Es passiert zuweilen, das ich mich bei der Lektüre über die Massen beglückt fühle. Dann, wenn das Gelesene mich in seiner Gänze berührt; die Geschichte, das Personal, der Ton, der Witz, das Unausgesprochene, der Sound … bis zu einzelnen Sätzen, wie Pflöcke eingeschlagen. Jürg Beelers neuer Roman beisst sich in die Gegenwart und hinterlässt Spuren.
Josef Lautenbacher ist seit wenigen Monaten in Rente, nachdem er über viele Jahrzehnte eine Buchhandlung in Nimmerach, einer kleinen Stadt am Jura Südfuss, geführt hatte. Eine Buchhandlung, die wie Bäckerei und Metzgerei zum Stadtbild gehörten und Lebensnotwendiges an ihre Kundschaft brachten. Nun ist der Buchladen an zwei junge Frauen übergeben. Für Lautenbacher keine leichte Sache, denn seine Nachfolgerinnen liessen keinen Stein auf dem anderen; gerafftes Sortiment, dafür Kaffee und Kuchen. Für Lautenbacher, ein Mann der alten Schule, ein Unding.
Mit Luise, seiner fünf Jahre älteren Frau, wird es mit der Pensionierung in der Dreizimmerwohnung ebenso nicht einfacher. Auch wenn Luise schon vor einem Jahrzehnt beschloss, allein in einem Zimmer schlafen zu wollen – wie soll man sich in einer so kleinen Wohnung aus dem Weg gehen? Als er noch seine Buchhandlung hatte, war das sein Ort, die Stunde vor Öffnung seine Stunde und ein Schild an der Tür das eine oder andere Mal seine Rettung vor aufdringlicher Kundschaft. Seit seiner Pensionierung ist Lautenbachers einzige Rettung vor den Einmischungen seiner Frau sein Notizheft, in das er Ordnung zu bringen versucht, Ordnung in eine Welt, die auseinanderzubrechen droht, Ordnung in seine Seelenlandschaft, durch die immer wieder einmal ein Sturm an ihren Grundfesten rüttelt – und das Bahnhofsbuffet in der Stadt. Der einzige Ort, wo er Luise mit Sicherheit nicht begegnet.
Luise war Luise, sie war so sehr Luise, dass ihm manchmal die Haare zu Berge standen.

Als dann auch noch ein Arztbesuch ansteht, den auch seine beiden erwachsenen Kinder fordern, nur weil die eine oder andere kurzzeitige Schwäche nicht mehr zu kaschieren war, beginnt sich die Schlinge für Josef zuzuziehen. Dabei will er doch einfach nur seine Ruhe; kein Geschnatter, kein Kaffee und Kuchen, keine Nötigungen, nicht den Lärm seiner Enkelkinder, nicht die Strenge seiner Kinder – und schon gar nicht die Bevormundung seiner Frau.
Er will weg. Zuerst aus der Enge seiner Wohnung, weg von dem, was man ihm aufzudrängen versucht, weg von der Kleinstadt mit tausend Augen. Am liebsten nach Paris. In die Stadt der Dichter, der Künstler. Irgendwann schafft er es schon einmal bis nach Zürich. Ein erster Schritt ist getan, in ein kleines Hotel, in das man ohne Kreditkarte einchecken kann, ein Zimmer erstmal für ein paar Tage.
Dass sich die Welt zu ihrem Nachteil verändert hatte, war auch ihm aufgefallen, längst hielt er nicht mehr die Bücher für den Kitt der Gesellschaft, sondern die allgemeine Dummheit.
So sehr Josef Lautenbacher aus der Zeit gefallen ist, so sehr ist Jürg Beelers Geschichte aus der Zeit gefallen. Aber was für ein Genuss. Genau darum, weil sich weder Lautenbacher noch Beeler um den Nerv der Zeit bemühen. Warum gibt es für Menschen ohne Rollkoffer nur noch mitleidige Blicke? Warum ist alles auf Gemütlichkeit getrimmt, obwohl sich kaum jemand mehr in der Zeit verlieren will? Warum lässt einem zuweilen das Gefühl nicht los, allem Unmöglichen genügen zu müssen, nur nicht sich selbst?
Josef Lautenbacher wäre nach seiner Pensionierung am liebsten einfach ein Müssiggänger mit einem guten Buch, nichts von dem neumodischen Zeug, das sich bloss mit dem eigenen Nabel beschäftigt, und seinem Notizbuch, das ihm immer wieder einmal wenigstens das Gefühl gibt, all die Verunsicherungen an den Rand zu drängen. Aber in einer Welt im Optimierungswahn, inszeniertem Genuss und rasender Veränderungen wird die Bewegungsfreiheit eines Sonderlings immer kleiner. Josef Lautenbacher ist ein aussterbender Archätypus. Ihm entflieht die Zeit – buchstäblich.
Wie ich Beelers Schreibe liebe! So ehrlich, so witzig, so entzückend, so frech, so unprätentiös, so anders!
Jürg Beeler (1957) ist in Zürich geboren und in Olten aufgewachsen. Er studierte Germanistik, Literaturkritik und Komparatistik. Er arbeitete als Mittelschullehrer und als Rezensent sowie als Reise- und Kulturjournalist. Der Autor hat schon viele Auszeichnungen erhalten, u. a. den Preis der Schweizerischen Schillerstiftung (2002) und 2024 die Literarische Auszeichnung der Stadt Zürich. Jürg Beeler lebt als freier Schriftsteller in Narbonne (F) und Zürich. Zuletzt erschienen von ihm bei Dörlemann die Romane «Die Zartheit der Stühle» (2020) und «Der blinde König und sein Narr» (2024).
Jürg Beeler «Möglicher Anfang eines Romans», Plattform Gegenzauber
Beitragsbild © Remo Fröhlicher

