes Weihnachtsgeschenk für deine literaturbegeisterte Mutter oder deinen Bruder, der eine Leseratte ist? Verschenke jetzt Vorfreude für das 17. Wortlaut vom 27.-29. März 2026.

Denn du kannst dir jetzt zum ersten Mal für das Wortlaut Literaturfestival 2026 exklusive Festivalpässe zum Sonderpreis sichern!

Wir freuen uns darauf, dich 2026 beim Wortlaut Literaturfestival willkommen zu heissen!

Die Aktion gilt vom 8.-31. Dezember 2025

Zu den Early Bird Festivalpässen