Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare

Da ich bald erstmals nach Riga reise, habe ich mich über lettische Literatur informiert und bin auf «Das Bett mit dem goldenen Bein» von Zigmunds Skujiņš gestossen. Begeistert nur schon vom hervorragend gestalteten Cover mit Schuber aus der Reihe Mare Klassiker habe ich bei der Lektüre erfahren, dass die «Legende einer Familie» ein literarischer Leckerbissen ist.

Lieber Gallus

Auf 538 Seiten betreten mehrere Generationen der Familie Vejagals die Weltbühne. Die Geschicke einzelner Familienmitglieder vor dem Hintergrund der lettischen Geschichte über mehr als 100 Jahre, ausgehend von einer durch Agrarwirtschaft geprägten Gesellschaft, welche die Seefahrt entdeckt. Vom Lettland als Schlachtfeld in den Weltkriegen zwischen Deutschland und der Sowjetunion berichtet der Erzähler bis in die Nachkriegszeit.

Nein, was ihn wirklich von der Reise abhielt, war der Vejagal’sche Charakter, ein gegen sich selbst gerichteter Trotz, der Unwille, etwas Angefangenes nicht zu Ende zu bringen. Man konnte es Ehrgeiz oder Stolz nennen.

Zigmunds Skujiņš «Das Bett mit dem goldenen Bein», mare, aus dem Lettischen von Nicole Nau, mit einem Nachwort von Judith Leister, mit Lesebändchen im Schuber, 2022, 608 Seiten, CHF ca. 65.90, ISBN: 978-3-86648-658-4

Dank der Ahnentafel der Familie Vejagals auf der ersten Seite und der grossartigen Erzählart findet sich die Leserin, der Leser gut zurecht. Zuerst erfahren wir die Geschichte von Noass, dem erfolgreichen Seefahrer und von seinem Bruder Augusts, dem sesshaften, sein Handwerk liebenden Bauer. Schon hier entsteht Spannung, weil Augusts während der langen Abwesenheit Noass’ auf See dessen Ehefrau schwängert. Nach und nach treten andere Vejagals auf, vielen wird ein Kapitel gewidmet, grob chronologisch angeordnet ohne genaue Daten. Hilfreich ist ein ausführliches Glossar im Anhang.

«Legt mich mit Brille in den Sarg. Ich will euch alle sehen, aber die Augen tun’s nicht mehr so recht» und fügte hinzu: «In den Bienenstöcken summt es gewaltig, das wird ein gutes Jahr.»

Die Verknüpfung der so unterschiedlichen Geschichten der Familienmitglieder gelingt literarisch wunderbar, sodass ein spannender Lesefluss entsteht und ich immer wieder von neuem mitgerissen werde. Packend und lebendig werden die Menschen geschildert. Lettland mit seinem landschaftlichen, gesellschaftlichen und historischen Hintergrund wird filmisch erlebbar. 

Ein Morgen wie im Bilderbuch. Leichter Tau, wolkenloser Himmel, man könnte sich sofort an die Arbeit machen, aber nein, man muss zu seinem Einsatzort gehen, wo man gesagt bekommt, was heute zu tun ist. (Kolchose)

Die Vejagals haben sehr unterschiedliche Lebenswege, packen ihr Schicksal oft kämpferisch an und sind dem Leben zugewandt. Ob erfolgreicher Seefahrer in Lateinamerika, naturnaher Bauer, der sich in der Kolchose nicht mehr zurechtfindet, Bibliothekarin in besonderer Liebesbeziehung oder nach England flüchtender Chaot, Skujiņš beschreibt die Charaktere subtil und plastisch.

Dieses Buch ist sowohl von der Gestaltung wie vom Inhalt her unbedingt zu empfehlen.

Herzlich

Bär

Zigmunds Skujiņš (sprich: Skuiensch) wurde 1926 in Riga geboren. Nach Anfängen im Journalismus wandte er sich ganz dem literarischen Schreiben zu. Zu seinem Werk gehören zahlreiche Romane und mehrere Erzählbände sowie Theaterstücke, Drehbücher und Essays. Skujiņš ist einer der renommiertesten Schriftsteller seines Landes. Sein Werk wurde in viele europäische Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. «Das Bett mit dem goldenen Bein» (1984) gilt als sein grösster Erfolg. Skujiņš starb im März 2022 in Riga.

Nicole Nau, geboren 1962 in Giessen, ist Professorin für Allgemeine Sprachwissenschaft und Lettische Philologie an der Adam-Mickiewicz-Universität in Poznan (Posen). Sie übersetzt zeitgenössische lettische Prosa, u.a. von Nora Ikstena und Māra Zālīte. Auf ihrer Website lettlandlesen.com informiert sie über Literatur aus Lettland.

Judith Leister (Nachwort) studierte Germanistik, Komparatistik und Slawistik in München und Berlin. Seit 2005 verfasst sie Beiträge für verschiedene Medien, u.a. die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Neue Zürcher Zeitung und den Deutschlandfunk. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf osteuropäischer Kultur und Geschichte sowie jüdischen Themen. Sie lebt in München.

Beitragsbild © Gunārs Janaitis