David Szalay «Was nicht gesagt werden kann», Claassen

István ist 15, als ihn eine Nachbarin, der er bei den Einkäufen helfen soll, verführt. Eine Plattenbausiedlung am Rande einer ungarischen Stadt. Was ihn überrumpelt und in eine Welt reisst, die er nicht einzuordnen weiss, ist der Beginn eines Lebens, das von Katastrophe zu Katastrophe taumelt. „Was nicht gesagt werden kann“, mit dem David Szalay den Brooker Price 2025 gewann, ist die Geschichte eines Mannes, mit dem bloss geschieht.

Ich war hin- und hergerissen zwischen Abscheu und Faszination. Warum kann dieser Mann sein Leben nicht wirklich in seine Hände nehmen? Warum lässt er alles nur geschehen? Warum nimmt er jene wenigen Geschenke, die ihm das Leben gibt, nicht wirklich entgegen? Warum bleibt er Zuschauer? Erdulder? Warum lässt er sich so sehr instrumentalisieren? Ich lese den Roman von David Szalay eigenartig fasziniert, weil die fast 400 Seiten etwas Unausweichliches haben, das in der Strenge und Konsequenz in einem Roman nur ganz selten ist.

Als Istváns Odysse beginnt, ist er noch ein Junge, seltsam allein und eingeschlossen in sich selbst. Als die Geschichte zu Ende geht, tut sie es lakonisch, so sehr, dass es weh tut. Istváns Geschichte beginnt mit seiner Mutter, die ihn hinausschickt und damit verliert. Und sie endet mit dem Tod seiner Mutter. István ist allein.

David Szalay «Was nicht gesagt werden kann», Claassen, 2025, «Flesh» aus dem Englischen von Henning Ahrens, 384 Seiten, CHF ca. 36.90, ISBN 978-3-546-10150-9

Durch ein tragisches Missgeschick kommt István, noch nicht einmal volljährig, was letztlich auch sein Glück ist, in die Mühlen der Justiz, von dort als ungarischer Soldat in den Irak, wo sein einziger Freund von einer Mine getötet wird und István nach Hause zu seiner Mutter kommt. Was im Krieg geschah, nimmt István mit, akzeptiert, dass man seine Verwundung posttraumatisch nennt, wird dank seiner militärischen Ausbildung zum Bodygard eines reichen Paars in England. Seine Hauptaufgabe; er chauffiert sie und ihn im Bentley wohin man ihn heisst, zwei Reiche, beide in ihrer Welt. Helen, die Frau seines Auftraggebers, macht ihn zu ihrem Liebhaber. Eine Beziehung, die Helens Sohn Thomas nicht verborgen bleibt.

Was für István zu Beginn auch in Sachen Sex Dienstleistung ist, wird über die Jahre eine Beziehung. Eine Beziehung, von der István genau weiss, dass sie nicht zu seinem Leben werden darf. Nicht nur weil Helen verheiratet ist. Nicht nur weil sein Chef, Helens Mann, an Krebs erkrankt. Und auch nicht weil er ahnt, dass ihm der Sohn der beiden immer mehr eine Rolle zuweist, die er nicht einnehmen will. Die Situation spitzt sich zu. Noch eine Katastrophe. Was sich als Zusammenfassung trivial liest, ist das Drehbuch eines Lebens, das wie ein Golfball von Loch zu Loch gestossen und geschlagen wird. Ein Leben, das nie zur Ruhe kommt.

István stellt sich selbst und dem Leben, seinem Leben, keine Fragen. Er erduldet. Und die flüchtige Seligkeit, die ihm das bisschen Glück in die Hände gibt, zerrinnt. Selbst als István Vater wird. Im Original heisst der Roman „Flesh“. Vielleicht hätte eine wörtliche Übersetzung dem Roman auch im Deutsch jene Note gegeben, die einem bei der Lektüre ein Frösteln über den Rücken zieht. David Szalay erzählt in genau dieser frostigen Distanz. Ein Roman wie ein kalter, dunkler Stein. Ein literarischer Monolith!

Aus der Begründung der Jury zur Nominierung für den Booker Prize 2025: István steht in vielerlei Hinsicht für das Stereotyp des Maskulinen – körperbetont, impulsiv, von den eigenen Gefühlen entfremdet (und in grossen Teilen des Romans sprachlos: Er zählt wohl zu den wortkargsten Figuren der Literatur). Dennoch zeichnet dieses hypnotisierende, fesselnde Buch mit seiner bewusst reduzierten Prosa das überaus bewegende Lebensporträt eines Menschen.

David Szalay, 1974 in Montreal, Kanada, geboren, wuchs in London auf und lebt in Wien. Mit «Was ein Mann ist», seinem vierten Roman, kam er 2016 auf die Shortlist des Man-Booker-Preises. Sein Werk wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Ebenfalls auf Deutsch erschienen ist sein Roman «Turbulenzen». 

Henning Ahrens, geb. 1964, lebt in Frankfurt a. M. Veröffentlicht als Autor Lyrik und Prosa; zuletzt erschien sein Roman «Mitgift» (S. Fischer Verlag). Er übersetzte Lyrik, Kinder- und Jugendbücher sowie zahlreiche Romane aus dem Englischen, darunter solche von Saul Bellow, Jonathan Safran Foer, Richard Powers und Hanif Kureishi.

Beitragsbild © Martin Figura