Abbas Khider «Der letzte Sommer der Tauben», Hanser

Noah ist zwölf und lebt ganz für seine Tauben auf dem Dach seiner Familie. Mutter und Vater haben sich recht und schlecht in ihrem Leben eingerichtet und das eine oder andere Mal bringt ihm das Glück eine neue Taube. Bis Männer in Autos das Kalifat ausrufen und mit einem Mal alles anders sein muss.

Nur zu gut erinnern wir uns an Bilder von Pickups, bärtigen Männern, Gewehre gegen den Himmel gereckt und schwarze Fahnen im Fahrtwind, als vor gut 10 Jahren im Irak und in Syrien die Terrororganisation ISIS den islamischen Staat ausrief. Zu glauben, dass all jene, die damals mordeten und brandschatzten, heute zur Besinnung gekommen wären, ist naiv. Ebenso die Hoffnung, dass sich die Bevölkerung in Staaten wie Afganistan irgendwann ganz bestimmt aus ihrer Knechtschaft selbst befreien werden. Was ist dann an Kraft noch geblieben? Oder man sieht Bilder von Kundgebungen in Deutschland, Städten wie Hamburg, wo junge, bärtige Männer, muskelbepackt und mit unverholener Selbstsicherheit und Radikalität das Kalifat in Deutschland fordern, das Kalifat als Allheilmittel anpreisen. Wenn am Rande solcher Veranstaltungen ein artiges Häufchen eingeschüchteter Frauen unter ihren Niqab applaudiert und man sich angesichts der meist jungen Männer, die lauthals Parolen schreien, fragen muss, was da ungehindert zu gedeihen scheint.

Noch viel schlimmer dabei ist, dass immer mehr Menschen nicht mehr differenzieren können zwischen Islam und Islamismus. Und wenn aus christlicher Sicht dann noch die Versuchung geschürt wird, den Islam mit Gewaltbereitschaft gleichzusetzen und vergessen wird, was in den letzten zwei Jahrtausenden im Namen der Christen angerichtet wurde, scheint jedes Mass, jede Relation im Gezeter des Hasses unterzugehen.

Abbas Khider «Der letze Sommer der Tauben», Hanser, 216 Seiten, CHF ca. 35.90, ISBN 978-3-446-28222-3

Noahs Glück ist brüchig. Schon sein älterer Bruder ist irgendwann aus der Familie verschwunden, zusammen mit ihm alle Bilder von ihm, sein Name, alles. Nur manchmal sieht er seine nie mehr frohe Mutter unter Tränen jenem einen, letzten Foto seines Bruders nachtrauern. Seine Schwester ist schwanger. Aber auch ihr Glück ist bedroht. Ihr Mann, der bei der Polizei arbeitete, ist jetzt, wo die Mudschaheddin die Macht mit ihren Gewehren zeigen, eingesperrt und von deren Willkür bedroht.

Es ist Sommer in der Stadt. Noahs Vater ist von den neuen Machthabern gezwungen, sein Kleidergeschäft den neuen Vorschriften anzupassen. Alles, was zu sehr nach Weiblichkeit aussieht, muss verschwinden, verbrannt werden. Jeder abgebildete Frauenkörper muss mit einem Stift geschwärzt werden. Sein Onkel Ali, der unter dem gleichen Dach ein Café führt, muss den Laden dichtmachen. Alles, was ihm bleibt, ist seine Taubenzucht, das, was ihn mit Noah verbindet. Tauben sind für Noah und seinen Onkel all das, was ihnen nach und nach genommen wird, nicht nur die Freiheit, die Fähigkeit zu fliegen, auch ihr soziales Gefüge, der Zusammenhalt, den Willen, sich nach den Schwächsten in der Gruppe zu richten. 

Zusammen mit seinen Freunden Shirzad und Mohamed waren sie einst eine Clique, nannten sich die Al-Pacino-Bande. Aber nachdem Shirzad als Jeside zusammen mit seiner Familie verschwindet und Mohamed nach einem „Ferienlager“, an dem der Gebrauch der Waffe gelernt wurde, nicht mehr der gleiche ist wie zuvor, spürt Noah, dass sich die Schlinge immer weiter zuzieht. Bis auch die Tauben vom Himmel verschwinden sollen.

Abbas Kidher zeigt im kleinen Kosmos eines Zwölfjähigen, dass es kaum ein Entrinnen gibt, wie die Kombination aus Staat, Recht und Religion keine Freiheiten erlaubt, wie ein hassgesteuertes, hirarichisches System von enthemmten Männern alles zunichte macht, was die Rechte des Individuums hochalten will, wie aus Hoffnung Angst wird.

Mag sein, dass der Roman von Abbas Khider aus der Sicht des Zwölfjährigen erzählt manchmal fast zu sehr zur Parabel, die Gegenüberstellung von Gesellschaft und Taubenschlag arg strapaziert wird. Trotzdem erzählt der Roman ein Stück beklemmender Wirklichkeit und Realität.

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis, dem Adelbert-von-Chamisso-Preis und dem Berliner Literaturpreis geehrt. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin. 

Abbas Khider «Der Erinnerungsfälscher»

Beitragsbild © Peter-Andreas Hassiepen

Abbas Khider «Der Erinnerungsfälscher», Hanser

Eine Irrfahrt durch Minenfelder

Abbas Khider balanciert in seinem Roman «Der Erinnerungsfälscher» zwischen Fakt und Fiktion: Die Hauptfigur flieht aus dem Irak und weigert sich schlicht, sich zu erinnern.

Gastbeitrag von Elodie Kolb
Elodie Kolb studiert vergleichende Literaturwissenschaften im Master an der Uni Basel und arbeitet nebenbei als Redaktorin bei der «bz Basel». 

Was am Schluss des neuen Romans von Abbas Khider bleibt, ist ein grosses Misstrauen: Ein Misstrauen gegenüber allem, was die Hauptfigur in «Der Erinnerungsfälscher» erzählt. Denn der aus dem Irak geflüchtete Said Al-Wahid leidet nicht nur an einer Erinnerungsschwäche, sondern füllt die Lücken mit erfundenen Geschichten auf. 

Said sitzt an einem trüben Sommertag im ICE Richtung Berlin, als er vom nahenden Tod seiner kranken Mutter in Bagdad erfährt. Komm so schnell wie möglich her, drängt sein Bruder am Telefon. Statt also wie geplant zu Frau und Kind zurückzufahren, begibt sich Said auf eine Reise in den Osten. Auf Umwegen – direkte Flüge gibt es seit Ewigkeiten nicht mehr – landet er als einziger Economy-Passagier in Bagdad. 

Abbas Khider «Der Erinnerungsfälscher», Hanser, 2022, 128 Seiten, CHF 28.90, ISBN 978-3-446-27274-3

Eine Irrfahrt ist nicht nur die Reise in seine Heimat, sondern auch jene, die er durch sein Gedächtnis unternimmt. Es ist eine homerische Odyssee, wie mit dem Namen von Saids Sohn, Ilias, subtil angedeutet ist. Die Hinrichtung von Saids Vaters viele Jahre zuvor, die Flucht über Jordanien, Ägypten, Griechenland und schliesslich sein Alltag in Deutschland: Saids Erinnerungsfetzen an sein Leben sind wie Puzzleteile. Er weiss weder, welche wahr und welche erfunden sind, noch lassen sich die Fragmente zu einem Bild zusammensetzen.

Erst als er sich als Schriftsteller versucht und an seinem Gedächtnis scheitert, wird ihm seine Erinnerungsschwäche richtig bewusst. Der anstrengenden Arbeit sich zu erinnern, entgeht Said ganz bewusst: Es gibt Orte im Gedächtnis, die sind wie Minenfelder, sie können einen in Stücke reissen. Viel angenehmer — und besser für das Storytelling — sind erfundene Geschichten. Und doch wird die Konfrontation durch die Reise nach Bagdad und das Wiedersehen mit der Familie unumgänglich. 

Das Unvermögen sich zu erinnern, spiegelt Abbas Khider an einzelnen Stellen mit aneinandergereihten Fragen: Hat Saids Mutter nur gearbeitet und nie Zeit gehabt, mit ihren Kindern zu spielen? Oder hat er die Antwort im Labyrinth seines Gedächtnisses verloren? Was den Roman vorantreibt, ist das Misstrauen gegenüber dem unzuverlässigen Erzähler: Welche der erzählten Geschichten über Saids Flucht sind wahr? Oder hat er diese gar gänzlich erfunden?

Weil er sich nicht erinnert, fehlt Said eine Identität: In Deutschland wird er zum Inländer auf Papier, im vom Krieg versehrten Bagdad spürte er die Fremde mächtiger als in den fernen Ländern. Diese Verzweiflung treibt Abbas Khider in der verkrampften Gewohnheit Saids auf die Spitze, immer seinen Reisepass bei sich zu tragen; auch im Supermarkt um die Ecke. 

Mit «Der Erinnerungsfälscher» bleibt Abbas Khider dem Genre der Migrationsliteratur treu und zeigt auf feinfühlige Art, was Krieg und Flucht mit einem Menschen machen können. Er reflektiert Rassismuserfahrungen in Deutschland subtil, teils ironisch: etwa, wenn Said denkt, er sei die Blumenvase in der NGO, ein bisschen Farbe zwischen den weiss gestrichenen Wänden. 

Sprachlich ist der Text ein Seiltanz zwischen Plattitüden und Pathos, der Khider nur teilweise gelingt: Mitunter rutscht er ab in Floskeln, wenn Said auf der Flucht die Städte wechselt, wie andere ihre Hemden. Oder wird pathetisch, wenn sich im Irak die Minutenzeiger nicht über Ziffern, sondern über Wunden drehen. 

Zwischen Floskeln und detailreichen Beobachtungen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Fakt und Fiktion: Nicht nur die Reise Said Al-Wahids ist eine Irrfahrt, sondern auch der Roman. Eine Odyssee durch ein Leben, die zum Nachdenken über das eigene Erinnerungsvermögen anregt. Und was der Roman hinterlässt, ist die Erkenntnis, dass wir früher oder später alle auf die Minen unseres Lebens treten.

(Dieser Text entstand im Rahmen eines Seminars zur Literaturkritik im Frühjahr 2022 an der Uni Basel, Seminarleitung: Daniel Graf, Literaturkritiker beim Republik Magazin.)

Abbas Khider wurde 1973 in Bagdad geboren. Mit 19 Jahren wurde er wegen seiner politischen Aktivitäten verhaftet. Nach der Entlassung floh er 1996 aus dem Irak und hielt sich in verschiedenen Ländern auf. Seit 2000 lebt er in Deutschland und studierte Literatur und Philosophie in München und Potsdam. 2008 erschien sein Debütroman «Der falsche Inder», es folgten die Romane «Die Orangen des Präsidenten» (2011) und «Brief in die Auberginenrepublik» (2013). Er erhielt verschiedene Auszeichnungen, zuletzt wurde er mit dem Nelly-Sachs-Preis, dem Hilde-Domin-Preis und dem Adelbert-von-Chamisso-Preis geehrt. Ausserdem war er im Jahre 2017 Mainzer Stadtschreiber. Abbas Khider lebt zurzeit in Berlin. Bei Hanser erschienen von ihm «Ohrfeige», «Deutsch für alle» (Das endgültige Lehrbuch), und «Palast der Miserablen».

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Beitragsbild © Peter-Andreas Hassiepen