Ahojana 2 «Ein Meisterwerk» – Eine Postkarte aus Babat von Owida N. Woiax

«Zonz ji gawa dantanjie eni tuen kuluj», quengelt mir eine quietschend hohe Stimme in den Nacken. Ich drehe mich um und blicke in die vergnügten Augen eines stämmigen Herrn, dem eine goldgelb leuchtende Schiffchenmütze wie eine Krone auf dem Haar sitzt. «Waren Sie das?», frage ich. Er schütteln den Kopf, ein unschuldiger Bub, er lächelt, blinzelt, zupft sich den mächtigen Schnauz und zieht mit den Zähnen ein Bratenstück aus dem Sandwich in seiner Linken. «Bezai mi, hihi», kichert es nun. Ich schau dem König direkt ins Gesicht: «Machen Sie sich über mich lustig?»

«Nicht doch, Madame, keineswegs», versichert mir der Mann mit heiserem Bass, kaut schmatzend und deutet auf den ausgestopften Fuchs, der neben ihm auf einem Mäuerchen seine Reißzähnchen fletscht: «Ich glaube, das war er, Djoli Luær, Herr Fuchs.» 

«Und? Was hat er gesagt?»

«Oh, das wollen Sie nicht wissen. Lemusisch? Können Sie nicht?»

«Doch, schon, aber nicht sehr gut – ji dingælo lisi lemusie.»

«Dann habe ich etwas für Sie! Ufpoza!» Er bückt sich, hebt ein zerfleddertes Heft mit speckigem Deckblatt vom Boden auf, schüttelt es kurz und streckt es mir hin. «Pisedj, voilà: ein prachtvolles Vokabular, nicht die neueste Ausgabe, aber vielfach erprobt und geradezu umsonst. Zwei Chnou! Mæit xundj pa vos! Ein Spezialpreis für Sie!»

Viel Schönes habe ich bisher nicht entdeckt auf dem kleinen Flohmarkt im Zentrum von Babat. Dafür aber riecht es auf dem ganzen Platz herrlich nach würzigem Fleisch. Der Duft steigt von einem meterlangen, mit Streifen von Leber, Schwarte und Magen, mit Kräutern, Knoblauch und Zitronen gefüllten Schweinebraten auf, der sich an einem Spieß ganz langsam über einem Kohlefeuer dreht. Seine äußerste Schicht scheint aus goldenem Sirup zu bestehen, der mehr und mehr zu einer lackierten Kruste erstarrt. Eine junge Frau schneidet mit einem gekrümmten Messer Scheiben ab und packt sie zusammen mit roten Zwiebeln in kleine Brötchen. Vor ihrem Stand hat sich eine lange Schlange gebildet. Die Leute unterhalten sich vergnügt, es ist Sonntag, niemand hat es eilig. Der Flohmarkt gilt als das Wochenendvergnügen der Fleischhauerinnen und Kuttelsieder des großen Schlachthauses, das wie eine Burg über den Häusern von Babat thront. Es heißt, dieser Markt sei den Leuten hier, was Menschen andernorts die Kirche. Kuentlek, das lemusische Wort für «Schlachthaus», bedeutet auch «Opferstätte» oder «Heiligtum», wörtlich «Ort des Schlags». Die ganze Gegend heißt so.

Während ich ohne Begeisterung in dem Heft blättere, greift der Mann nach dem Hinterteil seines Fuchses. «Aua! Was bist du nur für ein Grobian!», maunzt das Tier altissimo, «Madame, haben Sie das gesehen? Bitte, seien sie barmherzig und befreien Sie mich aus meinem Elend. Tausend Chnou will der Wüstling für mich haben, aber bei achthundert wird er schwach. Das weiß ich bestimmt. Sie werden es nicht bereuen. Ich bin völlig stubenrein und gut erzogen. Tagsüber hocke ich still am Fenster und schaue auf die Straße hinab. Am Abend lese ich Ihnen Gedichte vor. Und nachts, wenn sie schlafen, tanze ich um ihr Bett und verscheuche die bösen Träume.»

Der König ist wirklich gut, sein Mund bleibt völlig unbewegt, nicht einmal sein Schnauz zittert, und er bringt sogar b, f, w und andere Lippenlaute fließend heraus. Sicher schuftet auch er unter der Woche im Schlachthaus. Ob wohl alle Fleischer von Babat Bauchredner sind? Üben sie bei der Arbeit? Unterhalten sie sich mit den Rindern und Kälbern, während sie die Körper auseinandersäbeln? Sprechen sie mit den Nieren, den Schinken, dem Speck und den Herzen?

«Wie nennt man denn einen Bauchredner auf Lemusisch», frage ich den Fuchs.

«Panoiokak, Madame, warum wollen Sie das wissen?» 

Ich schau auf den Mann, ich schau auf den Fuchs. Der König steht jetzt völlig starr, die Augen geradeaus, die Krone unbewegt. Nur das Brötchen tropft. Herr Luær wackelt leicht hin und her.

«Nun, ich denke, Sie können das wirklich gut», lache ich.

«Danke», fiept der Fuchs, «und schauen sie sich jetzt auch den Herrn mal ganz genau an: Haben wir ihn nicht prächtig ausgestopft? On kracha stizdi! Ein Meisterwerk!»

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Ahojana – das kommt von lemusisch ahoja («Gruß») und heisst so viel wie «Grüßerei» oder «Tätigkeit des Grüßens»

Samuel Herzog «Lemusa – Eine Insel in sieben Bänden», Rezension auf literaturblatt.ch

Ahojana 1

Samuel Herzog, geboren 1966, führte einen unabhängigen Kunstraum mit Küche in Basel, gab verschiedene Mikrozeitschriften heraus, betreute einen Kleinstverlag, erforschte als Ausgrabungstechniker die Bronzezeit und war jahrelang als Begleiter von Liegewagen in Europa unterwegs. Er studierte Kunstgeschichte und war als Kunstkritiker und Redakteur für diverse Medien tätig. Heute bewegt er sich im Grenzbereich von Kunst, Literatur und Journalismus. Er schreibt über seine Reisen, beschäftigt sich mit kulinarischen Themen und widmet sich literarisch-künstlerischen Projekten wie der fiktiven Insel Lemusa, deren facettenreiche Kultur er seit 2001 in Museen, Publikationen und im Internet vorstellt.